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Schweizer Theatertreffen

18.-22. MAI 2022 / CHUR UND LIECHTENSTEIN

Es wird wieder gespielt! Dieses Jahr kann das Schweizer Theatertreffen vom 18. bis 22. Mai 2022 endlich in Chur und Liechtenstein stattfinden, nachdem es 2020 hier Pandemie bedingt abgesagt werden musste. Zum ersten Mal in seiner Geschichte wird es grenzüberschreitend durchgeführt werden. Fünf Tage lang werden die Örtlichkeiten des TAK Theater Liechtenstein, des Theater Chur und der Postremise Chur zum Zentrum des Schweizer Theaterschaffens. Mit seiner Werkschau aus Produktionen aus allen Sprachregionen macht das Festival die künstlerische, sprachliche und kulturelle Vielfalt der helvetischen Theaterszene sichtbar. Darüber hinaus bietet es eine Plattform für Publikum, Fachleute und Künstler:innen, sich über alle sprachlichen Grenzen hinweg zu begegnen und auszutauschen.

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Schweizer Theatertreffen
CH-3000 Bern

E-Mail: info@schweizertheatertreffen.ch

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Digital

Lingua madre. Capsule per il futuro.

Digitales Projekt

Analisi Logica – Riccardo Favaro (Text), Fabio Condemi (Regie)
Other Lands – a cura di Paola Tripoli

«Wir stellen uns jetzt schon eine Welt vor, in der unsere Körper nicht mehr existieren. Der Computer wird unser Gedächtnis sein. Wir fühlen uns als Zeugen eines Endes: Wir halten es für notwendig, dass Theater und Technik im Dialog bleiben, damit die Rituale des Untergangs für die Möglichkeit einer Auferstehung analysiertworden sind.»

Unsere Welt wie wir sie kannten, ist in der Corona-Krise auseinandergebrochen und das Theater wurde ausgerechnet in dem Moment, in dem wir es mehr denn je brauchten, zum Schweigen verurteilt. Dieser unselige Zusammenhang von Krankheit und Öffentlichkeit/Versammlung war eine der schmerzhaftesten Erfahrungen für alle, die für und durch das Theater leben. Irgendwo tief drinnen fürchteten wir Theaterschaffenden, die Gesellschaft im entscheidendsten Moment im Stich zu lassen. Mit einer gewissen Verzögerung orientierte man sich um. Viele Häuser oder Compagnien, die sich zunächst dagegen gewehrt hatten, setzten schliesslich auf digitale Übertragung, Streaming und Senden von zuhause aus. Manchmal führte dies zu überraschend unterhaltsamen Ergebnissen.

Das LAC Lugano Arte e Cultura wollte sich diesem Diktat nicht unterordnen. Trotzdem musste sich auch diese junge Theaterinstitution die Frage stellen, wie sie diese «tote Zeit» verantwortungsvoll nutzen konnte. Das Digitale als valablen Ersatz für das Live-Ereignis zu betrachten, weigerte sie sich. Die intellektuellen und künstlerischen Kräfte der von der Bühne verbannten Künstler:innen sollten anders genutzt werden. Carmelo Rifici, Direktor des LAC, und Paola Tripoli, künstlerische Leiterin des internationalen FIT Festivals in Lugano, riefen deshalb unter dem Namen «Lingua Madre» eine Art HUB der LAC-Künstler ins Leben: Es sollte gemeinsam gedacht und kreiert werden – mit Hilfe der Technik, für die Technik und nicht in deren Dienste: «Ein Pakt mit der Technik muss ein Pakt des Wissens und nicht des Konsums sein», formulierten sie. So entstand das mehrteilige digitale Projekt «Lingua Madre. Capsule per il futuro.» – eine Art künstlerisches Rhizom mit unterschiedlichsten Ausdrucksformen und versteckten Zusammenhängen, jedoch ohne lineare oder endliche Struktur. Das Projekt setzt sich aus textlichen Reflexionen, Filmen, Audiobeiträgen, Vorträgen und Bildern sowie im Prozess entstandenem Material zusammen.

Aus diesem wunderbaren, noch immer wachsenden Konstrukt, das die nun wieder live stattfindenden Vorstellungen wie digitale Variationen umfasst, zeigen wir im Rahmen des Schweizer Theatertreffens zwei Projekte: Den Film «Analisi Logica» von Riccardo Favaro (Text) und Fabio Condemi (Regie) sowie das mehrteilige Projekt «Other Lands», kuratiert von Paola Tripoli. Es beruht auf dem Prinzip, diejenigen zu Wort kommen zu lassen, die zum Schweigen gebracht wurden.

