schauspielhannover
Spielzeit 2010/11
Was der Mond rot aufgeht. Wie ein blutig Eisen.
Pathologie eines Mikrokosmos
Premiere: 05. September 2010 in einer Schrebergartensiedlung Hannovers
Für alles, was Menschen im Alltag vermissen – an Freiheit, Ordnung, Naturverbundenheit, klaren Grenzen – gibt es ein verheißungsvolles Refugium: den Schrebergarten.
Innerhalb dieses Rückzugs-Orts, hinter dem eigenen Gartenzaun, lässt sich einiges leben, wofür im Alltag kaum Raum und Zeit bleiben. Der allgegenwärtige Duft von Gegrilltem lässt Heimatgefühle sprießen, die Sehnsucht nach Verwurzelung findet Ausdruck im Gartenzwerg und die Hollywoodschaukel wird zum Fluchtpunkt persönlicher Gedankenfreiheit. An kaum einem Ort kann man so gut träumen, entspannen, spielen. An kaum einem Ort prallen Sehnsüchte und ihre Verkehrungen so direkt aufeinander wie in einer Schrebergartenkolonie.
Um den Geheimnissen unserer disparaten Sehnsuchtsgesellschaft auf die Spur zu kommen, gründet die Theatergruppe Kulturfiliale die Eventagentur »GreenWorks« und begibt sich mit ihr mitten hinein in den Mikrokosmos Schrebergarten. Auf einer ausgiebigen Erholungs- und Erlebnistour durch die Welt der Datschen studieren die Reiseteilnehmer die reichhaltige Gedankenwelt Moritz Schrebers, werfen einen Blick hinter den einen oder anderen Gartenzaun und spüren den Verlockungen der Natur nach. Buchen Sie jetzt! Die Sitzplätze sind begrenzt!
Unter dem Slogan »Unser Theater ist die Stadt« entwickelt und produziert die Gruppe Kulturfiliale seit 2006 Projekte, die den Alltag und die Lebenswirklichkeit der Menschen in ihrer Stadt in den Mittelpunkt stellen. Ihre letzte Arbeit »Da ist nichts leer, alles voll Gewimmels« konfrontierte Hannovers Passanten in der Fußgängerzone am Platz der Weltausstellung mit dem langsamen, selbst gewählten Tod eines Mitbürgers, der sich auf einen Hochsitz zurückgezogen hatte, um dort zu verhungern. Das Projekt wurde mit dem pro visio-Preis 2010 der Stiftung Kulturregion Hannover ausgezeichnet.
Konzeption und Realisation: Ursula Bergmann, Philippe Goos, Anna Macholz, Ramona Rauchbach, Miriam Reimers, Marco Storman, Katharina Uhland, Lisa Spickschen,
Eine Produktion von Kulturfiliale in Zusammenarbeit mit dem Schauspiel Hannover
Gefördert vom Kulturbüro Hannover und der Stiftung Kulturregion Hannover
Termine:
So, 5.9.2010, 18:30 | Premiere
Mo, 6.9.2010, 18:30
Di, 7.9.2010, 18:30
Mi, 8.9.2010, 18:30
Do, 9.9.2010, 18:30
Fr, 10.9.2010, 18:30
Romeo und Julia
von William Shakespeare
Premiere: 11. September 2010, Schauspielhaus
In Verona regiert der Hass zweier verfeindeter Familien, als Romeo und Julia, Kinder dieser Familien, zufällig die Blicke tauschen. Ein Augenblick nur, der beide in einen Ausnahmezustand versetzt und glauben macht, die Liebe sei ihr Schicksal. Sich dieser Himmelsmacht ergebend, gegen alle Gesetze der Vernunft, halten sie nur wenige Stunden später in aller Heimlichkeit Hochzeit. Der Krieg auf der Straße geht weiter, Romeo wird in einen Kampf verwickelt und tötet Julias Cousin. Der Bannfluch wird über ihn verhängt: Romeo muss über Nacht die Stadt verlassen und darf nie mehr zurückkehren. Julias Elternhaus bereitet unterdessen die Hochzeit ihrer Tochter mit dem reichen Grafen Paris vor. In einem verzweifelten Versuch, sich diesem drohenden Ereignis zu entziehen und Romeo weiter die Treue zu halten, greift das Mädchen zu einem Schlaftrunk, der ihren Tod vortäuscht. Aus der Gruft hinaus will sie zu ihrem Geliebten nach Mantua fliehen, doch der Gang der Ereignisse entzieht sich diesem Plan, und es kommt zu jenem tragischen Ende, das dazu führt, dass »Romeo und Julia« wie kein anderes Stück vor und nach ihm als mythisches Versprechen die Erzählung der wahren, unerschütterlichen Liebe in Umlauf hält.
