DEUTSCHES SCHAUSPIELHAUS IN HAMBURG
Spielzeit 2009/10
Punk Rock
von Simon Stephens
Deutschsprachige Erstaufführung: 18.03.10, 20:00 Uhr , Schauspielhaus
»Stay away from my bazooka | I paranoid | You dead.« SVEN REGENER, ELEMENT OF CRIME
Am Ende wird es ein Blutbad geben. Und die Frage nach dem »Warum«. Auf den ersten Blick wirken sie wie jede andere Clique. Sie grenzen sich von ihren Mitschülern ab, feiern das Leben und sich selbst. Das Gefüge wird kräftig durchgeschüttelt, als eine neue Schülerin in die Klasse kommt. Bisherige Verbindungen werden aufgelöst. Die ehemaligen Freunde entwickeln sich zu bitterbösen Rivalen. Aber auch die anderen Freundschaften entlarven sich als brüchige Verbindungen. Der zunehmend aggressive Bennett und seine ehrgeizige Freundin Cissy richten all ihren Frust und ihre Unzufriedenheit gegen den intelligenten Chadwick. Nach und nach blättern sich die Geschichten der Jugendlichen auf, von William, der eine tote Mutter erfindet, Tanya, die sich ein Kind von ihrem Lehrer wünscht, Lilly, die zwischen ihnen intrigiert, und schließlich Bennett, der seine Mitschüler quält und dem sich keiner in den Weg zu stellen wagt. Alle verfolgen diese Entwicklungen, doch niemand will sich verantwortlich fühlen. Jeder von ihnen kreist zu sehr um sich selbst. Bis eines Tages William nach einer erneuten Attacke Bennetts droht, ihn zu erschießen. Allein aus Gewohnheit übergehen die anderen seine Drohung. Ein schrecklicher Irrtum. Das neue Stück von Simon Stephens spielt in der englischen Upper Middleclass. Wohlhabende Jugendliche, denen die Zukunft aufgrund ihrer Herkunft weit offen steht. Eigentlich haben sie keine existentiellen Probleme, und trotzdem kommt es zu einem Amoklauf. Simon Stephens gräbt tiefer, blickt in die Seelen, legt Wünsche und Sehnsüchte der Jugendlichen offen. In einer ebenso präzisen wie brutalen Sprache erzählt er vom Leben übersättigter Jugendlicher, ihrer Verzweiflung an dem vorgezeichneten Lebensentwurf und der Sehnsucht, gegen die Regeln der Erwachsenen aufzubegehren. »Punk Rock« ist aber auch ein Stück über die Abwesenheit der Erwachsenen, die in ihrer Rolle als Eltern, Lehrer und Erzieher komplett versagen. Nach »Pornographie« und »Harper Regan« ist dies das dritte Stück von Simon Stephens im Spielplan, diesmal als Koproduktion mit dem Jungen Schauspielhaus.
Der Autor und Filmemacher Joachim Gaertner hat aus den persönlichen Dokumenten der beiden Columbine-Attentäter Eric Harris und Dylan Klebold einen Dokumentarischen Roman verfasst. »Je mehr ich dem Antrieb des intimen Blicks in diese fremde, gewalttätige, sehnsuchtsvolle, schmerzhafte Welt zweier Jugendlicher folgte, desto beunruhigender wurde es. Desto mehr wuchs die Ahnung, dass das Monströse ihrer Tat in auffallendem Gegensatz zum Alltäglichen, Gewöhnlichen dieser Lebenszeugnisse steht. Dass diese beiden Teenager keine Monstren, sondern überraschend normal waren. Dass also das, was ich da las, mehr mit mir und der sogenannten normalen Welt zu tun hat, als wir gerne glauben würden. Denn es sind weniger die Hasstiraden, die rassistischen Ausfälle, die Anleihen bei den ›coolen‹ Nazis, die diese Lektüre so unbehaglich machen. Es sind eher die Leerstellen, die man hier vorfindet, das, was nicht in den Texten steht: die Widersprüche, die fehlenden Zusammenhänge zwischen den Gewaltdelirien und den ganz normalen Wünschen, Sehnsüchten, Ängsten von Jugendlichen. Es sind die Fragen, die diese Texte auf werfen, die unsere scheinbar sichere Position gegenüber dem Bösen unterminieren. Warum kann man vieles von dem, was diese beiden intelligenten, sensiblen, künstlerisch interessierten und begabten Jungs da schreiben, nachvollziehen, solange es bloße Fiktion bleibt – also genau bis zu dem Punkt, an dem ihre eigenen Fantasien so übermächtig werden, dass sie offensichtlich nicht anders können, als sie in die Realität umzusetzen? Was geht in Eltern vor, wenn sie erfahren, dass ihr Sohn mindestens ein Jahr lang einen Massenmord geplant hat, ohne dass sie auch nur das Geringste ahnten? Die Antworten auf solche Fragen greifen immer zu kurz. Wir füllen die Leerstellen zwischen den Texten mit eigenen Fantasien. Die großen Werke des Bösen in der Literatur und im Film von de Sade über Dostojewski, Baudelaire und Louis-Ferdinand Céline bis hin zu David Lynch und Quentin Tarantino handeln immer auch vom prekären Verhältnis zwischen Fantasie und Realität, vom Umschlagpunkt der Fiktion in die Tat und davon, wie der Täter diesen Punkt erlebt. Harris und Klebold kannten sich für ihr Alter erstaunlich gut aus in der Literatur- und Filmgeschichte. Und sie waren – von außen betrachtet – sogar so etwas wie Musterschüler, wenn es darum ging, eigenepsychische Probleme in Kreativkursen zu reflektieren. Die Psychoanalyse sagt ja, und kulturell interessierte Menschen glauben es fest und gerne, dass die virtuelle Welt der Literatur, des Theaters und Films, möglicherweise auch der Computerspiele, helfen kann, aggressive und sexuelle Impulse zu sublimieren und damit in der Realität unschädlich zu machen. Doch hier scheint eher das Gegenteil der Fall zu sein. Es muss also wohl etwas anderes, Stärkeres gewesen sein als die Erregung durch Medien und literarische und filmische Vorbilder, die ihre Phantasmen so übermächtig werden ließ, dass sie ihnen ab einem bestimmten Punkt nicht mehr entfliehen konnten. Diese beiden künstlerischen begabten Jungs sprechen ja in fiktiven oder geheimen Texten ganz offen von ihren Gefühlen, ihrem Hass, ihrer unerfüllten Liebe und ihrer Todessehnsucht. Gleichzeitig aber sind sie nicht annähernd in der Lage, ihrer realen Umgebung auch nur die geringste Ahnung von der Brisanz dieser Gefühle zu vermitteln. Sie können die Realität nicht im Ansatz nach außen kommunizieren, was sie im Inneren so souverän und sogar ironisch distanziert ausdrücken können. Gegen die, von denen sie sich ausgegrenzt fühlen, können sie sich nur in der Fiktion wehren. Da rächen sie sich grausam und blutig. Aber tatsächlich verstecken sie sich in ihrer sorgsam abgeschotteten Innenwelt. Und dort werden die Fantasien immer übermächtiger, der Druck immer größer, bis ihnen der gewaltsame Ausbruch in die Wirklichkeit als die einzige, visionäre Lösung erscheint.«
(Auszüge aus dem Nachwort von »Ich bin voller Hass – und das liebe ich« von Joachim Gaertner, erschienen im Eichborn Verlag Berlin 2009.)
Daniel Wahl, geboren 1966 in Zürich, studierte dort an der Schauspielakademie. Er arbeitete als Regisseur u.a. in Luzern und Basel. Als Schauspieler war er am Théâtre de Complicité in London und am Theater Basel engagiert. Seit der Spielzeit 2005/2006 ist er Ensemblemitglied am Schauspielhaus. Seine erste Inszenierung am Jungen Schauspielhaus, »Sagt Lila«, wurde zum Kinder- und Jugendtheatertreffen 2007 nach Berlin eingeladen. In der Spielzeit 2007/2008 inszenierte er »Herr der Fliegen« mit 40 Jugendlichen auf der Großen Bühne und am Jungen Schauspielhaus »Träumer« nach dem Roman von Gilbert Adair. In der letzten Spielzeit inszenierte er die Uraufführung von »American Youth« und im Großen Haus »Wer einmal aus dem Blechnapf frisst« nach dem Roman von Hans Fallada.
Eine Koproduktion mit dem Jungen Schauspielhaus
Regie: Daniel Wahl
Bühne und Kostüme: Viva Schudt
Musik: Knut Jensen
Video: Martin Groß
Licht: Kevin Sock
Dramaturgie: Steffen Sünkel
Ort:
Schauspielhaus
Termine:
Do, 18.3.2010, 20:00 | Premiere
Sa, 20.3.2010, 20:00
Fr, 26.3.2010, 20:00
Di, 13.4.2010, 20:00
Di, 27.4.2010, 20:00
Di, 11.5.2010, 20:00
Baal
von Bertolt Brecht
Premiere. 20.03.10, 20:00 Uhr , Malersaal
»Baal frisst! Baal tanzt!! Baal verklärt sich!!!« Bertolt Brecht
Wenn man ihn feiert, will er seine Ruhe. Wenn einer sein Freund ist, enttäuscht er ihn. Wenn er Arbeit hat, geht er nicht hin. Wenn eine Frau ihn liebt, schickt er sie fort. Aber wenn er allein ist, heult er wie ein Kind. Keiner bekommt Baal zu fassen.