Erkunden Sie die verschiedenen Schichten von «Other Lands», die Sie nach Südafrika, Ägypten/Palästina und Polen führen. Je nach Land stehen in der digitalen Installation interaktive Landkarten mit Audiobeiträgen, vertiefendem Textmaterial sowie Kurzfilme zur Verfügung. Der poetische Reflexionsraum des Films «Analisi Logica» beschäftigt sich vordergründig mit Sprachanalyse, doch wie in einem Traum, darf man sich für einen Moment ganz verlieren.

(Julie Paucker, künstlerische Leiterin)

Nach einer Idee von: Carmelo Rifici, Paola Tripoli
Redaktionsausschuss: Lorenzo Conti, Angela Dematté, Riccardo Favaro, Francesca Sangalli
Verantwortliche Redaktion: Silvia Pacciarini
Chef Rechercheprojekt: Isabella Lenzo Massei
Koordination und Produktion: Maria Fico, Massimo Monaci
Produktion Video: Associazione REC, Adriano Schrade (REC), Olmo Cerri (REC), Igor Samperi (LAC), Anna Domenigoni (LAC)
Inhalte Foto/Video: Anna Domenigoni (LAC), Irene Masdonati (LAC)
Technische Leitung: Pierfranco Sofia
Produktion: LAC Lugano Arte e Cultura

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Schauspiel

Danse Macabre

Martin Zimmermann

Martin Zimmermann muss man in der Schweiz eigentlich nicht vorstellen. Er ist Träger des «Schweizer Grand Prix Darstellende Künste / Hans-Reinhart-Ring 2021», der vom Bundesamt für Kultur (BAK) als Hauptpreis der Schweizer Preise Darstellende Künste vergeben wird. Mit seinen akrobatisch-poetisch-tragischkomischen Kreationen ist der Künstler seit Jahren erfolgreich im In-und Ausland unterwegs. «DanseMacabre» ist ein international besetztes Ensemblestück um Zimmermanns Alter-Ego-Figur Mr. Skeleton. Mr. Skeleton ist grimmig, schadenfreudig und elegant wie ein Schnitter. Und der heisst«Tod».

In der Produktion geht es um die Ränder der Gesellschaft. Um das, was explizit oder implizit von denen, die sich im Zentrum glauben, als «Abfall» bezeichnet wird: Das Übriggebliebene, das Weggeworfene, die Reste; Gegenstände, Tiere, Menschen. Die Bühne ist eine riesige Müllhalde. Zwar wird hier regelmässig gewischt, jedoch ohne sichtbaren Erfolg. Denn unsere Gesellschaft stösst lieber aus, als dass sie aufnimmt. Bewohnt wird dieser Unort von Menschen, die ein verzweifeltes Dasein fristen. Mal fröhlicher, mal erbärmlicher – und zwischen ihnen, ganz selbstverständlich, haust der Tod.

«DanseMacabre» ist ein bewegtes Gemälde unserer Zeit: ein Totentanz auf einer Müllhalde. Ein kritisches, kluges, abgründiges und gleichzeitig hoch unterhaltsames Stück. Akrobatisch ist der Abend von einer Schnelligkeit und Virtuosität, dass man wie im Zirkus «Ah!»und «Oh!» rufen möchte. Alle fliegen durch die Luft, als hätte der Tod sich ein Stelldichein mit der Schwerkraft gegeben. Bei Martin Zimmermann ist das Tragikomische zuhause. Diese wunderbare Form des Theaters und der Poesie, zu der wir besonders im deutschsprachigen Raum so wenig Zugang haben. Er ist – wie sein Mr. Skeleton – mit seiner Kunst irgendwo in einem Zwischenreich zu Hause, das mehr über das Leben weiss als der helllichte Tag.

