STAATSOPER HANNOVER - OPER
Spielzeit 2010/11
Intolleranza 1960
Azione scenica in due tempi (1961)
von Luigi Nono
Premiere: Donnerstag, 09. September 2010
»Das Musiktheater ist noch unterwegs. Das entscheidende Bedürfnis: Kommunikation. Neue menschliche Situationen suchen dringend ihren Ausdruck«, schrieb der italienische Komponist Luigi Nono im Jahre 1961 und umriss damit einen wesentlichen Impetus seines künstlerischen Schaffens. Seit Nono 1952 der kommunistischen Partei Italiens beigetreten war, verstand er seine Kunst als eine politisch engagierte, als ein »Ideentheater, das für menschliche Lebensbedingungen kämpft«.
So erweist sich auch sein Musiktheater Intolleranza 1960 als ein Werk, das die Ungerechtigkeiten der Zeit thematisiert: Zu Beginn steht eine Katastrophe – bei einem Bergwerksunglück wurden Menschen verschüttet und getötet.
Ein Einzelner, der Emigrant, beschließt, aus den lebensbedrohlichen Arbeitsbedingungen auszubrechen und in seine Heimat zurückzukehren. Die Reise wird zu einem Weg der politischen Bewusstwerdung, denn der Emigrant begegnet anderen unterdrückten Menschen: Demonstranten, Gefangenen, Flüchtlingen – alle gequält und gefoltert. Die Konfrontation mit diesen Situationen politischer Intoleranz führt zur Erkenntnis, für eine bessere Welt kämpfen zu müssen.
Bergwerksunglücke in Belgien, der Krieg in Algerien, die Bedrohung durch die Atombombe und Umweltkatastrophen in der italienischen Po-Ebene: Nono griff für die inhaltliche Füllung des Werkes auf aktuelle, tagespolitische Ereignisse seiner Zeit zurück. Dabei verzichtete er auf eine lineare Dramaturgie und reihte die einzelnen Szenen eher assoziativ aneinander. Extreme Sprünge im Handlungsverlauf, die unpsychologische Behandlung der Figuren, der Rückgriff auf Texte verschiedenster Herkunft von Majakowski über Brecht bis hin zu Sartre brechen die narrativen Strukturen auf. Indem Raum, Szene, Musik und die Zuschauer kontrapunktisch miteinander verbunden werden, verschmelzen die theatralen Mittel zu einer neuen Form des Gesamtkunstwerks.
Der gesangliche Habitus ist von großer Expressivität geprägt, die noch verstärkt wird durch die instrumentale Spannbreite, in der harsche Cluster auf sphärische Streicherklänge treffen, aggressives Schlagwerk auf fragile Holzbläser. Zu einem außergewöhnlichen klanglichen Ereignis wird das Werk aber insbesondere durch die eindrucksvollen Chorpartien, die den Gedanken des Kollektivs musikalisch erfahrbar werden lassen.
Obwohl Intolleranza 1960, das Nono seinem Schwiegervater Arnold Schönberg widmete, mit vielen konkreten Bezügen im Entstehungsjahr verortet ist, weist es doch über seine Zeit hinaus und stellt auch 50 Jahre später zentrale Fragen an jeden politisch mündigen Menschen: Wie verhalte ich mich als Individuum im Rahmen eines Kollektivs?
Passe ich mich an oder schere ich aus? Wo beginnt soziales Denken? Was heißt politisches Bewusstsein? Und: Wie sehen unsere Utopien heute aus?