Brechts sprachgewaltiges Künstlerportrait »Baal« ist weder Tragödie noch Komödie. Seine Hauptfigur wurde als revolutionäres Gegenbild zum angepassten Bürger, als Übermensch und Verbeugung vor Nietzsche, als lyrische Verklärung eines Augsburger Bekannten oder offenherzige Selbstbespiegelung gelesen. Doch auch den Lesarten verweigert sich Baal hartnäckig. Selbst Brecht konnte seinen widerständigen Helden zeitlebens nicht bändigen. Nachdem er das skandalträchtige Erstlingswerk immer wieder überarbeitet hatte, kehrte er 1954 nicht ohne Warnung – »dem Stück fehlt Weisheit« – zur zweiten Fassung zurück. Wie also diesen schlüpfrigen Verweigerer einfangen? Samuel Weiss geht als Regisseur mit einer ganzen Schauspielklasse auf die Jagd. Denn indem man Baals verführerische Vielgestalt ernst und wörtlich nimmt, kann man ihn vielleicht doch halten. Ein Lied, einen Kuss, eine Ohrfeige lang.
Eine Produktion der Theaterakademie Hamburg in Zusammenarbeit mit dem Schauspielhaus.
Regie: Samuel Weiss
Bühne: Ralph Zeger
Kostüme: Janina Brinkmann
Musikalische Einstudierung und Leitung: Joachim Kuntzsch
Dramaturgie: Anna Heesen, Friederike Trudzinski
Licht: Susanne Ressin
Mit Studierenden des 6. Semesters Bachelor Schauspiel der Theaterakademie Hamburg
Ort:
Malersaal
Termine:
Sa, 20.3.2010, 20:00 | Premiere
Mo, 22.3.2010, 20:00
Sa, 17.4.2010, 20:00
Spiel's noch einmal #3
Premiere: 07.04.10, 20:00 Uhr , M&M Bar des Maritim Hotels Reichshof
Nach dem unerwarteten Wiedersehen mit Ilsa verfällt Rick in eine Depression, die er mit Whiskey zu betäuben versucht. Doch selbst nach dem 50sten Single Malt gehen die Erinnerungen an Ilsa, seine einzige große Liebe, nicht weg. Immer wieder überlegt er, warum sie ihn ohne eine Nachricht verlassen hat, wenigstens eine SMS hätte sie doch schreiben können. Die dritte Folge widmet sich der amourösen Vorgeschichte von Rick und Ilsa in Paris, der Stadt der Liebe.
Regie: Dominique Schnizer
Bühne und Kostüme: Christin Treunert
Dramaturgie: Steffen Sünkel, Florian Vogel
Musik: Jonathan Wolters
Ort:
M&M Bar des Maritim Hotels Reichshof
Termine:
Mi, 7.4.2010, 20:00
Mo, 19.4.2010, 19:00
Mo, 19.4.2010, 21:00
Di, 20.4.2010, 19:00
Di, 20.4.2010, 21:00
Mädchen in Uniform - Wege aus der Selbstverwirklichung
von René Pollesch
nach Christa Winsloe
»Mein Gott! Nicht noch so eine exaltierte Künstlerin! Und dabei wären Sie so eine glückliche Hausfrau geworden! Hören Sie auf, sich zu empören! Formulieren Sie Ihre Probleme mit mir nicht in Begriffen der Unterdrückung. Wo ist die denn hier? Die Unterdrückung? Was soll dieses Gefasel von Ausdruck, und dass ich Ihnen den rauben wollte. Sie werden im Gegenteil dauernd zum Ausdruck ermutigt! Das sollte Ihr Problem sein. Die Macht liegt nicht in der Repression, sondern darin, dass da nur wieder jemand ist, der sich ausdrücken will! Warum denn? -
Wenn man möchte, dass etwas geheim bleibt, muß man es nur für alle hörbar herausposaunen. Ein Geheimnis zu hüten, indem man es vor der Sonne verbirgt, die alles an den Tag bringt, ist eine veraltete Methode. Viel sicherer ist es, die Dinge, über die niemand nachdenken oder reden soll, zu publizieren. Was einmal vom kulturindustriellen Medienverbund gedruckt oder gesendet worden ist, wird von niemandem mehr ernst genommen und von allen sofort vergessen.« (René Pollesch, Wolfgang Pohrt)
René Pollesch arbeitet wieder am Schauspielhaus, wo er bereits unter Tom Stromberg spektakuläre Erfolge feierte. Seit der Spielzeit 2001/2002 ist er Künstlerischer Leiter des Praters der Berliner Volksbühne. Die dort entstandene »Prater-Trilogie« wurde 2002 zum Berliner Theatertreffen eingeladen und Pollesch in der Kritikerumfrage der Zeitschrift »Theater heute« zum Dramatiker des Jahres gewählt. Bereits zweimal ist er mit dem Mülheimer Dramatikerpreis ausgezeichnet worden. Am Staatstheater Stuttgart war er während der Intendanz von Friedrich Schirmer Hausautor. Neben seiner Arbeit an der Berliner Volksbühne inszenierte René Pollesch seine eigenen Stücke u.a. am Burgtheater Wien und den Münchner Kammerspielen. »Mädchen in Uniform – Wege aus der Selbstverwirklichung« ist eine Auftragsarbeit des Schauspielhauses. Der Text von René Pollesch bezieht sich u.a. auf das Theaterstück von Christa Winsloe (1930), das mehrmals verfilmt wurde, u.a. 1958 mit Romy Schneider und Lilli Palmer. Das Stück von Christa Winsloe spielt im Jahr 1910, wo die junge Manuela von Meinhardis nach dem Tod ihrer geliebten Mutter in einem streng autoritär geführten Internat für adlige junge Mädchen die Regeln der Gesellschaft erlernen soll. Schnell entwickelt sich zwischen ihr und der engagierten Lehrerin Fräulein von Bernburg eine intensive Beziehung. Manuelas Schwierigkeiten, den strengen Vorschriften des Hauses zu folgen und die verbotenen Empfindungen in der Verschwiegenheit unter Verschluss zu halten, führen zu dramatischen Konsequenzen.
Text und Regie: René Pollesch
Bühne: Bert Neumann
Kostüme: Tabea Braun
Chorleitung: Christine Groß
Dramaturgie: Anna Heesen
Licht: Kevin Sock
Ort:
Schauspielhaus
Termine:
So, 14.3.2010, 20:00
Mo, 29.3.2010, 20:00
So, 11.4.2010, 20:00
Do, 29.4.2010, 20:00
Sa, 8.5.2010, 20:00
Nachrichten aus der ideologischen Antike
von Alexander Kluge
In einer Bearbeitung von Kevin Rittberger
»Wenn einer mit einem Taschenmesser in eine Maschine hineinschneidet, fließt Blut heraus.«
ALEXANDER KLUGE/ OSKAR NEGT
»Die Menschen müssen ihre Maschinen befreien, damit sie sich revanchieren können.«
DIETMAR DATH
1927 schreibt der russische Filmemacher Sergej Eisenstein folgendes in sein Arbeitsbuch: »Der Entschluss steht fest, »Das Kapital« nach dem Szenarium von Karl Marx zu verfilmen.« In den imaginären Steinbrüchen Alexander Kluges lebt das Vorhaben nun fort. Die szenischen Miniaturen – und darin folgt er Eisensteins Vorstellung einer kugelförmigen Dramaturgie – sind einzelnen Lebensläufen geschuldet, während gleichzeitig Assoziationsketten und Subtexte die gesamte Menschheitsgeschichte aufrufen. Es geht um den langen Marsch der Außenwelt in das Innere des Menschen.
Menschen haben, so Kluge, wenn auch nur in ihren Zellen, ein Bewusstsein dafür, den geschichtlichen Prozess beeinflussen zu können. Auf die Frage, ob sie mit dem Resultat ihrer Arbeit zufrieden seien, antworten die toten Geschlechter: So haben wir das alles nicht gewollt. Niemals aber werden sich die Menschen ihren Weg in die Emanzipation ausreden lassen. Im Magazin des ehemaligen Grand-Guignol-Theaters, das noch bis vor 40 Jahren Horrorstücke spielte, werden die Fragen nach dem Unabgegoltenen in der Geschichte nun neu gestellt, der »Zeitbedarf von Revolutionen« neu formuliert: Einer der Darsteller, der Mann ohne Kopf, probt seit 40 Jahren die perfekte Hinrichtungsszene.
So werden die »Nachrichten aus der ideologischen Antike«, Kluges verspielter Kommentar auf das Hauptwerk von Karl Marx, nun mit den Mitteln der Bühne fortgesetzt – auch als Reverenz an jene Mitglieder unseres Ensembles, die in Kluges Film mitgewirkt haben.
Kevin Rittberger, geboren 1977 in Stuttgart. Studium der Neueren Deutschen Literatur, Publizistik und Kommunikationswissenschaften in Berlin. 2004 Inszenierung am Staatstheater Stuttgart: »Hunger nach Sinn. Fünf Szenen nach Alexander Kluge.« Dort bearbeitete und inszenierte er auch 2006 den Roman »Ostend« von Manfred Esser. Am Schauspielhaus inszenierte er »Der Wunderheiler« von Brian Friel. Im Rahmen der von ihm kuratierten Veranstaltungsreihe »Entschleunigung! « (2007/2008)schrieb und inszenierte er »Beyond History« im Rangfoyer. Weitere Arbeiten am Schauspielhaus: »Hunger nach Sinn. Zweiter Teil« und »Fast Tracking« (2008). Mit seinem Stück »Dritte Natur« wurde er 2008 zu den Werkstatttagen am Burgtheater Wien eingeladen. Kevin Rittberger wird in dieser Saison auch in Berlin, Frankfurt und Wien arbeiten.