The Adventures of Mr. Skeleton – Martin Zimmermann / Augustin Rebetez
Mini – Geisterbahn: eine Installation mit 12 Kurzfilmen


Diese schwungvolle Eröffnungsveranstaltung steht programmatisch am Anfang einer Ausgabe des Schweizer Theatertreffen, die sich den Theaterformen «dazwischen» widmet. Neben dem Bühnenstück laden wir einen weiteren Act Martin Zimmermanns ein: Den Kubus des Mr. Skeleton. Oder auch: die Mini-Geisterbahn des Mr. Skeleton. Dieser kann während des ganzen Festivals besucht werden. Zu sehen gibt es zehn politisch-satirische Kurzfilme, die Martin Zimmermann mit Augustin Rebetez gedreht hat. Sämtliche Figuren, die Guten wie die Bösen, werden von Zimmermann selbst verkörpert. Ausgerechnet Mr. Skeleton führt darin vor, wie man die Welt wieder ins Lot bringen könnte: Nämlich indem man für einmal jene übers Ohr haut, die gewöhnlich am längeren Hebel sitzen.

Auch hier gilt: falls Sie schlecht gelaunt hineingehen, kommen Sie auf jeden Fall gut gelaunt heraus. Mit einem feinen Zähneklappern im Ohr, das Sie noch ein paar Tage begleiten wird.

Des Weiteren freuen wir uns, die Vernissage des von der Schweizerischen Gesellschaft für Theaterkultur (SGTK) herausgegebenen MIMOS-Bandesüber Martin Zimmermann und sein Werk im Rahmen des Schweizer Theatertreffen auszurichten.

(Julie Paucker, künstlerische Leiterin)

Konzept, Regie, Choreografie: Martin Zimmermann
Kreiert mit und interpretiert von: Tarek Halaby, Dimitri Jourde, Methinee Wongtrakoon, Martin Zimmermann
Kreation Musik: Colin Vallon
Dramaturgie: Sabine Geistlich
Bühnenbild: Simeon Meier, Martin Zimmermann
Künstlerische Mitarbeit: Romain Guion
Technische Konzeption Bühnenbild: Ingo Groher
Kostüme: Susanne Boner, Martin Zimmermann
Lichtdesign: Sarah Büchel
Tondesign: Andy Neresheimer
Bühnenmeister: Roger Studer
Administration, Vertrieb: Alain Vuignier
Kommunikation: Manuela Schlumpf

Produktion: MZ Atelier
Koproduktion: Kaserne Basel, Kurtheater Baden, Le Volcan, scène nationale du Havre, Les Théâtres de la Ville de Luxembourg, L’Odyssée — Périgueux, maisondelaculture de Bourges / scène nationale, Opéra Dijon, Theater- und Musikgesellschaft Zug, Théâtre de Carouge, Veranstalterfonds von Reso – Tanznetzwerk Schweiz – unterstützt durch Pro Helvetia, Schweizer Kulturstiftung, Zürcher Theater Spektakel

Länge 1h30

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Schauspiel

Music all

Marco Berrettini, Jonathan Capdevielle, Jérôme Marin

In diesem Stück treffen drei Urgesteine aufeinander – so verschieden wie der Sommer vom Herbst und dieser vom Winter. Oder so verschieden wie das Theater vom Kabarett und dieses vom Tanz. Der Italiener Marco Berrettini ist Tänzer und Choreograf. Er arbeitet mit grossem Erfolg mit seiner Genfer Compagnie in der Schweiz und in ganz Europa. Jonathan Capdevielle ist vieles: Regisseur, Schauspieler, Tänzer, Puppenspieler, Sänger und Bauchredner. Er performt in fast allen Produktionen von Giselle Vienne und macht eigene Projekte, die sich als autobiografische Spurensuche beschreiben lassen. Er lebt in Paris. Jérôme Marin, ebenfalls in Frankreich geboren, hat sich ganz dem Kabarett verschrieben. Seine Figur des Monsieur K. taucht in verschiedenen Formationen und Stücken sowie in Solo-Abenden auf.

Was die drei in diesem kollektiven Joint Venture suchen, ist nichts weniger als die menschliche Zerbrechlichkeit. Sie suchen sie, indem sie sich einander, der Bühne und ihrem Publikum völlig aussetzen. Es scheint mehr um eine Erfahrung als um eine Darstellung zu gehen. «Music all»will eine Art «Flip» sein, das ist nach dem Autor Jeffrey J. Kripal ein Moment im Leben eines Menschen, wo sich alles auf den Kopf stellt und er eine vollkommene Umwandlung der Perspektive erfährt.

