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Autorentheatertage 2019

vom 24. Mai bis zum 8. Juni 2019 am Deutschen Theater Berlin

Fünf internationale Produktionen und zehn Gastspiele aus Österreich, Deutschland und der Schweiz, dazu drei Uraufführungen in einer Langen Nacht: Die Autorentheatertage, die vom 24. Mai bis zum 8. Juni 2019 am Deutschen Theater Berlin stattfinden, bündeln die Tendenzen des zeitgenössischen Autor_innentheaters zu einem zweiwöchigen Festival – im Jahr 2019 bereits in ihrer zehnten Berliner Ausgabe. Vor-, Nach- und Tischgespräche, Lesungen und Stückeparcours machen das Festival zu einem Begegnungsort zwischen Ländern, Städten, den Autor_innen und dem Publikum.

Kontakt

Autorentheatertage 2019
Deutsches Theater Berlin
Schumannstraße 13a
D-10117 Berlin

Telefon: +49 (0)30 28441-0
E-Mail: service@deutschestheater.de

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DIE LANGE NACHT DER AUTOR_INNEN

Sa, 8.6.2019

Bereits im Dezember hat die Jury des Stückewettbewerbs – die Kulturjournalistin Esther Boldt, die Filmregisseurin Valeska Grisebach und die Schauspielerin Steffi Kühnert – aus 113 Einsendungen die drei Theatertexte gekürt, die zum Ende des Festivals am 8. Juni 2019 in der Langen Nacht der Autorinnen zur Uraufführung kommen.

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Theater

Entschuldigung

von Lisa Danulat

Entschuldigung erzählt die Geschichten zweier Frauen, die unterschiedlicher nicht sein könnten. Ingrid will raus aus ihrem Leben, Hannah raus dem Gefängnis, wo sie als möglicherweise zu Unrecht verurteilte Mörderin einsitzt, zurück ins Freie. Dennoch überlagern sich Details, bis sie ununterscheidbar werden, flippen ineinander wie das Geräusch der Flipflops, das durch die Erinnerung beider Frauen spukt, oder verschmelzen in identischen Dialogfetzen. Flüsse spielen eine mehr als geografische Rolle – vor allem Heraklits Fluss, in den niemand ein zweites Mal steigen kann. Beide Erzählungen kreisen um die Frage, wo Schuld herkommt, wo sie anfängt, wo sie hin kann und wie sie vielleicht aufgehoben wird – oder eben nicht. Entschuldigung!
"Elegant entrollt die Autorin zwei – auf den ersten Blick sehr ungleiche – Biografien und bringt damit einfache Zuweisungen von Täter_in und Opfer ins Wanken. Darf man sich einfach mal einen Selbstmord gönnen? Und was kostet die Sehnsucht? Danulat stellt brachiale Fragen in den Raum, existenziell und von beeindruckender Konsequenz." (Aus der Begründung der Jury)

Lisa Danulat, geboren 1983, studierte Philosophie, Schauspiel und Szenisches Schreiben in Frankfurt am Main, Freiburg und Graz. 2005 wurde ihr erstes Stück Die Sieben Stufen der Akzeptanz uraufgeführt. 2008 gewann sie mit Too low terrain bei den Mainzer Autorentagen Text trifft Regie den Preis für das beste Stück. 2009 wurde ihr Jugendstück Topinambur zum Berliner Theatertreffen der Jugend eingeladen. Lisa Danulat war in der Saison 2009/10 Stipendiatin des Autorenlabors am Düsseldorfer Schauspielhaus, erhielt 2010 das Wiener Dramatikerstipendium und war in der Saison 2010/2011 Hausautorin am Staatstheater Mainz. Für ihr Stück Uns kriegt ihr nicht. Das Haus der Jeanne Calment wurde sie mit dem NRW Dramatikerinnen-Preis 2012 ausgezeichnet. 2016 erhielt sie ein Stipendium für das Arbeitsatelier vom DRAMA FORUM; 2017 nahm sie an der Schreibwerkstatt des Hans-Gratzer-Stipendiums am Schauspielhaus Wien teil. 2018 war Lisa Danulat Stadtschreiberin in Paderborn und für den Retzhofer Dramapreis nominiert.