Musikalische Leitung: Stefan Klingele
Inszenierung: Benedikt von Peter
Bühne: Katrin Wittig
Kostüme: Geraldine Arnold
Video: Bert Zander
Chor: Dan Ratiu . Dramaturgie: Sylvia Roth
Termine:
Do, 9.9.2010, 19:30 | Premiere
Sa, 11.9.2010, 19:30
Fr, 17.9.2010, 19:30
Sa, 25.9.2010, 19:30
So, 3.10.2010, 18:30
Mi, 13.10.2010, 19:30
Fr, 29.10.2010, 19:30
Di, 9.11.2010, 19:30
Die Entführung aus dem Serail
Singspiel von Wolfgang Amadeus Mozart
Premiere: Samstag, 02. Oktober 2010
»Ein gewisser Mensch, Namens Mozart, in Wien hat sich erdreistet, mein Drama Belmonte und Constanze zu einem Operntexte zu missbrauchen.« Der deutsche Librettist Christian Friedrich Bretzner sah 1782 sein jüngstes Singspiel verstümmelt und protestierte aufs Heftigste gegen die Wiener Bearbeitung. In Österreich laborierte derweil der junge Komponist namens Mozart unbekümmert weiter am eher mittelmäßigen Text Bretzners und versuchte, diesen für die eigenen Vorstellungen seines Singspiels Die Entführung aus dem Serail umzuformen. Es ist eine Umbruchszeit im Leben Mozarts, die Zeit der Loslösung vom Elternhaus, die Zeit unabhängiger Schritte, auch im künstlerischen Bereich. Ein neues Selbstbewusstsein bricht sich Bahn, der 26-jährige Komponist greift immer wieder in die Textgestaltung ein, ja er diktiert seinem Librettisten Gottlieb Stephanie d. J. die Worte bisweilen buchstäblich in die Feder. Etliche Arien erfand Mozart neu, die Figur des Osmin wertete er musikalisch auf, und – spätestens hier hörte für Bretzner jegliches Verständnis auf – der Wiener Komponist interessierte sich nur am Rand für das eigentliche Herz des Singspiels. Die turbulente Szene der Entführung, die bei Bretzner und dessen Komponisten Johann André zu den musikalisch gewichtigsten Nummern gehört, wird von Mozart überhaupt nicht vertont. Mozart hingegen verlegt die äußere dramatische Aktion ins Innere. In einem großen Quartett bricht er die vermeintlich eindeutigen Konstellationen Belmonte–Konstanze und Pedrillo–Blonde auf und stellt die Fragilität von Beziehungen ins Zentrum seines Singspiels: Die Liebenden sind sich fremd geworden, Eifersucht und Zweifel haben die vormals sicheren Gefühle erschüttert.
Von der ersten Arie an steuert Mozarts Entführung weniger stringent auf einen dramatischen Höhepunkt zu, sondern bewegt sich eher kreisend um ihr Zentrum: die Liebe in unterschiedlichsten Variationen. Die Fremde, das exotische Serail, wird dabei zum Spiegel und zur Projektionsfläche für uneingestandene Wünsche, Träume und Albträume. Denn eine Figur wie Osmin erscheint in ihrer Maßlosigkeit – seien es Wutausbrüche oder Gewaltfantasien – von faszinierender und auch erotisierender Andersartigkeit. Alle Figuren verwirren sich zunehmend in den Vorstellungen der unmöglich erscheinenden Beziehungen Bassa–Konstanze und Osmin–Blonde. Doch anders als in den späteren Ensembleopern Mozarts kulminieren diese Verstrickungen weniger in musikalischer Kommunikation miteinander. In der Entführung stehen immer wieder die einsamen Soloaussprachen im Vordergrund: Traurigkeit und Schmerz in den großen Konstanze-Arien, träumerische Sehnsucht bei Belmonte, und selbst im großen Quartett bleibt jeder mit seinen Gedanken über weite Strecken allein. Zum wichtigen und ebenbürtigen Partner der Bühne erklärt Mozart das Orchester, das vor allem durch einen aufgewerteten Bläsersatz in einen neuartigen Dialog mit den Figuren tritt. Hier entstehen klingende Seelenräume für die sich selbst und den anderen fremd gewordenen Liebenden.
