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tif - Theater im Fridericianum

Das Staatstheater Kassel – Ein Theater mit Tradition

Das Staatstheater Kassel versteht sich mit seinen rund 500 festen Mitarbeitern als ein moderner Theaterbetrieb, der sich gleichermaßen der Tradition wie der Moderne verpflichtet fühlt. 30 Neuinszenierungen in den Sparten Musiktheater, Schauspiel, Tanztheater, Kinder- und Jugendtheater, dazu die Sinfonie-, Sonntags-, Kammer-, Familien-, Schüler- und Sonderkonzerte bilden Jahr für Jahr das große Angebot. Darüber hinaus sorgt ein umfangreiches theater- und konzertpädagogisches Programm für die Vermittlung an Kinder und Jugendliche.

Kontakt

tif - Theater im Fridericianum
Staatstheater Kassel
Friedrichsplatz 15
D-34117 Kassel

Telefon: +49 (0)561-10 94 - 0
E-Mail: info@staatstheater-kassel.de

Kinderprogramm

Sagt der Walfisch zum Thunfisch

Carsten Brandau

Premiere: 03. März 2019

Alter Für alle ab 8 Jahren

DU und ICH stehen sich gegenüber. Wer sie sind? Wer auch immer, sie könnten jeder sein, verbindet sie doch etwas: ihr Herzschlag, der Rhythmus des Lebens und der Anfang von allem. Schnell eint die beiden aber mehr als nur ihre innere Musik und die Frage nach ihrer Identität, denn es fängt an zu tröpfeln, bald zu regnen, dann zu schütten. Als den beiden das Wasser bis zum Bauch reicht, bleibt ihnen nichts anderes übrig, als den rettenden Weg Richtung Zuschauerraum einzuschlagen. Doch dort wacht Noe und erklärt, dass nur echte Musiker mit an Bord dürften und das Orchester ohnehin schon komplett sei.

Carsten Brandau behandelt in seinem sprachvirtuosen, musikalischen Kinderstück auf spielerische Art und Weise die Themen des Menschseins, der Existenz von Elite(n) und Perspektiven. Er fragt, ob die Rettung vor dem, was wir real nennen, vielleicht nur durch die Kraft der Fantasie und der Liebe erfolgen kann. Dafür verwendet er die biblische Metapher der Sintflut, verbindet sie mit der einfachen Annahme, dass Lebewesen durch einen Herzschlag miteinander verbunden sind und verstrickt das Ganze in einer unmöglichen möglichen Jazz-Partitur. Denn was möglich ist und was nicht, das müssen immer noch wir selbst entscheiden.

Inszenierung: Philipp Rosendahl
Bühne und Kostüme: Sibylle Pfeiffer
Komposition: Olaf Pyras
Dramaturgie: Thomaspeter Goergen
Theater

Die Opferung von Gorge Mastromas

Dennis Kelly

Premiere: 15. März 2019

Gorge Mastromas wird an einem durchschnittlichen Sommertag von durchschnittlichen Eltern mit durchschnittlich viel Lust gezeugt. Auch in seiner Kindheit und Jugend bleibt er stets – Durchschnitt. Sei es aus Güte oder Feigheit, ständig scheint er das vermeintlich moralisch Richtige zu tun und bleibt damit immer auf der Strecke. Er muss erkennen, dass sein Verhalten nur Misserfolge mit sich bringt und er ewig auf der Verliererseite des Lebens zu stehen scheint. Mit Anfang dreißig wird ihm aber eines Tages die Möglichkeit geboten, aus seinem Schattendasein heraus zu treten. In den winzigen Sekunden, die er für diesen Entschluss braucht, in denen er erkennt, dass Güte und Feigheit letztendlich wohl dasselbe sind, wird er neu geschaffen. Von nun an ist er ein Gewinner. Am Ende seines Lebens gehört er zu den erfolgreichsten, mächtigsten und reichsten Menschen der Welt.
Wie es dazu kommt und was dabei Glück und Gerechtigkeit für eine Rolle spielen, wird in The Ritual Slaughter of Gorge Mastromas untersucht. Dennis Kelly fragt nach Möglichkeiten und Definitionen einer erfolgreichen Lebensführung, dem Wesen von Moral und ob wir immer die Wahlfreiheiten haben, von denen wir meinen, sie zu besitzen. Zu welchen Opferungen sind wir überhaupt bereit? Was macht uns Menschen überhaupt zu Menschen?

