DEUTSCHES SCHAUSPIELHAUS IN HAMBURG

Spielzeit 2009/10

Robert Guiskard

von Heinrich von Kleist

Premiere: 02.09.10, 20.00 Uhr, Schauspielhaus

Eine Koproduktion mit den Ruhrfestspielen Recklinghausen 2010

»Mein verehrungswürdigster Freund, lieber, gnädiger Herr Wieland, ich wollte, ich könnte Ihnen die Penthesilea so, bei dem Kamin, aus dem Stegreif vortragen, wie damals, vor fast fünf Jahren, den Robert Guiskard. Entsinnen Sie sich dessen wohl noch? Das war der stolzeste Augenblick meines Lebens. Soviel ist gewiß: ich habe eine Tragödie (Sie wissen, wie ich mich damit gequält habe) von der Brust heruntergehustet; und fühle mich wieder ganz frei! In kurzem soll auch der Robert Guiskard folgen; und ich überlasse es Ihnen, mir alsdann zu sagen, welches von beiden besser sei; denn ich weiß es nicht. Es ist wahr: Hier in dem herrlichen Elbtal, das wie ein Gemälde von Claude Lorrain unter meinen Füßen liegt, habe ich nach langer Zeit mich wieder dieses Werkes angenommen. Eben jetzt arbeite ich an einer Szene, in der das Volk sehnsüchtig des Erscheinens Guiskards harrt und daran fast verzweifelt. Ich zwinge mich geradezu zur Arbeit – «
HEINRICH VON KLEIST

»Sie müssen Ihren Guiscard vollenden, und wenn der ganze Kaukasus und Atlas auf Sie drückte«, schrieb der Dichter Christoph Martin Wieland 1802 an Heinrich von Kleist. In keines seiner Stücke hat Kleist so hohe Erwartungen gesetzt, und trotzdem ist es ein Fragment geblieben. Den Stoff von der Belagerung Konstantinopels durch Robert Guiskard, den Herzog der Normänner, übernimmt Kleist sehr frei aus mehreren historischen Quellen und macht aus ihm ein Stück über die Legitimation von Herrschaft. Die Pest wütet im Normannenheer vor den Toren Konstantinopels. Herzog Guiskards Eroberungsfeldzug ist ins Stocken geraten. Das Kriegsvolk bittet den Feldherrn umzukehren, in die Heimat, nach Italien. Dann verbreitet sich das Gerücht, Guiskard selbst sei erkrankt. Das Volk steht kurz vor der Revolte und ruft nach seinem Anführer, doch der lässt sich nicht blicken. Prinz Abälard, Guiskards Neffe, der bei der Thronfolge übergangen wurde, bemüht sich um die Gunst des Volks und bestätigt das Gerücht, während Robert, der Sohn Guiskards, der Nachricht von der Erkrankung seines Vaters entschieden widerspricht. Doch Abälard schürt mit immer weiteren Einzelheiten die Aufregung im Volk. Da erscheint unerwartet Guiskard selbst, der in einem gespenstischen Auftritt vor sein jubelndes Volk tritt. Fünfmal hat Kleist seinen »Guiskard « begonnen, fünfmal hat er ihn vernichtet. Beim sechsten Mal ist er fast fertig, da verbrennt er das Manuskript 1803 in Paris: »Ich trete vor einem zurück, der noch nicht da ist, und beuge mich, ein Jahrtausend im voraus, vor seinem Geiste.« Fünf Jahre darauf, 1808, rekonstruiert er das Werk und veröffentlicht die ersten zehn Auftritte mit insgesamt 524 Blankversen als Fragment in der Zeitschrift »Phöbus«, deren Mitherausgeber er war. Entstanden ist eine hochmoderne Paraphrase auf die Brüchigkeit politischer Herrschaftssysteme. Kleist schreitet anhand dieses Szenarios das Feld politischer Machtstrukturen ab: zwischen Opportunismus und Verschleierungstaktik, Agitation und Rebellion, Resignation und Hoffnung. Neben Mathieu Carrière, Wolfram Koch, Jacqueline Macaulay, Lukas Holzhausen, Juliane Koren, Irene Kugler und Sören Wunderlich wird Thomas Thieme in der Titelrolle zu sehen sein.

Frank Hoffmann studierte Romanistik, Germanistik und Philosophie in Luxem burg und Heidelberg. Nachdem er 1983 in Heidelberg promovierte, folgte er dem Ruf an das Conservatoire de Luxembourg für eine Professur in Regie. Als freier Regisseur arbeitete er unter anderem in Berlin, Paris, Köln, Basel und Stockholm. 1996 gründete Hoffmann mit Hilfe des Kulturministeriums des Großherzogtums Luxemburg das Théâtre National du Luxembourg, dessen Leitung er bis heute inne hat. Im September 2004 übernahm er die Position als Intendant und Geschäftsführer der Ruhrfestspiele Recklinghausen.

Regie: Frank Hoffmann
Bühne: Stefan Mayer
Kostüme: Katharina Polheim
Musik: René Nuß
Video: Alexander Grasseck
Licht: Rebekka Dahnke
Dramaturgie: Florian Vogel

Termine:

So, 5.9.2010, 20:00
Mi, 15.9.2010, 20:00
Do, 7.10.2010, 20:00
Fr, 15.10.2010, 20:00

Wenn ihr euch totschlagt ist es ein Versehen

von Oliver Bukowski nach Motiven Heinrich von Kleists

Premiere. 03.09.10, 20:30 Uhr , Rangfoyer

Eine Koproduktion mit den Ruhrfestspielen Recklinghausen 2010

»Wie vergegenwärtigt man Kleist? Buchstäblich. Es sind kaum Rückschlüsse vom Werk auf das Leben des Autors möglich – zumindest in diesem Punkt ist sich die Fachwelt halbwegs einig. Sein Tod, mehr noch sein Leben, bietet jedoch genügend Anlässe und eigentümliche Widersprüche, um dem Dramatiker entweder als tragischem Genie nachzuraunen, oder ihn schlicht für großartig, aber eben psychisch gestört zu erklären. Eine der ersten modernen Depressionen, so ließe sich sagen. Die zeitgenössische Sozialpsychologie beschreibt den Druck auf das von allen Sicherheiten ›befreite‹ Individuum als den Psychoterror der Aufforderung SEI-DU-SELBST! Ein simpler, eigentlich erfreulicher Satz, der aber heute Depressionen zur psychischen Volkskrankheit Nr.1 macht. Und genau hier wird uns Kleist nah und tatsächlich im besten Wortsinn gegenwärtig.« Oliver Bukowski