Was die drei Künstler – abgesehen von einer ähnlichen Humorlage – verbindet, ist eine Liebe zu dem, was die Music Hall darstelltund was sie beherbergt: Die Nummern, die Artistik, die Pailletten, den Glamour, die Magie der Technik und der Verwandlung, die Travestie. Aber auch das Wissen um die Erbärmlichkeit unter der Schminke und um das schale Gefühl, das sich einstellen kann, wenn der Vorhang fällt.

Die Szenerie von «Music all», eine Art verlassenes Autobahnstück mit Spielplatz, ist für die Künstler die Kehrseite der perfekten Showbühne. Die, wenn sie zu lange an ihren Stars festhält, plötzlich die Monstrosität und die Hinfälligkeit des Showbusiness entblösst. Die nummernartig mäandernde Show mit einem Live-Musiker, der nicht weiss, ob er da sein will, und einem Stuntman, der seine Pirouetten im Schatten dreht, scheint sich nichts vorgenommen zu haben. Ausser sich keine Grenzen zu setzen. Nicht in der Blödelei, nicht in der Lächerlichkeit, nicht in der Ratlosigkeit. Auch der Rhythmus macht im Grunde, was er will. Ist das noch Unterhaltung? Ist das noch Music Hall oder Musik-Allerlei?

Es ist vor allem sehr schräg und bisweilen aberwitzig. Dieser Abend liegt irgendwie quer und entzieht sich im Grunde der Beschreibung. Man muss ihn gesehen haben, um zu begreifen, warum bestimmte Bilder einem nicht mehr aus dem Kopf gehen. Warum dies ein Stück ist, das irgendwo in der äusseren Hirnrinde, irgendwo im Magen und irgendwo im Herzen kleine Spuren hinterlässt. Vielleicht die Ahnung eines Flips …

(Julie Paucker, künstlerische Leiterin)

Konzept und Regie: Marco Berrettini, Jonathan Capdevielle, Jérôme Marin
Mit : Marco Berrettini, Jonathan Capdevielle, Jérôme Marin
Live Musik: Théo Harfoush
Cascadeur: Franck Saurel
Assistenz: Louis Bonard
Bühne und Licht: Bruno Faucher
Dekor: Daniel Martin
Kostüme: Colombe Lauriot Prévost
Ton: Vanessa Court
Bühnentechnik: Jérôme Masson

Produktion: Association Poppydog (FR) & *Melk Prod. (CH)
Koproduktion: ADC - Pavillon – Genève (CH) Arsenic – Lausanne (CH) Festival dAutomne à Paris (FR) CCN2- Centre chorégraphique national de Grenoble Le Manège – Scène nationale de Reims (FR) T2G Théâtre de Gennevilliers - Centre Dramatique National (FR) Théâtre des 13 vents centre dramatique national de Montpellier (FR) Théâtre de Lorient - centre dramatique national (FR) Centre Dramatique National dOrléans (FR) La rose des vents – scène nationale Lille Métropole – Villeneuve dAscq (FR)

Auf französisch, Übertitel deutsch

Länge 2h

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Schauspiel

Giselle...

nach Théophile Gautier et Henri de Saint-Georges
Regie: François Gremaud

Zuerst wirkt es wie eine Lecture Performance: Eine Frau allein auf weisser Fläche, sie stellt sich vor und gibt charmant-wortgewandt einen Überblick über das, was sie vorhat: Sie will über das Meisterwerk des romantischen Balletts schlechthin, über «Giselle», sprechen. Aber da sind die vier Musikerinnen im Hintergrund: Harfe, Geige, Querflöte und ein Saxophon. Und dort glitzern die Strasssteinchen im Pullover der Darstellerin – kleine Versprechen von Glamour.

Was dann passiert, ist erstaunlich: Man schaut auf die weisse, leer bleibende Fläche und sieht dennoch das ganze romantische Ballett sich entfalten: Skizziert, angetanzt und anmusiziert folgt eine Szene auf die andere. Die Fantasie der Zuschauenden, getriggert von einer grossartigen Performerin und kleinen Fetzen romantischer Musik, vervollständigt den Entwurf zum Bild. Das ist ein sehr kollektives Ereignis, eine Liebeserklärung ans Theater und es ist, nach dieser langen Zeit, die wir mehr auf Sofas als in Zuschauerräumen sassen, unglaublich befreiend.