Musikalische Leitung: Ivan Repušić
Inszenierung: Ingo Kerkhof
Bühne: Anne Neuser
Kostüme: Stephan von Wedel
Licht Elana: Siberski
Choreinstudierung: Dan Ratiu
Dramaturgie: Dorothea Hartmann
Choreographie: Cássia Lopes
Abendspielleitung: Tobias Ribitzki / Charles Ebert
Termine:
Do, 30.9.2010, 18:30 | Voraufführung
Sa, 2.10.2010, 19:30 | Premiere
Sa, 9.10.2010, 19:30
Di, 19.10.2010, 19:30
Do, 21.10.2010, 19:30
Sa, 30.10.2010, 19:30
Do, 11.11.2010, 19:30
So, 28.11.2010, 16:00
Mi, 29.12.2010, 19:30
So, 16.1.2011, 18:30
Ein Stück Zeit / Walking Mad
Ballette von Jörg Mannes und Johan Inger • Musik von M.Ravel u.a.
Herausragende Werke international renommierter Choreographen sind ein fester Bestandteil im Programm des Balletts der Staatsoper Hannover. Nach Choreographien von Nacho Duato, William Forsythe und Mauro Bigonzetti wird diese Reihe in der Spielzeit 2009/2010 mit Johan Inger fortgesetzt.
Der Schwede begann seine Laufbahn im Ensemble des Royal Swedish Ballet, wo er zum Solisten avancierte. Inger folgte dann dem Ruf Jirí Kyliáns ans Nederlands Dans Theater und entwickelte sich dort zu einem der profiliertesten Tänzer. Seinen ersten Choreographien im Rahmen von Workshops des NDT folgten viele weitere für die drei Ensembles der renommierten Compagnie. Seit 2002 choreographierte Inger überwiegend für das schwedische Cullberg Ballet, dessen künstlerische Leitung er von 2003 bis 2008 inne hatte.
Johan Ingers vielfach ausgezeichnete Stück Walking Mad wurde 2001 mit dem NDT 1 uraufgeführt, jetzt gibt er es dem Ballett der Staatsoper Hannover zur Einstudierung. Mit seiner verrückten Komödie balanciert der Choreograph zwischen reinem Tanz und theatralem Effekt. Die oft bizarren, surrealen Situationen werden angetrieben vom Rhythmus des Bolero von Maurice Ravel. Den zweiten Teil des Ballettabends bildet eine Uraufführung von Jörg Mannes.
Choreographie: Jörg Mannes
Bühne: Lars Peter / Johan Inger
Choreographie: Johan Inger
Kostüme: Heidi de Raad / Johan Inger
Licht: Peter Hörtner / Erik Berglund
Dramaturgie: Brigitte Knöß
Choreographieassistenz: Monica Caturegli / Mathias Brühlmann
Termine:
So, 12.9.2010, 19:30 | Wiederaufnahme
Do, 16.9.2010, 19:30
Di, 5.10.2010, 19:30
Do, 14.10.2010, 19:30
Mi, 10.11.2010, 19:30
Do, 18.11.2010, 19:30
So, 5.12.2010, 16:00
Mi, 15.12.2010, 19:30
Sa, 18.12.2010, 19:30
L'italiana in Algeri
Die Italienerin in Algier
Komische Oper von Gioacchino Rossini
Mustafà langweilt sich. Er, der Bey von Algier, ist der unterwürfigen Frauen seines orientalischen Harems überdrüssig – und vor allem seine Hauptfrau Elvira hat er satt. Ein Tapetenwechsel muss her, eine Frau mit Sex-Appeal, Temperament, Selbstbewusstsein – kurz: eine Italienerin! Da trifft es sich gut für Mustafàs »Piratenchef« Haly, dass gerade ein Schiff mit italienischen Passagieren gelandet ist, unter denen sich auch die schöne Isabella befindet. Mustafà ist hingerissen von der fremden Italienerin, die Hormone spielen verrückt und der eben noch despotische Bey ist um Herz und Verstand gebracht. So merkt er nicht, dass Isabella nicht minder tyrannisch ist als er selbst, seinen Harem auf den Kopf stellt und natürlich auch die ein oder andere lehrreiche Erziehungsmaßnahme für ihn im Gepäck hat. Zunehmend kommt Mustafàs starre Welt unter Isabellas Diktat in Bewegung.