Regie: Kevin Rittberger
Bühne: Christoph Ebener
Kostüme: Janina Brinkmann
Musik: Stefan Schneider
Dramaturgie: Steffen Sünkel
Licht: Björn Salzer
Video: Alexander Grasseck
Ort:
Malersaal
Termine:
Do, 25.3.2010, 20:00
Do, 1.4.2010, 20:00
Fr, 2.4.2010, 19:00
Pornographie
von Simon Stephens
Die Bilder der Hölle. Sie sind stumm.
PORNOGRAPHIE
Es gibt eine Homepage, auf der Menschen aus allen Regionen der Welt Fotos veröffentlichen, die eine kollektive Botschaft verkünden: »We are not afraid.« Wir haben keine Angst – vor Attentaten, vor fundamentalistischem Terror. Interessant ist, dass die meisten Bilder aus Ländern stammen, in denen gar keine Anschläge stattgefunden haben. Die Seite ist eine Galerie internationaler Solidarität, ein Psychogramm gemeinsam empfundener Bedrohung. Simon Stephens hat ein Stück über dieses Lebensgefühl geschrieben. »Pornographie « lautet der Titel, und es geht nicht um Sex oder Milieu, sondern um das, was man die Pornographie des Alltags nennen könnte. Es ist die Geschichte einer westlichen Metropole: eine Stadt, ein Tag, sieben Episoden. »Als Schriftsteller muss man die Fähigkeit haben, die Welt mit offenem Mund und kindlichem Staunen zu betrachten«, sagt Stephens. Die Stadt, über die er staunend schreibt, heißt London, und der Tag, den die Figuren erleben, ist der 7. Juli 2005, als vier Selbstmordattentäter die U-Bahn sprengten und 52 Menschen ihr Leben verloren. Doch der Terroranschlag spielt nur eine marginale Rolle, ist lediglich ein Blitzlicht am Rande des menschlichen Daseins. Denn die Bewohner Londons hatten in dieser Woche mehrere »Großereignisse« zu verkraften: Es wurde entschieden, dass die Olympischen Spiele 2012 in der Themsestadt ausgetragen werden und gleichzeitig fand »Live8« statt, das größte Benefiz-Rockkonzert der Welt. Der ganz normale Wahnsinn, der sich in jeder Metropole ereignen kann. Stephens’ Talent, Realität zu beschreiben, verbindet sich mit einer atemberaubenden, ungewöhnlichen Erzähldramaturgie. Puzzleartige Textbausteine fügen sich zu einer Art Menschenmosaik zusammen. In loser Szenenfolge erzählt Stephens Alltagsetüden, berührende Momentaufnahmen aus dem Leben von Großstadtmenschen am Rande einer Katastrophe, deren Schilderung jedoch ausgespart bleibt. Es ist ein Stück über Menschen, die sich nicht brauchen, ein Stück über Menschen, die einfach nehmen, ohne zu fragen. »Images of hell. They are silent.«, heißt es immer wieder in »Pornographie «. »So wie die Pornographie sexueller als sexuell ist, weshalb sie gar kein Sexuelles mehr an sich hat«, schreibt Jean Baudrillard, sei es auch mit der »Hypergewalt« des modernen Terrorismus: eine sinnlose Gewalt ohne Geschichte und Perspektive, ohne Richtung auf ein konkretes Ziel oder gar eine Person. »Wir wissen nichts anzufangen mit dieser Gewalt. Sie verpufft.« Und so begleiten wir acht Menschen an diesem außergewöhnlichen Tag durch das Verkehrsnetz der Großstadt. Sie lieben, leben, arbeiten, essen und trinken fast so, als wäre die Welt noch in Ordnung. »Man kann ein Gedicht über einen Baum oder einen Song über einen See schreiben. Aber ein Stück muss von Menschen handeln«, sagt Simon Stephens.
Ein Auftragswerk des Deutschen Schauspielhauses in Hamburg.
Eine Koproduktion mit dem schauspielhannover und dem Festival Theaterformen
Simon Stephens, der ausländische Dramatiker des Jahres 2008, ist mit zwei Stücken im Schauspielhaus-Spielplan vertreten: »Pornographie« und »Harper Regan«.
Die Vorstellung dauert 2 1/4 Stunden. Keine Pause.
Regie: Sebastian Nübling
Bühne: Muriel Gerstner
Co-Bühnenbild und Assistenz: Jean-Marc Desbonnets
Kostüme: Marion Münch
Musik: Lars Wittershagen
Licht: Roland Edrich
Dramaturgie: Nicola Bramkamp, Regina Guhl
Mit: Katja Danowski, Christoph Franken, Peter Knaack, Juliane Koren, Jana Schulz, Daniel Wahl, Samuel Weiss, Martin Wißner
Ort:
Schauspielhaus
Termine:
Mi, 31.3.2010, 20:00
Fr, 16.4.2010, 20:00
Romeo und Julia
von William Shakespeare
»Liebe ein zartes Ding? Sie ist grob, zu roh, zu wild und sticht wie Disteldorn.«
WILLIAM SHAKESPEARE, ROMEO UND JULIA
Von der Kraft der Liebe, die zwei junge Menschen über sich hinauswachsen lässt, um alle Hindernisse zu überwinden und die schließlich doch Tod und Zerstörung bringt, handelt Shakespeares berühmte Tragödie. Fast schon sprichwörtlich steht sie für eine kompromisslose, grenzüberschreitende Liebe. Was ist die geheimnisvolle Macht dieses großen Gefühls? Für Romeo und Julia ist es nur ein kurzer Augenblick, der ihre ganze Welt aus den Fugen hebt. Auf einem Fest begegnen sie sich zum ersten Mal, ein Blick genügt, um eine stürmische Liebe zu entfachen. Doch Romeo und Julia stammen aus zwei bis auf den Tod verfeindeten Familien, ihre Liebe steht von Beginn an unter einem unglücklichen Stern. Nur heimlich, im Schutz der Nacht, kann Romeo zu Julias Balkon gelangen. Dort versprechen sich beide ewige Treue, dort beschließen sie, ihren eigenen Weg des Gefühls zu gehen, gegen die Brutalität des Krieges ihrer Elternhäuser. Aber die Gewaltspirale lässt sich nicht aufhalten; als in einem Streit zwischen beiden Clans Romeos bester Freund ermordet wird, tötet Romeo Julias Vetter. Romeo wird für diese Tat aus der Stadt verbannt. Jetzt kommt die Politik ins Spiel. Pater Lorenzo hofft, sich die Liebe der beiden zunutze machen zu können, um den Streit zwischen den Familien beilegen zu können. Gegen die Interessen der Eltern entwickelt er einen Plan, um Romeo und Julia zur Flucht zu verhelfen. In bester Absicht geht er ein hohes Risiko ein und scheitert: Romeo und Julia sterben. Erst ihr Tod bringt die Versöhnung der Familien. »Romeo und Julia« erzählt von der revolutionären Kraft der Liebe in all ihren schöpferischen und zerstörerischen Formen. Es ist die erste große Liebe zweier ganz junger Menschen, eine verspielte, unschuldige Liebe und ein großes, starkes Gefühl. Doch die Vernunft fordert ihr Recht in Form einer gänzlich unvernünftigen Feindschaft, von der keiner mehr weiß, warum sie entstand. Nach »Was ihr wollt« und »Hamlet« ist »Romeo und Julia« Klaus Schumachers dritte Shakespeare-Inszenierung. Wie in »Hamlet«, erleben wir auch hier das Aufeinanderprallen zweier Generationen. Das Stück erzählt von zwei jungen Menschen, die schon früh dazu gezwungen werden, sich mit den Konflikten der Erwachsenenwelt auseinanderzusetzen. Sie entwickeln ihre Utopie als Antwort auf die Fesseln der gesellschaftlichen Realität: Sie wollen ihren eigenen Weg gehen und nur ihrer Liebe folgen. Auch wenn dieser Weg in den Tod führt, geht es Shakespeare nicht darum, den Ungehorsam gegenüber den Eltern zu bestrafen; er beschwört mit der ganzen Suggestivkraft seiner Poesie die beglückende Erfahrung der Leidenschaft. Die Titelrollen werden Aleksandar Radenković und Julia Nachtmann spielen.
Klaus Schumacher, Künstlerischer Leiter des »Jungen Schauspielhauses«, inszeniert regelmäßig auf der Großen Bühne des Schauspielhauses (»Was ihr wollt«, »VORSTELLUNGEN!«). Außerdem arbeitete er am Staatstheater Stuttgart, am Schauspiel Hannover und am Bremer Theater. Für seine Inszenierung »Mutter Afrika« ist er mit mehreren Preisen ausgezeichnet worden, u.a. mit dem »Rolf-Mares-Preis« sowie dem deutschen Theaterpreis »Der Faust«.