Dieser Abend unter der Regie von François Gremaud lebt mit und durch Samantha van Wissen: Als Tänzerin der Compagnie Rosas von Anne Teresa De Keersmaeker ist sie keine gewöhnliche Erzählerin. Sie besticht mit ungewöhnlich komödiantischem Talent, ihr Humor ist fein und durchgehend herzlich, nie despektierlich. Der Lausanner Regisseur hat ihr seine «Giselle…» wahrhaft auf den Leib geschrieben. In seiner Version des Klassikers gelingt ihm ein ironischer Blick auf die Welt des Balletts bei völliger Hingabe an die Eleganz des Originals. Dass das beides und oft gleichzeitig geht, ist der wirklich verblüffende Clou dieses Abends. Man lacht über vieles, was heute an einem romantischen Ballett gelinde gesagt nicht mehr ganz zeitgemäss ist: über die bürgerliche Konvention des Klatschens, über den doch ziemlich machohaften Griff des Protagonisten nach der Protagonistin, über die extrem engen Hosen der Tänzer und die winzigen Flügelchen auf dem Rücken der Tänzerinnen. Und doch wünscht man sich wie ein Kind, dass die Musik nicht aufhört, Giselle nicht stirbt und ihre Liebe nie enttäuscht wird.

«Giselle…» ist der zweite Teil einer Werktrilogie von François Gremaud in Zusammenarbeit mit dem Théâtre Vidy-Lausanne. Diese widmet er drei grossen, tragischen Frauenfiguren, mit jeweils nur einem Darsteller oder einer Darstellerin auf der Bühne. In „Phèdre!“ (2017), das 2019 am Schweizer Theatertreffen gezeigt wurde, beschäftigte er sich mit dem klassischsten aller französischen Stücke und besetzte es mit dem Schauspieler Romain Daroles. Dieser hat die Rolle in mittlerweile über 300 Vorstellungen in Frankreich und der Schweiz gespielt. Nach «Giselle…» ist mit «Carmen» nun auch der dritte Teil in Vorbereitung: auf Sprechtheater und Ballett folgt Oper. Gemeinsam mit der Sängerin Rosemary Standley wird der Regisseur „Carmen“ von Georges Bizet interpretieren. Für sein Schaffen hat François Gremaud den Schweizer Theaterpreis 2019 erhalten.

Julie Paucker (künstlerische Leiterin)

Konzept und Regie: François Gremaud
Mit: Samantha van Wissen
Musik: Luca Antignani, d’après Adolphe Adam
Musiker:innen (abwechselnd):
Violine : Léa Al-Saghir, Anastasia Lindeberg
Harfe: Tjasha Gabner, Valerio Lisci
Flöte: Héléna Macherel, Sara Antikainen
Saxophon: Sara Zazo Romero, Bera Romarone
Text: François Gremaud, d’après Téophile Gautier et Jules-Henri Vernoy de Saint-Georges
Choreographie: Samantha van Wissen, d’après Jean Coralli et Julies Perrot
Assistenz: Wanda Bernasconi
Ton (abwechselnd): Bart Aga, Raphaël Raccuia, Matthieu Obrist
Technische Leitung und Licht (abwechselnd): Stéphane Gattoni – Zinzoline, Johan Rochat
Administration, Produktion, Diffusion: Noémie Doutreleau, Michaël Monney

Produktion: 2b company
Koproduktion: Théâtre de Vidy-Lausanne (CH), Théâtre Saint-Gervais Genève (CH), Bonlieu Scène Nationale Annecy (FR), Malraux Scène Nationale Chambéry Savoie (FR), dans le cadre du projet PEPS – Plateforme Européenne de Production Scénique, Théâtre de la Ville – Paris/Festival d’Automne à Paris

Deutsche Übertitel: Sophie Müller

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Schauspiel

Dr Churz, dr Schlungg und dr Böös

Johanna Heusser

Zwei Männer in einer Arena, das Publikum rund herum. Spannung, Konzentration und Kampfbereitschaft, aber keine Feindseligkeit. Es wird geübt, Männer bei der Arbeit. Wir schauen zu, riechen den Schweiss, lauschen dem Ächzen, bekommen Durst und fragen uns, wo der Ernst anfängt, und wo der Spass aufhört. Freundschaft, Fairness und Loyalität, Schwanzvergleich und Aggression, gepaart mit Bewunderung und Verletzlichkeit. Die manchmal zu grosse Nähe in der Umschlingung löst Unbehagen und Peinlichkeit aus. Oder eröffnet sich an dieser Stelle einfach die Möglichkeit einer anderen Art der Beziehung und Körperlichkeit?