1813 erhielt der 21jährige Gioacchino Rossini den Auftrag des Teatro San Benedetto in Venedig, eine abendfüllende komische Oper zu komponieren. Mit Angelo Anellis bereits 1808 von Luigi Mosca vertontem Libretto L'italiana in Algeri griff Rossini auf einen Stoff zurück, der einerseits von der exotischen Legende der Roxelane, Lieblingssklavin des osmanischen Sultans Soliman II., inspiriert, andererseits noch stark an den Traditionen und Figuren der Commedia dell'arte orientiert war. Rossini strickte aus der Geschichte um die emanzipierte Italienerin eine temporeiche Komödie mit viel Situationskomik, burlesken Höhepunkten und pulsierendem musikalischem Esprit. Die Figuren der Italiana in Algeri geraten nicht nur unentwegt in den Strudel der szenischen Ereignisse, sondern auch immer wieder in den Sog der turbulenten Rossinischen Finali, aus dessen unaufhaltsamer Motorik es kein Entrinnen gibt. Mit der Italienerin in Algier kehrt eine temporeiche musikalische Komödie auf den Spielplan zurück, die eine der erfolgreichsten Produktionen der Spielzeit 2006/07 war.
Musikalische Leitung: Andrea Sanguineti
Inszenierung: Ingo Kerkhof
Bühnenbild: Frank Philipp Schlößmann
Kostüme: Stephan von Wedel
Choreographie: Krystyna Plachetka
Chor: Dan Ratiu
Dramaturgie: Sylvia Roth
Abendspielleitung: Felix Seiler
Termine:
Sa, 18.9.2010, 19:30 | Wiederaufnahme
So, 26.9.2010, 18:30
Sa, 16.10.2010, 19:30
Sa, 27.11.2010, 19:30
Das Rheingold
Richard Wagner
Ein Bühnenfestspiel für drei Tage und einen Vorabend (1876)
Text vom Komponisten
Vorabend: Das Rheingold
Vier Bilder
»Wagalaweia! Wallala, weiala weia!« – Drei Frauen baden sich im Glanze ihrer Schönheit. Ihre Reize locken einen als hässlich verlachten Zwerg herbei. Doch nicht nur sein Begehren wird abgewiesen, sondern er selbst wird als Wesen zweiter Klasse erniedrigt. In grenzenlosem Hass verflucht der Verspottete daraufhin die Liebe. Er raubt und zerstört die Schönheit, die ihn quälte, um fortan nur mehr Reichtum und Macht zu begehren. Mit einem selbst geschmiedeten Ring will er sich beides erzwingen. – – Ein Mann, schutzlos, in freier Gegend, erwacht aus tiefem Schlaf. Doch seine Ruhe ist von nur kurzer Dauer, denn alsbald erscheint seine Gattin, um ihn an sein drängendstes Problem zu erinnern: Als Lohn für die Errichtung einer schützenden Heimstatt hat er die eigene Schwägerin verschachert. Wie gedenkt er unbeschadet auszusteigen aus seinem skrupellosen Vertrag? Da gebiert die Kunde vom Diebstahl des verbitterten Zwerges eine nicht minder skrupellose Idee: Warum nicht rauben, was bereits geraubt wurde, um mit dem Beutegut die Rechnung zu begleichen? – – Die allzu schnell erworbene Macht hat die Geltungssucht des Zwerges nur noch vermehrt. So wird er ein leichtes Opfer derer, die ihm seine Schätze, einschließlich des Macht verleihenden Rings, mit brutaler Gewalt entreißen wollen. Er, der sich eben noch allmächtig fühlte, sieht sich erneut erniedrigt und gedemütigt. Als Rache bleibt ihm einzig, den gewaltsam entrissenen Ring mit einem bitteren Fluch zu belegen. Der scheint sich nach nur kurzer Zeit bereits zu erfüllen, als der Streit um den Ring sein erstes Todesopfer fordert. Weitere werden folgen.
