schauspielhannover
Spielzeit 2009/10
Moschee DE
Eine szenische Rekonstruktion von Robert Thalheim und Kolja Mensing
Premiere: Samstag, 27. Februar 2010
Am Rand von Berlin bricht ein erbitterter Streit aus. Eine muslimische Gemeinde will auf einem brach liegenden Grundstück zwischen Autobahnauffahrt, Einfamilienhaussiedlung und Fast-Food-Restaurant eine Moschee errichten. Aufgebrachte Anwohner schließen sich in einer Bürgerinitiative zusammen, Lokalpolitiker und Neonazis demonstrieren Hand in Hand gegen den geplanten Bau. Schließlich werden Brandsätze gelegt. »Moschee DE« nimmt diesen realen Fall zum Anlass für eine Forschungsreise in den deutschen Alltag. Welche Geschichten ereignen sich im Schatten der Moschee – zwischen den Regalen eines Supermarkts, auf dem Parkplatz des Drive-Inns oder in der Parallelgesellschaft einer Einfamilienhaussiedlung? Was für Menschen verbergen sich hinter den Schlagzeilen und reißerischen Fernsehberichten über den vermeintlichen Kampf der Kulturen?
ROBERT THALHEIM (geboren 1974 in Berlin) ist Theaterregisseur und Filmemacher. In seinem 2007 in Cannes aufgeführten Spielfilm »Am Ende kommen Touristen« beschäftigte er sich mit den Erfahrungen eines Zivildienstleistenden in der Gedenkstätte Auschwitz. KOLJA MENSING (geboren 1971 in Oldenburg) ist Journalist und Schriftsteller. Zuletzt erschien sein Erzählband »Minibar« (Verbrecher Verlag). Für den Dokumentarfilm [13terShop] recherchierte er den Alltag in einem Einkaufszentrum.
Regie: Robert Thalheim
Termine:
Do, 11.3.2010, 20:00
Sa, 27.3.2010, 20:00
Di, 30.3.2010, 20:00
Yerma
von Federico Garcia Lorca
Premiere: Samstag, 13. März 2010
Es ist die Geschichte einer unerfüllten Liebe, einer Ehe unter unglücklichen Vorzeichen. Yerma wünscht sich ein Kind. Ihr Mann aber, der reiche Bauer Juan, hat kein Verständnis für ihre Sehnsucht. Er arbeitet Tag und Nacht auf dem Feld, dessen Fruchtbarkeit ihm wohl näher liegt. Da er spürt, wie sich Yerma zu dem Hirten Viktor hingezogen fühlt, lässt er seine beiden altjüngferlichen Schwestern über Yermas Keuschheit wachen. Sie bringen Strenge und Schweigsamkeit ins Haus, die Yermas unerfüllte Sehnsüchte zum unerträglichen Schmerz werden lassen. So sucht sie Zuflucht bei einer Geisterbeschwörerin, die ihr als letzten Ausweg eine Wallfahrt zur heiligen Quelle der Fruchtbarkeit verspricht. Die Erscheinungen aber, die Yerma dort Linderung ihrer leidenschaftlichen Wünsche antragen, sind keineswegs himmlischer, sondern vielmehr höchst menschlicher Natur. Sie lotsen Yerma in einen unheilschwangeren finalen Akt. Lorcas Dramen nehmen ihren Ausgangspunkt in einer metaphorisch aufgeladenen bäuerlichen Welt, die weit über sich hinaus auf archaische Widersprüche menschlichen Trieblebens weist. Mit großer Wucht brechen sich sexuelle Kräfte Bahn, die zu lange brach gelegen haben.
Er gilt als der Erneuerer des spanischen Dramas. Vielseitig stand FEDERICO GARCIA LORCA (1898 –1936) der Moderne nahe. So waren die wichtigsten spanischen Vertreter des Surrealismus, Salvador Dalí und Luis Buñuel, seine engsten Freunde. Auch war er ein großer Freund des neuen amerikanischen Films, insbesondere der Kunst Buster Keatons. Dass er die Kraft seiner Werke dennoch aus einer tiefen Verwurzelung in seiner andalusischen Heimat, aus der Bildhaftigkeit der kargen spanischen Wüste schöpfte, macht seine Dramen besonders unverwechselbar und verleiht ihnen die Beglaubigung, die jede Form von literarischem Einzelgängertum erschafft.
Regie: Sebastian Schug
Bühne: Christian Kiehl
Kostüme: Nicole Zielke
Musikalische Leitung: Johannes Winde
Termine:
Sa, 13.3.2010, 19:30 | Premiere
Mi, 17.3.2010, 19:30
Sa, 20.3.2010, 19:30
Do, 25.3.2010, 19:30
Die Schöpfer der Einkaufswelten
Quasi-maoistisches Lehrstück nach dem Dokumentarfilm von Harun Farocki
Premiere: Samstag, 20. März 2010
Einkaufen ist ein alltagskultureller Akt, selbstverständlich, unvermeidlich. Jedem ist diese Erfahrung geläufig und das Erscheinungsbild von Waren in Regalen und zu Einkaufszentren gruppierten Einzelhandelsgeschäften und Ladenketten gegenwärtig. Doch diese Selbstverständlichkeit ist das Ergebnis eines hochkomplexen Vorgangs. Subtilster Mittel bedienen sich die Schöpfer der Einkaufswelten, um das große Ziel zu erreichen: mehr verkaufen. Eine ganze Armada von Wissenschaftlern, Beratern, Relaunch-Analytikern und Architekten macht sich Gedanken, wie ein Einkaufszentrum angelegt wird, wo die Bildbände im Laden stehen oder wie das Toastbrot am umsatzträchtigsten gestapelt wird – eine manchmal lächerlich-komische, manchmal orwellesk anmutende Angelegenheit. Denn wenn die Planer von Shopping-Malls Schöpfer sind, sind wir dann nicht auch ihre Geschöpfe? Harun Farocki, einer der Chefanalytiker des deutschen Kinos, gelang es, mit seinem preisgekrönten Dokumentarfilm »Die Schöpfer der Einkaufswelten« ein Bild dieser komplexen, gigantischen Verführungsmaschinerie zu zeichnen. Ausgehend von diesem Film entwickelte Tom Kühnel abermals gemeinsam mit der Puppenspielerin Suse Wächter und dem renommierten Rundfunkmoderator und Videoschnipselvortragenden Jürgen Kuttner ein geistreiches und hochamüsantes Theaterprojekt zu Mythos und Wirklichkeit der globalisierten Wohlstandsgesellschaft.