Mit Lust an schwarzer Situationskomik und Wortwitz folgt die Entwicklung des Stücks tatsächlichen Lebenssituationen Kleists, lässt die Bühne aber nicht zum Podium eines Bildungsabends, zur Dichterbiographie verkommen. Vielmehr lässt sich hinter der Komödie eine Tragödie über die Abgründe zwischen Genie und Wahnsinn erkennen. Innerhalb der Sinnsuche nach dem Ich in einer Welt, die man nicht sein Eigen nennen kann, ist uns Kleist damit heute vielleicht näher denn je. Oliver Bukowski, geboren 1961 in Cottbus, war nach seinem Philosophiestudium Doktorand für Sozialwissenschaft an der Humboldt-Universität Berlin. Seine Stücke wurden mehrfach bei den Mülheimer Theatertagen gezeigt und gewannen viele Preise. Für »Gäste« wurde Bukowski in Mülheim 1999 zum Dramatiker des Jahres gewählt, für »Londn – L.Ä. – Lübbenau« erhielt er den Gerhart-Hauptmann-Preis. Bukowski schreibt auch Drehbücher, die Filme wurden auf der Berlinale gezeigt und für den Grimme-Preis nominiert. Außerdem betreut er als Gastprofessor an der UdK Berlin den Studiengang »Szenisches Schreiben«. Am Schauspielhaus war 2007 bereits sein Stück »Bowling Alone« zu sehen, außerdem »Kritische Masse«, ein Auftragswerk, das 2009 von Sebastian Nübling uraufgeführt wurde.

Markus Heinzelmann, 1968 in Karlsruhe geboren, ist seit 2004 Künstlerischer Leiter und Geschäftsführer am Theaterhaus Jena. Während seines Studiums der Germanistik und Philosophie war er Mitglied in mehreren freien Theatergruppen. Nach Assistenzen sowohl fürs Fernsehen als auch fürs Theater arbeitete er von 1999 bis 2004 als freier Regisseur u.a. in Mainz, Bielefeld, Kassel und Konstanz. Am Deutschen Schauspielhaus inszenierte er bereits »Die Kümmerer. Ein Dokumentartheaterstück mit Menschen aus Hamburg [60+]« im Rahmen des Festivals »Herzrasen« 2008. Mit seiner Inszenierung von »Bowling Alone«, ebenfalls einer Koproduktion zwischen dem Deutschen Schauspielhaus und den Ruhrfestspielen Recklinghausen arbeitete er bereits schon einmal erfolgreich mit dem Autor Oliver Bukowski zusammen.

Regie: Markus Heinzelmann
Bühne und Kostüme: Jan Müller
Licht: Andreas Juchheim
Dramaturgie: Kristina Ohmen
Musik und Sound Design: Olaf Helbing

Ort:

Rangfoyer

Termine:

Fr, 3.9.2010, 20:30 | Premiere
So, 5.9.2010, 20:30
Di, 7.9.2010, 20:30
Mi, 8.9.2010, 20:30
So, 10.10.2010, 20:30
Do, 14.10.2010, 20:30

Penthesilea

von Heinrich von Kleist

Premiere: 09.09.10, 20:00 Uhr , Schauspielhaus

Eine Koproduktion mit den Ruhrfestspielen Recklinghausen

»Wenn du
Dem Wind, der von den Bergen weht, willst horchen,
Kannst du den Donnerruf der Königin,
Gezückter Waffen Klirren, Rosse wiehern,
Drommeten, Tuben, Zimbeln und Posaunen,
Des Krieges ganze eherne Stimme hören.«

Die ganze Welt ist aus den Fugen. Nicht nur, dass sich seit geraumer Zeit Griechen und Trojaner wegen der schönen Helena bekriegen, nun taucht auch noch völlig unerwartet auf den Schlachtfeldern vor Troja eine wild gewordene Armee aus Frauen auf. Odysseus, berühmter griechischer Feldherr, weiß nicht mehr ein noch aus: die Königin der Amazonen will sich partout auf keine Seite schlagen und bekämpft mit einer nicht gekannten Leidenschaft die Männer aus beiden Lagern. Heinrich von Kleist erzählt mit atemberaubender Sprache die Legende der Amazonenkönigin Penthesilea. Diese war ausgezogen mit ihrer Weiberarmee, Männer zu fangen um den Fortbestand ihres Frauenstaates zu sichern. Dabei verliebt sie sich jedoch unsterblich in den Griechen Achill. Im Widerstreit der Gefühle, getrieben von unbändigem Stolz, brennender Leidenschaft und tiefster Empfindsamkeit ringen die beiden Kämpfer umeinander. »Küsse, Bisse, das reimt sich, und wer recht von Herzen liebt, kann schon das eine für das andere greifen« sagt Penthesilea am Ende dieses Geschlechterkampfes. Da hat sie Achill mit zarter Grausamkeit bereits getötet.
In diesem Drama bekommt der Zuschauer alles geboten, was eine gigantische Schlacht zu bieten hat: Wagenrennen, Pferdegetrampel, Bogenschützen, Heldenduelle und Höllenhunde, selbst eine Armee aus Elefanten lässt Kleist auftreten. »Des Krieges ganze eherne Stimme« erschallt und doch braucht es nichts davon real auf der Bühne. In einer Sprache von maximaler Präzision und Schönheit lässt Kleist die Schlacht vor dem inneren Auge des Betrachters entstehen. Macht das Unerhörte hörbar.
Vor der Klangkulisse dieses unbegreiflichen Krieges begegnen sich zwei Menschen, Mann und Frau, und stehen einander fremd gegenüber. Zwei Gegensätze, zwei Welten, die sich nacheinander sehnen und sich doch nicht vereinen können. Ihre Liebe ist eine Orgie zum Tod, Intimität und Glück finden sie nur im Kampf »Wir vernichten, was wir lieben – das ist, auf eine allgemeine Formel gebracht, die Aussage der Penthesilea« schreibt Christa Wolf.
Penthesilea sei – so Kleist – die Kehrseite des »Käthchens von Heilbronn«, ihr anderer Pol, ein Wesen, das ebenso mächtig ist durch gänzliche Hingebung als jene durch Handeln. Jana Schulz, die schon das Käthchen verkörperte, wird die Titelrolle in der Inszenierung von Roger Vontobel spielen.