Ein Stück wie gemacht fürs Schweizer Theatertreffen: Weil es einen urschweizerischen Brauch – um nicht zu sagen Nationalsport – behandelt, aber doch ganz Theater ist. Der Hoselupf als Pas de deux, darauf muss man erstmal kommen. Überhaupt geht Theater im Moment gerne über seine Grenzen hinaus: über die zwischen Sprech-, Bewegungs- und Tanztheater einerseits und über die der sprachlich-textlichen Genres andererseits. Das Dokumentarische verschmilzt mit dem Fiktionalen und der klassische Text mit aktueller, bisweilen spontan wirkender Sprache.

Das gilt auch für die Arbeit der jungen Basler Tänzerin und Choreografin Johanna Heusser, deren Arbeiten sich an der Schnittstelle von Tanz und Theater bewegen. Mit diesem Abend nähert sie sich einem Feld an, dem sie erst einmal fremd und skeptisch gegenüberstand. Einer Sportart, die extrem maskulin-patriarchale Bewegungsabläufe feiert, dazu noch patriotisch. Obwohl dies alles herzlich wenig mit der Weltsicht und dem Rollenverständnis der Künstlerin zu tun hat, scheint hier eine Annäherung stattgefunden zu haben. Denn was man an dem Abend zu sehen bekommt, macht ziemlich viel Spass und ist mehr als blosse Kritik.

Als Zuschauer:in denkt man sich vieles in das ringende und schwingende Paar hinein. Sicher haben sich die Beziehungsarten zwischen Männern seit der Erfindung des Hoselupfs verändert, möglicherweise sogar befreit. Oder ist es vielleicht so – und hier wird man zumindest als Laie in Sachen Swiss Wrestling zunehmend verunsichert –, dass in der Anlage dieser merkwürdigsten aller Sportarten schon «das Andere» mit drinsteckt?

Was an all dem neben dem Universellen eigentlich das Schweizerische ist, dürfen Sie selbst entdecken und nach der Vorstellung mit den Performer:innen diskutieren. Und wer am Ende dieses Tanztheaters – oder ist es doch eine Sportveranstaltung? – kein Sägemehl an der Hose oder am Rocksaum hat, hat definitiv etwas falsch gemacht.

(Julie Paucker, künstlerische Leitung)

Konzept und Choreographie: Johanna Sofia Heusser
Performer: Dennis Freischlad, David Speiser
Dramaturgie: Fiona Schreier
Dramaturgische Begleitung: Katharina Germo
Bühne, Licht und Ton: Marc Vilanova
Licht und Video: Robert Meyer
Kostüm: Diana Ammann
Oeil Exterieur: Selina Beghetto, Stephan Stock
Coaching Schwingen: Stefan Aebi
Produktionsleitung: Catalina Schriber
Mentorat: Regine Schaub Fritschi
Kulturhistoriker: Linus Schöpfer
Produktion: Verein Landholz

Koproduktion: ROXY Birsfelden, Hochschule der Künste Bern - HKB PREMIO – Nachwuchspreis für Theater und Tanz - Halbfinalistin 2021

Länge 1h05

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Schauspiel

Swinger

Manfred Ferrari

«So hab’ ich dich zuvor nie gesehen … meine Brillengläser haben sich beschlagen – ungelogen.» Wenn eine so prosaische, aus dem Leben gegriffene Liebeserklärung eines Ehemannes an seine Frau im Publikum nicht nur Gelächter, sondern auch tiefe Rührung auslöst, dann hat es das dokumentarische Theater irgendwie geschafft. Dann springt einen die grosse Tragödie der Liebe, in all ihrer Lächerlichkeit, plötzlich aus dem Alltag an.