HARUN FAROCKI (geboren 1944 in Nový Jicín, Tschechien) zählt zu den wichtigsten Vertretern des zeitgenössischen Dokumentar- und Essayfilms. In seinen kritischen Auseinandersetzungen mit dem Bild und seiner Wirkkraft zeigt er uns in einer Schule des Sehens die Funktionsweisen dieser Welt.
Regieteam
Regie: Tom Kühnel
Bühne: Katin Hoffmann
Kostüme: Marysol del Castillo
Puppen: Suse Wächter
Termine:
Sa, 20.3.2010, 20:00 | Premiere
So, 21.3.2010, 20:00
Schwarze Jungfrauen
von Feridun Zaimoglu / Günter Senkel
Junges Schauspiel I 16+
Premiere: Samstag, 27. März 2010
»Allah ist mein Herrscher, der Prophet,
mein Menschenkönig, im Koran find ich
die Verfassung und im heiligen Krieg
die schöne Unterweisung. Damit hab ich
mich ausgewiesen für Ost und West,
damit hab ich mich als das Stück Dreck
erwiesen, für das die Westler mich immer
hielten. Ist Gott so fern von ihnen?«
Feridun Zaimoglu hat junge deutsche Muslima interviewt und diese anschließend mit seinem Ko-Autor Günter Senkel zu zehn Monologen verdichtet. Alltagserfahrungen, innere Glaubenskriege und Garderobenfragen fügen sich zu einem vielfach gebrochenen Bild muslimischen Lebens in unseren Breiten. Zwischen bauchfrei und vollverschleiert, zwischen traditioneller Frauenrolle und westlichem Lebensstil, zwischen Glaubensgewissheit und Identitätssuche versagen alle gesicherten Zuordnungen, mit denen man gemeinhin zwischen »Islam« und »Daheim« unterscheiden zu können glaubt. Das ist beunruhigend und provokant. Es ist aber auch befreiend. Das Schweigen ist gebrochen, es kommt ein Selbstbewusstsein zum Ausdruck, das zuweilen nicht frei ist von Dummheit, Borniertheit und Stolz auf die falschen Dinge – das aber auch Reaktionen hervorruft, die im besten Fall der Beginn eines Dialoges sein könnten.
Unter dem Titel »Kanak Sprak« hat der türkischstämmige deutsche Bildende Künstler und Autor FERIDUN ZAIMOGLU (geboren 1965 in Bolu, Türkei) 1995 seinen ersten Band mit Interviews veröffentlicht und damit der »zweiten Generation«, den Kindern der Migranten, eine – seine – Sprache verliehen. Jetzt ist er, nach der Veröffentlichung des Romans »Leyla«, vielen Wortmeldungen in aktuellen politischen Debatten und der flächendeckenden Installation türkischer Fahnen am Museumsquartier Wien unter dem Titel »KanackAttack. Die dritte Türkenbelagerung«, für diesen Theatertext wieder zu seinem ursprünglichen Verfahren zurückgekehrt.
Regieteam
Regie: Lars-Ole Walburg
Bühne und Kostüme: Nina Wetzel
Musik: Tomek Kolczynski
Termine:
Sa, 27.3.2010, 20:00 | Premiere
Mo, 29.3.2010, 20:00
Boys don't cry
Die wahre Geschichte des Brandon Teena
»Boys don’t cry« wird das 2. Norddeutsche Kinder- und Jugendtheaterfestival »Hart am Wind« vom 20. bis 27. Februar 2010 in Hannover eröffnen. Die Vielfalt, in der menschliche Identität auftreten kann, ist groß. Die Fülle an Rollenmustern, die unsere Gesellschaft akzeptiert, bleibt demgegenüber höchst beschränkt. Er war neu in der Kleinstadt Humboldt, Nebraska, und kam bei den Mädchen gut an. Lana Tisdale verliebte sich in ihn, bald gingen sie miteinander. Brandon Teena war 21 Jahre jung und der perfect guy, der auch mit den Männern in seiner neuen Clique gut konnte. Zwei seiner Kumpels, John Lotter und Tom Nissen, kamen drei Wochen nach seiner Ankunft dahinter, dass Brandon Teena eigentlich Teena Brandon hieß, dass er den Körper einer Frau hatte. Aus Rache für diese Täuschung vergewaltigten sie ihn acht Stunden lang, sechs Tage später töteten sie ihn, um die Spuren zu vertuschen. Ihr Weltbild konnte nicht zulassen, dass Teenas Identitätsgeschlecht trotz seiner biologischen Weiblichkeit männlich war. Vor dem Hintergrund einer aggressionsgeladenen Langeweile, wie sie viele Kleinstädte beherrscht, erzählen die tragischen Ereignisse von Humboldt, welch gewaltsamen Kräfte freigesetzt werden können, wenn die Programmierung medial-sozial vermittelter Denkklischees abstürzt. »Boys don’t cry«, 1999 erfolgreich von Kimberly Peirce verfilmt und mit einem Oscar ausgezeichnet, ist eine wahre Geschichte aus der amerikanischen Provinz, aber auch eine Geschichte aus der Provinz der menschlichen Seele.
Regie: Heike Marianne Götze
Termine:
Fr, 12.3.2010, 19:30
Sa, 20.3.2010, 19:30
Do, 25.3.2010, 19:30
Di, 30.3.2010, 19:30
Eine Familie
von Tracy Letts
Der Mittlere Westen der Vereinigten Staaten ist im Allgemeinen der Inbegriff der Provinz, doch Osage County, Oklahoma, der Schauplatz von Tracy Letts »Eine Familie«, liegt noch nicht einmal dort. Er liegt in einem heißen, platten Nichts, der Prärie. Und die Prärie, erklärt uns eine der Figuren gleich zu Beginn des Stückes, sei keine Landschaft, sondern ein seelisches Leiden… Beverly Weston, früher einmal Dichter und Hochschullehrer, jetzt pensionierter Vollzeitalkoholiker, verschwindet spurlos. Er lässt seine tablettenabhängige, krebskranke Frau Violet in der Obhut einer neu engagierten Haushaltshilfe zurück. Zur Familie, die daraufhin aus allen Teilen der USA anreist, gehören Tochter Barbara mit ihrem geschiedenen Mann Bill und Enkeltochter Jean, Tochter Karen mit ihrem neuen Freund Steve, Tochter Ivy, Tante Mattie Fae, Onkel Charlie und ihr fast vierzigjähriger Sohn Little Charles. Die zwischen den Familienmitgliedern im Elternhaus unweigerlich aufbrechenden Konflikte sind so vielfältig, dass sie womöglich für drei Stücke gereicht hätten. Doch Tracy Letts gelingt durch eine fein ausbalancierte Mischung aus echter Tragik und tiefschwarzem Humor ein faszinierendes Gemälde vom Niedergang eines amerikanischen Familienclans. Dass am Ende allein die neu engagierte indianische Haushaltshilfe Johanna vom Stamme der Cheyenne – eine Ureinwohnerin der Prärie – in der Lage ist, die elementaren Funktionen des ehemaligen Professorenhauses Weston aufrecht zu erhalten, gehört zu den bösen Pointen dieses Stücks.