Regie: Peter Kastenmüller
Bühne: Alexander Wolf
Kostüme: Kathi Maurer
Musik: Lars Wittershagen
Dramaturgie: Ralf Fiedler

Koproduktion mit dem Theater Neumarkt Zürich

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Theater

ruhig Blut

von Eleonore Khuen-Belasi

Drei Frauen, drei Plastikstühle, ein Gehsteig. Agata, Aurelia und Teresa haben es sich gemütlich eingerichtet auf ihrem Beobachtungsposten mit Panoramablick auf die Stadt. Als sie jedoch Risse im Asphalt entdecken, ist es aus mit der Gelassenheit und die drei erfasst ein ernsthaftes Unbehagen. Unangenehme Fragen treten an die immer schneller aufbrechende Oberfläche: Was braucht es und wieviel eigene Initiative ist nötig, um die Welt, so wie sie ist, zu erhalten? Und selbst wenn jemand wirklich das Hinterteil aus dem Sessel bekommt: Was genau an dieser Welt ist überhaupt unverhandelbar, schützenswert und muss – um wirklich jeden Preis – erhalten und verteidigt werden? Ist Wandel aufhaltbar? Schließlich gehört die Einsicht, dass, wer verändern will, auch verlieren wird, zu den unangenehmeren Wahrheiten des menschlichen Daseins.
ruhig Blut ist eine grotesk-philosophische Betrachtung gesellschaftlicher Plattentektonik, eine ragikomische Reflexion über den Status Quo und den ewigen Kreislauf von Revolution und Restauration, über Heimat, den paradoxen Zusammenhang zwischen Rückwärtsgewandtheit und Fortschrittsgläubigkeit der menschlichen Existenz. Das hochassoziative, humorvolle und im wahrsten Sinne abgründige Stück macht augenzwinkernde Anleihen bei den Dramen Samuel Becketts und erinnert in seinem Setting an Werner Schwabs bizarres Stück Die Präsidentinnen.
"In einem sehr eigenen, poetischen Sound entwirft Eleonore Khuen-Belasi ein absurdes Szenario, das über zahlreiche Ankerpunkte in der Gegenwart verfügt und eine reizvolle Einladung zum Spiel ausspricht." (Aus der Begründung der Jury)

Eleonore Khuen-Belasi, geboren 1993 in Bozen, hat in Wien Philosophie studiert und war 2018 Hans-Gratzer-Stipendiatin. In dieser Zeit entstand auch ruhig Blut, ihr erstes Theaterstück, das im Rahmen der Langen Nacht der Autorinnen zur Uraufführung kommt.

Regie: Clara Weyde
Bühne: Thea Hoffmann-Axthelm
Kostüme: Clemens Leander
Musik: Thomas Leboeg
Dramaturgie: Jan Stephan Schmieding

Koproduktion mit dem Schauspielhaus Graz

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Theater

zu unseren füßen, das gold, aus dem boden verschwunden

von Svealena Kutschke

Ein Wohnhaus in Berlin. Darin: ein alter Trinker, ein lesbisches Paar, ein Geflüchteter, eine depressive Frau und ihr Ex-Mann. Um den Alltag, das Neben- und Miteinander dieser Sechs entspinnen sich Fragen nach Gentrifizierung und Verdrängung, vor allem aber nach unserem Umgang mit Fremdem – mit Menschen, die uns nicht verständlich sind, sei es aufgrund von Kultur, Herkunft oder auch nur von Missverständnissen und verstellten Blicken.
"Svealena Kutschke zeichnet in zu unseren füßen, das gold, aus dem boden verschwunden ein präzises Gesellschaftspanorama und lässt ihre Antiheld_innen so wortgewandt wie hochreflektiert zu Wort kommen: Ihre scheinbare Sprachmächtigkeit, die um die Hintergründe und Untiefen der eigenen Situation weiß, erzählt jedoch vor allem von der eigenen Ohnmacht." (Aus der Begründung der Jury)

Svealena Kutschke ist in Lübeck geboren und studierte Kulturwissenschaften in Hildesheim. Sie hat drei Romane veröffentlicht, zuletzt Stadt aus Rauch (Eichborn, 2017). Für ihre literarische Arbeit erhielt sie verschiedene Auszeichnungen und Stipendien, unter anderem den Open Mike der Literaturwerkstatt Berlin, das Berliner Senatsstipendium und Aufenthaltsstipendien in China, Polen und Kroatien; zu unseren füßen, das gold, aus dem boden verschwunden ist ihr erstes Theaterstück.