Inszenierung: Martin Schulze
Bühne und Kostüme: Ulrike Obermüller
Dramaturgie: Petra Schiller
Theater

Intervention

Rebekka Kricheldorf

Was tun, wenn die beste Freundin auf die schiefe Bahn gerät? Das Gespräch mit ihr suchen, da sind sich die Experten einig. Und am besten man tut dies nicht allein, sondern bildet einen ganzen Hilfstrupp. Man benachrichtige also alle dem Problemfall nahestehenden Personen, weihe sie in sein Vorhaben ein und locke die Gefährdete unter einem fadenscheinigen Vorwand in seine Wohnung, wo sie dann statt eines weinseligen DVD-Abends eine sogenannte Intervention erwartet. Ein Freundinnen-Ethikkomitee, das ein besorgtes Gespräch darüber führen möchte, dass es ja so nicht weitergehen könne, so ganz ohne professionelle Hilfe. Egal, ob es sich um ein angebliches Suchtproblem handelt oder sonstiges risikoreiches Verhalten, das kollektive Über-Ich steht bereit. So eine Überraschungsparty ohne Party, an der einem statt Korken gut gemeinte Ratschläge um die Ohren knallen, kann schnell entgleisen. Denn bei jedem Hilfsangebot entsteht immer auch ein Machtgefälle: zwischen dem Samariter, der sein Leben souverän im Griff zu haben glaubt, und dem Gestrauchelten, dem er huldvoll die Hand reicht. Da ist mit massivem Widerstand und hartnäckiger Problem-Verleugnung von Seiten des Interventionsopfers zu rechnen. Und wo liegen überhaupt die Grenzen zwischen hedonistischem Lebensstil und selbstzerstörerischem Verhalten? Wer ist befugt, diese zu ziehen? Was macht es aus, das gelungene, selbstbestimmte Leben? Ob die gerade Bahn der schiefen stets vorzuziehen und welche von beiden wirklich die Autobahn in die Hölle ist, hängt schwer davon ab, wo man die Hölle lokalisiert.

Inszenierung: Schirin Khodadadian
Bühne | Kostüme: Ulrike Obermüller
Musik: Kathrin Vellrath
Dramaturgie: Michael Volk
Theater

Odem

Wilke Weermann

Die Unsicherheit darüber, ob mein Gegenüber ein Mensch ist oder eine Maschine, ist auf sozialen Plattformen bereits jetzt alltäglich. Schreibt mir ein Bot? Wie wird er sich verraten? Bald werden wir nicht mehr wissen, ob unser Chauffeur ein Mensch gewesen ist mit einem Bewusstsein, ob ein Mensch uns operiert hat oder unsere Heimatstadt zerstört. Was, wenn ich sogar den Tod umgehen kann, indem ich das berechenbare Skelett meiner Persönlichkeit, indem ich meinen Tonfall und mein Aussehen auf einen Androiden übertragen kann? Oder das meines verstorbenen Partners? Zumindest für eine Zeit, klar, um die Trauer zu überwinden. Meine Gefühle werden echt sein, alles andere nicht. Natürlich kann sich dieser Entwurf ins Dystopische verkehren, wenn mein gehackter Sexroboter plötzlich versucht, mich umzubringen. Doch wenn nichts schiefgeht, ist er dann utopisch?
Es heißt, wir wären heutzutage besonders anfällig für Vorurteile, weil die Welt uns überfordert. Wir greifen auf das zurück, was man schon immer gedacht hat, denn es erhält uns Struktur und Zusammenhänge, die wir so dringend zum Leben brauchen. Fake News funktionieren also, weil wir uns nach Klarheit sehnen. Hauptsache ist, wieder eine Welt zu kreieren, die funktioniert, wie sie soll. Das ist nämlich das Kernproblem der sogenannten realen Welt: Sie kann nicht funktionieren, wie sie SOLL, denn sie SOLL nicht. Unerträglich eigentlich.
Was tut sich also in unserer Gefühlswelt, wenn wir uns vor der Einsamkeit nur mit noch mehr Technik verschanzen? Was, wenn die Androiden selbst gar nicht wissen, dass sie keine echten Menschen sind? Kann uns die Liebe für die Maschinen letztlich in den Wahnsinn treiben, wie es auch in E.T.A. Hoffmanns »Sandmann« passiert? Was ist der Unterschied zwischen Erlösung und Fortschritt? Wo bleibt die Zivilgesellschaft im Cyberspace? Ist der Cyborg nicht unser Freund gegen die virale Macht des gestaltlosen Netzes wie der gute alte Terminator? Worin unterscheidet sich das elektrische Einhorn, von dem der Android vor dem Tannhauser Gate in »Blade Runner« träumt, von dem süßen Einhorn in unseren Kinderzimmern?
Theater

