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tif - Theater im Fridericianum

Das Staatstheater Kassel – Ein Theater mit Tradition

Das Staatstheater Kassel versteht sich mit seinen rund 500 festen Mitarbeitern als ein moderner Theaterbetrieb, der sich gleichermaßen der Tradition wie der Moderne verpflichtet fühlt. 30 Neuinszenierungen in den Sparten Musiktheater, Schauspiel, Tanztheater, Kinder- und Jugendtheater, dazu die Sinfonie-, Sonntags-, Kammer-, Familien-, Schüler- und Sonderkonzerte bilden Jahr für Jahr das große Angebot. Darüber hinaus sorgt ein umfangreiches theater- und konzertpädagogisches Programm für die Vermittlung an Kinder und Jugendliche.

Kontakt

tif - Theater im Fridericianum
Staatstheater Kassel
Friedrichsplatz 15
D-34117 Kassel

Telefon: +49 (0)561-10 94 - 0
E-Mail: info@staatstheater-kassel.de

Odem

Wilke Weermann

Uraufführung: 09. November 2018, tif

Die Unsicherheit darüber, ob mein Gegenüber ein Mensch ist oder eine Maschine, ist auf sozialen Plattformen bereits jetzt alltäglich. Schreibt mir ein Bot? Wie wird er sich verraten? Bald werden wir nicht mehr wissen, ob unser Chauffeur ein Mensch gewesen ist mit einem Bewusstsein, ob ein Mensch uns operiert hat oder unsere Heimatstadt zerstört. Was, wenn ich sogar den Tod umgehen kann, indem ich das berechenbare Skelett meiner Persönlichkeit, indem ich meinen Tonfall und mein Aussehen auf einen Androiden übertragen kann? Oder das meines verstorbenen Partners? Zumindest für eine Zeit, klar, um die Trauer zu überwinden. Meine Gefühle werden echt sein, alles andere nicht. Natürlich kann sich dieser Entwurf ins Dystopische verkehren, wenn mein gehackter Sexroboter plötzlich versucht, mich umzubringen. Doch wenn nichts schiefgeht, ist er dann utopisch?
Es heißt, wir wären heutzutage besonders anfällig für Vorurteile, weil die Welt uns überfordert. Wir greifen auf das zurück, was man schon immer gedacht hat, denn es erhält uns Struktur und Zusammenhänge, die wir so dringend zum Leben brauchen. Fake News funktionieren also, weil wir uns nach Klarheit sehnen. Hauptsache ist, wieder eine Welt zu kreieren, die funktioniert, wie sie soll. Das ist nämlich das Kernproblem der sogenannten realen Welt: Sie kann nicht funktionieren, wie sie SOLL, denn sie SOLL nicht. Unerträglich eigentlich.
Was tut sich also in unserer Gefühlswelt, wenn wir uns vor der Einsamkeit nur mit noch mehr Technik verschanzen? Was, wenn die Androiden selbst gar nicht wissen, dass sie keine echten Menschen sind? Kann uns die Liebe für die Maschinen letztlich in den Wahnsinn treiben, wie es auch in E.T.A. Hoffmanns »Sandmann« passiert? Was ist der Unterschied zwischen Erlösung und Fortschritt? Wo bleibt die Zivilgesellschaft im Cyberspace? Ist der Cyborg nicht unser Freund gegen die virale Macht des gestaltlosen Netzes wie der gute alte Terminator? Worin unterscheidet sich das elektrische Einhorn, von dem der Android vor dem Tannhauser Gate in »Blade Runner« träumt, von dem süßen Einhorn in unseren Kinderzimmern?
Theater

Michael Kohlhaas

nach Heinrich von Kleist

»Das Schwert, wisse, das du führst, ist das Schwert des Raubes und der Mordlust, ein Rebell bist du und kein Krieger des gerechten Gottes, und dein Ziel auf Erden ist Rad und Galgen, und jenseits die Verdammnis, die über die Missetat und die Gottlosigkeit verhängt ist.