Shakespeare (1564–1616) griff den Stoff aus der italienischen Novellenliteratur auf, verlegte ihn in die Frührenaissance, die Zeit des Sterbens, die Zeit der Pest, und komprimierte das Geschehen auf nur vier Tage, in denen Hochzeiten, Duelle, Morde und Versöhnungen den Gang der Ereignisse ebenso plötzlich wie unwiderruflich skandieren.
Regie: Heike Marianne Götze
Bühne und Video: Isabel Robson
Kostüme: Inge Gill Klossner
Musik: Tomek Kolczynski
Kämpfe: Klaus Figge
Ort:
Schauspielhaus
Termine:
Sa, 11.9.2010, 19:30 | Premiere
Di, 14.9.2010, 19:30
Sa, 18.9.2010, 19:30
So, 19.9.2010, 19:30
Eszter Solymosi von Tiszaeszlár
von Kornél Mundruczó und Yvette Biró
nach einem Roman von Gyula Krudy
Uraufführung: 17. September, Cumberlandsche Bühne
Am 1. April 1882 verschwindet ein Mädchen in dem ungarischen Dorf Tisza-Eszlàr. Das Mädchen ist Christin. Schnell fällt der Verdacht auf die jüdischen Einwohner. Sie hätten das Mädchen bei ihrem Pessachfest als Blutopfer dargebracht. Der Mob ist angestachelt, die ungarischen Behörden müssen in weiten Teilen des Landes den Notstand ausrufen, die Folgen sind verheerend und reichen weit ins 20. Jahrhundert hinein. In dem Gerichtsprozess, der in die Geschichtsbücher als »Affäre von Tisza-Eszlár« eingehen wird, sagt auch der Sohn des Schammes aus. Durchs Schlüsselloch der Synagoge habe er beobachtet, wie sein eigener Vater das Messer an den Hals des Kindes gelegt hat.
Der Theater- und Filmregisseur Kornél Mundruczo gehört zu den wichtigsten jungen Künstlern Ungarns. Seine Arbeiten sind auf zahlreichen internationalen Festivals zu sehen. Zu Beginn der Spielzeit wird er die Cumberlandsche Bühne in ein ungarisches Dorf des ausgehenden 19. Jahrhunderts verwandeln, zurückschauen auf ein vermeintlich abgeschlossenes Kapitel der Geschichte und gemeinsam mit den Spielern den Mechanismus dieser katastrophalen Erregung untersuchen.
Regie: Kornél Mundruczó
Ausstattung: Márton Agh
Dramaturgie: Judith Gerstenberg
Dramaturgie: Viktoria Petranyi
Übersetzung: Orsolya Kalász
Transskription: David Kolloska
Achtung: Nur vom 17. bis 26.09.!
Ort:
Cumberlandsche Bühne
Termine:
Fr, 17.9.2010, 19:00 | Premiere
Sa, 18.9.2010, 20:00
So, 19.9.2010, 19:00
Mi, 22.9.2010, 20:00
Do, 23.9.2010, 19:00
Fr, 24.9.2010, 19:00
Sa, 25.9.2010, 19:00
So, 26.9.2010, 19:00
Little Boy – Big Taifoon
von Hisashi Inoue
Junges Schauspiel | ab 14
Europäische Erstaufführung: 18. September 2010, Ballhof Eins
Ein heißer Augusttag. Masao massiert Großmutter, Hidehiko spielt verstecken, Katsutoshi schält Kartoffeln. Da trudelt vom blauen Sommerhimmel ein Fallschirm herab. Die Welt steht kurz still. Dann explodiert sie. Hiroshima, die Heimatstadt dreier 12jähriger Jungen, geht in einer Apokalypse unter. Binnen Sekunden verwandelt sich die blühenden Handelsund Universitätsstadt in einen historischen Schreckensschauplatz. Hisashi Inoue beschreibt diesen Tag, den 6. August 1945, aus der Sicht der Kinder und schildert deren beispiellosen Versuch, inmitten der Apokalypse den Alltag wiederherzustellen. Weit oben am Himmel entfernt sich ein Flugzeug, es hat soeben »Little Boy«, die erste Atombombe, abgeworfen. Im Cockpit ein Pilot. Was spielt sich ab in einem Piloten in den Sekunden vor, in den Jahren nach dem Abwurf? Der 6. August 1945 war der Tag, der vor Augen führt, dass die Menschheit die technische Möglichkeit besitzt, sich auf einen Schlag auszulöschen. Wie konnte es so weit kommen? Diese Fragen schlagen einen Bogen ins Hier und Jetzt. Wofür steht »Hiroshima«, und wie nah ist uns die Geschichte unserer Partnerstadt heute? Regisseur Marc Prätsch begibt sich auf eine deutschjapanische Spurensuche mit Elementen des ButohTanzes.