Every heart is built around a memory

Markolf Naujoks

Stückentwicklung

NINA: Ich schließe die Augen. Ich öffne sie wieder und alles ist für einen Augenblick verschwommen. Dann fokussiert sich mein Blick. Ich schwebe in einem endlosen weißen Raum. Als ich an mir hinunterschaue, merke ich, dass ich keinen Körper habe. Geräusche steigen unter mir auf, als würden Riesenhände ein Universum auseinanderfalten. Mir wird schlecht und ich schließe ein zweites Mal die Augen. Und öffne sie wieder.
Diesmal ist es Nacht. Ich stehe auf einem von Unkraut überwuchertem Sportplatz. Der Rasen ist matschig und feucht. Weit oben im schwarzen Himmel tanzen Wolken von weißen Faltern. Eine Flutlichtanlage wirft stechendes gelbes Licht. An den Rändern des Platzes türmen sich Mauern aus Nebel.
Aus dem Nebel löst sich eine schmale Figur. Sie kommt mit schnellen Schritten auf mich zu, Nebelschlieren hinter sich herziehend, die sich in ihrem Ledermantel verfangen haben. »Wie gefällt dir das?«, fragt sie.

Das Stück ist ein Plädoyer für eine Welt, in der viele Fantasien gelebt werden können, ein Rückzugs- und Sehnsuchtsort vieler: die Welt der Games und virtuellen Realitäten.
In dieser Geschichte geht es um Marie, die nicht mehr da ist – also doch, schon, online, virtuell, aber im Reallife versuchen ihre beiden Schwestern herauszufinden, warum Marie offline nicht mehr existiert. Und dazu müssen sich die Geschwister auf einer Map bewegen, die ihnen wenig vertraut ist.
Und nur durch die richtige Backdoor, die Marie erstellt hat, wird sich das Geheimnis lüften, das die kleine Schwester in einer Welt versteckt hat, die realer und besser als die echte, kalte Welt scheint. Kein Zeigefingerstück über die Macht der Spiele, sondern eine ansteckende, soghafte, krimiartige Geschichte über die Faszination des Spielens. Online und Offline.

Inszenierung, Bühnenbildkozept und Sounddesign: Markolf Naujoks
Kostüme und Illustration: Theda Schoppe
Dramaturgie: Thomas Hof
Theater

Michael Kohlhaas

nach Heinrich von Kleist

»Das Schwert, wisse, das du führst, ist das Schwert des Raubes und der Mordlust, ein Rebell bist du und kein Krieger des gerechten Gottes, und dein Ziel auf Erden ist Rad und Galgen, und jenseits die Verdammnis, die über die Missetat und die Gottlosigkeit verhängt ist.