Der Schauspieler und Autor TRACY LETTS (geboren 1965 in Tulsa) wuchs in der kleinen Universitätsstadt Durant in Oklahoma auf, wo seine Eltern als Professoren arbeiteten. Schon mit seinem 2004 uraufgeführten Stück »Bug« gewann er in den Vereinigten Staaten mehrere Preise. Sein im Juni 2007 am Steppenwolf Theatre in Chikago uraufgeführtes Drama »August: Osage County« (dt. »Eine Familie«) gilt als das erfolgreichste Stück dieser Saison und Tracy Letts erhielt dafür den begehrten Pulitzer-Preis.
Regie: Tina Lanik
Termine:
Fr, 12.3.2010, 19:30
Sa, 27.3.2010, 19:30
Di, 30.3.2010, 19:30
Superhero
Nach dem gleichnamigen Roman von Anthony McCarten
Junges Schauspiel I ab 14
Donald Delpe ist vierzehn, ein magerer Junge ohne Haare. Voller Wut im Bauch und unerfüllter Sehnsucht stapft er mit Schuhen Größe 46 durch seine Heimatstadt Watford. In seinem Kopf: Mädchen und Sex. Sein Problem ist, dass er sich nicht nur mit der Pubertät herumschlagen muss, sondern auch mit Krebs. Don ist schwerkrank, und es könnte sein, dass ihm nicht mehr viel Zeit bleibt. Seine größte Sorge ist, dass er als männliche Jungfrau sterben könnte. Helfen kann ihm da nur noch einer – ein Superheld. Als Comiczeichner hat Donald sich den selbst erschaffen: MiracleMan, ein unverwundbarer und unsterblicher Superheld, in dessen Haut er schlüpfen kann, wenn ihm sein alltäglicher Kampf gegen die Krankheit zu viel wird. Schließlich muss Don aber erkennen, dass die Hilfe von Menschen aus Fleisch und Blut – wie von seinen Eltern oder dem engagierten Psychologen Dr. Adrian King – auch nicht zu verachten ist. »Superhero« ist ein warmherziges, verrücktes, von Humor geprägtes Drama über das Leben und Sterben.
ANTHONY MCCARTEN (geboren 1961 in Neuseeland) schrieb als 25-Jähriger mit seinem Freund Stephen Sinclair »Ladies Night«, ein Theaterstück um vier Loser ohne Job, Geld und Liebesleben, die eine Männerstrip-Gruppe gründen. Die darauf basierende Verfilmung »The Full Monty« (»Ganz oder gar nicht«) wurde zum Welterfolg. Seither schrieb McCarten weitere Theaterstücke, Drehbücher und drei Romane. Er wohnt in Los Angeles, Wellington und im englischen Gloucestershire, wo er gegenwärtig die Verfilmung von »Superhero« vorbereitet.
Regie: Susanne Lietzow
Bühne und Kostüme: Aurel Lenfert
Musik: Gilbert Handler
Video: Petra Zöpnek
Dramaturgie Sonja Fröhlich
Termin:
Fr, 12.3.2010, 19:30
Parzival
von Lukas Bärfuss nach Wolfram von Eschenbach
Ein Knabe wächst im Wald auf, man kann auch sagen: in einer Einöde. Seine Mutter enthält ihm die Welt vor, belügt ihn über Gestalt und Gesetz der Wirklichkeit. Herangewachsen verlässt er sie, sie kleidet ihn zum Abschied in ein Narrengewand. Er vergewaltigt eine junge Frau. Und tötet seinen Onkel, um an seine Waffen und die Rüstung zu kommen. Weitgereiste Männer lachen ihn aus. Er zieht weiter. Kommt als Gast an einen Hof, wo man es gut meint mit ihm. Man lehrt ihn das rechte Benehmen, was man tun soll und zu unterlassen hat: Sprich nicht zu viel, und quäle die Herren nicht mit Deinen Fragen! Er fühlt sich nun tauglich. Reitet weiter. Kommt zu einer Burg, da man ein Wunder vor der Welt versteckt. Der König dort aber ist leidend. Der Junge siehts, das Mitleid drängt zu fragen, was denn nur seine Krankheit sei, doch hat er gelernt, vor Herren zu schweigen. So bleibt er stumm. Die Burg, und mit ihr das Wunder, verschwindet. Der Junge kehrt zurück zu den Männern. Sie nehmen ihn auf, denn er ist nun weit gereist. Als es am Schönsten ist, verflucht ihn eine Botin, weil er geschwiegen und den kranken König nicht erlöst hat. Du kannst den Jungen aus der Einöde, aber die Einöde nicht aus dem Jungen nehmen. Er kehrt zurück in den Wald. Findet einen Einsiedler, auch er ein Onkel. Gesteht ihm, dass er Gott hasse. Nichts verstehe. Der Einsiedler unterrichtet ihn, belügt ihn, sagt, er hätte König werden, das Wunder besitzen können, wenn er nur die richtige Frage gestellt hätte. Nun aber sei die Chance verspielt. Der Knabe irrt weiter durch die Welt. Kämpft. Tötet. Weiss nicht weiter und geht immer weiter. Bis zur Burg mit dem Wunder. Erlöst mit einer einfachen Frage den siechen König. Findet seine Liebe. Den Bruder. Freunde. Wird König. Erhält das Wunder und all die Gnade Gottes. Warum? Lukas Bärfuss
Die 25.000 Verse umfassende Parzival-Dichtung WOLFRAM VON ESCHENBACHS (1170/75 –1220) gehört zu den bedeutendsten literarischen Texten des deutschen Mittelalters. LUKAS BÄRFUSS (geboren 1971 in Thun, Schweiz) – derzeitig einer der profiliertesten Autoren im deutschen Sprachraum (u. a. »Die sexuellen Neurosen unserer Eltern«, »Der Bus«, »Die Probe«, »Hundert Tage«) – wird für das Schauspiel Hannover eine neue, eigene Bearbeitung erstellen.