Hisashi Inoue, geboren 1934, führender Vertreter der japanischen Literatur- und Theaterszene und Vorsitzender des japanischen P.E.N.-Clubs, hat ein Stück geschrieben aus dem Blick dreier 12jähriger Jungen über den 6. August 1945 und seine Folgen: über die Ankunft der amerikanischen Forscherteams, der Kaugummi verschenkenden Soldaten, über die ワÜberlebenden und ihre kaum einlösbare Aufgabe, »bei Verstand zu bleiben«. Es ist der Tag einer neuen Zeitrechnung. Es ist der Tag, der vor Augen führt, dass die Menschheit die technische Möglichkeit besitzt, sich auf einen Schlag auszulöschen.
Marc Prätsch, der neue Leiter des Jungen Schauspiels, wird mit dieser europäischen Erstaufführung den Ballhof Eins eröffnen. Er verknüpft diesen eindringlichen Text mit Elementen des Butoh-Tanzes und einem Epilog ・er den an dieser militärischen Aktion beteiligten amerikanischen Piloten Claude Eatherly.
Regie: Marc Prätsch
Bühne: Philipp Nicolai
Kostüme: Adriana Perepzki
Musik: Sven Kaiser
Mit freundlicher Unterstützung der Schauspielfreunde (GFS)
Ort:
Ballhof Eins
Termine:
Sa, 18.9.2010, 19:30 | Premiere
Do, 23.9.2010, 18:30
Do, 30.9.2010, 19:30
Sa, 2.10.2010, 19:30
Sa, 9.10.2010, 19:30
Crux oder Der Heiland unterm Bett
von Anne Jentsch
Junges Schauspiel | ab 12 | Preisträger des Schreibwettbewerbs "Stücke für die Lücke"
Uraufführung: 19. September, Ballhof Zwei
Übermütig klettern drei Jungen in der Silvesternacht auf das Andachtskreuz.
Der dicke Hansi stürzt, reißt es mit sich. Um die Sache zu vertuschen, nehmen sie das Kreuz mit. Jetzt hat Hansi einen Jesus unterm Bett... Und dann ist da noch das Problem mit Schimmel, der in jener Nacht zufällig vorbeikam; ihm versuchen die drei mit Hansis berüchtigtem Grastee zu entlocken, was er gesehen hat. Der religiös aufgeladene Dorfkrimi, der zu Neujahr beginnt, mündet in ein Osterfest mit einer eigenwilligen Auferstehung.
Die 28-jährige Anne Jentsch, die »Szenisches Schreiben« an der Universität der Künste in Berlin studiert hat, schreibt Texte auf Deutsch und Sorbisch. Mit »Crux oder Der Heiland unterm Bett« ist ihr so etwas wie ein religiös aufgeladener Dorfkrimi gelungen, der deutlich über sein ländliches Milieu hinausweist. Die knappe, kunstvolle Sprache transportiert – ohne sich irgendeinem Jugendjargon anzubiedern – gleichzeitig Härte und Witz. Für die bemerkenswerte Talentprobe ist Anne Jentsch als Siegerin des Schreibwettbewerbs »Stücke für die Lücke« vom Jungen Schauspiel Hannover und der Niedersächsischen Lottostiftung ausgezeichnet worden.
Regie: Martin Baierlein
Bühne: Andrea Wagner
Kostüme: Maria Anderski
Ort:
Ballhof Zwei
Termine:
So, 19.9.2010, 19:30 | Uraufführung
Mi, 22.9.2010, 19:30
Do, 23.9.2010, 19:30
Mo, 4.10.2010, 19:30
So, 10.10.2010, 19:30
Sa, 23.10.2010, 19:30
Fr, 29.10.2010, 20:30
Der Goldene Drache
von Roland Schimmelpfennig
Premiere: 25. September 2010, Schauspielhaus
Zum Beispiel Hannover, Vahrenwalder Platz: Im Erdgeschoss eines mehrstöckigen Mietshauses das Thai-China-Vietnam-Schnellrestaurant »Der Goldene Drache«. Ununterbrochen wird in der engen Küche gekocht. Einer der fünf Köche, ein junger Asiate, ist auf der Suche nach seiner Schwester. Jetzt hat er schreckliche Zahnschmerzen, aber keine Aufenthaltsgenehmigung. Was tun? Nicht weit vom »Goldenen Drachen« ein Lebensmittelspätverkauf. Hansi, der Verkäufer, isst gern die 103 – gebackenes Rindfleisch mit Gemüse, scharf. Er hat eine Vorliebe für Fabeln. Er käme selbst sehr gern in einer vor. In der Wohnung über dem Laden, vollgestopft mit Lebensmitteln, geht er statt dessen einem fabelhaften Nebengeschäft nach. Zu seinen Kunden gehören sowohl der alte Mann, der über dem »Goldenen Drachen« wohnt, als auch der von seiner Frau verlassene Mann im gestreiften Hemd von nebenan. Nach achtzehnstündigem Flug findet eine Flugbegleiterin in ihrer Thai-Suppe einen fremden kariösen Zahn. Der Fund beunruhigt sie sehr, und nur schwer kann sie sich wieder von ihm trennen. Der junge Koch aus Asien, der ehemalige Besitzer des Zahns, wird seine Schwester knapp verfehlen. Alle Figuren dieses Stückes haben irgendwie miteinander zu tun und begegnen sich doch nur am Rande. Die Zufälligkeit, mit der sich ihre Lebenslinien über Kontinente hinweg kreuzen, sorgt gleichermaßen für schreiende Komik und schwebende Traurigkeit.