Regie: Klaus Schumacher
Bühne: Katrin Plötzky
Kostüme: Heide Kastler
Musik: Tobias Vethake
Dramaturgie: Michael Propfe
Licht: Susanne Ressin
Kampftrainer: Frank Meyer-Brockmann
Ort:
Schauspielhaus
Termine:
Fr, 19.3.2010, 20:00
Do, 25.3.2010, 20:00
Sa, 3.4.2010, 20:00
Mi, 14.4.2010, 20:00
Sa, 17.4.2010, 20:00
So, 25.4.2010, 20:00
Mi, 12.5.2010, 20:00
Genannt Gospodin
von Philipp Löhle
»Es kommt darauf an, dass einer es wagt, ganz er selbst, ein einzelner Mensch, dieser bestimmte einzelne Mensch zu sein.« SØREN KIERKEGAARD
Vielleicht wollte Gospodin dieser bestimmte einzelne Mensch zunächst gar nicht sein. Er hatte ein Lama, mit dem er durch die Stadt gelaufen ist. Und so ein Lama ist eine wunderbare Attraktion, eine gute Einnahmequelle und gleichzeitig sein Lebensinhalt. Dummerweise nimmt Greenpeace ihm das Lama weg, da Gospodin eine artgerechte Haltung des Tieres in seiner Privatwohnung nicht gewährleisten kann. Für Gospodin bricht eine Welt zusammen, weshalb er sich zurückzieht, seiner Freundin, seinem Bekanntenkreis und dem Kapitalismus Lebewohl sagt. Frei nach Gertrude Stein: »Was die Menschen von den Tieren unterscheidet ist Geld. Alle Tiere haben die gleichen Gefühle und die gleichen Gewohnheiten wie Menschen. Aber was kein Tier kann, ist zählen, und was kein Tier kennt, ist Geld.« Gospodin lehnt Geld und jegliche Form von materiellem Besitz ab und versucht, sein Leben außerhalb der vorgegebenen Regeln des Systems zu organisieren. Ein paar seiner Freunde wollen ihn aus seiner Isolation herauslocken, einige nutzen ihn arglos aus. Bald schon verlieren sich jedoch alle Kontakte, erst als er wider Willen zu einer Tasche voll Geld kommt, interessieren sich nicht nur seine alten Freunde und seine Mutter wieder für ihn, sondern auch die Polizei. Philipp Löhle beschreibt in »Genannt Gospodin« unsere Gegenwart aus der Sicht eines Verweigerers. Ohne Sarkasmus, aber mit viel skurrilem Witz. Weder militant noch aggressiv oder belehrend lebt Gospodin sein Dogma mit einer Konsequenz, die die Lebenslügen seiner Umwelt offenlegt. Aber nicht nur das. Denn auch Gospodins Glück, ganz er selbst zu sein, ein Individuum zu sein, funktioniert letztlich nur vorübergehend.
Johan Heß, geboren 1978 in Leipzig, studierte Germanistik, Theaterwissenschaft und Informatik. Er arbeitete von 1999 bis 2005 in der freien Theaterszene in Leipzig und begründete dort die Gruppe »theaterbaustelle«, in der er als Regisseur und Autor tätig war. Sein Stück »Rosa, wie ein bisschen rot« wurde 2004 zum Stückemarkt der Berliner Festspiele eingeladen. 2005 bis 2007 arbeitete er als Regieassistent am Staatstheater Nürnberg und erarbeitete dort neben einigen Lesungen 2006 auch eine eigene Produktion unter dem Titel »Wir sind Weltmeister! (Ich wäre gern ein Fußballfan)«. Seit 2007 ist er Regieassistent am Schauspielhaus und leitet eine Backstage-Gruppe. Er inszenierte den Monolog »Der Erinnerungsredakteur«, das Live-Hörspiel »Versuch mit der Dauer der Liebe« und in Koproduktion mit der NDR-Bigband das Live-Hörspiel »Kommander Börte«.
Regie: Johan Heß
Bühne & Video: Anje Kuna
Kostümbild: Anja Wendler
Dramaturgie: Anna Heesen
Licht und Ton: Jonathan Nacke
Ort:
Rangfoyer
Termin:
So, 28.3.2010, 20:30
Von Mäusen und Menschen
nach dem Roman von John Steinbeck
»Es ist wie mit dem Himmel. Jeder wünscht sich ein kleines Stückchen Land.« JOHN STEINBECK
»Von Mäusen und Menschen« erzählt eine Geschichte von zwei besonderen Freunden, die Halt in der Welt suchen. Die beiden sind reisende Landarbeiter. George ist geschickt und einfallsreich, Lennie ist bärenstark, aber geistig schwach. Sie verbindet der Traum von einem Ort: Sie sehnen sich nach einem Stück Erde, auf dem sie ernten, was sie säen. Das ungleiche Paar bekommt auf der Farm des rauflustigen Curley Arbeit. Curleys hübsche Frau fordert Lennies Begierde heraus. Gemeinsam mit anderen Arbeitern, dem alten Candy, dem schwarzen Crooks und dem pragmatischen Slim rückt der Traum vom Leben auf einer eigenen Farm und dem Ende der Knechtschaft in erreichbare Nähe. Doch Lennie zerstört mit seiner ungelenken Kraft und seiner naiven Begierde immer wieder die Dinge, die er liebt. Aus der Natur dieser beiden Menschen selbst entspinnt sich so die Katastrophe. In einer existentiellen Situation muss George Treue und Verantwortung abwägen: Im Angesicht von Lebensumständen, die von »ständiger Erosion« geprägt sind, stellt sich ihm die Frage, was es braucht, um als ein Mensch unter Menschen leben zu können. John Steinbecks wunderbare Novelle mit tragischen und komischen Elementen begründete seinen Weltruhm. Sie erzählt von den Wanderarbeitern und gilt als Meisterwerk amerikanischer Erzählkunst.
Alexander Riemenschneider, geboren 1981, der bereits während des Studiums an der Theaterakademie Hamburg mit seinen Arbeiten auf sich aufmerksam machen konnte, wird zum ersten Mal am Jungen Schauspielhaus inszenieren. Seine Adaption des Romans »Der Schaum der Tage« von Boris Vian wurde zu mehreren europäischen Festivals in die Slowakei, nach Österreich und Frankreich eingeladen. Im Mai 2009 schließt er sein Regiestudium mit einer Inszenierung von »Caligula« von Albert Camus auf Kampnagel in Hamburg ab. In der Spielzeit 2009/2010 wird er auch in Potsdam und Berlin arbeiten.
Regie: Alexander Riemenschneider
Bühne und Kostüme: Alexandre Corazzola
Musik: Tobias Vethake
Dramaturgie: Anselm Lenz
Licht: Andreas Juchheim
Mit: Hermann Book, Thorsten Hierse, Heiko Raulin, Nadine Schwitter, Martin Wolf
Ort:
Malersaal
Termine:
Di, 23.3.2010, 20:00
Mi, 24.3.2010, 11:00
Fr, 30.4.2010, 19:00
Sa, 1.5.2010, 19:00
Glaube Liebe Hoffnung
Ein kleiner Totentanz in fünf Bildern
von Ödön von Horváth. Mitarbeit: Lukas Kristl
»SCHUPO Ohne Glaube Liebe Hoffnung gibt es logischerweise kein Leben. Das resultiert alles voneinander.
ELISABETH Sie haben leicht reden als Staatsbeamter in gesicherter Position.
SCHUPO Wir müssen doch alle mal sterben.
ELISABETH Hörens mir auf mit der Liebe.«
ÖDÖN VON HORVÁTH, GLAUBE LIEBE HOFFNUNG
Im Februar 1932, auf dem Höhepunkt der ersten Weltwirtschaftskrise, traf Ödön von Horváth auf einer Reise den Gerichtssaalberichterstatter Lukas Kristl, der ihn fragte, warum sich die Dramatiker immer nur für Kapitalverbrechen interessierten und sich kaum jemals mit den »kleinen Verbrechen« beschäftigten. (Auch heute reichen ja fehlende 1,30 € eher zur Entlassung als das Versenken von Milliardenvermögen.) Kristl erzählte ihm vom Fall einer Korsettvertreterin, die wegen Betrugs zu einer Gefängnisstrafe verurteilt worden war. Horváth nahm Kristls Anregung zum Anlass, den »gigantischen Kampf zwischen Individuum und Gesellschaft« zum Thema zu machen, »dieses ewige Schlachten, bei dem es zu keinem Frieden kommen soll, höchstens dass mal ein Individuum für einige Momente die Illusion des Waffenstillstandes genießt.« So entstand Horváths »Kleiner Totentanz«, in dem er in fünf Stationen den Leidensweg der mittellosen Elisabeth schildert, die trotz ihres Lebensmottos »Ich lasse den Kopf nicht hängen« schließlich an der Rigorosität des Systems zugrunde geht. Das Stück beginnt vor dem Anatomischen Institut. Elisabeth braucht dringend 150 Mark, um eine Vorstrafe zu bezahlen, da sie ohne Wandergewerbeschein gearbeitet hat. Deshalb möchte sie schon zu Lebzeiten ihre Leiche für die Forschung verkaufen. Aus Mitleid streckt ihr der Präparator das Geld vor, im Glauben, ihr damit einen neuen Wandergewerbeschein zu finanzieren. Noch bevor sie die 150 Mark abarbeiten kann, verliert sie ihre Stelle, weil sie als Verkäuferin nicht genug Umsatz macht. Als der Präparator herausfindet, dass sie mit seinem Geld ihre Vorstrafe bezahlt hat, erstattet er Anzeige gegen sie. Elisabeth wird wegen Betrugs zu vierzehn Tagen Gefängnis verurteilt. Aber sie gibt die Hoffnung nicht auf. Sie lernt vor dem Wohlfahrtsamt den jungen Schupo Alfons Klostermeyer kennen und verliebt sich in ihn. Als der von ihren Vorstrafen erfährt, verlässt er Elisabeth aus Angst um seine Karriere. Verzweifelt und völlig entkräftet geht Elisabeth ins Wasser. Horváth hat den Kampf zwischen Individuum und Gesellschaft als Kern all seiner Stücke bezeichnet. In »Glaube Liebe Hoffnung« beschreibt er, wie Elisabeth durch ihre Vorstrafe und ihre Armut zunehmend sozial isoliert wird. Die allgemeine wirtschaftliche Not der Zeit – allein in Deutschland gab es damals fast sechs Millionen Arbeitslose – spiegelt sich im Bedürfnis der Gesellschaft nach Abgrenzung gegenüber Armut. Unverzichtbar sind hierbei Status und Hierarchien, die Sicherheit und Ordnung vorspiegeln und die Angst vor dem gesellschaftlichen Abstieg lindern. So werden die Begegnungen zwischen Elisabeth und den Menschen ihrer Umgebung immer bösartiger. Homo homini lupus est.