Regie: András Dömötör
Bühne / Kostüme: Sigi Colpe
Musik: Tamás Matkó
Licht: Peter Grahn
Dramaturgie: Juliane Koepp

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DEUTSCHSPRACHIGE GASTSPIELE

Do, 30.5.2019 - Fr, 7.6.2019

Aus der Vielzahl zeitgenössischer Theatertexte, die zwischen März 2018 und Februar 2019 zur Premiere gekommen sind, wurden zehn Stücke ausgewählt. Wie bereits in den vergangenen Jahren lag der Fokus auf genuinen Theatertexten deutschsprachiger Autor_innen und Gruppen. Alle Texte und Inszenierungen sind erstmals in Berlin zu erleben.

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Theater

Schnee Weiss

(Die Erfindung der alten Leier)
von Elfriede Jelinek

Gastspiel Schauspiel Köln

"Der österreichische Skisport ist die 'heilige Kuh'", sagt die ehemalige Skiläuferin und österreichische Abfahrtsmeisterin Nicola Werdenigg, als sie sich im vergangenen Jahr entschließt, Machtmissbrauch und sexuelle Übergriffe während der 70er Jahre in österreichischen Skiinternaten, in Trainingslagern und auf Wettkämpfen öffentlich zu machen. Sie beschreibt die repressive Atmosphäre einer geschlossenen, frauenverachtenden, streng hierarchischen Gesellschaft – Trainer, Lehrer, Rektoren, die im Namen des Leistungssportes ihre Schützlinge unter Druck setzten und missbrauchten. Mit ihren Enthüllungen erschüttert Werdenigg eine der Grundfesten des nationalen Selbstbewusstseins Österreichs.

Elfriede Jelinek nimmt diese Offenbarungen zum Anlass ein assoziatives, kulturkritisches und diskursives Textgebirge zu schaffen, in dem sie zugleich Schicht um Schicht unserer europäischen Moral- und Sittengeschichte freilegt. So überlagern sich in ihrem neuen Stück wechselnde Perspektiven und Positionen, historische und moderne Frauen- und Rollenbilder, Fragen nach Gerechtigkeit, nach unserem heutigen moralischen Selbstverständnis, Fragen nach Strafe und Schuld.

Geboren 1946 in Mürzzuschlag/Steiermark, aufgewachsen in Wien, zählt Elfriede Jelinek zu den bedeutendsten deutschsprachigen Gegenwartsautorinnen. Ab 1960 studierte sie am Wiener Konservatorium Klavier und Komposition, ab 1964 Theaterwissenschaft und Kunstgeschichte. Nach Abbruch des Studiums 1967 begann sie zu schreiben. Neben ihren Theaterstücken verfasst sie Lyrik, Essays, Übersetzungen, Hörspiele, Drehbücher, Libretti und Romane. 2004 erhielt die vielfach ausgezeichnete Autorin den Nobelpreis für Literatur.

Regie: Stefan Bachmann
Bühne / Kostüme: Jana Findeklee, Joki Tewes
Komposition / Musikalische Einrichtung: Gajek
Choreografie / Körperarbeit: Sabina Perry
Licht: Michael Gööck
Dramaturgie: Beate Heine