Es mag sein, dass das Phänomen der Swinger unserer herkömmlichen Vorstellung von Romantik und Treue diametral entgegensteht. Es mag auch sein, dass viele von uns Sexualität als den extremsten Bereich des Privaten und Intimen überhaupt ansehen: Schlafzimmertüre zu und nur wir zwei. Und es mag auch sein, dass einige von uns wirklich monogam sind. Wenn auch – so viel kann als Konsens betrachtet werden –, es sind weniger als es behaupten. Schätzungen zufolge jedenfalls leben rund eine Million Menschen europaweit ihre Sexualität mit verschiedenen Partner:innen gleichzeitig aus. Der Regisseur und Ko-Leiter der Postremise Chur Manfred Ferrari hat mit seinem Ensemble aus Spieler:innen, Tänzer:innen und Musiker:innen Swingerpaare aus der Schweiz und den umliegenden Ländern interviewt. Aus einer riesigen Materialfülle ist ein Stück entstanden, das vom prallen Leben zeugt, das ganz Gesprächsdokumentation aber auch ganz Theater ist. Musik, Glitzervorhang und Gesang, in Kombination mit doch sehr gewagten Kostümen, geben der Dokumentation den nötigen fiktionalen Drall, der sie zum szenischen Geschehen macht.

Das Befremden, das man bei gewissen Aussagen und detaillierten Beschreibungen der Erlebnisse im Swingerclub empfindet, führt erstaunlicherweise nicht dazu, dass man sich von den zitierten Personen distanziert. Viel mehr sucht man in ihren Aussagen nach einer Wahrheit über Liebe und Sexualität, über Glück und über Freiheit, die einem bisher vielleicht noch entgangen sein könnte. Denn nichts wollen wir lieber wissen, als wie das wirklich geht mit der Liebe und nichts entzieht sich konsequenter dieser letzten Erkenntnis. Die Offenheit und Schamfreiheit, die uns von den porträtierten Paaren manchmal geradezu platt entgegenkommt, ist für viele mindestens eines: etwas Neues. Und vom Neuen scheint ja auch die Swinger-Szene zu leben. Oder sagen wir es so, bei aller Unterschiedlichkeit der Herangehensweisen: Love is love.

Es freut uns besonders, dass ausgerechnet die Produktion der Postremise Chur, eines unserer diesjährigen Partnertheater, es aufgrund dieses bemerkenswerten Umgangs mit dokumentarischem Material in die SÉLECTIONdes Schweizer Theatertreffens geschafft hat!

(Julie Paucker, künstlerische Leiterin)

Regie: Manfred Ferrari
Assistenz: Iris Peng
Mit: Ivo Bärtsch, Miriam Japp, Riikka Läser, Nikolaus Schmid
Musik: Daniel Sailer, Marco Schädler
Kostüme: Florian Holdener
Licht: Roger Stieger

Produktion: «ressort k», in Zusammenarbeit mit der Postremise Chur

Auf deutsch, Übertitel französisch

Länge 1h10

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Schauspiel

Metamorphosen

nach Ovid
Regie: Antú Romero Nunes

Was für ein fulminanter Start der neuen Compagnie des Theater Basel mit ihrem Regisseur und Co-Schauspieldirektor Antú Romero Nunes! Mit «Metamorphosen» tritt das neue Ensemble mit einem grossen, für das Theater jedoch ungewöhnlichen Stoff an und verlässt sich vor allem auf eines: auf die Kraft des Spiels.

Mit einer unglaublichen Improvisationsfreude stürzen sich die Darsteller:innen in die Intrigen und Dramen der griechischen Mythologie und hangeln sich – mit Interpretations- und Textfreiheit versteht sich – an den Erzählungen Ovids entlang. Diese enthalten ja in nuce bereits die grössten Dramen und Melodramen der Literaturgeschichte. Denn die griechischen Götter und Göttinnen sind so fehlbar, wie wir: eitel, neidisch, rachsüchtig und lächerlich, aber auch fähig zu lieben sowie Mitgefühl und Solidarität zu zeigen. Auch wenn sie ihre Geschichten in goldenen Tunikas erzählen, so sind es doch unsere Geschichten und Dramen. Die grossen wie die kleinen, damals wie heute.

Dieser Compagnie scheint kein Blödsinn zu blöd, kein Tiefsinn zu tief – kein spielerisches Mittel und kein Genre zu fern. Was fast brechtisch in einem Stuhlkreis beginnt, endet im realistischen Kammerspiel. Dazwischen poppt die Soap neben allem Pathos der griechischen Tragödie auf, es findet ein Popkonzert statt, der Slapstick treibt seine Blüten, und der hysterische Anfall wird in Versen kultiviert – konterkariert mit einem griechischen Chor und Live-Musik.