Regie: Lars-Ole Walburg
Bühne: Reinhild Blaschke
Kostüme: Kathrin Krumbein
Musik: Tomek Kolczynski
Termine:
Di, 16.3.2010, 19:30
So, 28.3.2010, 19:30
Aber nein! - Noch leben Sie!
Odeanbusch von Ruedi Häusermann
Schon einmal war er geflüchtet. Während in Mechtshausen zum großen Erstaunen der benachbarten Bauern über tausend Glückwünsche eintrafen, darunter ein Telegramm von Sr. Majestät, dem Kaiser, hielt sich Wilhelm Busch in Hattorf bei seinem Neffen versteckt – nicht gewillt, die Feierlichkeiten zu seinem 70. Geburtstag über sich ergehen zu lassen. Busch war schon zu Lebzeiten populär und ist es bis heute. Kaum einer, dessen Kindheit nicht bevölkert ist mit seinen Figuren, kein elterlicher Bücherschrank, in dem nicht das Große Busch-Album zu finden ist (selbst wenn sonst nur noch das Kochbuch daneben steht). Wilhelm Busch war und ist bis heute ein unvergleichlicher Meister der Charakterisierung, ein trefflicher Zeichner, der Erfinder einer neuen Gattung und damit das Vorbild aller nachkommenden Bildergeschichtenerzähler. Ein ungeliebtes Missverständnis seiner Biografie, in der Busch sich gerne als Genremaler anerkannt gesehen hätte. Und nun wird es wieder kein Entkommen geben: Gerade erst wurden die letzten Blätter der jüngsten Jubiläumsschau abgehängt – dieses Mal anlässlich seines 100. Todestages –, die Neuauflagen aus den Auslagen der Buchhandlungen herausgenommen, da lauert ihm, der in der Dämmerung unerkannt seine Runden ums Museum drehen möchte, hinter der nächsten Ecke erneut eine Marschkapelle auf. Mit schon recht müden Posaunisten, die hin und wieder in den Schlaf sinken und zu schnarchen beginnen. Sie verfolgen Busch bis auf die Theaterbühne. Auf dieser ist ein Platz für ihn reserviert – stets und von jeher in der Welt des Musikers und Theatermannes Ruedi Häusermann, der ihm mit diesem Abend seine offizielle Reverenz erweist. Schattenhaft treten Busch-Figuren auf, manches Mal auch aus ihrem Schatten heraus. Die Abteilung »Gnadenlose Heiterkeit« wird einer Prüfung unterzogen und was die Musik betrifft: Es werden die Mundstücke hin und wieder ausgeschüttelt und eine andere Welt bricht ein. Gemäß dem Motto: »Ein Onkel, der Gutes mitbringt, ist besser als eine Tante, die bloß Klavier spielt.«
Mit seiner eigenen musiktheatralischen Sprache hält der 1948 in Lenzburg (Schweiz) geborene RUEDI HÄUSERMANN einen markanten Platz in der Theaterlandschaft inne. Er kehrt mit dieser Inszenierung nach Hannover zurück, wo bereits seine Abende »Rosamunde« von Elfriede Jelinek (2002), »Es ist gefährlich über alles nachzudenken, was einem gerade einfällt« mit Texten von Daniil Charms (2004) und »Gewähltes Profil: Lautlos« (2006) zu sehen waren.
Regie: Ruedi Häusermann
Bühne: Franziska Rast
Kostüme: Barbara Maier
Musik: Jan Ratschko / Ruedi Häusermann / Philipp Läng
Dramaturgie: Judith Gerstenberg
Ort:
Schauspielhaus
Termin:
So, 21.3.2010, 17:00
Der Bau
von Franz Kafka
Es kratzt, scharrt, gräbt, prüft, baut um, wühlt auf ... Unschlüssig schaukelt diese Kreatur in ihrem Bau von einer Sorge zur anderen, »nippt an allen Ängsten und hat die Flatterhaftigkeit der Verzweiflung«, so beschrieb Walter Benjamin das namenlose Erdtier, dem wir durch kunstvolle, wahnwitzige Gedanken-Gänge folgen. Dieses Wesen ist mit menschlicher Sprache begabt, animalisch und zugleich ein Gewohnheitstier. Es lebt in einem Labyrinth, sein Ziel: die größtmögliche Sicherheit. Permanent damit beschäftigt, sein Heim zu perfektionieren, vernimmt es eines Tages ein zunächst unmerkliches Geräusch und diffuse Angst wandelt sich in Paranoia. Etwas Fremdes lauert ... »Der Bau« ist ein Fragment aus Kafkas Nachlass. Mit feinem Witz beschreibt er in einem gewaltigen Sprachstrom darin die Organisation des Lebens, die Besessenheit vom Besitz, öffnet Denkräume. Was gibt uns Halt?
Regieteam
Regie: Nora Hecker
Raum: Maria Anderski / Nora Hecker
Kostüme: Maria Anderski
Dramaturgie: Karoline Hoefer
Ort:
Cumberlandsche Galerie
Termin:
So, 28.3.2010, 20:00
Ritchy 3
von Volker Schmidt
Junges Schauspiel ab 12
Ein witch project der Hexen Ricarda, Romana und Rucola: Wird Ritchy, jüngster Sohn des Herzogs von York, zum Bösewicht, wenn ihm dies die Hexen prophezeien? Der gutmütige Ritchy hadert mit seinem Schicksal. Er wäre gerne so schön und mutig wie seine älteren Brüder Edward und George, die in den Krieg ziehen gegen Königin Margarete und den Lancaster-Clan. Doch Ritchy leidet unter einem Buckel und einem Klumpfuß. Während seine Brüder kämpfen, verliebt sich Ritchy zum ersten Mal. Er interessiert sich für Elisabeth Woodville. Sie gehört der gegnerischen Kriegspartei an. Als jedoch sein Bruder Edward siegreich aus dem Krieg zurückkehrt und die kriegsgefangene Elisabeth für sich gewinnt, zerschlagen sich seine Hoffnungen. Ritchy sinnt auf Rache. Er beginnt Intrigen zu spinnen, um seine beiden Brüder zu entmachten. Es gelingt ihm, ihre Ermordung zu veranlassen. Sein Ziel: Er selbst will König werden und Elisabeth zu seiner Frau nehmen. Die drei Hexen, denen ihr Experiment aus der Hand zu gleiten droht, schreiten schließlich ein und versuchen die Gewalttaten zu verhindern. William Shakespeares Klassiker »Richard III« diente als Vorlage für Volker Schmidts Stück, das der Entstehung des Bösen im Menschen nachgeht.