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Theater

Love you, Dragonfly

Sechs Versuche zur Sprache des Glaubens
von Fritz Kater

Gastspiel Theater Bremen

"Geschichten zu erzählen ist eine zutiefst menschliche und würdevolle Art, schwierigen Situationen Sinn zu verleihen." (Simon Stephens) – Liebe. Familie. Fortschritt. Gott. Freiheit. Leben. Große Worte, mit denen der Autor die Szenen seines Stückes überschreibt. Große Themen, die er damit anreißt und die sich in den lose zueinandergefügten und nebeneinanderstehenden Szenen widerspiegeln. Geschichten durch acht Jahr­zehnte hindurch, verbunden durch Figuren, deren Schicksale von den realen Härten des Lebens ins Zauberhafte übergehen und umgekehrt: der Erfinder eines Goldprozessors, dem eine Explo­sion die Körperteile abreißt und der sich in eine goldene Statue verwandelt; der Mann, der einen afrikanischen Jungen adoptiert, der zum Mörder wird; der 1942 verratene Kriegsdeserteur; der NVA-Soldat, der sich in den Westen träumt. Geschichten von der schillernden Sehnsucht nach Gold, Geld und Leben und der großen Frage, an was man glaubt und für wen man sein Herz spenden würde.

Unter dem offenen Pseudonym Fritz Kater schreibt Arm­in Petra­s seit Jahren Theaterstücke. Love you, Dragonfly wurde 2016 am Theater Bonn uraufgeführt. Nun inszeniert der Regisseur den Autor selbst.

Fritz Kater wird für sein Stück zeit zu lieben zeit zu sterben 2003 mit dem Mülheimer Dramatikerpreis ausgezeichnet und in der Jahresumfrage der Zeitschrift Theater heute zum Dramatiker des Jahres gewählt. Diese Auszeichnung erhält Fritz Kater erneut 2004 für WE ARE CAMERA / jasonmaterial. Beide Stücke werden in den Inszenierungen von Armin Petras zum Berliner Theatertreffen eingeladen. Weitere Stücke von Fritz Kater sind u. a.: Sterne über Mansfeld (2004), 3 von 5 Millionen (2005), Abalon, one nite in Bangkok (2006), HEAVEN (zu tristan) (2007), we are blood (2010), Buch (5 ingredientes de la vida) (2015) und I`m searching for I:N:R:I (2016). Fritz Kater erhält 2008 den Else-Lasker-Schüler-Dramatikerpreis für sein Gesamtwerk.

Regie: Armin Petras
Bühne: Peter Schickart
Kostüme: Patricia Talacko
Puppenbau: Judith Mähler
Musik: Philipp Poisel, Florian Ostertag
Licht: Norman Plathe-Narr
Video: Rebecca Riedel
Dramaturgie: Simone Sterr
Musikdramaturgie: Sophie Seybold

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Theater

Drei sind wir

von Wolfram Höll

Gastspiel Burgtheater Wien

Ein junges Paar will auswandern, nach Kanada, weite Landschaften entdecken, sucht Einsamkeit, Besinnung. Das Paar erwartet ein Kind, ein Kind mit einem Chromosom zu viel. Der Arzt macht ihnen keine Hoffnung, dass das Kind mehr als ein Jahr überleben wird. Trotz dieses bevorstehenden Todes reist die Familie, kauft ein Haus, durchlebt mit dem Kind, dessen Name "Frühling" ist, vier Jahreszeiten.

Die Großeltern besuchen Frühling, die Familie geht mit ihm fischen, die Urgroßmutter reist an und zeigt Dias ihres verstorbenen Mannes. Frühling wächst, er entwickelt sich. Begleitet von Dany Daniel, dem freundlichen Mann – dem Tod?

Drei sind wir handelt vom Verschwinden eines Menschen, regt an, darüber nachzusinnen, was Familienleben und Elternliebe bedeuten – in einer Ausnahmesituation. Wolfram Hölls präzise strukturiertes, sprachlich exakt komponiertes Stück erhielt den renommierten Mülheimer Dramatikerpreis des Jahres 2016.