Karin Henkel, geboren 1970, arbeitete u.a. am Burgtheater Wien, am Deutschen Theater Berlin, in Bochum, Bremen, Leipzig, Düsseldorf, Köln, und Stuttgart. Ihre dortige Inszenierung von Tschechows »Platonow« wurde 2006 zum Theatertreffen Berlin eingeladen. Die Stadt Leipzig verlieh ihr 2006 den Caroline-Neuber-Preis. »Glaube Liebe Hoffnung« ist nach »Medea«, »Komödie der Verführung« und »Minna von Barnhelm« ihre vierte Inszenierung am Schauspielhaus.
Regie: Karin Henkel
Bühne: Stefan Mayer
Kostüme: Klaus Bruns
Musik: Cornelius Borgolte
Dramaturgie: Stephanie Lubbe, Michael Propfe
Licht: Annette ter Meulen
Ort:
Schauspielhaus
Termine:
So, 28.3.2010, 20:00
Fr, 9.4.2010, 20:00
Dantons Tod
von Georg Büchner
»Puppen sind wir, von unbekannten Gewalten am Draht gezogen; nichts, nichts wir selbst.«
GEORG BÜCHNER, DANTONS TOD
»Die soziale Revolution ist noch nicht fertig, wer eine Revolution zur Hälfte beendet, gräbt sich selbst das Grab.« Mit diesen Worten legitimiert Robespierre das Terrorregime, das Frankreich beherrscht. Die Lager sind gespalten, es herrscht Ratlosigkeit. Das Volk hungert und klagt. Danton will das Morden beenden, für Robespierre Grund genug, Danton und seine Anhänger zu Feinden der Revolution zu erklären. Die Revolution frisst ihre Kinder. Robespierre bringt Danton samt seinen Anhängern aufs Schafott, und die Revolution gebiert die Diktatur. »Dantons Tod« als Kampf zweier Prinzipien, als Konfrontation der Antagonisten Robespierre und Danton: der radikale Fundamentalist gegen den idealistischen Humanisten – doch so einfach ist es nicht. Denn Danton handelt nicht vorrangig aus moralischen oder ideologischen Gründen – er handelt aus einer fatalistischen Empfindung heraus: Der Anführer der Revolution ist müde geworden. »Es wurde ein Fehler gemacht, wie wir geschaffen wurden; es fehlt uns etwas, ich habe keinen Namen dafür.« Es ist Ekel vor dem menschlichen Dasein, das Schmerz erleiden und zufügen muss. Ekel vor der grässlichen Zwangsläufigkeit der Geschichte, die sich ihn gegen das Revolutionsgebaren wenden lässt. Es ist aber auch die Sehnsucht nach der Ruhe des Nichts und die Angst, dass der Tod das Nichts nicht bringen könnte. Danton scheitert nicht an der Revolution, nicht an den Intrigen seiner Gegenspieler, sondern an seinem eigenen Misstrauen in die Revolution und in die Welt überhaupt. Büchner arbeitete 1835, einundzwanzigjährig, an »Dantons Tod«, während er sich auf sein Medizinexamen vorbereitete und mit der von ihm mitgegründeten »Gesellschaft der Menschenrechte« eine Revolution auf deutschem Boden plante. Trotzdem ist »Dantons Tod« weder ein revolutionäres Tendenzstück noch ein historischer Bilderbogen. Der Dichter Büchner zerlegt die Revolutionsvorgänge mit der Objektivität des Wissenschaftlers und diagnostiziert ihren Niedergang mit der Kälte des Analytikers. Zentral ist Dantons Reflexion, sein Durchschauen revolutionärer, d.h. aller politischen Prozesse, der Fragwürdigkeit allen politischen Handelns, des Widerspruchs zwischen privatem Sein und öffentlicher Existenz. »Ist denn nichts in dir, was dir nicht manchmal, ganz leise, heimlich sagte, du lügst, du lügst?« hält er Robespierre vor. An solchen Punkten wird der elementare Widerspruch deutlich, der dieses Stück durchzieht und an dem für Büchner der »grässliche Fatalismus« aller historischen Prozesse aufscheint. Aber was heißt historisch?
Regie und Bühne: Dušan David Parizek
Kostüme: Kamila Polívková
Musik: Roman Zach
Dramaturgie: Nora Khuon, Steffen Sünkel
Licht: Annette Ter Meulen
Ort:
Schauspielhaus
Termine:
Sa, 27.3.2010, 20:00
Do, 15.4.2010, 20:00
Tannöd
nach dem Roman von Andrea Maria Schenkel
Sie spürt einen Luftzug. Dreht sich um zur Tür. Die Tür steht leicht offen. Sie will sie schließen. Da bemerkt sie, wie sich die Tür langsam knarrend immer mehr öffnet. Ungläubig staunend blickt sie auf den größer werdenden Spalt. Bis sie ohne ein Wort, ohne eine Silbe von der Wucht des Schlages zu Boden fällt. ANDREA MARIA SCHENKEL, TANNÖD
Ein Ort, unendlich öde und einsam, ein paar Tannen, ein Gehöft, sonst nichts. Tannöd, ein vergessener Winkel im Niemandsland, weitab vom nächsten Dorf und den nächsten Nachbarn. Die Danners, seine Bewohner, sind eigenbrötlerische, mürrische Menschen, die sich außerhalb der Dorfgemeinschaft eingerichtet haben. Doch dann dringt seit Tagen kein Lebenszeichen mehr von Tannöd ins Dorf, nur der Hund kläfft. Im Heu, im Bett, in der Kammer werden die Leichen der Danners geborgen: der Bauer, seine verhärmte Frau, die Tochter mit den beiden Kindern, die neue Magd – ermordet mit einer Spitzhacke. Vom Mörder fehlt jede Spur. Nur der Zuschauer sieht ihn: Ohne seine Identität ausmachen zu können, durchwandert er gemeinsam mit ihm das Stück, sieht ihm bei seinen alltäglichen Verrichtungen zu, beobachtet, wie sich das Verbrechen seinen Weg bahnt, und schaudert vor der Gewöhnlichkeit, die das Leben des Täters vor und nach dem Mord annimmt. Der Mord aber fungiert als Katalysator, um ein viel tieferliegendes, verschüttetes Geheimnis an die Oberfläche zu holen. Die Familiengeschichte der Danners endet nicht nur mit dem tragischen Tod aller ihrer Mitglieder, sondern enthüllt tabuisierte, grausame Ereignisse der Vergangenheit, die von den Dorfbewohnern zwar nicht akzeptiert, aber geduldet worden sind. »Tannöd« erschien 2006 zunächst als Roman mit sensationellem Erfolg. Andrea Maria Schenkel griff auf einen Kriminalfall aus dem Jahr 1922 in der bayerischen Provinz zurück. Ihre Entscheidung, das Geschehen in die fünfziger Jahre zu versetzen, verstärkt die Atmosphäre verdrängter Taten, sie lässt politisch werden, was als private Tragödie hätte abgetan werden können. Blutbad und Familiengeschichte rekonstruiert sie mosaikartig aus ineinander verschnittenen Berichten der Dorfbewohner, inneren Monologen und realistischen Betrachtungen der Geschehnisse. Alle kommen zu Wort, auch der Mörder. Die einzelnen Stimmen mischen sich zu einem Chor aus Lebenden und Toten, Schuldigen und Unschuldigen, Tätern und Opfern, wobei eindeutige Zuweisungen im Verlauf der Geschichte immer schwerer fallen. Schenkel zeichnet mit brillanter Sprache präzise die Wirklichkeit nach. Angeekelt und fasziniert zugleich verfolgen wir die Weltabgewandtheit, Bigotterie und blinde Obrigkeitstreue, die die Figuren deformieren, ihre Lebenswege bestimmen – und zwangsläufig ins Unglück führen. Andrea Maria Schenkel gewann für ihren Roman zahlreiche Preise, er hielt sich 36 Wochen in der »Spiegel«- Bestsellerliste.
