NIEDERSÄCHSISCHES STAATSORCHESTER
Konzertsaison 2010/11
1. Sinfoniekonzert:
Marc Albrecht
Niedersächsisches Staatsorchester Hannover
Marc Albrecht, Dirigent
Giorgio Battistelli: H 375 für großes Orchester (2010, Uraufführung)
Auftragswerk der Staatsoper Hannover
Anton Bruckner: Sinfonie Nr. 3 d-Moll (2. Fassung, 1877)
Die zahlreichen Fassungen, in denen uns mehrere Sinfonien Anton Bruckners vorliegen, zeugen nicht zuletzt vom inneren Ringen des Komponisten um die letztgültige Gestalt des jeweiligen Werkes. In diesem Zusammenhang sticht seine 3. Sinfonie in d-Moll als besonderes Schmerzenskind ihres Schöpfers hervor: Kein anderes Werk Bruckners ist häufiger und eingreifender umgearbeitet worden als die Dritte. Dafür mag nicht nur Bruckners erfolgloses Ringen um eine Anerkennung seiner Arbeit ausschlaggebend gewesen sein – die Wiener Philharmoniker lehnten eine Uraufführung der Sinfonie drei Mal ab, was Bruckner zu ersten eingreifenden Veränderungen veranlasste –, sondern auch das Vorbild Ludwig van Beethovens auf der einen und Richard Wagners auf der anderen Seite, mit denen die Dritte in unterschiedlicher Weise verbunden ist: Als musikalische Formvorlage diente ihr offenbar nichts Geringeres als Beethovens 9. Sinfonie. Gewidmet ist sie aber dem von Bruckner hochverehrten »Meister aller Meister« Richard Wagner, weswegen Bruckner selbst seine 3. Sinfonie auch Zeit seines Lebens stets »die Wagnersymphonie« nannte. Es scheint also durchaus nachvollziehbar, warum Bruckner ausgerechnet seiner Dritten eine so große und intensive Zuwendung angedeihen ließ, fühlte er sich doch verpflichtet, einer nach Beethovens Neunter gestalteten und Richard Wagner gewidmeten Sinfonie einen besonderen Rang zu verleihen.
Der berühmte Wiener Kritiker Eduard Hanslick, ein scharfer Beobachter der musikalischen Strömungen seiner Zeit, beschrieb denn auch die Sinfonie nach ihrer missglückten Uraufführung im Jahre 1877 als »eine Vision, wie Beethovens ›Neunte‹ mit Wagners Walküre Freundschaft schließt und endlich unter die Hufe ihrer Pferde gerät«. Erst mit der Uraufführung und Drucklegung der 3. Fassung 1890 wurde der Sinfonie schließlich der Erfolg zuteil, den sich Bruckner für dieses Schmerzenskind so lange vergeblich erhofft hatte.
Giorgio Battistelli wurde 1953 in Albano Laziale bei Rom geboren. Nach Kompositionskursen bei Stockhausen und Kagel in Köln sowie bei Jean Pierre Drouet und Gaston Sylvestre in Paris berief ihn Hans Werner Henze als Künstlerischen Leiter der Sommerakademie Cantiere Internazionale d’Arte in Montepulciano. 1996 bis 2002 leitete Battistelli zudem das Orchestra della Toscana. Von der Vlaamse Opera Antwerpen und der Deutschen Oper am Rhein Düsseldorf wurde er 2005 bis 2008 als composer in residence eingeladen.