Roland Schimmelpfennig, 1967 geboren, zählt zu den wichtigsten Gegenwartsdramatikern Deutschlands. Für »Der Goldene Drache« erhielt er 2010 den begehrten Mühlheimer Dramatikerpreis.
Regie: Lars-Ole Walburg
Bühne: Lars-Ole Walburg / Moritz Müller
Kostüme: Moritz Müller
Musik: Camill Jammal
Ort:
Schauspielhaus
Termine:
Sa, 25.9.2010, 19:30 | Premiere
So, 26.9.2010, 19:30
Do, 30.9.2010, 19:30
Wolokolamsker Chaussee / Das Leben der Autos
von Heiner Müller / Ilja Ehrenburg
Es sähe nicht so aus, schrieb Vaclav Havel 1978, als ob die westlichen Demokratien ein Rezept zu bieten hätten, wie man sich grundsätzlich der Eigenbewegung der technischen Zivilisation, der Industrie- und Konsumgesellschaft widersetzen könne. Nur sei die Art, wie sie den Menschen manipulierten, unendlich feiner und raffinierter als die brutale Art des posttotalitären - sozialistischen - Systems.
Im Herbst 1941, 2000 Kilometer vor Berlin und nur 120 vor Moskau - an der Wolokolamsker Chaussee - beginnt mit dem verzweifelten Versuch sowjetischer Soldaten, den Einmarsch der Wehrmacht zu stoppen, die Geschichte der DDR. Sie endet mit dem ebenso verzweifelten Versuch eines Vaters, die Ausreise des Sohnes in den Westen zu verhindern. In fünf exemplarischen Szenen - jede für sich eine eigenständige Tragödie - verhandelt Heiner Müller in wechselnden Konstellationen die grundsätzlichen Fragen politischen Handelns: Welche Opfer sind mit der Durchsetzung unserer Ziele verbunden? Wie wird das Ziel, das wir zu erreichen hoffen, durch jedes notwendige Opfer unseres Handelns korrumpiert? Er entwirft dabei ein historisches und gleichzeitig berührend persönliches Panorama des Scheiterns der DDR.
Zwanzig Jahre nach dem Mauerfall konfrontiert Regisseur Lars-Ole Walburg Müllers Stück mit Ilja Ehrenburgs umfassender und verblüffend aktueller Biografie des totalen Erfolgs „Das Leben der Autos“. Der zwischen 1928 und 1935 entstandene Text zeigt aus unterschiedlichen Perspektiven – Fließband, Kautschukplantage, Ölfeld, Börse – den atemberaubenden Siegeszug einer Ware und das Panoptikum seiner entfesselten Produzenten. In beklemmender Weise spiegelt dieser Triumph die Unhaltbarkeit unserer gegenwärtigen Situation. Geht die Geschichte denn im Kreis? Stehen wir wieder am Anfang? Und wie weiter?
Der 1929 in Eppendorf geborene und 1995 in Berlin gestorbene Heiner Müller gehört zu den bedeutendsten deutschen Dramatikern des letzten Jahrhunderts. Nach dem Verbot seines Stückes „Die Umsiedlerin“ und seinem Ausschluss aus dem Schriftstellerverband der DDR 1961 arbeitete er als Theaterdramaturg und – zumeist unter Pseudonym – für Rundfunk und Fernsehen der DDR. Die Uraufführung seiner Stücke erfolgte in der Regel in der Bundesrepublik. Der 1891 in Kiew geborene und 1967 in Moskau gestorbene Ilja Grigorjewitsch Ehrenburg gehörte als Schriftsteller und Journalist zu den profiliertesten Autoren der Sowjetunion. In Westdeutschland hat vor allem seine Tätigkeit als Propagandist im Zweiten Weltkrieg nachträglich zu heftigen Debatten und Ablehnung geführt. Sein zusammen mit Wassili Grossman herausgegebenes „Schwarzbuch“ über die Vernichtung der sowjetischen Juden war die erste große Dokumentation der Shoah.