Martin Luther
Michael Kohlhaas


Michael Kohlhaas, rechtschaffener Pferdehändler aus Brandenburg, reist nach Sachsen, um einige seiner Tiere zu verkaufen. Auf sächsischem Gebiet wird er jedoch im Namen des Junkers von Tronka aufgehalten – er müsse einen Passierschein vorweisen. Diesen könne er sich in Dresden abholen, als Pfand müsse er dem Junker allerdings zwei Rappen überlassen.In Dresden entpuppt sich die Forderung des Junkers als Akt der Willkür ohne Rechtsgrundlage. Zu seinem Entsetzen findet Kohlhaas nach seiner Rückkehr seine Rappen in völlig desolatem Zustand vor – sie wurden zur Feldarbeit eingesetzt, Kohlhaas’ Knecht misshandelt und verjagt. Vor dem zuständigen Gericht in Dresden erhebt Kohlhaas Klage gegen den Junker Wenzel von Tronka. Er scheitert. Zu groß ist der Einfluss von Verwandten Tronkas in mächtigen Positionen. Damit beginnt eine höchst verwickelte Geschichte um einen Rechtsstreit, der durch Kohlhaas’ Rachefeldzug zur Eskalation von Gewalt führt.
Ist er ein Rebell? Oder ein passionierter Querulant, der ein ihm korrupt erscheinendes System bekämpft, in dem Willkür und Vetternwirtschaft statt Recht und Ordnung herrschen? Heinrich von Kleist konzipierte die Novelle als literarischen Beitrag zu den Bemühungen der preußischen Reformer im frühen 19. Jahrhundert, die der Auffassung waren, durch Befolgen und Umsetzen von liberalen Grundsätzen ließe sich eine Revolution vermeiden. Zugleich aber schrieb er – ob bewusst oder unbewusst – für ein anderes Publikum. Denn Kohlhaas liefert ein Modell für zukünftige Aufstände, Rebellionen, Revolutionsversuche und zeigt, dass es möglich ist, das Gewaltmonopol des Staates zu durchbrechen.

Inszenierung: Janis Knorr
Bühne und Kostüme: Michael Lindner
Dramaturgie: Petra Schiller
Theater

Unterwerfung

nach dem Roman von Michel Houellebecq

Ein Aufschrei ging durch das Land, welchem wir das schöne Wort »Feuilleton« verdanken: Die rechten Schriftsteller seien zurück, ein Spiel mit dem Feuer, abstruse Rassismen – »Unterwerfung« von Michel Houellebecq sei ein gefährliches Buch! Im Jahr 2022: Ein Muslimbruder wird der Präsident Frankreichs und alle Intellektuellen der Grande Nation haben der Islamisierung zugestimmt, nur um Marine le Pen zu verhindern. Voilà, der Protagonist, ein impotenter Ästhet, weiß wie Brie und Chablis, lebt sich prächtig ein in der schariaschönen neuen Welt der Polygamie. Sacrebleu! Was hat Houellebecq denn da geschrieben? In seinem Roman, der am Tag nach den Attentaten auf Charlie Hebdo punktgenau erschien? Eine Dystopie? Eine Satire? Ein Polit-Thriller? Nun, vor allem eine zärtliche Analyse seines Protagonisten, eines ebenso traurigen wie komischen Europäers. Und seines Schwanengesangs im Sexshop. Eines Spezialisten für die Dekadenzliteratur des 19. Jahrhunderts, der es nur noch als Last empfindet, die perfekte Rolle im Leben zu spielen. Der einsehen muss, dass er in einer wütenden Welt lebt, in der die Segnungen der gut ausgebildeten Großstädter nicht automatisch von allen geliebt werden. Dem es kalt wird in der von Gott und Göttern leeren Welt der Postmoderne. Der auf einmal zum Anti-Helden der Demokratie wird, an der er so pflichtbewusst wie lethargisch festhält wie an einer gescheiterten Ehe. Warum der Roman zu so viel Empörung führte? Man regt sich ja gerne über das beim anderen auf, was man an sich selbst nicht mag … Houellebecq mag die Prügelei im Parlament der Ideologen sehr amüsiert haben. Leider, und das ist nun der Humor dieses großen Literaten, sind heute die Tragödien halt viel lustiger als die Farcen ...