Crescentia Dünßer und Otto Kukla gründeten 1986 nach ihrem ersten Engagement als Schauspieler am Schauspielhaus Bochum das Zelt Ensemble Theater (Z.E.T.). 1993 übernahmen sie gemeinsam die Leitung des Zimmertheaters in Tübingen und wechselten nach sechs Jahren an das Theater Neumarkt in Zürich. Crescentia Dünßer führte außerdem bei verschiedenen Dokumentarfilmen Regie, beide waren als Schauspieler in etlichen Filmen zu sehen. Zuletzt inszenierten sie in Karlsruhe »Ulrike Maria Stuart« von Elfriede Jelinek und »Penthesilea« von Heinrich von Kleist, in Stuttgart Goethes »Iphigenie auf Tauris«. Am Schauspielhaus waren von ihnen Carl-Henning Wijkmarks »Der moderne Tod« und Kleists »Michael Kohlhaas« zu sehen.
Bühnenfassung von Maya Fanke und Doris Happl
Regie: Crescentia Dünßer
Co-Regie und Bühne: Otto Kukla
Kostüme: Annie Lenk
Musik: Harald Blüchel
Dramaturgie: Michael Propfe
Licht: Andreas Juchheim
Ort:
Malersaal
Termine:
Fr, 26.3.2010, 20:00
Sa, 27.3.2010, 20:00
Das Wunder von Schweden
Eine musikalische Möbelsaga
von Erik Gedeon und Klas Abrahamsson
»Es ist nicht wichtig, was einer einnimmt oder verdient. Die Hauptsache ist, was einer ausgibt. Du kannst reich werden, obwohl du arm bist. Du darfst bloß nichts unnötig ausgeben.« INGVAR KAMPRAD
Im kargen, holzreichen Småland, dem Armenhaus Schwedens, steht 1926 die Wiege eines der Wunderkinder der freien Marktwirtschaft: Ingvar Kamprad. Als Sohn verarmter deutscher Einwanderer väterlicherseits und einer schwedischen Krämerfamilie mütterlicherseits, entdeckt Ingvar Kamprad schon als Kind die Faszination von Gewinnmargen. Als Fünfjähriger erwirbt er Streichholzschachteln im Hunderterpack, um sie einzeln mit einem Bruttogewinn von mehreren Öre pro Stück weiterzuverkaufen. Mit siebzehn gründet er ein Ein-Mann-Versandhaus, mit der Geschäftsidee, günstige, für jeden Geldbeutel erschwingliche Möbel zu verkaufen – zerlegbare Möbel, die die Kunden selber transportieren und zusammenbauen können: IKEA ist geboren. Innerhalb weniger Jahre wird die Firma zu einem der weltweit erfolgreichsten Unternehmen. In dem akribischen, für alle Filialen verbindlichen Verkaufskonzept steht Kostenbewusstsein an erster Stelle, es enthält aber auch einen Tugendkatalog für die Mitarbeiter, von denen Bescheidenheit und Sparsamkeit erwartet wird. Alle duzen sich, und Privilegien für leitende Angestellte sind abgeschafft. Kamprad, der es liebt, bei seinen Besuchen alle Mitarbeiter zu umarmen wie eine große Familie, weigert sich hartnäckig, mit seinem Unternehmen an die Börse zu gehen und überführt das gesamte Firmenkapital in eine Stiftung, um seinen privaten Reichtum zu beschränken. Ausdrücklich bekennt sich der IKEA-Gründer zur Idee eines verantwortungsvollen, sozialverträglichen, »guten Kapitalismus«. Der Regisseur, Autor und Komponist Erik Gedeon und sein schwedischer Co-Autor Klas Abrahamsson entwickeln einen Abend zwischen Birke und Börse, in dem sie, mit viel Musik und schwarzem Humor, der Frage nachgehen, ob es so etwas wie »guten Kapitalismus« überhaupt geben kann (und wenn ja, wie viel er kostet). Getreu dem genuin schwedischen Erscheinungsbild des Möbelhauses orientieren sich die Kompositionen an der älteren nordischen Musikgeschichte. Dabei kommen auch die Möbel selbst zu Wort, darunter die singende Sitzgruppe »Bornholm« und der steppende Hängeschrank »Dunsen«.
Erik Gedeon, geboren 1963 in der Schweiz, studierte Klavier und Komposition. Er schrieb zahlreiche Bühnenmusiken für das Schauspiel Hannover, arbeitete dort ab der Spielzeit 1998/1999 als Musikalischer Leiter und inszenierte viele musikalische Abende. Bis zum Ende der Spielzeit 2003/2004 war er fest mit dem Thalia Theater verbunden (»Thalia Vista Social Club« u.a.). Außerdem Regiearbeiten in Bremen (»Der Freischütz« u.a.) und Köln (»Erdbeerfelder für immer. A really funny evening with singing Germans«, »Europa für Anfänger. Ein Abend mit Türke«). Im Rahmen des Festivals »Theater der Welt« inszenierte er 2005 in Stuttgart »Schwabenblues – Mei Feld isch’d Welt«, die Erfolgsgeschichte der Firma Hohner, wofür er auch eigens die Musik komponierte. Am Staatsschauspiel Dresden inszenierte er »Hartz IV. Das Musical« und »Ewig jung«; am Düsseldorfer Schauspielhaus »Große Koalition«. Am Schauspielhaus schrieb und inszenierte er die Songdramen »Mein Ball – Ein deutscher Traum«, »Trostpreis für Deutschland« und zuletzt »Zigeunerjunge«.
Regie, Musik und musikalische Leitung: Erik Gedeon
Bühne: Ulrich Frommhold
Kostüme: Dagmar Fabisch
Dramaturgie: Florian Vogel
Licht: Rebekka Dahnke
Eine Koproduktion mit den Ruhrfestspielen Recklinghausen 2009
Ort:
Schauspielhaus
Termine:
Sa, 10.4.2010, 20:00
Fr, 30.4.2010, 20:00
Do, 13.5.2010, 20:00
Dorfpunks – Die Blüten der Gewalt
Der Film - erstmals live gespielt
nach dem Roman von Rocko Schamoni
von und mit Studio Braun
Gewalt ist unser Geld – und wir möchten gerne zahlen.
Nach der erfolgreichen Umsetzung von Heinz Strunks Roman »Fleisch ist mein Gemüse« als Bühnenstück (»Phoenix – Wem gehört das Licht?«), gibt es ein weiteres Projekt von Studio Braun am Schauspielhaus: Rocko Schamonis Erfolgsroman »Dorfpunks« wird von der Kaderschmiede des psychedelischen Humors zur Aufführung gebracht. Studio Braun versucht – ganz dem eigenen Programm verpflichtet – ein farbenfrohes Feuerwerk der Gewalt am schnöseligen Firmament des Hamburger Kulturhimmels erstrahlen zu lassen. Sinnlich choreographierte Prügelorgien und dörflich-dialektischer Wortwitz garantieren ein bourgeoises Ballerlebnis der Extraklasse. Getreu dem Schamonischen Wahlspruch »Dein Dorf trägst du für immer mit dir rum« wird Hamburg für die Zeit der Aufführung zu einer norddeutschen Kleinstadt modelliert, die weder stark genug ist, um zu erblühen, noch mutig genug, um den Löffel endgültig abzugeben. Was tun, wenn man Anfang der Achtziger in eine Kulisse geworfen wird, die äußerlich einer Märklin-Eisenbahnlandschaft gleicht, innerlich aber von den Sporen des Misstrauens, der Gewalt und der provinziellen Großmannssucht befallen ist? Man versucht, anders zu werden, sich und das Leben neu zu erfinden, neue Musik, neue Kleidung, neue Gedanken zu generieren. Eine nervige Welt zu erbauen. Eine nervige Welt, gegen die sich die Alteingesessenen aus ihrer Sicht zu Recht wehren. »Vertreibt die jungen Hunde aus der Stadt, sie stinken, fressen den Müll und schänden unsere Hühner.« Zwei grausame Kosmen brechen aufeinander. Wer gewinnt? Wer behält die Oberhand? Wer hat das letzte Wort? Studio Braun sucht nach der Antwort. »Rocko Schamoni hat auch beim Schreiben keine Angst. Wie schön.« Stuttgarter Nachrichten
Studio Braun (verantwortlich für Text und Regie) wurde 1998 in Hamburg gegründet. Studio Braun, das sind Heinz Strunk, Rocko Schamoni und Jacques Palminger, »drei verdiente Musiker, Schauspieler, Autoren und Entertainer, die in Deutschland seit Jahren für Humor jenseits des öden Comedymainstreams stehen, in der Tradition von Karl Valentin, Gerhard Polt, Loriot, Helge Schneider und Heino Jäger«, bekannt als die »Paten des Telefonterrors«. (Süddeutsche Zeitung) Veröffentlichung von sechs gemeinsamen Telefoncomedy-LPs/CDs, Veranstaltung diverser Studio Braun Shows, am Schauspielhaus u.a. »Fear of a Gag Planet Show«, »Schlaf in den Mai« und »Bürgertreff«.
Die Vorstellung dauert eine Stunde und fünfzig Minuten. Keine Pause.