Regie: Lars-Ole Walburg
Bühne: Robert Schweer
Kostüme: Moritz Müller
Ort:
Schauspielhaus
Termin:
Fr, 17.9.2010, 19:30
Freie Republik Wendland – reaktiviert
Ein soziotheatrales Experiment
Konzeption: Aljoscha Begrich, Florian Fiedler, Haimo Ganz, Judith Gerstenberg, Marc Prätsch, Stefan Reuter, Axel Töpfer, Sven Wörner
Ort:
Ballhofplatz
Dauer:
Sa, 18.9.2010 - So, 26.9.2010
Adams Äpfel
von Anders Thomas Jensen
Jensens Pfarrer Ivan könnte ein Nachfahre von Ibsens Pfarrer Brand sein, wenn dessen einziger Sohn nicht Opfer der fanatischen Wahrheitssuche seines Vaters geworden wäre. Auch Ivan ist Fanatiker. Seine Güte kennt keine Grenzen. In seinem Pfarrhaus arbeitet er an der Resozialisierung schwieriger Zeitgenossen: Der Trinker und Vergewaltiger Gunnar, der Tankstellenräuber Khalid, die Alkoholikerin Sarah und der Neonazi Adam sollen durch ihn wieder auf den rechten Pfad geführt werden. Vor allem Neuzugang Adam ist es aber, der Ivans besessener Nächstenliebe den Krieg erklärt. Mit allen Mitteln versucht er ihn zu zwingen, der Realität nicht nur des eigenen Lebens, sondern des Lebens überhaupt ins Auge zu sehen. Denn wie sich herausstellt, ist Ivan selbst womöglich der schwierigste der in seinem Pfarrhaus versammelten menschlichen Problemfälle. Der Konflikt zwischen dem notorisch guten Pfarrer, der hinter allem Schlechten nur eine Versuchung des Teufels sieht und dem bösen Neonazi, der Gott selbst zum Urheber dieser schlecht eingerichteten Welt erklärt, spitzt sich derart zu, dass die Ordnung der kleinen Pfarrhausgemeinschaft in dramatischen Turbulenzen zusammenbricht. Nun ist es ausgerechnet Adam, in dem ein Verantwortungsgefühl für seine gestrandeten Mitmenschen erwacht... Mit »Adams Äpfel« erzählt Anders Thomas Jensen die Geschichte eines modernen Hiob. Erstaunlich an ihr ist die Spannung zwischen seinem handfesten dänischen Humor und den schweren theologisch-philosophischen Fragestellungen, mit denen sie uns zurück lässt: Gibt es überhaupt so etwas wie das Gute? Und wenn nicht, ist Ivans Glaube daran vielleicht ein notwendiger Selbstbetrug, der ihn die Schicksalsschläge seines Lebens ertragen lässt? Ist dieser Selbstbetrug vielleicht überhaupt ein Weg, nicht nur das eigene Leben, sondern auch das unserer Mitmenschen erträglich zu gestalten? Sollen wir Gott, wenn er denn tot ist, erfinden?
ANDERS THOMAS JENSEN (geboren 1972 in Frederiksvaerk, Dänemark) gehörte zunächst zum Kreis der Dogma-Filmer. So schrieb er das Drehbuch für den dritten Dogma-Film »Mifune« (Silberner Bär bei der Berlinale 1999). Mit »Flickering
Lights« (2000) debütierte er als Regisseur. »Adams Äpfel« (Drehbuch und Regie) entstand 2005 und erhielt zahlreiche Preise. K. D. Schmidt entwickelte aus dem Drehbuch 2008 die Bühnenfassung.
Regieteam
Regie: Felicitas Brucker
Bühne: Ulrike Siegrist
Kostüme: Irene Ip
Ort:
Schauspielhaus
Termine:
Di, 21.9.2010, 19:30
Fr, 24.9.2010, 19:30
NippleJesus
von Nick Hornby
Ein Kunstwerk versetzt die Stadt in Aufruhr: Die Jesus-Collage aus pornographischen Bildern entfacht eine kontroverse Diskussion über Sinn und Unsinn der Kunst in deren Zentrum sich Dave, Ex-Türsteher und neuer Museumswärter, plötzlich befindet. Obwohl Dave von Kunst keine Ahnung hat und den Job im Museum ohne Idealismus beginnt, zieht ihn das umstrittene Kunstwerk bald in seinen Bann und er sieht sich gezwungen, in der aufgeheizten Debatte Position zu beziehen...
Der britische Schriftsteller Nick Hornby, bekannt für seine Romane „High Fidelity“, „About a Boy“ und „Slam“, zeichnet in seiner Erzählung mit scharfem Witz das Bild unseres modernen Kunstbetriebs, auf den sein vielschichtiger Held trifft.