Aus dem tiefen Es der Kontrabässe wird eine Welt geboren. 136 Takte lang baut sich im berühmten Vorspiel zum Rheingold in immer neuen Schichtungen ein liegender Es-Dur Akkord auf. Doch der scheinbar paradiesische Urzustand erweist sich bald als trügerisch: Der Umgang der als erstes die Bühne bevölkernden Protagonisten ist von Eitelkeit und Neid, Herablassung und Aggressivität gekennzeichnet und führt so zum traumatischen »Urknall« der Geschichte vom Ring des Nibelungen: der Verfluchung der Liebe durch den Nibelungen Alberich.
Folgt man wie ein naiver Zuschauer ohne Kenntnis des Ausgangs von Wagners Tetralogie der sprunghaften, fast filmischen Dramaturgie ihres »Vorspiels« Das Rheingold, so scheinen es vor allem archetypische Grundsituationen menschlichen Zusammenlebens zu sein, die Wagner als Voraussetzung für das kommende Drama in harten Gegensätzen nebeneinander stellt: Der Hässliche trifft die Schönheit und wird verlacht; der Anführer sieht sich urplötzlich als Gefangener des zum eigenen Machterhalt geschaffenen Regelsystems; der Eitle wird ein leichtes Opfer der Hinterlist – bis hin zum geradezu »biblischen« Brudermord aus Neid: Fafner erschlägt Fasolt, um den Ring zu besitzen.
Fast wie von selbst aber entsteht aus diesen einzelnen Handlungssträngen heraus ein sich über das ganze Werk legendes Netz an gedanklichen Motiven, dem Netz von Leitmotiven in der Partitur vergleichbar: Schlafen und Erwachen könnte eines dieser Motive lauten, Heimat und Heimatlosigkeit ein anderes.
Musikalische Leitung: Wolfgang Bozic
Inszenierung: Barrie Kosky
Bühne: Klaus Grünberg
Kostüme: Klaus Bruns
Dramaturgie: Ulrich Lenz
Ort:
Opernhaus
Termine:
Do, 7.10.2010, 19:30
So, 17.10.2010, 16:00
Mi, 27.10.2010, 19:30
My Fair Lady
Frederick Loewe
Musical in zwei Akten (1956)
Buch und Gesangstexte von Alan Jay Lerner,
nach dem Stück Pygmalion (1912)
von George Bernard Shaw
Deutsch von Robert Gilbert
Wenn Eliza Doolittle eines weiß, dann wo ihr Mundwerk sitzt. Ob frei Schnauze oder frei von der Leber weg – sie redet halt nun mal gern. Und davon abgesehen gehört Kommunikation auch zu ihrem Geschäft, denn als Straßenverkäuferin kriegt man die Ware nur mit viel Worten an den Mensch. Nun kommt da aber einer daher, der es wagt, Elizas Sprache zu kritisieren, zu korrigieren, zu analysieren, zu zensieren: Higgins nennt er sich, Professor. Auf seinem Sockel thront die reine Hochsprache, die angeblich nicht nur die Türen zum perfekten Ausdruck, sondern auch zum sozialen Aufstieg öffnet. Obwohl sie sich mit Händen und Füßen dagegen wehrt, beginnen die von Higgins ebenso arrogant wie unaufgefordert geäußerten Behauptungen in Eliza zu gären. Es ärgert und reizt sie zugleich, sich auf ein Experiment einzulassen, in dessen Zentrum die Wette steht, ob sie dank bestechend klarer Artikulation als Dame in nobler Gesellschaft bestehen kann. Festgeschnürt an der Kandare heißt es nun, Tag und Nacht Vokale zu kauen, Konsonanten zu spucken und Umgangsformen zu schlucken.Dabei sind die fürchterlichsten Hürden die Blüten, die nirgends so grün grünen wü ün Spünüen.