Inszenierung: Gustav Rueb
Bühne und Kostüme: Susanne Priebs
Musik: David Rimsky-Korsakow
Dramaturgie: Thomaspeter Goergen
Kinderprogramm

Die erstaunlichen Abenteuer der Maulina Schmitt

von Finn-Ole Heinrich

für alle ab 10 Jahren

Maulina Schmitt ist die Herrscherin über ihr Königreich »Mauldawien«. Eigentlich heißt sie Paulina, weil sie aber immer wieder ›der Maul packt‹, ist ihr Spitzname Programm: Denn maulen bedeutet nicht einfach rumstänkern. Maulen, das ist eine Lebenseinstellung. Maultaschen und Maulwurfskuchen gehören ebenso zum Leben dazu wie die Maul-Höhle im Garten. Als ihre Mutter mit ihr ins praktische Plastikhausen umzieht, platzt ihr der Kragen. Ihren Vater, der in Mauldawien alleine wohnen bleibt, nennt sie fortan nur »den Mann«. Hat er sie verbannt? Irgendwas stimmt gewaltig nicht, wenn die eigene Mama sich das gefallen lässt! Ihre Mutter sollte mal zum Arzt, beschließt Maulina. Mauldawien muss zurückerobert werden, für Sonntage mit unendlich langen Frühstücken zu dritt, für die Maul-Höhle! Manchmal muss man das Leben zusammenrollen, in den Anspitzer stecken und sagen: »SO NICHT, liebe Welt!«
Mit offenen Augen, Phantasie und einem Löwenherz voller Mut begegnet Paulina Schmitt den Ängsten vor Verlust, Krankheit und dem Alleinsein. Statt den Kopf in den Sand steckt sie all ihre Kraft ›in den Maul‹, den Kanal für alle Gefühle, die nicht einzuordnen sind, sondern einfach raus müssen!

Anna Vera Kelle wird nach Inszenierungen in Leipzig, Berlin und am Schauspiel Hannover zum ersten Mal im Jungen Staatstheater Kassel inszenieren.
»Mein kaputtes Königreich« von Finn-Ole Heinrich ist der erste Band der Maulina-Trilogie, die 2015 mit dem LUCHS Kinder- und Jugendbuchpreis ausgezeichnet wurde.

Inszenierung: Anna Vera Kelle
Bühne: Michael Ottopal
Kostüme: Lisa-Dorotheè Franke
Dramaturgie: Thomas Hof
Theater

Konsens

von Nina Raine

Eine Frau ist vergewaltigt worden. Zwei Freunde, Edward und Tim, ringen als Anwälte vor Gericht auf verschiedenen Seiten um das Recht in diesem Fall. Jake, ebenfalls Anwalt, wird gerade von seiner Frau verlassen, die er immer wieder betrogen hat. Auf welcher Seite stehen Tim, Edward und seine Frau Kitty in dem privaten Prozess? Wer spricht für wen? Die Paare schauen sich gegenseitig genüsslich beim Scheitern zu, in der Beziehung wie im Beruf, bis sie erkennen müssen, dass auch in ihrer Beziehung mehr Kompromisse als Einverständnisse herrschen. Nach zehn Jahren als erfolgreicher Anwalt hat sich sowohl die Sprache als auch das Denken verändert: Juristische Termini haben in die Beziehung Einzug gehalten. Mitleid ist ein Fremdwort geworden. Aber das Leben ist eben kein Gerichtsprozess, die Logik einer Verteidigung ist nicht die Logik einer Beziehung. Edward und Matt, im Gerichtssaal Kontrahenten, bleiben auch im Wohnzimmer Kontrahenten. Selbst gegen ihre Frauen wollen sie um jeden Preis gewinnen, obwohl der Wert des Verzeihens mehr Schlagkraft gehabt hätte als jede weitere kluge Verteidigungsstrategie. Die Paare müssen die Erfahrung machen, dass Rache keiner Vernunft folgt und Entschuldigungen mehr Gefühl brauchen als das bloße Bekennen von Tatsachen. Nina Raine verbindet durch eine boshaft-ironische Sprechweise der Figuren den Gerichtsfall mit den Beziehungskonflikten der beruflich wie privat erfolgreichen Mittdreißiger, die sich ihr Leben eingerichtet und eine genaue Vorstellung von Recht und Moral gefunden zu haben meinen.
Jedes Jahr zeigen in Deutschland rund 8.000 Frauen eine Vergewaltigung an, was schätzungsweise nur etwa fünf bis 15 Prozent aller gewaltsamen sexuellen Übergriffe sind. Die wenigsten werden strafrechtlich verfolgt und nur acht Prozent der angezeigten Täter verurteilt. »Consent« (deutsch: Einverständnis) ist einer der wichtigsten Begriffe in einem Vergewaltigungsfall. Bis ins Jahr 2016 konnte ein eindeutiges »nein« immer noch als Einverständnis interpretiert werden.