Bea Tinzmann studierte Theater-, Film- und Medienwissenschaft in Wien sowie Kulturwissenschaft und Ästhetische Praxis in Hildesheim. 2007-20009 arbeitete sie als Regieassistentin am Schauspielhaus Hannover; hier assistierte sie u.a. den Regisseuren Rafael Sanchez und Schorsch Kamerun.
Nun arbeitet sie als freie Regisseurin im deutschsprachigen Raum.
Regie: Bea Tinzmann
Raum: Christel Bergmann
Kostüme: Johanna Krause
Besetzung: Dave Philippe Goos
Ort:
Cumberlandsche Galerie
Termine:
Di, 21.9.2010, 20:00
Di, 28.9.2010, 20:00
KOMA
von Volker Schmidt und Georg Staudacher
Junges Schauspiel | 15+
in einer Bearbeitung von Mirko Borscht und Ensemble
Sogenannte School Shootings haben in den letzten Jahren für eine breite öffentliche Diskussion gesorgt. Columbine, Erfurt, Emsdetten, Winnenden - die Namen der Orte sind Synonyme geworden für den Tod Unschuldiger, für die Hilflosigkeit der Gesellschaft, für die immer wiederkehrende Frage nach dem Warum. "komA" versucht, den Spuren einer möglichen Vorgeschichte eines Amoklaufs zu folgen, Ursachen und Zusammenhänge erfahrbar zu machen. In dem multimedialen Stationentheaterstück folgt das Publikum den Figuren während der letzten Tage vor einem fiktiven School Shooting und wird so mit den persönlichen Geschichten konfrontiert.
VOLKER SCHMIDT (geboren 1976) und GEORG STAUDACHER (1965–2007) entwickelten über ein ganzes Jahr lang mit Jugendlichen in Wien zunächst in Form von Schauspielworkshops und Schreibworkshops das multimediale Stationentheaterstück »komA«. Anschließend hat Volker Schmidt aus den Texten der Jugendlichen den Stücktext verfasst. »komA« erhielt im November 2008 den wichtigsten österreichischen Theaterpreis »Nestroy« für die beste Off-Theaterproduktion.
MIRKO BORSCHTs Arbeit als Regisseur in Film und Theater wurde in den vergangenen Jahren wesentlich durch die Zusammenarbeit mit jugendlichen Laiendarstellern bestimmt. So entstand 2005 sein erster Spielfilm »Kombat Sechzehn« und 2007 das Theaterstück »Opferpopp«, das er für das Thalia Theater Halle mit sogenannten »Problemkids« entwickelte. 2008 erhielt »Opferpopp« den Hans Götzelmann-Preis für Streitkultur vom Institut für Friedenspädagogik.
Regie: Mirko Borscht
Kostüme: Elke Sivers, von
Video: Sabine Popa
Bühnenkampf: Boris Methner
Ort:
Tellkampfschule
Termine:
Di, 28.9.2010, 19:00
Mi, 29.9.2010, 19:00
Do, 28.10.2010, 19:00
Fr, 29.10.2010, 19:00
Sa, 30.10.2010, 19:00
Superhero
Nach dem gleichnamigen Roman von Anthony McCarten
Junges Schauspiel I ab 14
Donald Delpe ist vierzehn, ein magerer Junge ohne Haare. Voller Wut im Bauch und unerfüllter Sehnsucht stapft er mit Schuhen Größe 46 durch seine Heimatstadt Watford. In seinem Kopf: Mädchen und Sex. Sein Problem ist, dass er sich nicht nur mit der Pubertät herumschlagen muss, sondern auch mit Krebs. Don ist schwerkrank, und es könnte sein, dass ihm nicht mehr viel Zeit bleibt. Seine größte Sorge ist, dass er als männliche Jungfrau sterben könnte. Helfen kann ihm da nur noch einer – ein Superheld. Als Comiczeichner hat Donald sich den selbst erschaffen: MiracleMan, ein unverwundbarer und unsterblicher Superheld, in dessen Haut er schlüpfen kann, wenn ihm sein alltäglicher Kampf gegen die Krankheit zu viel wird. Schließlich muss Don aber erkennen, dass die Hilfe von Menschen aus Fleisch und Blut – wie von seinen Eltern oder dem engagierten Psychologen Dr. Adrian King – auch nicht zu verachten ist. »Superhero« ist ein warmherziges, verrücktes, von Humor geprägtes Drama über das Leben und Sterben.