VOLKER SCHMIDT (geboren 1976 in Klosterneuburg, Österreich) arbeitet als Autor, Regisseur und Schauspieler. Nach seiner Schauspielausbildung begann er mit dem Schreiben von Theaterstücken, die mehrfach mit renommierten Theaterpreisen ausgezeichnet wurden.
Regieteam
Regie: Volker Schmidt
Bühne: Eva Sobieszek
Kostüme: Marie Gerstenberger
Dramaturgie: Sonja Fröhlich
Bühnenkampf: Atef Vogel
Ort:
Ballhof Zwei
Termine:
Mo, 15.3.2010, 19:30
Di, 16.3.2010, 11:00
Mi, 17.3.2010, 11:00
Der Kirschgarten
Komödie in vier Akten von Anton Tschechow
Zeitenwende. Die Veränderung ist unaufhaltsam, unwiderruflich, die Verschuldung nicht mehr zu tilgen. Wie bisher wird es nicht mehr weitergehen. Eine Neuordnung der Verhältnisse findet statt. Alle sehen es. Und warten. Und wissen nicht, welche neue Rolle ihnen zugedacht ist. Sie warten darauf, dass sich etwas ereignet. Dafür sind sie zusammengekommen – unbestimmt in ihren Hoffnungen und Ängsten, sich voreinander aufspielend. Das Leben wird weitergehen. Auch das wissen sie.
Ljubow Andrejewna Ranjewskaja ist zurückgekehrt auf das elterliche Gut, das kurz vor der Versteigerung steht. Ihre Tochter Anja hatte sie alarmiert und aus dem fernen Paris geholt. Lopachin, der Sohn des ehemaligen Leibeigenen der Familie, hat die Zukunft schon erreicht. Die Welt ist käuflich und er hat Geld. Er wüsste Rat. Er rät, das Gut zu parzellieren und an Sommergäste zu vermieten. Dafür müsste der dazugehörige Kirschgarten – obgleich er nur noch selten Früchte trägt, Attraktion der Gegend – abgeholzt werden. Gekränkt von einer Zeit, die alles nur an ihrem Nutzwert misst, lehnt die Familie ab. Und wartet. Auf den Stichtag, der ihr aller Leben verändern wird. Die Zeit verstreicht, mit ihr die Frist. Das Gut ist verkauft. Die Äxte krachen in die Kirschbäume. Abreise.
Anton Tschechow (1860 –1904) ist der Dramatiker, der das Theater des 20. Jahrhunderts beeinflusst und verändert hat wie kaum ein anderer. „Mir wird oft vorgeworfen, ich schriebe über Lapalien, ich hätte keine positiven Helden…Aber wo soll ich sie hernehmen? Ich wäre ja froh!… Sie sagen, Sie hätten in meinen Theaterstücken geweint… Ich habe etwas anderes gewollt… Ich wollte den Menschen nur ehrlich sagen: ‚Schaut euch an, wie schlecht und langweilig ihr lebt!...‘ Die Hauptsache ist, dass die Menschen das begreifen, und wenn sie es begriffen haben, werden sie sich unbedingt ein anderes, besseres Leben einrichten… Ich sehe es nicht, aber ich weiß, es wird anders sein, anders als das, das ist…“ (Anton Tschechow, 1902, im Gespräch mit Alexander Serebrov-Tichonov).
Regie Tomas Schweigen
Bühne Stephan Weber
Kostüme Anne Buffetrille
Ort:
Schauspielhaus
Termine:
Fr, 19.3.2010, 19:30
Mi, 24.3.2010, 19:30
Mi, 31.3.2010, 19:30
Feierabend (Shoot the Crow)
von Owen McCafferty
Es ist Freitag. Für vier Belfaster Fliesenleger geht eine lange Arbeitswoche zu Ende. Randolph träumt von einem Motorrad und der großen weiten Welt, Ding-Ding hat Angst vor der Sinnlosigkeit des Rentnerdaseins. Und auf der Baustelle steht eine Palette Fliesen ohne Lieferschein. Die beiden sind sich schnell einig: Die herrenlosen Fliesen sollen sie auf einen Schlag von allen Problemen befreien. Sie machen einen Plan. Leider sind sie damit nicht allein. Auch ihre Kollegen Petesy und Socrates hoffen, sich in der Mittagspause mit Hilfe der Fliesen ihrer finanziellen Sorgen zu entledigen. Keiner weiß von den Absichten des anderen, keiner ist bereit, die Beute mehr als nötig zu teilen, und so dauert es nicht lange, bis sich die Parteien ins Gehege kommen und ihre Pläne durcheinander geraten. Wie die vier Möchtegernganoven ihre ganz persönlichen Konjunkturprogramme entwerfen und diese dann miteinander kollidieren, macht die besondere Komik dieses Stückes aus. Ihre kriminelle Energie entspringt dabei der Erkenntnis, dass ihre prekären Arbeitsverhältnisse ihren Lebensentwürfen immer wieder im Wege stehen. Vor dem Hintergrund staatlicher Rettungsschirme gegen milliardenschwere Spekulationsverluste ist die Bescheidenheit ihrer Wünsche und die Aufrichtigkeit ihrer Skrupel dabei ebenso entwaffnend wie entlarvend.
OWEN MCCAFFERTY wurde 1961 in Belfast geboren. Er zählt zu den bedeutendsten zeitgenössischen Theaterautoren Nordirlands. In seinen Stücken reflektiert er meist ganz alltägliche Probleme der Bewohner seiner nordirischen Heimatstadt. Dabei fängt er den Rhythmus und Wortwitz der Straße genauso ein wie die heimlichen Nöte und Träume seiner Zeitgenossen. »Scenes from the big picture«, das 2003 am Royal National Theatre London uraufgeführt wurde, wo McCafferty Hausautor war, wurde mit mehreren Preisen ausgezeichnet. »Mojo Mickybo«, ein Stück über zwei achtjährige Jungen aus Belfast, wurde 2005 von Terry Loane erfolgreich verfilmt. Im Moment arbeitet McCafferty an einem neuen Text für das Abbey Theatre in Dublin.