Martin Luther
Michael Kohlhaas


Michael Kohlhaas, rechtschaffener Pferdehändler aus Brandenburg, reist nach Sachsen, um einige seiner Tiere zu verkaufen. Auf sächsischem Gebiet wird er jedoch im Namen des Junkers von Tronka aufgehalten – er müsse einen Passierschein vorweisen. Diesen könne er sich in Dresden abholen, als Pfand müsse er dem Junker allerdings zwei Rappen überlassen.In Dresden entpuppt sich die Forderung des Junkers als Akt der Willkür ohne Rechtsgrundlage. Zu seinem Entsetzen findet Kohlhaas nach seiner Rückkehr seine Rappen in völlig desolatem Zustand vor – sie wurden zur Feldarbeit eingesetzt, Kohlhaas’ Knecht misshandelt und verjagt. Vor dem zuständigen Gericht in Dresden erhebt Kohlhaas Klage gegen den Junker Wenzel von Tronka. Er scheitert. Zu groß ist der Einfluss von Verwandten Tronkas in mächtigen Positionen. Damit beginnt eine höchst verwickelte Geschichte um einen Rechtsstreit, der durch Kohlhaas’ Rachefeldzug zur Eskalation von Gewalt führt.
Ist er ein Rebell? Oder ein passionierter Querulant, der ein ihm korrupt erscheinendes System bekämpft, in dem Willkür und Vetternwirtschaft statt Recht und Ordnung herrschen? Heinrich von Kleist konzipierte die Novelle als literarischen Beitrag zu den Bemühungen der preußischen Reformer im frühen 19. Jahrhundert, die der Auffassung waren, durch Befolgen und Umsetzen von liberalen Grundsätzen ließe sich eine Revolution vermeiden. Zugleich aber schrieb er – ob bewusst oder unbewusst – für ein anderes Publikum. Denn Kohlhaas liefert ein Modell für zukünftige Aufstände, Rebellionen, Revolutionsversuche und zeigt, dass es möglich ist, das Gewaltmonopol des Staates zu durchbrechen.

Inszenierung: Janis Knorr
Bühne und Kostüme: Michael Lindner
Dramaturgie: Petra Schiller
Theater

Unterwerfung

nach dem Roman von Michel Houellebecq

Ein Aufschrei ging durch das Land, welchem wir das schöne Wort »Feuilleton« verdanken: Die rechten Schriftsteller seien zurück, ein Spiel mit dem Feuer, abstruse Rassismen – »Unterwerfung« von Michel Houellebecq sei ein gefährliches Buch! Im Jahr 2022: Ein Muslimbruder wird der Präsident Frankreichs und alle Intellektuellen der Grande Nation haben der Islamisierung zugestimmt, nur um Marine le Pen zu verhindern. Voilà, der Protagonist, ein impotenter Ästhet, weiß wie Brie und Chablis, lebt sich prächtig ein in der schariaschönen neuen Welt der Polygamie. Sacrebleu! Was hat Houellebecq denn da geschrieben? In seinem Roman, der am Tag nach den Attentaten auf Charlie Hebdo punktgenau erschien? Eine Dystopie? Eine Satire? Ein Polit-Thriller? Nun, vor allem eine zärtliche Analyse seines Protagonisten, eines ebenso traurigen wie komischen Europäers. Und seines Schwanengesangs im Sexshop. Eines Spezialisten für die Dekadenzliteratur des 19. Jahrhunderts, der es nur noch als Last empfindet, die perfekte Rolle im Leben zu spielen. Der einsehen muss, dass er in einer wütenden Welt lebt, in der die Segnungen der gut ausgebildeten Großstädter nicht automatisch von allen geliebt werden. Dem es kalt wird in der von Gott und Göttern leeren Welt der Postmoderne. Der auf einmal zum Anti-Helden der Demokratie wird, an der er so pflichtbewusst wie lethargisch festhält wie an einer gescheiterten Ehe. Warum der Roman zu so viel Empörung führte? Man regt sich ja gerne über das beim anderen auf, was man an sich selbst nicht mag … Houellebecq mag die Prügelei im Parlament der Ideologen sehr amüsiert haben. Leider, und das ist nun der Humor dieses großen Literaten, sind heute die Tragödien halt viel lustiger als die Farcen ...

Inszenierung: Gustav Rueb
Bühne und Kostüme: Susanne Priebs
Musik: David Rimsky-Korsakow
Dramaturgie: Thomaspeter Goergen
Theater

dass alles zum besten steht, hätten sie sagen müssen

Stückentwicklung

Irgendwann im Irgendwo liegt Utopia, ein großer Weltraumbahnhof, oder ein intergalaktischer Schrottplatz. Ein Nicht-Ort (Non-Lieux) im Wortsinne, wie man ihn heute kennt von U-Bahnstationen, Hotellobbies, Einkaufspassagen. Einerseits unwirtlich, nur zur Durchreise bestimmt, gegen das Persönliche imprägniert wie mit Teflon – andererseits sind diese Transitbereiche auch Spielplatz großer Geschichten gewesen: der geschäftige Zauber der Grand Hotels, Hollywood-Romanzen auf Flughäfen, Agentenstories zwischen den Gleisen...