ANTHONY MCCARTEN (geboren 1961 in Neuseeland) schrieb als 25-Jähriger mit seinem Freund Stephen Sinclair »Ladies Night«, ein Theaterstück um vier Loser ohne Job, Geld und Liebesleben, die eine Männerstrip-Gruppe gründen. Die darauf basierende Verfilmung »The Full Monty« (»Ganz oder gar nicht«) wurde zum Welterfolg. Seither schrieb McCarten weitere Theaterstücke, Drehbücher und drei Romane. Er wohnt in Los Angeles, Wellington und im englischen Gloucestershire, wo er gegenwärtig die Verfilmung von »Superhero« vorbereitet.
Regie: Susanne Lietzow
Bühne und Kostüme: Aurel Lenfert
Musik: Gilbert Handler
Video: Petra Zöpnek
Dramaturgie Sonja Fröhlich
Ort:
Ballhof Zwei
Termine:
Di, 28.9.2010, 19:30
Di, 5.10.2010, 19:30
Mo, 11.10.2010, 19:30
Mo, 25.10.2010, 19:30
Sa, 30.10.2010, 19:30
Moschee DE
Eine szenische Rekonstruktion von Robert Thalheim und Kolja Mensing
Am Rand von Berlin bricht ein erbitterter Streit aus. Eine muslimische Gemeinde will auf einem brach liegenden Grundstück zwischen Autobahnauffahrt, Einfamilienhaussiedlung und Fast-Food-Restaurant eine Moschee errichten. Aufgebrachte Anwohner schließen sich in einer Bürgerinitiative zusammen, Lokalpolitiker und Neonazis demonstrieren Hand in Hand gegen den geplanten Bau. Schließlich werden Brandsätze gelegt. »Moschee DE« nimmt diesen realen Fall zum Anlass für eine Forschungsreise in den deutschen Alltag. Welche Geschichten ereignen sich im Schatten der Moschee – zwischen den Regalen eines Supermarkts, auf dem Parkplatz des Drive-Inns oder in der Parallelgesellschaft einer Einfamilienhaussiedlung? Was für Menschen verbergen sich hinter den Schlagzeilen und reißerischen Fernsehberichten über den vermeintlichen Kampf der Kulturen?
ROBERT THALHEIM (geboren 1974 in Berlin) ist Theaterregisseur und Filmemacher. In seinem 2007 in Cannes aufgeführten Spielfilm »Am Ende kommen Touristen« beschäftigte er sich mit den Erfahrungen eines Zivildienstleistenden in der Gedenkstätte Auschwitz. KOLJA MENSING (geboren 1971 in Oldenburg) ist Journalist und Schriftsteller. Zuletzt erschien sein Erzählband »Minibar« (Verbrecher Verlag). Für den Dokumentarfilm [13terShop] recherchierte er den Alltag in einem Einkaufszentrum.
Regie: Robert Thalheim
Ort:
Cumberlandsche Bühne
Termine:
So, 12.9.2010, 20:30
Do, 30.9.2010, 20:00
ROHSCHNITT: Mickybo und ich
von Owen McCafferty
Mickybo und Mojo leben im Belfast der frühen 70er. Eine Brücke trennt die Stadtteile, aber auch die Welten, in denen sie leben. Es ist die Zeit der troubles, täglicher Anschläge und Straßenschlachten zwischen Katholiken und Protestanten. Als Mickybo sich auf der Flucht vor Gank und Fuckface auf die andere Seite rettet, trifft er auf Mojo. Umgeben von einer blutigen Realität entsteht eine von Abenteuerlust getriebene Freundschaft zweier Kinder aus feindlichen Lagern.
»Mickybo und ich« ist Auftakt-Produktion einer neuen Reihe: ROHSCHNITT
bedeutet bei uns: ein unverbrauchter Stoff, Schauspieler aus dem Ensemble, 4 Wochen Zeit, einfache Mittel, und ein großes Wollen. – Das ist das Ausgangsmaterial unserer Regieassistenten für erste Theaterinszenierungen.