Regie: Marco Storman
Bühne: Philipp Nicolai
Kostüme: Ursula Bergmann
Musik: Thorsten zum Felde
Dramaturgie: Christian Tschirner
Ort:
Cumberlandsche Bühne
Termine:
Sa, 13.3.2010, 20:00
So, 14.3.2010, 20:00
Do, 25.3.2010, 20:00
Träumer
Nach dem Roman von Gilbert Adair
Der junge US-Amerikaner Matthew flieht vor dem Vietnamkrieg und trifft in Paris das eigenartige Geschwisterpaar Theo und Isabelle. Die drei sind echte Fanatiker des Films und verbringen jeden Tag im Kino. Die politischen Unruhen im Pariser Mai führen dazu, dass ihre Cinémathèque geschlossen wird, und so ziehen sich die drei Freunde zurück in die elterliche Wohnung. Abgeschlossen von den Vorgängen auf der Straße beginnen sie mit einem Szenenratespiel. Wer den Film nicht errät, muss den Befehlen der anderen gehorchen. Das Spiel lässt schnell jegliche Grenzen von Moral und Norm hinter sich und wird zu einer erschreckend offenen Suche nach der eigenen Identität. Die Wohnung wird zur camera obscura, in der das geheimste Begehren regiert. Die Träumer verlieren sich in einer Welt von Eigenbezüglichkeit und Intimität, während vor ihren Türen die Jugend des Landes zur Weltrevolution ruft.
Der Roman von Gilbert Adair verknüpft geschickt die sexuelle Initiation mit der politischen. Inmitten der revolutionären Umbrüche träumen Matthew, Theo und Isabelle von einer anderen, möglichen Lebensform. Doch am Ende müssen sie merken, wie wenig dies mit der realen Welt zu tun hat. Die Ideale der Menschheitsverbesserung gelingen immer nur im privat Abstrakten. Im Angesicht des Elends müssen wir Position beziehen, und alle träumerische Rhetorik verkommt im Moment der Handlungen. Die Weltverbesserer von heute reden wie ihre bürgerlichen Eltern – die Revolutionäre von gestern – immer das Richtige. Doch selten erreicht das Wahre und Schöne das Gute – von den Wiedertäufern in Münster 1543 bis zu den Kerzenträgern in Leipzig 1989.
Der schottische Schriftsteller GILBERT ADAIR (geboren 1944) wurde vor allem durch seine Kriminalgeschichten bekannt. 1988 veröffentlichte er „The Holy Innocents“, dessen Plot Bernardo Bertolucci 2003 verfilmte. Für das Drehbuch schuf Adair eine Fassung dieses Romans unter dem Filmtitel „Dreamers“.
Regie Robert Lehniger
Bühne und Kostüme Irene Ip
Video Bert Zander
Ort:
Cumberlandsche Bühne
Termin:
Di, 23.3.2010, 20:00
Hörbeispiel:
Alle kriegen dick und werden Kinder
von Kristo Sagor
Wo möchtest du in fünf Jahren sein? Das fragen sich die beiden Freunde Dario und Lazslo. Wie weit können sie ihrem Schwur treu bleiben, keine falschen Kompromisse einzugehen? Laszlo zieht es in die Metropole, wo er sein Coming-Out erlebt. Als Sänger einer erfolgreichen Band steht er bald vor der Frage, wie politisch seine Haltung in der Welt des Showbiz bleiben kann. Dario jobbt als Taxifahrer und scheitert mit seinen Träumen. Seit dem Frühjahr 2009 probt der Autor und Regisseur Kristo Šagor mit 36 Jugendlichen aus Hannover und drei Schauspielern. Eigens für das Stück ist eine Band entstanden, deren Songs die Handlung begleiten und vorantreiben. Nach den Klassikerprojekten „Romeo und Julia“ und „HELDEN! - Die Odyssee“ setzt das diesjährige Jugendprojekt von enercity network und dem Jungen Schauspiel Hannover auf einen Stoff, der nahe an der Lebenswirklichkeit der Jugendlichen liegt.
KRISTO ŠAGOR (geboren 1976 in Stadtoldendorf) schreibt diesen Text für 40 Jugendliche aus Hannover. Viele seiner Stücke, die von jungen Menschen und ihrer Identitätssuche auf dem Weg zum Erwachsenwerden handeln, hat der 32-jährige Autor und Regisseur sehr nahe am Theater entwickelt. Sie wurden vielfach in Deutschland und anderen europäischen Ländern nachgespielt und erhielten zahlreiche Preise und Festival-Einladungen.
Regie: Kristo Šagor
Bühne: Barbara Kaesbohrer
Kostüme: Saskia Vollmer
Musikalische Leitung: Sebastian Katzer
Ort:
Ballhof Eins
Termin:
Mi, 31.3.2010, 19:30
Der abentheuerliche Simplicissimus Teutsch
von Hans Jakob Christoffel von Grimmelshausen / Soeren Voima
Krieg. Ein seltsamer Vagant durchwandert ein Deutschland, das in einem wilden Taumel erschöpft liegt. Sein Abenteuer- und Irrweg führt ihn durch alle Gesellschaftsschichten des deutschen Barock. Ob als närrisches Kalb von Hanau, im Harnisch des mordlustigen Jägers von Soest oder im diplomatischen Kleid am Pariser Hof – welche Rolle er auch annimmt, immer wird er zu einem bizarren Spiegel seiner verwahrlosten Umwelt. Als Findelkind ausgesetzt, wird Simplicissimus bei einem Bauernpaar im Spessart groß, wo er als Hirte so bar jeglicher Bildung aufwächst, dass er nicht einmal den Krieg erkennt, als dieser seine Heimat erreicht. Nach der Zerstörung des elterlichen Hofes rettet ihm ein Einsiedler das Leben und unterrichtet ihn in der reinen christlichen Lehre. In einer barocken Versuchsanordnung schickt Grimmelshausen seinen unwissend-ahnungsvollen Protagonisten auf eine Lebensreise. Einzig mit der christlichen Botschaft ausgerüstet, müsste er schnell scheitern, bliebe ihm nicht sein dreister Witz. Nie findet er einen Platz in der Gesellschaft, immer bleibt er allein. Selbst der Tod kann ihm keinen Ort der Erlösung bieten. „Bunt, wild roh, amüsant, verliebt und verlumpt, kochend von Leben, mit Tod und Teufel auf Du und Du, zerknirscht am Ende und gründlich müde in einer in Blut, Raub, Wollust sich vergeudenden Welt.“ (Thomas Mann) Florian Fiedler stellt sich mit dieser Arbeit als Hausregisseur vor. Er inszeniert die Fassung Soeren Voimas, einem Autorenpsyeudonym, unter dem in den letzten Jahren zahlreiche Stücke und Romanbearbeitungen erschienen.