Der antike Mythos des Künstlers Pygmalion, der sich die ideale Frau aus Stein formt, um sie schließlich zum Leben zu erwecken, stand Pate für George Bernard Shaws Stück Pygmalion, das wiederum als Vorlage für das 1956 entstandene Musical von Frederick Loewe diente. Bei Shaw und Loewe ist der Künstler zum fanatischen Wissenschaftler mutiert, der seine Disziplin, die Phonetik, für göttlich hält – meint er doch, damit Menschen neu erschaffen zu können. Ein unerschütterlicher Glaube an die Bildung scheint sich hier zu positionieren. Nicht mehr die Kleider machen die Leute, nein, die Sprache kreiert den Menschen. Doch die Botschaft greift tiefer, denn letztlich entpuppt sich auch die Sprache als austauschbare Äußerlichkeit: Was das Wesen eines Menschen ausmacht, ist auch bei Shaw und Loewe der innere Kern.
My Fair Lady, eines der erfolgreichsten Musicals aller Zeiten, beinhaltet mehr als das Märchen, das den Aufstieg vom schmutzigen Blumenmädchen in die High Society dekliniert. Auch wenn der soziale Sprengstoff im 21. Jahrhundert entschärft ist, birgt das Werk genügend andere explosive Fragen: Bleibt ein Mensch er selbst, auch wenn er sich freiwillig umformen lässt? Welchen Idealbildern streben wir nach? Und was opfern wir, um diesen Bildern gerecht zu werden? Vielleicht mehr als nur die Farben unseres Dialekts. Vielleicht unsere Individualität.
Musikalische Leitung: Siegmund Weinmeister / Lutz de Veer
Inszenierung: Bernd Mottl
Choreographie: Otto Pichler
Bühnenbild: Friedrich Eggert
Kostüme: Nicole von Graevenitz
Licht: Claus Ackenhausen
Chor: Dan Ratiu
Dramaturgie: Sylvia Roth
Ort:
Opernhaus
Termine:
Fr, 24.9.2010, 19:30 | Wiederaufnahme
Fr, 1.10.2010, 19:30
Fr, 8.10.2010, 19:30
Fr, 22.10.2010, 19:30
Sa, 13.11.2010, 19:30
Der Rosenkavalier
Richard Strauss
Komödie für Musik in drei Aufzügen (1911)
Text von Hugo von Hofmannsthal
Eine Buffa-Oper „aus dem Geiste Mozarts“ schwebte Richard Strauss als neues Projekt nach der Uraufführung seiner „Elektra“ vor. Zusammen mit Hugo von Hofmannsthal entwarf er mit dem „Rosenkavalier“ eine „Komödie für Musik“, die sich zur Atriden-Tragödie kaum gegensätzlicher verhalten könnte und doch nur die großen Themen, die den Komponisten und den Librettisten umtrieben, in anderem Gewand fortführte: ein leichtes Spiel, ein „halb imaginäres, halb reales Ganzes“, angesiedelt im Wien von 1740, das aus der Perspektive des jungen 20. Jahrhunderts mit wehmütigem Lächeln noch einmal heraufbeschworen wird. In diese schwebende Rokoko-Welt hinein setzen Strauss und Hofmannsthal nicht schablonenhafte Buffo-Figurinen, sondern differenzierte Menschenbilder, durchdrungen von Philosophie und Psychologie der beginnenden Moderne. „Der Mensch ist unendlich, die Puppe ist eng begrenzt; zwischen Menschen fließt vieles herüber, hinüber, Puppen stehen scharf und reinlich gegeneinander“, schreibt Hofmannsthal 1911 in seinem Ungeschriebenen Nachwort zum Rosenkavalier und weist damit auf die zur Jahrhundertwende wieder und wieder diskutierte Frage nach einer Konstanten des Ich: Der Mensch als ein sich in der Zeit und durch Begegnungen mit anderen ständig veränderndes Kontinuum versucht, den eigenen Kern zu fassen. „Du, du – was heißt das ‚du‘? Was ‚du und ich‘? Hat denn das einen Sinn?“, fragt der jugendliche Octavian die Feldmarschallin Fürstin Werdenberg. Und die etliche Jahre ältere Geliebte philosophiert: „Aber wie kann das wirklich sein, dass ich die kleine Resi war und dass ich auch einmal die alte Frau sein werd! Wie kann denn das geschehen? Wo ich doch immer die gleiche bin.“