Regie: Hanna Müller
Bühne und Kostüme: Anna Sörensen
Ort:
Ballhof Zwei
Termine:
Fr, 1.10.2010, 19:30
Sa, 16.10.2010, 19:30
Fr, 22.10.2010, 19:30
Trollmanns Kampf - Mer Zikrales
von Björn Bicker und Marc Prätsch
Junges Schauspiel I 14+
Johann Trollmann, genannt »Rukelie«, war berühmt – ein Publikumsliebling des Boxsports. Aufgewachsen in den 20er und 30er Jahren rund um den Ballhof, im Armenviertel Hannovers, kämpfte er sich bis zum Meistertitel im Mittelschwergewicht. Doch er war Sinto. Und man schrieb das Jahr 1933. Die Nationalsozialisten sprachen ihm nach nur acht Tagen den Titel ab – sein Kampfstil, der dem Muhammad Alis glich, wurde verboten. Aus Protest gegen den aberkannten Titel stieg er bei seinem nächsten Kampf mit weiß gepuderter Haut und blond gefärbten Haaren in den Ring und ließ sich von seinem Gegner k.o. schlagen. 1942 wurde Trollmann ins KZ Neuengamme deportiert, wo sich das Wachpersonal einen Spaß daraus machte, gegen den inzwischen völlig Entkräfteten zu boxen. 1943 wurde Johann »Rukelie« Trollmann im KZ Wittenberge ermordet. Diese Hannoveraner Biografie verweist auf ein Stück Stadtgeschichte, der Regisseur Marc Prätsch und Autor Björn Bicker in einem gemeinsamen Theaterprojekt nachgehen werden. Welche Spuren hat die Verfolgung und Ermordung von über 500.000 Sinti und Roma bis in die heutige Zeit hinterlassen? Was bedeutet es für Jugendliche, heute Sinti zu sein? Gibt es eine neue Sinti-Identität? Trotz der offensichtlichen historischen Fakten haben nicht nur die Justiz, sondern auch Politik und Gesellschaft lange gebraucht, um das Ausmaß der Verbrechen an Sinti und Roma wahrzunehmen und Konsequenzen daraus zu ziehen. Vielerorts hatte sich das rassistische Denken gegen diese Minderheit auch nach Zusammenbruch des Nationalsozialismus nahtlos fortgesetzt.
BJÖRN BICKER (geboren 1972) schreibt, bis 2008 unter dem Pseudonym Polle Wilbert, Theaterstücke und Hörspiele. Seit 2001 arbeitet er als Dramaturg an den Münchner Kammerspielen und entwickelte dort u.a. gemeinsam mit Peter Kastenmüller und Michael Gaessner verschiedene, auf umfangreicher Recherche beruhende theatrale Stadtprojekte wie »BunnyHill1-2« (2003 – 2006) und »Illegal« (2007 – 2008). MARC PRÄTSCH (geboren 1971), Schauspieler und Regisseur, setzt mit dieser Arbeit seine erfolgreiche Inszenierungstätigkeit am Schauspiel Hannover (u. a.. »Wir im Finale«, 2006, »Romeo und Julia«, 2007, und »Hinkemann«, 2008) fort.
Regie: Marc Prätsch
Bühne: Philipp Nicolai
Kostüme: Maria Anderski
Musikalische Leitung: Sven Kaiser
Musiker: Axel La Deur
Ort:
Ballhof Eins
Termine:
Do, 7.10.2010, 19:30
Mi, 13.10.2010, 19:30
Ritchy 3
von Volker Schmidt
Junges Schauspiel ab 12
Ein witch project der Hexen Ricarda, Romana und Rucola: Wird Ritchy, jüngster Sohn des Herzogs von York, zum Bösewicht, wenn ihm dies die Hexen prophezeien? Der gutmütige Ritchy hadert mit seinem Schicksal. Er wäre gerne so schön und mutig wie seine älteren Brüder Edward und George, die in den Krieg ziehen gegen Königin Margarete und den Lancaster-Clan. Doch Ritchy leidet unter einem Buckel und einem Klumpfuß. Während seine Brüder kämpfen, verliebt sich Ritchy zum ersten Mal. Er interessiert sich für Elisabeth Woodville. Sie gehört der gegnerischen Kriegspartei an. Als jedoch sein Bruder Edward siegreich aus dem Krieg zurückkehrt und die kriegsgefangene Elisabeth für sich gewinnt, zerschlagen sich seine Hoffnungen. Ritchy sinnt auf Rache. Er beginnt Intrigen zu spinnen, um seine beiden Brüder zu entmachten. Es gelingt ihm, ihre Ermordung zu veranlassen. Sein Ziel: Er selbst will König werden und Elisabeth zu seiner Frau nehmen. Die drei Hexen, denen ihr Experiment aus der Hand zu gleiten droht, schreiten schließlich ein und versuchen die Gewalttaten zu verhindern. William Shakespeares Klassiker »Richard III« diente als Vorlage für Volker Schmidts Stück, das der Entstehung des Bösen im Menschen nachgeht.
VOLKER SCHMIDT (geboren 1976 in Klosterneuburg, Österreich) arbeitet als Autor, Regisseur und Schauspieler. Nach seiner Schauspielausbildung begann er mit dem Schreiben von Theaterstücken, die mehrfach mit renommierten Theaterpreisen ausgezeichnet wurden.
Regie: Volker Schmidt
Bühne: Eva Sobieszek
Kostüme: Marie Gerstenberger
Dramaturgie: Sonja Fröhlich
Bühnenkampf: Atef Vogel
Ort:
Ballhof Zwei
Termine:
Mi, 20.10.2010, 19:30
Di, 26.10.2010, 19:30
Niedersächsische Staatstheater Hannover GmbH
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