Regie Studio Braun
Bühne Damian Hitz
Kostüm Dorle Bahlburg
Choreofraphie Rica Blunck
Puppenbauer Thomas Klemm
Dramaturgie Gabriella Bußacker
Licht Rebekka Dahnke
Video Marcel Didolff, Peter Stein
Mit Achim Buch, Stephan »Partyschaum« Cay, Felix Kramer, Marie Leuenberger, Hagen Oechel, Jacques Palminger, Jens Rachut, Rocko Schamoni, Jana Schulz, Tristan Seith, Heinz Strunk
Musiker Lieven Brunckhorst, Carsten »Erobique« Meyer, Matthias »Tex« Strzoda
Puppenspieler Philipp Pleßmann
Ort:
Schauspielhaus
Termine:
Di, 30.3.2010, 20:00
So, 4.4.2010, 20:00
Mi, 21.4.2010, 20:00
Baumeister Solness
von Henrik Ibsen
»Jugend – heißt Rache. Sie marschiert an der Spitze einer Armee, die alles umstürzen will, und schwenkt eine neue Fahne.«
HENRIK IBSEN, BAUMEISTER SOLNNESS
Ein Brand steht am Beginn der Karriere von Halvard Solness. Der Brand vernichtet das Elternhaus seiner Frau und schafft so Platz für neue Bauten des erfolgs- und lebenshungrigen Baumeisters. Seine beiden nur wenige Wochen alten Söhne sterben bald darauf. Solness ist als Architekt so erfolgreich, dass er seinen ehemaligen Chef verdrängt und zu seinem Angestellten macht. Dessen Sohn Ragnar hält er in fast leibeigener Abhängigkeit als Zeichner, obwohl – oder weil – er sein Talent zum Baumeister erkannt hat. »Platz gemacht, mach Platz! Mach Platz!« gellt es in seinen Ohren – Solness fürchtet die Rache einer Jugend, die ihn vernichten will, so wie er in seiner Jugend Träume und Existenzen vernichtete. Plötzlich steht sie vor der Tür, die Jugend, in Gestalt von Hilde Wangel, und dringt mit aller Macht in sein Leben ein. Vor zehn Jahren war Solness oben an den Fjorden einem Kind begegnet, Hilde Wangel, einer Prinzessin, die er begehrte, der er ein Königreich versprach. Dieses Kind verlangt nun als junge Frau die Einlösung des Versprechens. Berauscht voneinander entwerfen beide die Vision eines neuen Lebens, aber aus dem gemeinsamen Höhenflug wird ein Sturz in den Abgrund. Ibsens Stück »Baumeister Solness« zeigt eine abgestorbene Welt: in Profitstreben untergegangene Träume, verkümmerte Seelen, gekrümmte Körper. Eine Gesellschaft, in der die Schulden der Vergangenheit jegliches Zukunftsdenken unmöglich gemacht haben. Worte wie Liebe, Zuneigung, Vertrauen, Loyalität sind zu leeren Floskeln geworden. Den Menschen graut vor dem Glück, und dennoch sehnen sie es zitternd herbei. Ibsens 1892 uraufgeführtes Stück ist eines seiner großen, späten Dramen, in denen er sich zunehmend gesellschaftskritischen Themen widmet und die Lebenslügen eines kränkelnden Bürgertums aufdeckt – mit unnachgiebiger Schärfe und Genauigkeit.
Martin Kušej, geboren 1961 in Kärnten, eröffnete 1993 mit seiner Inszenierung von »Herzog Theodor von Gothland« von Grabbe die Intendanz Friedrich Schirmers am Schauspiel Staatstheater Stuttgart und erhielt für seine Klagenfurter Inszenierung von Schillers »Kabale und Liebe« den Gertrud-Eysoldt-Förderpreis für junge Regisseure. 1996 debütierte er als Opernregisseur in Stuttgart mit Henry Purcell/John Drydens »König Arthur«. Seither inszeniert er Opern in Stuttgart, Verona, Zürich und bei den Salzburger Festspielen. Im Schauspiel arbeitete er u.a. am Thalia Theater, am Wiener Burgtheater und am Staatsschauspiel München. Mit seinen Inszenierungen von Horváths »Geschichten aus dem Wiener Wald« und Karl Schönherrs »Glaube und Heimat« wurde er 1999 und 2001 zum Theatertreffen Berlin eingeladen. 2005/2006 leitete Martin Kušej das Schauspiel der Salzburger Festspiele und brachte hier u.a. Grillparzers »König Ottokars Glück und Ende« und Nestroys »Höllenangst« heraus. Am Schauspielhaus inszenierte er 2005 Horváths »Zur schönen Aussicht«. Ab 2011 ist Martin Kusšej Intendant des Bayerischen Staatsschauspiels München. Seine Inszenierung »Der Weibsteufel« von Karl Schönherr am Burgtheater ist zum Berliner Theatertreffen 2009 eingeladen und wird im Frühjahr 2010 auch im Schauspielhaus zu sehen sein.
REGIE Martin Kušej
BÜHNE Martin Zehetgruber
KOSTÜME Heide Kastler
Ort:
Schauspielhaus
Termine:
Sa, 13.3.2010, 20:00
Mo, 22.3.2010, 20:00
So, 18.4.2010, 20:00
Mi, 28.4.2010, 20:00
Immer nie am Meer
von Bernd Steets nach dem Film von Christoph Grisseman, Dirk Stermann, Heinz Strunk, Jörg Kalt und Antonin Svoboda
Drei Mann in einem Auto. Nach einer Familienfeier haben der Geschichtsprofessor Baisch, sein tablettensüchtiger Schwager Anzengruber und der erfolglose Kleinkünstler Schwanenmeister einen Autounfall auf einer abgelegenen Landstraße. Glücklicherweise überleben sie den Crash, von einigen Blessuren abgesehen. Unglücklicherweise bleibt das Auto zwischen zwei Bäumen stecken, Türen und Fenster lassen sich nicht mehr öffnen und dank Panzerglas auch nicht einschlagen. (Es handelt sich um die Staatslimousine des früheren österreichischen Bundespräsidenten Kurt Waldheim, günstig ersteigert bei Ebay.) Der einzige Proviant an Bord sind die Reste der Feier: eine Schüssel Heringssalat und einige Flaschen Prosecco. Geduldig warten die drei Havaristen auf Rettung, erzählen sich gegenseitig aus ihren gescheiterten Leben, von vergangenen erotischen Erlebnissen, über sonstige Irrungen und verrichten auch alle anderen Geschäfte vor Ort. Lediglich Baisch pocht auf zivilisatorischen Anstand, ist sich aber trotzdem nicht zu schade, die letzten Schokokekse allein aufzuessen. Die drei bleiben sich und ihren niederträchtigen Ausdünstungen jedoch nicht allein überlassen. Ein Kind, ein hochbegabter Eliteschüler und geistiger Überflieger in Sachen »Soziologie bei Tieren«, entdeckt in den Eingeschlossenen drei neue Forschungsobjekte für seine Experimente. Die Situation wird immer absurder – und verzweifelter.
Eine Koproduktion mit den Ruhrfestspielen Recklinghausen 2009
Die Vorstellung dauert eine Stunde und zehn Minuten. Keine Pause.