Giorgio Battistelli hat sich wie kaum ein anderer Komponist der Nachkriegszeit dem Musiktheater gewidmet, genauer: der musikalischen Theatralik. Sowohl seine inzwischen knapp 20 szenischen Werke als auch die Orchesterkompositionen und Kammermusiken sind auf verschiedene Weise
von theatralen Dimensionen bestimmt. So spielt auch in den Orchesterwerken dramaturgisches Denken eine Rolle, die rein instrumentalen Kompositionen sind häufig inspiriert von Literatur, Film oder Bildender Kunst. Zu den bekanntesten Werken Battistellis zählen Experimentum Mundi (Rom 1981), Prova d’orchestra (Straßburg 1995), Die Entdeckung der Langsamkeit (Bremen 1997), Auf den Marmorklippen nach Ernst Jünger (Mannheim 2002) und zuletzt The Fashion (Düsseldorf 2008). Als Auftragswerk der Staatsoper Hannover komponiert Giorgio Battistelli H 375 für großes Orchester.
Termine:
So, 19.9.2010, 17:00
Mo, 20.9.2010, 19:30
2. Sinfoniekonzert:
Daniel Hope | Christof Prick
Niedersächsisches Staatsorchester Hannover
Daniel Hope, Violine
Christof Prick, Dirigent
Hans Pfitzner: Palestrina-Vorspiele (1917)
Max Bruch: Konzert für Violine und Orchester Nr. 1 g-Moll op. 26 (1868)
Franz Schubert: Sinfonie Nr. 8 C-Dur D 944 (1839)
»Betrifft Franz Schuberts Posthume Größere Werke« – mit dieser Anzeigenüberschrift machte Ferdinand Schubert auf ein riesiges Konvolut unveröffentlichter Instrumentalwerke seines sieben Jahre zuvor verstorbenen Bruders aufmerksam.
Es scheint heute kaum vorstellbar, doch Schubert, als »Liederfürst « bekannt, schien als Sinfoniker nicht zu existieren, keine einzige Sinfonie war zu seinen Lebzeiten im Druck erschienen. Das galt auch für bedeutende Kompositionen wie die Unvollendete oder die »Große« Sinfonie C-Dur Nr. 8, die erst 1838 von keinem Geringeren als Robert Schumann in einem »phantastischen Haufen« von Schubert-Noten entdeckt wurde. Schumann erkannte die Bedeutung und Neuartigkeit dieser Sinfonie sofort und verglich sie mit einem »dicken Roman in vier Bänden von Jean Paul«. Und in der Tat vereinigt Schubert hier verschiedenste Stilebenen in ähnlicher Weise wie die romantischen Dichter in ihren Romanen Gattungsgrenzen aufbrachen und unterschiedliche Ausdrucksformen verschmolzen: Der hohe sinfonische Anspruch begegnet einem privaten Ton, wenn Schubert die große Form der Sinfonie mit Liedthematik verbindet. Episches und assoziatives musikalisches Denken, das in differenziert instrumentierten Flächen seinen Ausdruck findet, und weniger der klassische Dualismus sind bestimmend für Schuberts sinfonische Form. Die Zeitgenossen hatten für das komplexe und lange Werk kein Verständnis. Schuberts »Große« C-Dur-Sinfonie setzte sich erst in den 1860er Jahren durch.
Auch Max Bruch kämpfte Zeit seines Lebens mit der öffentlichen Wahrnehmung. Er sah sich als Komponist reduziert auf ein einziges Werk: das effektsichere und schwelgerischromantische, bis heute ungemein populäre 1. Violinkonzert g-Moll. Bruch verbitterte darüber zunehmend und forderte gar ein Aufführungsverbot der Komposition.
Fragen nach dem Verhältnis von Werk und Zeit, von Künstler und Gesellschaft und von musikalischem Fortschritt und reaktionärem Beharren stellte sich auch Hans Pfitzner in seinem 1917 uraufgeführten Künstlerdrama Palestrina, das sich seinerseits vor allem aus der spätromantischen Musiksprache des 19. Jahrhunderts speist.