Auf dieses äußerlich ungleiche Paar stoßen die ebenfalls blutjunge Sophie von Faninal und der wiederum wesentlich ältere Baron Ochs auf Lerchenau. Vier Menschen verstricken sich ineinander und sind in wechselnden Konstellationen miteinander verbunden: die lebenserfahrene, verheiratete Fürstin, ihr stürmisch-jugendlicher Liebhaber, der sich in das schwärmerische Mädchen Sophie verliebt, die von ihrem Vater jedoch dem draufgängerisch-derben Ochs versprochen wurde. Bei allen äußerlichen Unterschieden verbinden diese vier doch letztlich die gleichen Sehnsüchte und Ängste: der romantische Traum, sich zu verlieben, das erotische Liebesverlangen, die Sehnsucht, in einem „Du“ das eigene „Ich“ zu verankern, ebenso wie die Furcht, verlassen zu werden, und das Bewusstsein der Zeit und der Vergänglichkeit menschlicher Beziehungen. Auch den Baron Ochs wollte Hugo von Hofmannsthal ausdrücklich nicht als oberflächlich „dummen Rüpel“ verstanden wissen, sondern eher als einen „im Falstaff stecken gebliebenen kleinadligen Don-Juan.“
Richard Strauss schuf für dieses Stück über die Liebe und das Abschiednehmen von der Jugend eine betörende und sinnlichrauschhafte Musik, die durchwebt ist vom Idiom des Wiener Walzers, jedoch mit den chromatischen Schärfen des Nach-Wagnerianers Strauss immer der Tonsprache der Jahrhundertwende verpflichtet bleibt.
Musikalische Leitung: Marcus Bosch / Wolfgang Bozic / Lutz de Veer
Inszenierung: Christoph Nel
Szenische Analyse: Martina Jochem
Bühne: Jens Kilian
Kostüme: Barbara Aigner
Chor: Dan Ratiu
Dramaturgie: Dorothea Hartmann
Ort:
Opernhaus
Termine:
So, 31.10.2010, 18:30
Mi, 17.11.2010, 18:30
La Bohème
Giacomo Puccini
Scene in quattro quadri (1896)
Libretto von Giuseppe Giacosa und Luigi Illica nach dem Roman „Scènes de la vie de Bohème“ von Henri Murger
In italienischer Sprache mit deutschen Übertiteln.
Vor der Kulisse einer kalten Dachwohnung im Pariser Quartier Latin an einem Weihnachtsabend werden die vier Hauptpersonen mit ihren finanziellen Sorgen vorgestellt: der Dichter Rodolfo, der Maler Marcello, der Philosoph Colline und der Musiker Schaunard. Rodolfo trifft im Treppenhaus seine Nachbarin, die schöne Mimì. Beide verlieben sich ineinander. Doch das vermeintliche Glück ist nur von kurzer Dauer, denn Mimì leidet an einer tödlichen Krankheit. In klaren, poetischen Bildern hat Regisseur Chris Alexander Puccinis berühmte Oper auf die Bühne gebracht.
Musikalische Leitung: Ivan Repušić / Andrea Sanguineti
Inszenierung: Chris Alexander
Bühne: Kathrin Kegler
Kostüme: Marie-Theres Cramer
Chöre: Dan Ratiu
Ort:
Opernhaus
Termine:
Fr, 15.10.2010, 19:30
So, 24.10.2010, 16:00
So, 7.11.2010, 16:00
Do, 25.11.2010, 19:30
Di, 30.11.2010, 19:30
Di, 28.12.2010, 19:30
Niedersächsische Staatstheater Hannover GmbH
Opernhaus
Opernplatz 1
30159 Hannover
Telefon: +49 (0)511-9999 00
Fax: +49 (0)511 9999-2980
Schauspielhaus
Prinzenstr. 9
30159 Hannover
Tel.: 0511 9999 00 (Zentrale)
ballhof eins
Ballhofstr. 5
30159 Hannover
ballhof zwei
Knochenhauerstraße 28
30159 Hannover
Cumberlandsche Galerie
Prinzenstraße 9
30159 Hannover