Regie: Dominique Schnizer
Bühne und Kostüme: Christin Treunert
Licht: Andreas Juchheim
Ton: Marc Messutat
Video: Marcel Didolff
Dramaturgie: Nora Khuon
Mit: Timur Carstensen, Hanns Jörg Krumpholz, Martin Pawlowsky, Jürgen Uter
Ort:
Rangfoyer
Termine:
Mo, 15.3.2010, 20:00
Di, 16.3.2010, 20:00
Hamlet
von William Shakespeare
»Die Zeit ist aus den Fugen. Fluch und Scham, Dass ich zur Welt, sie einzurenken, kam.«
WILLIAM SHAKESPEARE, HAMLET
»Hamlet ist wie Kurt Cobain: Er hat Probleme mit seinen Eltern, eine Identitätskrise und eine schwierige Freundin. So geht es doch allen Jungs, oder?«
ETHAN HAWKE
Hamlet ist tot! Er wurde zu Tode zitiert und liegt jetzt im Grab seiner zahlreichen Überschreibungen. Es lebe Hamlet! Denn Hamlet ist von den Bühnen nicht wegzudenken: Diese vielschichtig ambivalente Gestalt reizt jede Generation aufs Neue dazu, von ihr zu erzählen. Und jede Generation hat ein Recht auf einen neuen, frischen Hamlet, einen Hamlet wie zum ersten Mal! Prinz Hamlets Vater ist keine zwei Monate tot und schon heiratet seine Mutter erneut – und noch dazu Hamlets Onkel! Hamlet ist entsetzt. Seine bösen Ahnungen bestätigen sich: In der Nacht begegnet er dem umherwandernden Geist seines Vaters, der den Bruder des Mordes bezichtigt. Hamlet schwört an Ort und Stelle leidenschaftlich Rache. Doch Hamlet wäre nicht Hamlet, wenn er direkt zur Tat schreiten würde. Um jeglichen Zweifel zu eliminieren, lässt er am Hof ein Stück über einen Königsmord aufführen. Und siehe da, die Reaktion des Königs lässt eigentlich keinen Zweifel mehr zu. Doch Hamlet zögert. Mit »Hamlet« will das Junge Schauspielhaus nach »Die Odyssee« und »Cyrano« erneut einen klassischen Stoff auf die Bühne bringen. »Hamlet« ist ein spannender Spionagethriller. Die Wände in Helsingör haben Augen. Und überall lauert doppelter Boden. »Hamlet« erzählt gleichzeitig von einer jungen Liebe, die in der Welt der Politik keinen Platz hat und tragisch endet. Das Stück ist auch eine Familientragödie, die von Liebe, Eifersucht, Inzest und Mord handelt. Aber vor allem erzählt »Hamlet« vom politischen Erwachen eines jugendlichen Helden, der aus der Welt der humanistischen Bildung in die der korrupten Politik fällt. Hand in Hand geht damit ein Generationendrama einher, das zeigt, wie ein junger Mensch versucht, auf die Fehler der Elterngeneration zu reagieren. Und schließlich ist »Hamlet« ein philosophisches Stück und fragt nach den letzen Dingen und dem Sinn des Lebens. Vielleicht liegt das Geheimnis der Größe dieses Stoffs darin, dass hier ein jugendlicher Held, nur bewaffnet mit neuen Ideen, auf eine alte Welt voller Kriege, echter Waffen und Erblasten trifft. Und auf der Suche nach Wahrheit, Moral und adäquatem Handeln begegnet Hamlet nur Unwahrheit, Doppelmoral und unausgegorener Praxis. Hamlet stellt die richtigen Fragen nach dem, was wir überhaupt wissen können, und dem, was, aufgrund dieses Wissens, das richtige Handeln sein könnte. Es gibt wohl keinen geeigneteren Ort, diese spannende Geschichte einer umfassenden Bewusstseinswerdung eines jungen Menschen zu erzählen, als an einem Theater für junges Publikum. Deutsch von Angela Schanelec und Jürgen Gosch
Regie: Klaus Schumacher
Bühne: Lea Dietrich
Kostüme: Heide Kastler
Musik: Thomas Esser, Tobias Vethake
Komposition: Tobias Vethake
Licht: Susanne Ressin
Dramaturgie: Stanislava Jević
Mit: Hermann Book, Thomas Esser, Thorsten Hierse, Konradin Kunze, Christine Ochsenhofer, Tobias Pflug, Nadine Schwitter, Tobias Vethake, Martin Wolf
Ort:
Malersaal
Termine:
Mo, 29.3.2010, 19:00
Di, 30.3.2010, 11:00
Do, 15.4.2010, 19:00
Fr, 16.4.2010, 11:00
Kabale und Liebe
von Friedrich Schiller
FERDINAND: »Wenn ich bei dir bin, zerschmilzt meine
Vernunft in einen Blick – in einen Traum von dir, wenn ich weg
bin, und du hast noch eine Klugheit neben deiner Liebe? –
Schäme dich! Jeder Augenblick, den du an diesen Kummer
verlorst, war deinem Jüngling gestohlen.«
SCHILLER, KABALE UND LIEBE
Ferdinand ist verrückt nach Luise und Luise verliebt in Ferdinand. Getrieben von ihrer Leidenschaft, wollen die beiden ihre Liebe über alle Standesschranken hinweg durchsetzen, denn Luise ist Bürgerstochter und Ferdinand Sohn des Präsidenten am herzoglichen Hof. Luises Vater, der Musiker Miller, missbilligt die Beziehung aus Argwohn gegen den verwöhnten Karrieristenspross, aber auch Präsident Walter hintertreibt mit allen Mitteln die Verbindung. Denn er hatte für Ferdinand eine Heirat geplant, die seine eigene Laufbahn befördern sollte: Durch die Ehe mit Lady Milford, der Geliebten des Herzogs, würden Ferdinand und der Präsident enorm an gesellschaftlichem Ansehen und Einfluss gewinnen. Diese Chance will der Präsident nicht vergeben und so spinnt er gemeinsam mit seinem Sekretär Wurm eine perfide Intrige. Die Idee, in Ferdinand Misstrauen gegen Luise zu säen, hat Erfolg: Die Liebe wird im Kern getroffen und von innen heraus zersetzt. Aus zärtlicher Verehrung wird rasende Eifersucht. Doch ist die Einschlagstelle wesentlich größer als berechnet: Eine Kettenreaktion wird ausgelöst, die wüste Ödnis hinterlässt. Schillers 1783 geschriebenes Drama ist ein grausamer Versuch über die Liebe. Es gilt herauszufinden, wie weit man sie treiben kann und wann sie – von äußeren und inneren Widersprüchen zerrieben – zusammenbricht. Zu Schillers Zeit war das berühmte Trauerspiel eine Kriegserklärung an die herrschenden Zustände und ein Akt der Selbstbefreiung. Damals formulierte sich eine radikale Anklage gegen eine Gesellschaft, die die Liebe durch unüberwindbare Standesgrenzen niedermähte. Heute rücken die Fragen nach den inneren Grenzen der Liebe stärker ins Blickfeld: Kann man Liebe besitzen und ihre Dauer einklagen? Ferdinand, Opfer der Kabale, fordert es: »Du – Luise, und ich und die Liebe! – liegt nicht in diesem Zirkel der ganze Himmel? oder brauchst du noch etwas Viertes dazu?« Der Besitz steht über allem und sein Verlust verwandelt jedes zärtliche Gefühl in den Wunsch nach Auslöschung und Vernichtung des ehemals geliebten Gegenübers. Aber nicht nur der Wunsch nach der totalen Verschmelzung führt zur Vernichtung der Liebe: Die von außen nicht geduldete Liebe ist – ungeachtet aller emphatischen Bekundungen – in ihrem Kern so weich und irritierbar, dass eine gut gestrickte Intrige sie sofort aushebeln kann. Was bleibt, ist die Empfindung, dass die Liebe von innen heraus viel stärker gefährdet ist, als durch die Anfeindungen der Gesellschaft. Jenseits aller Standesfragen setzt Schiller die Gefühle seiner Figuren einer schonungslosen Zerreißprobe aus, der weder sie noch ihr Ideal der Liebe standhalten können.
Der tschechische Regisseur Dušan David Parizek ist einer der prägendsten Regisseure seines Landes. Nach dem Studium in Prag und München und ersten Inszenierungen übernahm er das Prager Kammertheater, das er bis heute erfolgreich leitet. Darüber hinaus inszenierte er häufig im deutschsprachigen Raum. Er ist den Werken der deutschen Literatur sehr verbunden und hat Autoren wie Müller, Jelinek und Schwab für Tschechien entdeckt; zuletzt inszenierte er in Prag Schwabs »Übergewicht, unwichtig: Unform« und Musils »Die Schwärmer«. Ebenfalls von Musil hat er am Deutschen Theater Berlin »Die Verwirrungen des Zöglings Törleß« inszeniert. In Dresden brachte er »Prinz Friedrich von Homburg« und am Schauspiel Köln u.a. »Hamlet«, »Emilia Galotti« und das Doppelprojekt »Nathan der Weise« /»The Believer« auf die Bühne. Seine erste Inszenierung am Deutschen Schauspielhaus war2007 »Die Hermannsschlacht«. 2008 wurde er in seiner Heimat zum Regisseur des Jahres gewählt.
Regie und Bühne: Dušan David Parizek
Kostüme: Kamila Polívková
Ort:
Schauspielhaus
Termin:
Di, 23.3.2010, 20:00
Marat, was ist aus unserer Revolution geworden?
von Volker Lösch, Beate Seidel und dem Ensemble frei nach »Die Verfolgung und Ermordung Jean Paul Marats dargestellt durch die Schauspielgruppe des Hospizes zu Charenton unter Anleitung des Herrn de Sade« von Peter Weiss.
Fassung von Volker Lösch und Beate Seidel mit einem Prolog und einem Epilog von Volker Lösch, Beate Seidel und dem Ensemble
Im Revolutionslaboratorium des Peter Weiss debattieren der Schriftsteller Marquis de Sade und Jean Paul Marat, radikaler Führer der französischen Revolution, über die Möglichkeit einer gesellschaftlichen Umwälzung. Schauplatz ist die Heilanstalt Charenton im nachrevolutionären Frankreich. In diesem Laboratorium testen auch 27 Hamburger Bürger im Alter von 20 bis 75 Jahren ihre Lust auf Revolution, weil sie durch ihre finanzielle und soziale Situation zu den »Ausgeschlossenen« in dieser Stadt gehören. Ausgehend von ihren Alltagserfahrungen in einer sich immer deutlicher in Arm und Reich differenzierenden Gesellschaft suchen sie nach einer eigenen Position und formulieren hartnäckig ihre Forderung nach sozialer Veränderung. In seinem 1964 uraufgeführten »Ideendrama« diskutiert Peter Weiss angesichts einer in Ost und West geteilten Welt die Tragfähigkeit linker Visionen. Nun, im Jahr 2008, nehmen der Regisseur Volker Lösch und sein Ensemble dieses Stück zum Anlass, die Frage nach sozialer Gerechtigkeit in unserem Land zu stellen.
Regie: Volker Lösch
Bühne: Cary Gayler
Kostüme: Carola Reuther
Chorleitung: Bernd Freytag
Dramaturgie: Beate Seidel
Licht: Kevin Sock
Mit: Marco Albrecht, Marion Breckwoldt, Achim Buch, Hanns Jörg Krumpholz, Jana Schulz, Tristan Seith
Sowie Sabine Arndt, Norbert Behncke, Renate Büsing, Olivio Costa, Isabella Dieterich, Ludger Dünnebacke, Peter Feist, Monika Fuchs, Silke Gatermann, Thomas Gerth, Birgit Grodtmann, Ingrid Haase, Ingrid Eva Haase, Meike Harms, Björn Jensen,, Marko Jordan, Anke Kröning, Hartmud Lamprecht, Ralf Neubusch, Kerstin Otto, Joe Pauly, Sabine Penschow, Anna-Maria Schlemmer, Aleksandra Ustupska, Martina Wiedemann, Hakan Yasar
Ort:
Schauspielhaus
Termine:
Fr, 12.3.2010, 20:00
Do, 8.4.2010, 20:00