Unzweifelhaft war er der wichtigste deutsche Erzähler des 17. Jahrhunderts. Im Genre des spanischen Schelmenromans schrieb Hans Jakob Christoffel von Grimmelshausen (1622–1676) so etwas wie einen ersten Tatsachen- und Entwicklungsroman, der weitgehend unverstellt eigenes Erleben des Autors widerspiegelt. Als Chronist seiner Zeit wurde sein Werk zum Memento Mori, zum Vermächtnis an die Nachwelt, niemals zu vergessen, wie die Welt verwildern kann. Soeren Voima, der diesen Stoff für die Bühne adaptierte, lebt als freier Autor im Havelland. 1995 gründete sich die nach ihm benannte Autorengruppe. Seit 2003 kamen zahlreiche seiner eigenen Bearbeitungen und Stücke zur Uraufführung, so etwa 2006 »Herr Ritter von der traurigen Gestalt« und 2008 »Eos«, beide am Staatstheater Stuttgart.
Regie: Florian Fiedler
Bühne: Maria-Alice Bahra
Kostüme: Dorothee Curio
Musik: Martin Engelbach / Frank Wulff
Ort:
Schauspielhaus
Termin:
Di, 23.3.2010, 19:30
Die Unschuld der Raubvögel
von John Logan
Nathan Leopold und Richard Loeb, 18 und 19 Jahre, ermorden den 14-jährigen Bobby Franks. Die beiden hochintelligenten Studenten aus schwerreichen Familien töten ohne erkennbares Motiv – der Spaß scheint Grund genug. Mit eiskalter Brutalität und im Glauben an ihre Überlegenheit erschlagen sie Bobby mit einem Meißel, verätzen ihn mit Salzsäure und werfen ihn in einen Kanalisationsgraben. Die Öffentlichkeit ist schockiert. Sie steht zwei arroganten, selbstbewussten Individuen gegenüber, die keine Reue zeigen und im Blitzlichtgewitter der Medien sogar noch aufblühen. Beeinflusst durch die Lektüre von Nietzsche, glauben die jugendlichen Mörder, sich jenseits moralischer Normen bewegen zu können. Der berühmte Anwalt Clarence Darrow übernimmt die Verteidigung dieser beiden jungen Männer und versucht die Todesstrafe abzuwenden. „Die Unschuld der Raubvögel“ basiert auf einem der berühmtesten Rechtsfälle der amerikanischen Geschichte aus dem Jahr 1924, der u.a. Alfred Hitchcock zu seinem Film „Cocktail für eine Leiche“ inspirierte. John Logan erzählt den Fall ohne Erklärungsversuche und zeigt auch die Geschichte einer unheilvollen, von Abhängigkeiten geprägten Liebe.
JOHN LOGAN, geboren 1961 in Chicago, ist Autor von zahlreichen Theaterstücken und Filmdrehbüchern. Zu seinen bekanntesten Filmen zählen u. a.. „Gladiator“, „Aviatior“ und „Sweeney Todd – Der teuflische Barbier aus der Fleet Street“. Sein erstes Theaterstück „Die Unschuld der Raubvögel“ gewann den amerikanischen Theaterpreis „New York Outer Critics Circle Award for Best Play“ und wurde 1985 erfolgreich in Chicago uraufgeführt.
Regie: Heidelinde Leutgöb
Bühne und Kostüme: Renate Schuler
Musik: Franz Flieger Stoegner
Video: Eva Sobieszek
Ort:
Ballhof Eins
Termin:
Mo, 15.3.2010, 19:30
Wolokolamsker Chaussee / Das Leben der Autos
von Heiner Müller / Ilja Ehrenburg
Es sähe nicht so aus, schrieb Vaclav Havel 1978, als ob die westlichen Demokratien ein Rezept zu bieten hätten, wie man sich grundsätzlich der Eigenbewegung der technischen Zivilisation, der Industrie- und Konsumgesellschaft widersetzen könne. Nur sei die Art, wie sie den Menschen manipulierten, unendlich feiner und raffinierter als die brutale Art des posttotalitären - sozialistischen - Systems.
Im Herbst 1941, 2000 Kilometer vor Berlin und nur 120 vor Moskau - an der Wolokolamsker Chaussee - beginnt mit dem verzweifelten Versuch sowjetischer Soldaten, den Einmarsch der Wehrmacht zu stoppen, die Geschichte der DDR. Sie endet mit dem ebenso verzweifelten Versuch eines Vaters, die Ausreise des Sohnes in den Westen zu verhindern. In fünf exemplarischen Szenen - jede für sich eine eigenständige Tragödie - verhandelt Heiner Müller in wechselnden Konstellationen die grundsätzlichen Fragen politischen Handelns: Welche Opfer sind mit der Durchsetzung unserer Ziele verbunden? Wie wird das Ziel, das wir zu erreichen hoffen, durch jedes notwendige Opfer unseres Handelns korrumpiert? Er entwirft dabei ein historisches und gleichzeitig berührend persönliches Panorama des Scheiterns der DDR.
Zwanzig Jahre nach dem Mauerfall konfrontiert Regisseur Lars-Ole Walburg Müllers Stück mit Ilja Ehrenburgs umfassender und verblüffend aktueller Biografie des totalen Erfolgs „Das Leben der Autos“. Der zwischen 1928 und 1935 entstandene Text zeigt aus unterschiedlichen Perspektiven – Fließband, Kautschukplantage, Ölfeld, Börse – den atemberaubenden Siegeszug einer Ware und das Panoptikum seiner entfesselten Produzenten. In beklemmender Weise spiegelt dieser Triumph die Unhaltbarkeit unserer gegenwärtigen Situation. Geht die Geschichte denn im Kreis? Stehen wir wieder am Anfang? Und wie weiter?
Der 1929 in Eppendorf geborene und 1995 in Berlin gestorbene Heiner Müller gehört zu den bedeutendsten deutschen Dramatikern des letzten Jahrhunderts. Nach dem Verbot seines Stückes „Die Umsiedlerin“ und seinem Ausschluss aus dem Schriftstellerverband der DDR 1961 arbeitete er als Theaterdramaturg und – zumeist unter Pseudonym – für Rundfunk und Fernsehen der DDR. Die Uraufführung seiner Stücke erfolgte in der Regel in der Bundesrepublik. Der 1891 in Kiew geborene und 1967 in Moskau gestorbene Ilja Grigorjewitsch Ehrenburg gehörte als Schriftsteller und Journalist zu den profiliertesten Autoren der Sowjetunion. In Westdeutschland hat vor allem seine Tätigkeit als Propagandist im Zweiten Weltkrieg nachträglich zu heftigen Debatten und Ablehnung geführt. Sein zusammen mit Wassili Grossman herausgegebenes „Schwarzbuch“ über die Vernichtung der sowjetischen Juden war die erste große Dokumentation der Shoah.