Inszenierung: Eva Lange
Bühne und Kostüme: Sibylle Pfeiffer
Dramaturgie: Annabelle Leschke
Theater

Die Präsidentinnen

von Werner Schwab

»Die schlechten Elemente wachsen auch sofort in die Überzahl hinein, wenn man etwas besseres geworden ist. Da wird man viele starke Wachorgane brauchen in dem neuen Leben.«

Erna, Grete und Mariedl, drei Frauen unterschiedlichen Alters, treffen sich in Ernas Wohnküche. Weit davon entfernt, ihre Ressentiments als Mangel zu begreifen, sind sie vielmehr davon überzeugt, dass das, was sie sprachlich erfinden, die Welt ist. Wer wäre davor gefeit? Während die drei in einer ersten Runde ihre gegenwärtigen Leben vergleichen, sich argwöhnisch messen, die Schwere ihres Unglücks und die Stärke ihrer religiösen Überzeugungen in die Waagschale werfen, verwandelt sich in einer zweiten Runde die beengte kleinbürgerliche Idylle zunehmend in ein jahrmarktseliges Land der Träume: Das Gespräch der drei selbsternannten Königinnen entfaltet Wunschphantasien, die den Bezug zur Wirklichkeit völlig verloren haben. Erna findet sich mit tief religiösem Traummann an ihrer Seite in einem Hort der Wohlanständigkeit wieder, Grete erfüllt sich alle sexuellen Phantasien, die sie umtreiben und die jüngste, Mariedl, redet sich eine Welt herbei, in der sie endlich wirklich nützlich sein wird: wenn nämlich beim Dorffest auf einmal die Klos verstopft sind und ihre beherzte Expertise gefragt ist.
Werner Schwab beschreibt mit der ihm eigenen groben Zärtlichkeit drei Wesen, die gesellschaftlich beschädigt sind, und die verzweifelt und komisch darum ringen, sich durch ihre Sprache in ihrer kleinen Welt zu behaupten: Königinnen ihrer Defekte, Herrscherinnen ihrer Phantasiereiche.
DIE PRÄSIDENTINNEN ist das erste von Schwabs »Fäkaliendramen«. Zu dessen Titel vermerkt der Autor: »Das sind Leute, die glauben, alles zu wissen, über alle zu bestimmen. Eine Form von Größenwahn. Ich stamme aus einer Präsidentinnen-Familie.«

Inszenierung: Martin Schulze
Bühne und Kostüme: Ulrike Obermüller
Dramaturgie: Michael Volk
Theater

Die Leiden des jungen Werther

von Johann Wolfgang Goethe

»Es ist doch gewiss, dass in der Welt den Menschen nichts notwendig macht als die Liebe.«

Der junge Werther ist gerade frisch von zu Hause ausgezogen, als er Lotte kennenlernt. Unsterblich verliebt er sich in sie, die ganze Welt verliert sich um ihn her, er wandelt umher wie ein Träumender, der nicht weiß, ob Tag oder Nacht ist, wie im Rausch: Sie hat »alle seine Sinne gefangengenommen«.
Allerdings ist Lotte bereits vergeben. Demnächst wird sie ihren Verlobten Albert heiraten. Werther wird unglücklicher Teil einer Dreiecksbeziehung, steigert sich in einen Liebeswahn, ein Fieber, hinein, sucht den von ihm ersehnten Platz in der Welt allerdings vergeblich und gerät immer mehr an die Grenzen seines Verstandes …
Goethes Sturm-und-Drang-Roman avancierte bald nach seinem Erscheinen 1774 zu einem Bestseller: »Die Wirkung des Büchleins war groß, ja ungeheuer». Von vielen zeitgenössischen Rezensenten wurden Die Leiden des jungen Werther als Anstiftung zum Suizid verteufelt; Jugendliche hingegen stilisierten Werther rasch zum tragischen Popstar seiner Zeit. Und obwohl nun schon fast 250 Jahre alt, vermag uns der »erste moderne Roman deutscher Sprache« immer noch zu fesseln, als wäre er heute erlebt, heute geschrieben.