Mit einem neu zusammengekommenen Ensemble ein so ausuferndes Eröffnungsstück zur zu wagen, ist bemerkenswert. Es folgt keinem klaren Theatertext, nimmt sich Zeit, und wie ein Jazz-Abend enthält es zwar virtuos ausbrechende Soli, in erster Linie funktioniert es aber als Band-Stück. Dass die Pandemie diesem fulminanten Auftakt gleich wieder den Wind aus den Segeln genommen hat, war bedauerlich. Aber nun spielen sie zum Glück ja wieder – und so feiern wir diese Eröffnung etwas verspätet, aber nicht weniger feierlich, nun auch im Rahmen des Schweizer Theatertreffen nach.

(Julie Paucker, künstlerische Leiterin)

Regie: Antú Romero Nunes
Text: Nach Ovid, unter Verwendung der Übersetzung von Michael von Albrecht
Mit: Paula Beer / Gala Othero Witer, Barbara Colcerlu, Jonas Dassler, Vera Flück, Nairi Hadodo, Anne Haug, Michael Klammer, Marie Löcker, Annika Meier, Sven Schelker / Jan Bluthardt, Aenne Schwarz
Liveband:
Tasten – Anna Bauer
Drums – Caroline Bigge / Michael Anklin
Bass – Flo Götte
Cello – Ambrosius Huber
Trompete – Anita Wälti
Bühne: Matthias Koch
Kostüme: Victoria Behr
Musik: Anna Bauer, Johannes Hofmann
Lichtdesign: Cornelius Hunziker
Dramaturgie: Kris Merken
Ton: Ralf Holtmann, Christof Stürchler
Regieassistenz: Louisa Raspé
Bühnenbildassistenz: Daniel Felgendreher
Kostümassistenz: Julia Brüllsauer

Produktion: Theater Basel

Auf deutsch, Übertitel französisch

Länge 3h40

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Schweizer Theatertreffen

18.-22. MAI 2022 / CHUR UND LIECHTENSTEIN

Es wird wieder gespielt! Dieses Jahr kann das Schweizer Theatertreffen vom 18. bis 22. Mai 2022 endlich in Chur und Liechtenstein stattfinden, nachdem es 2020 hier Pandemie bedingt abgesagt werden musste. Zum ersten Mal in seiner Geschichte wird es grenzüberschreitend durchgeführt werden. Fünf Tage lang werden die Örtlichkeiten des TAK Theater Liechtenstein, des Theater Chur und der Postremise Chur zum Zentrum des Schweizer Theaterschaffens. Mit seiner Werkschau aus Produktionen aus allen Sprachregionen macht das Festival die künstlerische, sprachliche und kulturelle Vielfalt der helvetischen Theaterszene sichtbar. Darüber hinaus bietet es eine Plattform für Publikum, Fachleute und Künstler:innen, sich über alle sprachlichen Grenzen hinweg zu begegnen und auszutauschen.

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Bewertungen & Berichte Schweizer Theatertreffen

Ereignisse / Freiluft/Open-Air SommerTheater Konstanz 28.6. bis 23.7.2022
Ereignisse / Festival Höri Musiktage Bodensee 5. bis 14.8.2022
Ereignisse / Festival Festival vielsaitig Füssen 31.8. bis 10.9.2022
Ereignisse / Festival Klangspuren Schwaz Tirol 8. bis 25.9.2022
Ereignisse / Festival Oberstdorfer Musiksommer Oberstdorf, Bahnhofplatz 3
Ereignisse / Festival Festival Kammermusik Bodensee Ermatingen, Blauortstrasse 10
Ereignisse / Festival Bregenzer Frühling Tanzfestival Bregenz, Bergmannstr. 6
Ereignisse / Theater Zeller Kultur Radolfzell TheaterKulturZentrum Radolfzell, Fürstenbergstr. 7a
Ereignisse / Konzert Schubertiade Schwarzenberg/Hohenems Hohenems, Schweizer Straße 1 | Postfach 100
Ereignisse / Festspiele Bregenzer Festspiele Bregenz, Platz d. Wiener Symphoniker 1
Ereignisse / Konzert Internationale Wolfegger Konzerte Wolfegg, Chorherrengasse 3
Ereignisse / Festival Appenzeller Bachtage St.Gallen, Museumstrasse 1
Ereignisse / Festival Musica Sacra International Marktoberdorf, Gschwenderstraße 8
Ereignisse / Festival Fürstensaal Classix Kempten (Allgäu), Theaterstraße 4
Ereignisse / Theater Langenargener Festspiele Langenargen, Mühlstrasse 17

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