Eine Koproduktion mit den Ruhrfestspielen Recklinghausen 2010

Regie: Roger Vontobel
Bühne: Claudia Rohner
Kostüme: Dagmar Fabisch
Musik: Murena (Daniel Friedel), Erol Dizdar
Sound: Hans-Peter ›Shorty‹ Gerriets
Licht: Annette Ter Meulen
Dramaturgie: Nicola Bramkamp

Ort:

Schauspielhaus

Termine:

Do, 9.9.2010, 20:00 | Premiere
So, 12.9.2010, 20:00
So, 19.9.2010, 20:00
Fr, 8.10.2010, 20:00
Do, 14.10.2010, 20:00
So, 31.10.2010, 20:00

Die Gerechten [15+]

von Albert Camus | Deutsch von Hinrich Schmidt-Henkel

Premiere: 10.09.10, 20:00 Uhr , Malersaal

Dora: »Ich habe mich mit frohem Herzen dafür entschieden, und mit traurigem Herzen bleibe ich dabei. Das ist der Unterschied. Wir sind Gefangene.« ALBERT CAMUS, DIE GERECHTEN MOSKAU 1905

Wir befinden uns im vorrevolutionären Russland. Eine Gruppe von Mitgliedern der Partei der Sozialrevolutionäre plant ein Bombenattentat auf den Großfürsten. Ihr Ziel ist die Befreiung des Volkes von der Tyrannei des Zarenregimes. Die Vorbereitungen sind getroffen. Erwartungsvoll blicken alle Augen auf den charismatischen Revolutionär Janek Kaljajew, der den Großfürsten auf dem Weg vom Palast zum Theater in die Luft jagen soll. Doch es kommt anders als geplant: In der Kutsche sitzen auch Nichte und Neffe des Großfürsten – die Anwesenheit der Kinder lässt Janek zögern. Der erste Attentatsversuch misslingt, und zwischen den Revolutionären entbrennt eine Debatte darüber, wie weit der Einsatz von Gewalt im Kampf um Gerechtigkeit gehen darf. Wir dringen in das Innere einer Terrorzelle ein: Da ist Stepan, der verhärtete Gerechtigkeitsfanatiker, der nach Haft, Folter und Flucht voller Hass ist und sogar Kinder für die »gerechte Sache« opfern würde. Ihm stehen die Liebenden Janek und Dora gegenüber, die sich mit ihrem Glauben an eine humane Gerechtigkeit gegen diese unerbittliche Position wenden. Da ist der Anführer der Truppe, Boris, der zwischen diesen beiden Positionen zu vermitteln sucht. Und schließlich der junge Alexej, der sich vom Studium abgewandt hat, um das Unrecht zu bekämpfen, aber erkennen muss, dass er der Aufgabe nicht gewachsen ist. Sie alle befinden sich in einer existen ziellen Situation. Wir werden Zeugen ihrer Zweifel und ihres Ringens um Gerechtigkeit, Liebe und Leben. Camus’ Drama wird oft verkannt als ein Thesenstück. Tatsächlich analysiert Camus mit gedanklicher Präzision die unterschiedlichen Positionen zur Frage der Legitimität politisch motivierter Attentate. Seine dramatische Qualität gewinnt das Stück aber vor allem dadurch, dass diese ideologischen Positionen in den handelnden Personen leibhaftig verkörpert werden. Der Widerspruch zwischen ihrer ideologischen Haltung und ihrem Mensch-Sein durchzieht nicht nur die Diskussionen unter den Revolutionären, die sich darüber nicht verständigen können, sondern er geht als Riss durch Camus’ Menschen selbst, bis sie an ihm zerbrechen. Mit Camus werfen wir einen Blick in die Geschichte des Terrorismus und gelangen dabei zu Fragen der Legitimität von politischen Anschlägen. Für ein junges Publikum ist dieses Stück besonders geeignet, sind seine Protagonisten doch in ihrer Suche nach Gerechtigkeit und Liebe, wie Enzensberger sie nannte, »Träumer des Absoluten«.

Alexander Riemenschneider, 1981 geboren, hat bereits während des Studiums an der Theaterakademie Hamburg mit seinen Arbeiten auf sich aufmerksam gemacht. Seine Adaption des Romans »Der Schaum der Tage« von Boris Vian wurde zu mehreren europäischen Festivals u.a. in die Slowakei, nach Österreich und Frankreich eingeladen. Seine Diplominszenierung »Caligula« von Albert Camus auf Kampnagel wurde überregional wahrgenommen. Seit seinem Studienabschluss im Mai 2009 arbeitet er an Bühnen in Potsdam, Göttingen, Bonn, Berlin und demnächst auch in Oldenburg. Mit »Die Gerechten« inszeniert er nach »Von Mäusen und Menschen« von John Steinbeck zum zweiten Mal am Jungen Schauspielhaus.