Janis Knorr (Saffran & Krump, Grimm!) bearbeitet die Geschichte über den Ego-Trip eines Außenseiters für drei Schauspieler und wirft damit ein Licht auf die Sichtweisen aller Beteiligten dieser Amour fou.

Inszenierung: Janis Knorr
Bühne und Kostüme: Ariella Karatolou
Musik: Thorsten Drücker
Video: Jan Kunigkeit
Dramaturgie: Thomas Hof / Petra Schiller

Empfohlen ab 14 Jahren
Theater

Rum und Wodka

Schräges Solo für einen Mann
von Conor McPherson

Überfordert mit der Familienvaterrolle, in die er mit 20 hineingeschlittert ist, selbst noch ein halbes Kind, flüchtet sich der Mann in den Alkohol – und die Spirale in den Abgrund beginnt. Seinen langweiligen Job wirft er hin und betrinkt sich erstmal. Das schöne Wochenende endet im Bett einer anderen Frau und er ist »happy as a pig in shit«.
Sonntagnachts kriecht er dann wie ein kranker Hund nach Hause, steht am Bett seiner beiden schlafenden Kinder – und kann seine Existenz nicht mehr ertragen.

Der irische Autor und Regisseur Conor McPherson wurde 1971 in Dublin geboren. Rum und Wodka inszenierte er 1992 am University College Dublin. Es war sein erstes Stück. Es folgten Salzwasser, Das Wehr, Der gute Dieb und viele weitere Stücke und auch Filme, für die er zahlreiche Auszeichnungen erhielt.

Inszenierung: Janis Knorr
Bühne und Kostüme: Ariella Karatolou
Dramaturgie: Thomaspeter Goergen
Show

Impro-Show JUST MORE DRAMA, BABY!

mit den Mitgliedern des ImproClubs des Staatstheaters Kassel

Vergessen Sie Netflix, Youtube und Co! Wir werden an diesem Abend mit den Spieler*innen des ImproClubs und Ihnen gemeinsam durch sämtliche TV-, Film- und Theaterknatterchargen rasen, dass jeder Ladebalken erblassen wird!
Neu auf der Playlist des Abends wird das Format »more drama, baby« sein, bei dem Sie mit uns gemeinsam eine Geschichte und Figuren erfinden. Für welches Genre Sie sich auch immer entscheiden, Soap, Dokudrama, Kostümschinken oder eine nie verfilmte deutsche Variante von Game of Thrones – wir werden diese Geschichte unerbittlich in den nächsten Wochen bis zum Ende der Spielzeit fortsetzen und zu einem furiosen Finale bringen. Und das soll es noch nicht gewesen sein! Sie bestimmen, wann Cliffhanger sitzen und SIE werden Teaserregie für die nächste Improshow führen – ganz im Sinne von: more drama, baby!

Regie: Thomas Hof
Aufführungen / Oper Staatstheater Kassel Opernhaus Kassel, Friedrichsplatz 15
Aufführungen / Theater Staatstheater Kassel Schauspielhaus Kassel, Friedrichsplatz 15
Aufführungen / Konzert Göttinger Symphonie Orchester Göttingen, Godehardstraße 19-21
Aufführungen / Theater BAC Theater Bad Arolsen Bad Arolsen, Amselweg 50
Aufführungen / Theater tic: Theater im Centrum Kassel, Akazienweg 24
Aufführungen / Theater Hessisches Landestheater Marburg Marburg, Am Schwanhof 68-72