Jener »Non-Lieux« zwischen Tristesse und Glamour ist vor allem eins: eine Plattform, von der man aus in die diversen Fantasie-Zielorte abfahren kann. Denn während die Utopie noch eine Anbindung an die Realität haben muss (gerade wenn sie politisch sein will), sind die Fantasien völlig frei davon, muss Nimmerland nicht real sein oder Das Ferne Land, Phantásien oder Hogwarts... Obwohl man über diese Orte die Wahrheit sagen oder lügen kann, auch wenn sie nicht existieren. Offenbar ist wahr oder falsch keine Frage der Existenz... Immanuel Kant und jedes Kind wissen das!

Und folglich beginnt die Geschichte wie sie immer endet: im Weltraum, im Vakuum der Utopie, mit den Gestalten der Kinderbücher. Menschen, die vergessen haben, dass sie Bastian Balthasar Bux waren oder Peter Pan. Oder die vielleicht niemals Momo waren und sich jetzt an etwas erinnern müssen, was sie nie vergessen haben, nämlich wie es ist, ein Prinz Mio zu sein.

Was ist geschehen? Wie sind sie hergekommen? Wer ist der Feind? Hat das Böse, haben Capitän Hook, Ritter Cato, Das Nichts aus den Büchern gesiegt? Oder ist es in Wahrheit die Postmoderne, die sich als der ultimative Schurke erwiesen hat, mit dem Fluch des Gilles de Rais de Leuze, dass die großen Geschichten zu Ende sind... Sind alle dort diejenigen, die sie scheinen oder nicht scheinen? Müssen sich alte Feinde verbünden, um die verunglückte Raumkapsel, gestrandet auf Utopia, wieder flott zu kriegen?

Inszenierung: Philipp Rosendahl
Bühne und Kostüme: Katharina Faltner
Musik: Marco Mlynek
Dramaturgie: Thomaspeter Goergen
Theater

Mutters Courage

von George Tabori

George Tabori hatte ein feines Gespür für den Witz in einem Kontext des Grauens, die absurde Pointe im Reich des Bösen. So schilderte er in Mein Kampf den zufälligen, fast trottelhaften, aber unaufhaltsamen Aufstieg eines aus Braunau stammenden Kunstmalers zur Macht. In Mutters Courage erzählt er die unmögliche Geschichte einer sechzigjährigen Jüdin, die 1942 in Budapest verhaftet, im Viehwagen Richtung Auschwitz deportiert wird und bei einem Halt nahe der ungarischen Grenze das Unvorstellbare wagt: Sie erklärt einem NS-Offizier, ihre Verhaftung sei Unrecht, sie habe nämlich einen Schutzausweis des Roten Kreuzes – nur leider nicht bei sich, da sie ja so unvorbereitet verhaftet worden sei. Der junge Nazi denkt kurz nach über diese ungeheuerliche Unbotmäßigkeit – und setzt die alte Dame dann in den Zug zurück nach Budapest. Sie wird die einzige von 4030 Menschen sein, die diesen Transport überlebt.
Die unmögliche Geschichte ist eine wahre Geschichte: Elsa Tabori hat sie erlebt, ihr Sohn, George Tabori, hat sie als Theaterstück aufgeschrieben. Unzählige Male ist es seitdem aufgeführt worden und gehört zum festen Bestand einer »oral history« – natürlich nur für diejenigen unter uns, die glauben, dass man Geschichte nicht mal so eben »hinter sich lassen« kann (was laut einer Umfrage der Bertelsmann-Stiftung vom Januar 2015 81% der Deutschen in Bezug auf den Holocaust gerne täten), sondern sie als Erfahrungsschatz an folgende Generationen weitergeben sollte.
Nach zehn Jahren unternehmen wir eine Neubefragung des Stückes, das mit Thomas Bockelmann und Sigrun Schneider-Kaethner bereits von 2004 bis 2006 im Spielplan war.

Inszenierung: Donald Berkenhoff
Bühne: Pia Janssen
Kostüme: Ursina Zürcher
Musik: Erich Radke
Dramaturgie: Michael Volk
Aufführungen / Oper Staatstheater Kassel Opernhaus Kassel, Friedrichsplatz 15
Aufführungen / Theater Staatstheater Kassel Schauspielhaus Kassel, Friedrichsplatz 15
Aufführungen / Konzert Göttinger Symphonie Orchester Göttingen, Godehardstraße 19-21
Aufführungen / Theater BAC Theater Bad Arolsen Bad Arolsen, Amselweg 50
Aufführungen / Konzert Arolser Barock-Festspiele Bad Arolsen, Große Allee 24
Touristik-Service Bad Arolsen
Aufführungen / Theater tic: Theater im Centrum Kassel, Akazienweg 24
Aufführungen / Theater Hessisches Landestheater Marburg GmbH Marburg, Am Schwanhof 68-72