Regie: Alexander Riemenschneider
Bühne: Katrin Plötzky
Kostüme: Rimma Starodubzeva
Musik: Gregor Schwellenbach
Licht: Andreas Juchheim
Dramaturgie: Stanislava Jević
MIt: Christine Ochsenhofer

Ort:

Malersaal

Termine:

Fr, 10.9.2010, 20:00 | Premiere
Mo, 13.9.2010, 19:00
Di, 14.9.2010, 11:00
Mo, 27.9.2010, 19:00
Di, 28.9.2010, 11:00
Do, 14.10.2010, 19:00
Fr, 15.10.2010, 20:00
Mo, 25.10.2010, 19:00
Di, 26.10.2010, 11:00

Warteraum Zukunft

von Oliver Kluck

Uraufführung: 22.09.10, 20:00 Uhr, Rangfoyer

Kleist-Förderpreis für junge Dramatik 2010
Eine Koproduktion mit den Ruhrfestspielen Recklinghausen 2010

»Leben im Warteraum Zukunft, am Ort der nicht erfolgten Revolte, hier im Vertrauen auf die Generationen davor, die Platz machen werden, die schon im Boot sitzend die Hand reichen. Um es vorwegzunehmen: das Warten ist vergebens, keine Hilfe in Sicht, es rette sich ein jeder selbst. Der Warteraum Zukunft auch als Geschichte dieses Lebens, das einfach da ist wie die Bewegung, die Kreisbewegung, aus der es scheinbar kein Entkommen gibt. Nur ein Tag, mit Aussicht auf Zukunft, stellvertretend für all jene, die ihre Gute Nachricht in der Verwirklichung ihrer weltlichen Profession zu finden glauben.« OLIVER KLUCK

Oliver Kluck beschreibt in seinem Stück auf hochkomische und sprachlich brillante Weise den jungen Ingenieur Daniel Putkammer, der in der Mechanik des Angestelltendaseins gefangen ist und auf den erhofften Karrieresprung wartet. Zwischen stumpfsinnigem Arbeitsalltag, Entscheidungsschwäche und vergeblichem opportunen Verhalten, schlittert er schließlich in die Katastrophe. Oliver Kluck wurde für dieses Stück mit dem Kleist-Förderpreis für junge Dramatik ausgezeichnet, einem der renommiertesten Literaturförderpreise. Zu den bisherigen Preisträgern gehören Marius von Mayenburg, Andreas Sauter und Bernhard Studlar sowie Dirk Laucke. Oliver Kluck, 1980 auf Rügen geboren, und ausgestattet mit »lohnend kompromissloser Welt- und Schreibwut« (Theater heute), studierte Dramaturgie, Prosa und Essayistik. Für sein Stück »Das Prinzip Meese« wurde er im Mai 2009 mit dem Förderpreis für neue Dramatik des Berliner Stückemarktes ausgezeichnet. Es wurde im Februar 2010 am Maxim Gorki Theater Berlin uraufgeführt. Im Oktober 2009 fand am Theater Chemnitz die Uraufführung von »Zum Parteitag Bananen« statt. Bezeichnend ist, dass Kluck während seines Grundwehrdienstes eine Leidenschaft für das Verfassen von Beschwerdebriefen entwickelte. Diese präzise, messerscharfe Art zu denken und zuzuspitzen findet man in seinen Texten wieder. Er verlässt dabei die klassische dramatische Dialogstruktur und beschreibt in einem Ineinander aus inneren Monologen und Dialogen eine Welt aus Verachtung und Anpassung, in der schließlich die latente Gewaltbereitschaft eskaliert.

Alice Buddeberg, geboren 1982 in Frankfurt am Main, studierte Schauspielregie an der Theaterakademie Hamburg. Inszenierungen u.a. »Der Menschenfeind« und »Heiner Müller Material 1&2« am Theater Bremen, »Hamlet« am Theaterhaus Jena, »Frühlings Erwachen« und »Kabale und Liebe« am Deutschen Theater Göttingen und »Hedda Gabler« am Schauspiel Frankfurt (in Koproduktion mit den Ruhrfestspielen Recklinghausen 2009).

Regie: Alice Buddeberg
Bühne: Cora Saller
Kostüme: Martina Küster
Musik: Stefan Paul Goetsch
Licht: Andreas Juchheim
Dramaturgie: Stephanie Lubbe

Ort:

Rangfoyer

Termine:

Mi, 22.9.2010, 20:00 | Premiere
Do, 23.9.2010, 20:30
Mo, 27.9.2010, 20:00
Fr, 15.10.2010, 20:30
Mo, 18.10.2010, 20:00
Di, 19.10.2010, 20:00

Silly Old Fools

von B. S. Johnson

nach dem Roman »Lebensabend. Eine geriatrische Komödie« (»House Mother Normal«)
Deutsch von Michael Walter
In einer Fassung von Marc von Hennig

Uraufführung: 24.09.10, 20:00 Uhr , Malersaal

Wir sind eingeladen, einen Blick in eine Altenbewahranstalt zu tun, einen Entsorgungspark für den gesellschaftlichen Restmüll: Alte, Kranke, Demente, überwacht von einer Aufseherin, die sich perfiderweise Hausmutter (House Mother Normal) nennt und deren Regiment sich mittels physischer Strafen bemerkbar macht. Die Alten haben Fragen: »Wozu sollen wir funktionieren, wenn ihr uns nicht braucht?« oder »Warum holt uns zum Abend keiner ab, wie man Kinder aus dem Kindergarten abholt?« oder »Wieso sollen wir uns noch erinnern, wer ihr seid, wenn ihr uns doch immer vergesst?« Aber ihre Fragen kommen ihnen nicht über die Lippen, sondern stehen ihnen ins Gesicht geschrieben. Die Menschen bleiben stumm, und wo ihnen doch das eine oder andere Wort entweicht, entspricht ihre Art zu reden ihrer sozialen Vereinsamung. Monologe als authentischer Ausdruck ihrer Isolation. Dialog ist ein Missverständnis, oft nur eine Reaktion auf Außenreize. Wir vernehmen den Aufeinanderprall der Monologe, subtrahiert durch die eingeschränkte Wahrnehmung und multipliziert durch Rudimente eines falschen Bewusstseins: Rivalität, Eifersucht, Abgrenzung. Wir kennen die Muster und entdecken ein groteskes Spiegelbild unserer eigenen Welt. Wir blicken in eine Art von gesellschaftlichem Terrarium und beobachten diese seltsamen Wesen, wie sie immer wieder aus der Tiefe des Vergessens in das luftige Reich der Erinnerungen emportauchen und, wenn auch nur für einen kurzen Moment, wie geheilt erscheinen, ehe sie am Ende wieder verstummen. Das Sein als Nichts, zwischen nicht mehr und noch nicht, Auflösungen der Existenz, bei der das Reden eigentlich kaum mehr ist als ein physiologischer Reflex. Ein Elend, vor dem der Zuschauer geschützt ist durch die Differenz zwischen Wahn und Wirklichkeit der auftretenden Personen, eine Differenz, die neben Anteilname auch Humor freisetzt. Eine geriatrische Komödie eben. Bryan Stanley Johnson, 1933 in Hammersmith geboren, ist ein zu Unrecht vergessener Autor des 20. Jahrhunderts. Er stammte aus einer Arbeiterfamilie, verließ mit sechzehn Jahren die Schule, um als Buchhalter zu arbeiten, brachte sich im Selbststudium Latein bei und schaffte die Aufnahmeprüfung für das King’s College in London. Er hielt Englischvorlesungen, war verheiratet und hatte zwei Kinder. Er schrieb mehrere Romane, darunter »Christie Malrys doppelte Buchführung«, »Albert Angelo«, »Die Unglücksraben«, »Lebensabend« und »Lass die alte Dame anständig«, veröffentlichte zwei Gedichtbände, ferner Kurzgeschichten, ein Theaterstück (»B. S. Johnson vs. God«), war Lyrikredakteur und arbeitete auch als Film- und Fernsehregisseur; sein Film »You’re Human Like the Rest of Them« gewann 1968 auf zwei internationalen Kurzfilmfestivals den Grand Prix. Johnson litt unter dem ausbleibenden Erfolg seiner Bücher, obwohl die Avantgarde selten so unterhaltsam war wie bei ihm. An Depressionen leidend und von familiären Problemen belastet, nahm er sich im Alter von vierzig Jahren 1973 das Leben. Zum Zeitpunkt seines Todes war er nahezu unbekannt, ein Zustand, der in Deutschland trotz mehrfacher Publikationsversuche bis heute andauert.