Termine:
So, 10.10.2010, 17:00
Mo, 11.10.2010, 19:30
3. Sinfoniekonzert
Hornquartett des Niedersächsischen Staatsorchesters Hannover
Wolfgang Bozic, Dirigent
Manfred Trojahn: Sinfonischer Satz. Molto allegro (2010, Uraufführung)
Auftragswerk der Staatsoper Hannover
Robert Schumann: Konzertstück F-Dur für vier Hörner und Orchester op. 86 (1849/50)
Robert Schumann: Sinfonie Nr. 2 C-Dur op. 61 (1845/46)
Auch im Jahr seines 200. Geburtstags fügen sich die Bilder, die sich die Nachwelt von Robert Schumann macht, nicht in einen geschlossenen Rahmen. Schumann, der Sinfoniker und Kammermusiker, Lieder- und Klavierkomponist; Schumann, der Avantgardist und Klassizist, der Geniale und geistig Umnachtete; Schumann, der Musikkritiker und Redakteur, Familienvater und Ehemann einer reisenden Pianistin.
Im 3. Sinfoniekonzert stehen zwei Werke aus Schumanns letztem Lebensjahrzehnt auf dem Programm. Als »etwas ganz curioses« kündigte der Komponist sein Konzertstück für vier Hörner op. 86 an – ein Werk, das in der Form des barocken Concerto grosso eine Solistengruppe dem Orchester gegenüberstellt, das aber zugleich mit dem Klang des Hornquartetts den Inbegriff des Romantischen aufnimmt.
Experimentierfreudig und zukunftsweisend ist das Konzertstück, weil Schumann das seinerzeit junge Ventilhorn dem Naturinstrument vorzog und ein virtuoses Paradestück der neuen Instrumentaltechnik schuf.
Zukunftsweisend war Robert Schumann auch in seiner Beschäftigung mit der Vergangenheit. Franz Schuberts »Große« C-Dur-Sinfonie, die Schumann in dessen Nachlass gefunden hatte, regte ihn zu einer eigenen Sinfonie in dieser Tonart an, der 2. Sinfonie op. 61. Wie kaum ein anderes Werk Schumanns reflektiert diese Sinfonie die Vergangenheit und weist zugleich in die Zukunft dieser »großartigen Form, wo Schlag auf Schlag die Ideen wechselnd erscheinen und doch durch ein inneres geistiges Band verkettet« sind (so Schumann 1839). Im Finale, oftmals als Höhepunkt seines sinfonischen Schaffens gewertet, greift Schumann Motive der ersten drei Sätze auf und verbindet sie in einem triumphalen Schluss. Diese Motive sind Reminiszenzen an große Vorbilder: das Trompetensignal aus einer Haydn-Sinfonie, ein auf Johann Sebastian Bach anspielendes Thema im langsamen Satz, der – wie in Beethovens 9. – auf das Scherzo folgt, und schließlich ein beziehungsreiches Zitat aus Beethovens Liederkreis An die ferne Geliebte.
Manfred Trojahns umfangreiches kompositorisches Schaffen umfasst fünf Sinfonien, Kammermusiken für die verschiedensten Formationen vom Duo bis zum Oktett, zahlreiche Orchesterstücke und Bühnenmusiken. Seit Anfang der 90er Jahre nimmt das Musiktheater zudem einen großen Stellenwert in Trojahns OEuvre ein, zuletzt wurde an der Dresdener Semperoper La Grande Magia (2008) uraufgeführt. Der 1949 geborene Komponist wurde für sein Schaffen mit zahlreichen Preisen und Stipendien ausgezeichnet und unterrichtet seit 1991 als Professor für Komposition an der Robert-Schumann-Hochschule Düsseldorf. Seinen ästhetischen Standort definiert Trojahn in Abgrenzung von einem verengten, traditionslosen und sich mehr und mehr verkrustenden Begriff der musikalischen Avantgarde, wie er sich nach 1945 in den Zentren der Neuen Musik etabliert hat.
Trojahn hingegen bezieht sich bewusst auf die musikalische Vergangenheit und komponierende Vorbilder, u.a. auf Schubert, Schumann, Beethoven, Strawinsky oder Britten. Er stellt sich in einen Traditionszusammenhang und arbeitet gezielt mit überkommenen Gattungen und Formen, deren historische Entfernung gleichzeitig immer wieder bedacht und thematisiert werden. Für die Staatsoper Hannover entsteht das Orchesterwerk Sinfonischer Satz. Molto allegro.