Regie: Lars-Ole Walburg
Bühne: Robert Schweer
Kostüme: Moritz Müller
Ort:
Schauspielhaus
Termine:
Do, 18.3.2010, 19:30
Fr, 26.3.2010, 19:30
NippleJesus
von Nick Hornby
Ein Kunstwerk versetzt die Stadt in Aufruhr: Die Jesus-Collage aus pornographischen Bildern entfacht eine kontroverse Diskussion über Sinn und Unsinn der Kunst in deren Zentrum sich Dave, Ex-Türsteher und neuer Museumswärter, plötzlich befindet. Obwohl Dave von Kunst keine Ahnung hat und den Job im Museum ohne Idealismus beginnt, zieht ihn das umstrittene Kunstwerk bald in seinen Bann und er sieht sich gezwungen, in der aufgeheizten Debatte Position zu beziehen...
Der britische Schriftsteller Nick Hornby, bekannt für seine Romane „High Fidelity“, „About a Boy“ und „Slam“, zeichnet in seiner Erzählung mit scharfem Witz das Bild unseres modernen Kunstbetriebs, auf den sein vielschichtiger Held trifft.
Bea Tinzmann studierte Theater-, Film- und Medienwissenschaft in Wien sowie Kulturwissenschaft und Ästhetische Praxis in Hildesheim. 2007-20009 arbeitete sie als Regieassistentin am Schauspielhaus Hannover; hier assistierte sie u.a. den Regisseuren Rafael Sanchez und Schorsch Kamerun.
Nun arbeitet sie als freie Regisseurin im deutschsprachigen Raum.
Regie: Bea Tinzmann
Raum: Christel Bergmann
Kostüme: Johanna Krause
Besetzung: Dave Philippe Goos
Ort:
Cumberlandsche Galerie
Termine:
Fr, 12.3.2010, 20:00
Fr, 26.3.2010, 20:00
Mi, 31.3.2010, 20:00
girls!girls!girls!
Junges Schauspiel im Rahmen des Festival Hart am Wind I ab 13
Elf junge Frauen erzählen von Träumen, Stars und Fitnesswahn, und davon, wie schwer es ist, in einer Welt voller vermeintlicher Vorbilder den eigenen Weg zu finden. Zwischen erster Liebe, Karriereplänen und dem Wunsch, einmal Kinder zu haben, sieht sich die jüngste Frauengeneration mit Anforderungen und Zuschreibungen konfrontiert, die nicht selten die Grenzen zum Klischee überschreiten. „girls!girls!girls!“ will dem Phänomen Weiblichkeit auf die Spur kommen und das Frau-Sein feiern. Mit Musik und Tanz, Energie, Witz und Ironie probieren die Darstellerinnen im Alter von 13 bis 21 Jahren die verschiedensten Rollen an und aus. Was am Ende zählt, ist der Mut zur Selbstinszenierung.
Der Tänzer und Choreograph Ives Thuwis arbeitet sowohl mit Profis als auch mit jugendlichen Laien. Die meisten seiner Arbeiten entstanden in Kooperation mit der Kopergietery im belgischen Gent sowie in vielen anderen internationalen Zusammenhängen. Mit „girls!girls!girls!“ stellte er seine erste Arbeit am Jungen Schauspiel Hannover vor.
Regie: Ives Thuwis
Bühne und Kostüme: Sandra Materia
Choreographie: Ives Thuwis
Dramaturgie: Krischa Hasselbach
Mit freundlicher Unterstützung der Sparkasse Hannover.
Termin:
Di, 30.3.2010, 19:30
Harold und Maude
von Colin Higgins
Junges Schauspiel Hannover I ab 16
Harold Chasen, ein verwöhnter und exzentrischer junger Mann aus gutem Elternhaus, versucht seine gefühlskalte Mutter durch skurrile, inszenierte Selbstmordversuche zu einer Gefühlsregung zu bewegen. Er ist fasziniert vom Tod und hält sich gerne auf Friedhöfen auf. Auf einer Trauerfeier lernt er die sechzig Jahre ältere Maude kennen, die seine Vorliebe für Beerdigungen teilt. Im Unterschied zu Harold ist sie anarchistisch und genießt das Leben in vollen Zügen. Die beiden Außenseiter verbringen immer mehr Zeit miteinander und kommen sich näher – eine zarte Liebesbeziehung bahnt sich an. Nichtsahnend versucht Harolds Mutter mittels einer Partnervermittlung eine Frau für ihren Sohn zu finden. Harold gelingt es jedoch die Kandidatinnen mit seinen arrangierten Selbstmorden wie Sprenggürtel, Harakiri und ähnlich makaberen Versuchen schnell zu vertreiben.
Die romantische Tragikomödie von Colin Higgins erzählt eine außergewöhnliche Liebesgeschichte mit viel schwarzen Humor und ohne große Sentimentalität. Der australische Schriftsteller und Filmregisseur Colin Higgins schrieb „Harold und Maude“ zunächst als Kurzgeschichte, später entwickelte er aus dem Stoff einen Roman, ein Drehbuch und eine Bühnenfassung. 1971 entstand der Film bei Paramount in der Regie von Hal Ashby. „Harold und Maude“ ist ein oft gespieltes Stück, ein bekannter Film und ein ungewöhnlicher aber idealer Stoff für ein Jugendtheater: die Geschichte eines jungen Mannes auf der Suche nach seiner Identität.
Am Jungen Schauspiel Hannover spielen Sibylle Brunner und Sven Mattke das unkonventionelle Liebespaar, Regie führte die österreichische Regisseurin Susanne Lietzow.
Regieteam
Regie: Susanne Lietzow
Bühne und Kostüme: Aurel Lenfert
Musik: Herbert Tampier
Ort:
Ballhof Zwei
Termin:
So, 14.3.2010, 19:30
Niedersächsische Staatstheater Hannover GmbH
Schauspielhaus
Prinzenstr. 9
30159 Hannover
Telefon: +49 (0)511-9999 00
Opernhaus
Opernplatz 1
30159 Hannover
Tel.: +49 (0)511 9999 00 (Zentrale)
Fax: +49 (0)511 9999-2980
ballhof eins
Ballhofstr. 5
30159 Hannover
ballhof zwei
Knochenhauerstraße 28
30159 Hannover
Cumberlandsche Galerie
Prinzenstraße 9
30159 Hannover