Marc von Henning, 1960 in London geboren, arbeitet als Regisseur und Autor in verschiedenen Ländern Europas. Mit seiner ersten Theatergruppe »primitive science«, die er 1992 gründete, wurde er zum Geheimtip der Londoner OffTheater szene und zu zahlreichen Theater festivals auf dem Kontinent eingeladen. Daneben zahlreiche Übersetzungen und Bearbeitungen deutschsprachiger Theaterstücke ins Englische, darunter auch mehrere Werke Heiner Müllers (»Theatre Machine«, Faber & Faber, 1995). In Deutschland schrieb und inszenierte er ab 2000 zahlreiche Projekte für das Staatstheater Stuttgart und arbeitete u. a. am Schauspielhaus Graz, Schauspiel Frankfurt und Nationaltheater Athen. 2008 gründete er mit Susanne Reifenrath in Hamburg die Gruppe Meyer&Kowski, deren drei Stücke (»Der Umwegmacher«, »Die Geldwäscherin«, »Monogamie«) durch Deutschland und Europa reisen.

Regie: Henning
Bühne und Kostüme: Jörg Kiefel
Dramaturgie: Michael Propfe
Licht: Björn Salzer

Ort:

Malersaal

Termine:

Fr, 24.9.2010, 20:00 | Uraufführung
Sa, 25.9.2010, 20:00
Fr, 22.10.2010, 20:00
Sa, 23.10.2010, 20:00

Hänsel und Gretel

Eine theatralische Recherche mit Kindern der Gesamtschule

Mümmelmannsberg und dem Ensemble des Deutschen Schauspielhauses in Hamburg unter Verwendung von Texten der Gebrüder Grimm und Interviews mit Hamburger Kindern und Eltern

Premiere: 25.09.10, 20:00 Uhr , Schauspielhaus

Die Geschichte von Hänsel und Gretel, die von Mutter und Vater im Wald zurückgelassen werden, damit wenigstens sie, die Eltern, überleben können, gehört zur Sammlung der Grimmschen Hausmärchen. Fast jedes Kind kennt dieses Märchen. Es weiß um die Not, die dem Entschluss der Eltern zugrunde liegt, um Hänsels listige, aber vergebliche Suche nach einem Ausweg aus diesem Dilemma, um das im Wald verborgene, verlockend-gruselige Lebkuchenhaus und um das, was den beiden Kindern geschieht, wenn sie in die Gewalt der Hexe geraten. Und natürlich weiß es auch, dass dieses Märchen, wie alle anderen, gut ausgeht, dass die Kinder das Böse besiegen und, gestärkt und erwachsen geworden, nach Hause zurückkehren. Die Deutungen, die »Hänsel und Gretel« erfahren hat, sind vielfältig. Pädagogische, tiefenpsychologische und religiöse Interpretationen stehen nebeneinander. Und die spätromantische Opernversion von Engelbert Humperdinck ist immer wieder ein unangefochtener Bühnenrenner zur Weihnachtszeit für alle – zur Belehrung und Erbauung. Uns aber interessiert vor allem der soziale Aspekt, der sich hinter diesem Stoff verbirgt. Wir wollen den Versuch unternehmen, die Geschichte, wie sie uns bei den Gebrüdern Grimm entgegentritt, als Folie für eine Recherche aus der Gegenwart zu benutzen, die sich mit Kinderarmut in Hamburg beschäftigt. Obwohl beinahe jedes dritte Kind unter der festgelegten Armutsgrenze lebt, scheinen Armut und Benachteiligung von Kindern und Jugendlichen in Hamburg kein beherrschendes gesellschaftliches und politisches Thema zu sein. Familien, die arm sind, müssen gerade hier in Hamburg, das durch Prosperität und immer stärkere Gentrifizierung geprägt ist, begreifen, was es heißt, ausgeschlossen zu sein und chancenlos zu bleiben. Eine bittere Bilanz. Die in »Marat, was ist aus unserer Revolution geworden?« begonnene Auseinandersetzung mit der Lebenssituation in Hamburg wollen wir auf diese ungewöhnliche Weise fortsetzen. Aus dem Märchentext der Gebrüder Grimm, dem musikalischen Material der von Humperdinck komponierten Oper und den Gesprächen mit in Hamburg lebenden Kindern und Eltern soll sich dieser Theaterabend zusammensetzen, in dem die Schauspielerinnen und Schauspieler des Ensembles, aber auch Kinder, Jugendliche und Erwachsene dieser Stadt auf der Bühne des Schauspielhauses stehen werden.