Termine:
So, 21.11.2010, 17:00
Mo, 22.11.2010, 19:30
4. Sinfoniekonzert:
Olga Scheps | Lothar Koenigs
Niedersächsisches Staatsorchester Hannover
Olga Scheps, Klavier
Lothar Koenigs, Dirigent
Anton Webern: Sechs Stücke für Orchester op. 6 (1909/1928)
Johannes Brahms: Konzert für Klavier und Orchester Nr. 1 d-Moll op. 15 (1854–59)
Johannes Brahms/Arnold Schönberg: Klavierquartett g-Moll op. 25 (1861), für großes Orchester gesetzt (1937)
»Für die ›Moderne‹ ist er zweifellos der einflussloseste aller Meister«, schrieb der Musikschriftsteller Alfred Einstein 1926 über Johannes Brahms. Damit traf er zwar den Zeitgeist.
In seinem Vortrag »Brahms, der Fortschrittliche« von 1933 widersprach jedoch kein Geringerer als Arnold Schönberg vehement, und der Einfluss des Brahms’schen OEuvres auf Schönberg kann gar nicht hoch genug eingeschätzt werden. Als Otto Klemperer ihn im amerikanischen Exil anfragte, für das Los Angeles Philharmonic Orchestra »so etwas wie eine Transkription zu machen«, hatte Schönberg sich nahezu 50 Jahre – als Geiger, Cellist, Komponist und Lehrer – mit Brahms beschäftigt. In seiner Orchestrierung von Brahms’ Klavierquartett op. 25 hält er sich streng an die Instrumentationsregeln des älteren Kollegen. Und doch ist nicht nur eine Art »Fünfte Sinfonie« von Johannes Brahms entstanden (wie Schönberg scherzte), sondern auch eine ganz eigene spätromantisch-sinfonische Ausleuchtung intimer Kammermusik.
Auch das Klavierkonzert Nr. 1 d-Moll op. 15 von Johannes Brahms war als Sonate für zwei Klaviere ursprünglich kammermusikalisch konzipiert. Doch, so Brahms 1854 an Joseph Joachim, »eigentlich genügen mir nicht einmal zwei Klaviere«.
Es wurde ein Konzert von sinfonischen Ausmaßen, »mehr als ein bloßes Virtuosen-Concert«, wie ein Kritiker 1859 lobte. Die Uraufführung im Jahr zuvor hatte in Hannover stattgefunden, mit Brahms selbst am Klavier und unter der Leitung von Joachim, der über den Erfolg schrieb: »Es gieng sehr gut! Es wurde das Concert sogar durch Hervorruf des Spielers und Componisten geehrt.«
Eine der skandalträchtigsten Uraufführungen der Musikgeschichte erlebten 1913 hingegen Anton Weberns Orchesterstücke op. 6 im Wiener Musikverein. Bereits nach der ersten Miniatur brach Tumult im Publikum aus, das Konzert musste später abgebrochen werden. Provozierend war Weberns Durchbrechen aller tradierten musikalischen Konventionen, an deren Stelle komprimiertester Ausdruck und Stille traten.
Termine:
So, 19.12.2010, 17:00
Mo, 20.12.2010, 19:30
Niedersächsische Staatstheater Hannover GmbH
Opernhaus
Opernplatz 1
30159 Hannover
Telefon: +49 (0)511-9999 00
Fax: +49 (0)511 9999-2980
Schauspielhaus
Prinzenstr. 9
30159 Hannover
Tel.: 0511 9999 00 (Zentrale)
ballhof eins
Ballhofstr. 5
30159 Hannover
ballhof zwei
Knochenhauerstraße 28
30159 Hannover
Cumberlandsche Galerie
Prinzenstraße 9
30159 Hannover