Volker Lösch arbeitete als Regisseur u.a. in Berlin, Dresden, Düsseldorf, Leipzig, Stuttgart und Zürich. Seine Inszenierung von Gerhart Hauptmanns »Die Weber« in Dresden wurde 2005 von der »Deutschen Bühne« zur Inszenierung des Jahres gewählt. Bereits unter der Intendanz Friedrich Schirmers inszenierte er am Staatstheater Stuttgart. Seit der Spielzeit 2005/2006 arbeitet er als Hausregisseur und Leitungsmitglied am Schauspiel Stuttgart. In Stuttgart brachte er zuletzt Shakespeares »Hamlet« und Max Eipps »Wut« sowie in Dresden das von ihm zusammen mit Stefan Schnabel verfasste Stück »Die Wunde Dresden« auf die Bühne. 2009/2010 erarbeitete er u.a. an der Berliner Schaubühne Döblins »Berlin Alexanderplatz« sowie Schillers »Die Räuber« am Bremer Theater. Am Schauspielhaus inszenierte er 2008 »Marat, was ist aus unserer Revolution geworden?« nach »Marat/ Sade« von Peter Weiss und wurde damit zum Berliner Theatertreffen 2009 eingeladen.

Regie: Volker Lösch
Bühne: Cary Gayler
Kostüme: Carola Reuther
Chorleitung: Bernd Freytag
Dramaturgie: Beate Seidel
Dramaturgische Mitarbeit: Anselm Lenz
Licht: Kevin Sock
Theaterpädagogische Betreuung: Constance Cauers

Ort:

Schauspielhaus

Termine:

Fr, 24.9.2010, 19:30 | Voraufführung
Sa, 25.9.2010, 20:00 | Premiere
So, 26.9.2010, 19:30
Di, 5.10.2010, 19:30
Mo, 11.10.2010, 19:30
So, 17.10.2010, 19:30
Sa, 30.10.2010, 19:30

Der Weibsteufel

von Karl Schönherr

Eine Übernahme aus dem Burgtheater Wien.
Die Premiere findet im Rahmen und auf Einladung des Hamburger Theaterfestivals statt.

Premiere: 28.09.10, 20:00 Uhr , Schauspielhaus

Ein Schmuggler erfährt, dass ihm die Polizei das Handwerk legen will, indem sie einen jungen Grenzjäger auf seine attraktive Frau »ansetzt«. Der Grenzjäger verspricht sich Erfolg, wenn er die Frau verführt. Der Schmuggler hingegen treibt seine Frau dazu, zum Schein auf die Avancen des Jägers einzugehen, um so Zeit für seine kriminellen Transaktionen zu gewinnen. Doch die Frau macht einen Strich durch diese Rechnung: Sie bringt echte Gefühle ins Spiel. Und die machen sich bei allen Beteiligten selbstständig …
Ein rabiates Stück Volkstheater und eine erotische Gaunerkomödie aus den Tiroler Bergen.

Regie: Martin Kušej
Bühne: Martin Zehetgruber
Kostüme: Heide Kastler
Musik: Bert Wrede
Licht: Felix Dreyer

Infos und Kartenbuchung unter www.hamburgertheaterfestival.de

Eine Produktion des Burgtheaters Wien, Gastspiel in Kooperation mit dem Bayerischen Staatsschauspiel, in Zusammenarbeit mit dem Deutschen Schauspielhaus

Diese Festival-Produktion wird ermöglicht durch Hildegard und Franz-Günter Wolf.

Ort:

Schauspielhaus

Termine:

Di, 28.9.2010, 20:00 | Premiere
Mi, 29.9.2010, 20:00

Herzrasen

3. Theatereffen [60+]

Premiere: 29.09.10, 19:00 Uhr, Körber-Forum

Eröffnungsveranstaltung
Eintritt frei
Ein verlängertes Wochenende in Theorie und Praxis
29. September bis 3. Oktober 2010
In Kooperation mit der KörberStiftung
Unterstützt von Pflegen und Wohnen

»Ich halte meine Klappe erst, wenn der Sargdeckel geschlossen ist.«
PETER GLOTZ

Nach zwei erfolgreichen Ausgaben von »Herzrasen« werden das Schauspielhaus und die Körber-Stiftung auch in diesem Jahr ihre Zusammenarbeit in Form eines Theaterfestivals für, von und mit Menschen ab 60 Jahren fortsetzen. Welches Wesen geht morgens auf vier Beinen, mittags auf zwei und abends auf drei? Ödipus löste dieses Rätsel, an dem so viele vor ihm gescheitert waren. Der Sage nach gab die griechische Sphinx Wanderern ein Rätsel auf, dessen Auflösung den Menschen in seinen drei Lebensabschnitten meinte: der Kindheit, der Zeit des Erwachsenenseins und dem Alter, in dem man zum Gehen einen Stock, das dritte Bein, benötigte. Diese Metapher kann heute nicht mehr allein Maßstab für das Altwerden in unserer Gesellschaft sein. Im Gegenteil. Die jetzige Generation der Rentner sind die »68er«, die sich nicht auf ein Leben unter dem Diktat der Gehhilfe reduzieren lassen. Vielmehr regen die »neuen Alten« eine Diskussion über die eigene körperliche wie geistige Leistungsfähigkeit an. Die Generation der »Alten« des Jahres 2010 wird im Rahmen der Theaterarbeit entschiedene Diskussionen führen, die eine völlig neue Vorstellung vom Leben im Alter zum Gegenstand haben. Das Alter ist nicht länger auf Gebrechen, Leid, Tristesse und Einsamkeit beschränkt, sondern meint Aktivität, Hoffnung und Vitalität. Das tradierte Bild von Ruhestand und Rentnerdasein gilt längst nicht mehr. Das Alter wird vielmehr begriffen als neue Lebensphase, in der man sich endlich all die Wünsche erfüllen kann, die jenseits der Verantwortung von Erwerbsund Erziehungsarbeit liegen. Warum nicht einen Marathon laufen, eine Weltreise machen, einen neuen Partner finden oder in einem Theaterstück mitspielen? Dieser Wandel hat auch generationsübergreifende Auswirkungen, denen sich die gesamte Gesellschaft stellen muss. Der Dialog zwischen den Generationen ist momentan sowohl für professionelle Theater, als auch für Amateurtheatergruppen ein zentraler Aspekt ihrer Arbeit. Das Festival »Herzrasen« versteht sich daher durchaus als Ort des Austauschs zwischen den Generationen, auch das Publikum [60-] darf sich angesprochen fühlen. Besuchen Sie uns bei »Herzrasen « und werden Sie gemeinsam mit uns vier Tage älter und um viele Erfahrungen reicher! Vom 30. September bis zum 3. Oktober 2010 wird im Schauspielhaus ein einzigartiges Gastspielprogramm rund um die Themen und das Selbstverständnis der älteren Generation gezeigt. Bereits am 29. September lädt die Körber-Stiftung ins Körber-Forum zur feierlichen Eröffnung. Prof. Dr. Andreas Kruse, Gerontologe an der Universität Heidelberg, wird einen Festvortrag zum diesjährigen Festivalmotto »Inszenierung des Alters« halten. Neben den Gastspielen wird es vier Tage lang ein umfangreiches Rahmenprogramm mit Installationen, Workshops, Diskussionen und Vorträgen geben, die das Thema Alter in unterschiedlicher Weise thematisieren. Auch andere Spielorte, wie etwa das Maritim Hotel Reichshof und die Einrichtung »Pflegen und Wohnen« werden in diesem Jahr Kooperationspartner des Festivals »Herzrasen« sein.

»Ich bin zu alt, um nur zu spielen, zu jung, um ohne Wunsch zu sein.«
JOHANN WOLFGANG VON GOETHE

Termin:

Mi, 29.9.2010, 19:00 | Premiere

Frühlings Erwachen

nach Frank Wedekind

in einer Bearbeitung von Daniel Wahl
Ein Gemeinschaftsprojekt mit Werte erleben e.V.

Premiere: 29.08.10, 20:00 Uhr, Schauspielhaus

»Du lernst mich nicht kennen, ohne dich mir anzuvertrauen.«
DER VERMUMMTE HERR

Der junge Melchior hat sich entschieden. Er will sich das Leben nehmen. Nach dem Tod von Wendla und dem Suizid seines Freundes Moritz ist er verzweifelt und fühlt sich schuldig, ohne Hoffnung auf eine lebenswerte Zukunft. Auf dem Friedhof erscheint ihm die Gestalt von Moritz, den Kopf unter den Arm geklemmt. Er möchte Melchior von der Erbärmlichkeit des irdischen Daseins überzeugen. Einem vermummten Herrn, vielleicht ist er die Inkarnation des unzerstörbaren Lebens, gelingt es, Melchior von seinem Plan abzuhalten, er konfrontiert ihn jedoch gleichzeitig mit der Ungewissheit des Lebens. Frank Wedekind zeichnet traurige, düstere, einsame und haltlose Jugendliche. Sie wollen das Leben kennenlernen, scheitern mit ihren Versuchen allerdings auf tragische Art und Weise. Gefangen zwischen schulischem Leistungsdruck und den veralteten Lebensvorstellungen der autoritären Erwachsenen, fühlen sich die Jugendlichen auf ihrem Weg zum Erwachsenwerden alleingelassen und verloren. Die Erwachsenen in »Frühlings Erwachen« entziehen sich ihrer Verantwortung für die sexuelle Aufklärung ihrer Kinder und leisten keinen Beistand bei ihrer Entwicklung. Die Jugendlichen bleiben als verlorene Seelen zurück. In der Zeit Frank Wedekinds resultierte die subversive Sprengkraft von Sexualität sicherlich aus ihrer Unterdrückung. Heute wachsen Jugendliche in einer scheinbar aufgeklärten, übersexualisierten Gesellschaft auf. Die Fragen bleiben dennoch die gleichen: Was ist Liebe? Was ist Leben? Was passiert mit meiner Seele und mit meinem Körper? Wie gehe ich mit meiner Sexualität um? Gibt es eine Zukunft für mich? Frank Wedekind stellte »Frühlings Erwachen« 1891 fertig. »Fast jede Szene entspricht einem wirklichen Vorgang«, so Wedekind. Und heute? Welche Muster wiederholen sich, welche sind längst überwunden? Daniel Wahl erzählt »Frühlings Erwachen« mit 16 jungen Menschen zwischen 14 und 19 Jahren und 16 älteren Menschen ab 65 Jahren. Die Generationen treten in einen Dialog über ihre persönlichen Lebens- und Liebeserfahrungen, ihre Wünsche, Ängste und Erwartungen an die jeweils andere Generation. Nach »Herr der Fliegen« und »Ein Sommernachtstraum« ist »Frühlings Erwachen« bereits die dritte Produktion in Zusammenarbeit mit Werte erleben e.V. a

Daniel Wahl, geboren 1966 in Zürich, studierte dort an der Schauspielakademie. Er arbeitete als Regisseur u.a. in Luzern und Basel. Als Schauspieler spielte er am Théâtre de Complicité in London, am Theater Basel und am Staatstheater Stuttgart. Seit der Spielzeit 2005/2006 gehört er zum Ensemble des Schauspielhauses. Seine erste Inszenierung am Jungen Schauspielhaus, »Sagt Lila«, wurde zum Kinder- und Jugendtheatertreffen 2007 nach Berlin eingeladen. In der Spielzeit 2007/2008 inszenierte er »Herr der Fliegen« mit 40 Jugendlichen auf der Schauspielhausbühne und am Jungen Schauspielhaus »Träumer« nach dem Roman von Gilbert Adair. In der Spielzeit 2008/2009 inszenierte er im Großen Haus »Wer einmal aus dem Blechnapf frisst« nach dem Roman von Hans Fallada und in der vergangenen Saison die deutschsprachige Erstaufführung von Simon Stephens’ »Punk Rock«.

Regie: Daniel Wahl
Bühne und Kostüme: Viva Schudt
Musik: Raimund Groß
Licht: Kevin Sock
Dramaturgie: Steffen Sünkel
Theaterpädagogik: Constance Cauers
Es spielen: junge und alte Menschen aus Hamburg

Ort:

Schauspielhaus

Termine:

Fr, 3.9.2010, 20:00
Sa, 18.9.2010, 20:00
Mi, 6.10.2010, 20:00
Di, 12.10.2010, 20:00
Mi, 27.10.2010, 20:00

M – Ein Mann jagt sich selbst

Von Clemens Mädge

In Anlehnung an die Figur des Kindermörders aus »M- Eine Stadt sucht einen Mörder«

»Ich grabe in meinen Gedanken, in meinem Kopf nach irgendetwas, was ich fassen könnte. Und jede Nacht grabe ich tiefer und finde nichts. Ich grabe jetzt mit einem Löffel in meinem Kopf. Der Löffel wird immer stumpfer; jede Nacht. Deshalb schärfe ich ihn jeden Tag etwas mehr. Ich grabe immer tiefer nach dem Grund, der alles erklärt..«

Schuld. Was ist schuld? Wie gehen wir Menschen mit der Schuld um? Nehmen wir sie an? Und wenn wir sie annehmen, tragen wir dann auch die Verantwortung, die damit zusammenhängt? Oder biegen wir solange an unserem Gewissen, unserem Rechtsempfinden herum, bis es keine Schuld mehr gibt. Das menschliche Gehirn leistet Unglaubliches, wenn es darum geht, den Menschen, dem es innewohnt zu schützen. Vor sich selbst und der Außenwelt.
Eine Stadt. Ein Leben. Ein Grund. Ein Postbote versucht den Grund zu finden, wieso dass alles so ist wie es ist. Wer ist er, wenn er den Grund nicht kennt für das alles? Er beschäftigt sich mit seinem Inneren um den Grund für dieses ungute Gefühl, dass er verspürt zu finden. Und während er sich im Allgemeinen über die Menschen mit ihren Verhaltensweisen wundert, grassiert auf den Strassen die Hysterie. Ein Kindermörder ist unterwegs und versetzt die Stadt in helle Aufregung. Niemand weiß etwas. Niemand sieht etwas. Niemand tut etwas. Den Argwohn spürt nur der Postbote, während er durch die Strassen geht. Doch der Postbote will das nicht. Er will Sitte und Anstand bewahren. Er will keinen Ausnahmezustand in seinen Strassen. Die Gesellschaft tut nichts dagegen. Schürt nur noch mehr die Sensationsgier. Trotzdem geschehen immer wieder Morde und der Postbote ist getrieben. Getrieben von der Suche nach dem Grund, nach sich selbst. Er dreht sich immer weiter in seinem Kopf hinein, die Außenwelt wird immer drückender, immer hässlicher. Am Ende steht der Grund; eine unschöne Wahrheit. Wie mit dem Wissen umgehen? Ein Mensch. Eine Schuld. Ein weißer Raum.

»M – Ein Mann jagt sich selbst « läuft am 6. Mai auch im Rahmen des 20er-Jahre-Festivals »Himmel auf Zeit«

Regie und Bühne: Clemens Mädge
Kostüme: Bettina Sandmann
Video: Joscha Sliwinski
Dramaturgie: Steffen Sünkel
Mit: Daniel Wahl

Ort:

Hamburger Botschaft

Termine:

Do, 16.9.2010, 20:30
Do, 23.9.2010, 20:30
Mo, 4.10.2010, 20:30
Di, 5.10.2010, 20:30

Die Dreigroschenoper

von Bertolt Brecht

Nach John Gays »The Beggar’s Opera«
übersetzt aus dem Englischen von Elisabeth Hauptmann
Musik von Kurt Weill

Ist die Dreigroschenoper noch zu retten? Als das Werk 1928 auf der Bühne des Theaters am Schiffbauerdamm in Berlin erschien, war es eine Sensation, unwiederholbar: in seiner Mischung aus Musik, die in ihren Mitteln so avanciert wie populär war, und einer, nun ja, lässig erzählten Geschichte, die sich nichts Geringeres vornahm, als den gesellschaftlichen Zynismus mit den Mitteln des Unterhaltungstheaters provokativ zu unterlaufen. Das Ergebnis ist bekannt: Erstickungstod durch Erfolg. Grund genug für den Versuch, dem Werk von neuem auf seine inhaltlichen Sprünge zu verhelfen. Wie? Durch ein Ur-Brechtsches Mittel: die Verfremdung. Anstatt im gefälligen Einklang mit dem Zynismus des Textes seine Pointen zu genießen, wollen wir Motivforschung bei den Figuren betreiben. Herausbekommen, was es wohl ist, das da in ihnen »lügt, hurt, stiehlt und mordet«, die alte Frage Büchners, seinem Danton in den Mund gelegt. Der Mensch ist ein Abgrund, die Welt sowieso: Aus den Comics kennen wir die Figur, die, meistens auf der Flucht, über einen Abgrund hinausgetragen wird. Und wehe, sie blickt hinab... So wollen wir die Dreigroschenoper erzählen. Die Geschichte eines Verbrechers, den fallen zu lassen sich die Gesellschaft gar nicht leisten kann, soll nicht das ganze System zusammenbrechen. Die Geschichte eines Kampfes aller gegen alle. Die Geschichte der (Z)Ersetzung von Liebe durch – Interessen. Im großen Reich der Verdinglichung. Eine Forschungsreise in den vermeintlich bekannten Kontinent eines Unterhaltungs-Klassikers. Ins Herz der Finsternis. Mit Musik.

Regie: Jarg Pataki
Musikalische Leitung: Markus Voigt
Bühne: Anna Börnsen
Choreographie: Rica Blunck
Kostüme: Heide Kastler
Dramaturgie: Michael Propfe
Licht: Annette Ter Meulen

Ort:

Schauspielhaus

Termine:

Sa, 4.9.2010, 20:00
Fr, 10.9.2010, 20:00
So, 10.10.2010, 18:00
Sa, 16.10.2010, 20:00
Do, 28.10.2010, 20:00

Deutsches Schauspielhaus in Hamburg

Kirchenallee 39
D-20099 Hamburg

Telefon: +49 (0)40.2 48 71-3
E-Mail: kartenservice@schauspielhaus.de