Wolfram Höll, 1986 in Leipzig geboren, ist Autor und Hörspielregisseur und lebt in Biel. Er hat Literarisches Schreiben am Schweizerischen Literaturinstitut Biel und Theater an der Hochschule der Künste Bern studiert. Sein Stück Und dann wurde 2013 am Schauspiel Leipzig uraufgeführt und vielfach ausgezeichnet, u. a. mit dem Mülheimer Dramatikerpreis 2014. In der Spielzeit 2014/15 war Höll Hausautor am Theater Basel, wo im Mai 2015 sein Stück Vom Verschwinden vom Vateruraufgeführt wurde. 2015 erhielt er den Lessing-Förderpreis des Freistaates Sachsen sowie den Dramatikerpreis des Kulturkreises der deutschen Wirtschaft. Sein Stück Drei sind wir wurde 2018 zum Heidelberger Stückemarkt eingeladen und dort mit dem NachSpielPreis ausgezeichnet.

Regie: Valerie Voigt-Firon
Bühne: Eylien König
Kostüme: Lejla Ganic
Musik / Sounddesign: Rupert Derschmidt
Video: Alexander Richter
Licht: Ivan Manojlovic
Dramaturgie: Eva-Maria Voigtländer

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Theater

Aufführung einer gefälschten Predigt über das Sterben

von Boris Nikitin und Malte Scholz

Gastspiel Staatstheater Nürnberg

Ein Gospelchor auf einer Bühne. Und zwei weitere Menschen. Der eine kommt mir bekannt vor, habe ich nicht sein Bild auf der Theater-Website gesehen? Ein Schauspieler. Aber ist er hier als Schauspieler? Und der andere? Ein Prediger? Ist das dokumentarisches Theater? Nein. Oder? Was ist das hier? Eine Art Gottesdienst? Die Versammlung einer evangelikalen Sekte? Doch einfach Theaterfiktion? Boris Nikitins Stücke gehen an die Ränder des Theaters – und manchmal auch darüber hinaus. Er erkundet die Grenze zwischen (vermeintlicher) Realität und Fiktion, dem Dokument und dessen Fälschung und bevorzugt sprengt er diese Kategorien gleich ganz. Die Theaterabende, die daraus entstehen, sind oft roh, grobkörnig, frontal, direkt. Sie spielen mit Rhetorik, propagandistischen Formen, sind widerspenstig. Und dann berühren sie. Können emotional packen. Plötzlich entsteht ein durch und durch "wahrer" Moment. Aber schon wird er wieder hinterfragt. Was für eine Wirklichkeit wird hier dargestellt – nein, hergestellt? Die Kategorien verschwimmen. Und gerade weil Boris Nikitins Arbeiten so gut wie alles in Frage stellen, gehören sie zum Verführerischsten, was man im Theater erleben kann.

"Erst da, wo ich sterben kann – da, wo ich also leben kann, weil ich nicht mehr leben muss – da beginnt das Politische." So formuliert Boris Nikitin einen der Gedanken, die für die Konzeption der Aufführung einer gefälschten Predigt über das Sterben entscheidend sind. In der vielleicht größtmöglichen Selbstermächtigung, dem Annehmen des unvermeidlichen Endes, liegt ein entschiedener und entscheidender Anfang. Möglicherweise sind erst jetzt, unter bewusstem Einsatz der eigenen Verletzbarkeit, souveräne Entscheidungen möglich. Was für ein schöner und eigentlich einfacher Gedanke, den die englische Sprache schon im Wort für Verletzbarkeit auf den Punkt bringt: In vulnerability steckt eben auch ability, die Fähigkeit. Was ist diese Fähigkeit, sich verletzbar zu machen, Verletzung auszuhalten, zu bejahen, Kraft aus ihr zu ziehen? Welche Möglichkeiten, Potentiale setzt sie frei? Kann es erst hier richtig politisch werden, da wo die größtmögliche Entschiedenheit entstehen kann? Geht das nur am Ende oder auch mittendrin? Und ist das Predigt? Propaganda? Oder eben doch Theater?

Boris Nikitin, 1979 in Basel geboren und Sohn russisch-slowakisch-französisch-jüdischer Einwanderer, ist Regisseur, Autor und Programmmacher. Nach einem Studium der Angewandten Theaterwissenschaft in Gießen inszeniert er seit 2008 mehrheitlich in der internationalen freien Szene. Zudem ist er künstlerischer Leiter des Dokumentartheater-Festivals It‘s The Real Thing in Basel. Seine Stücke sind international auf Tour, zuletzt in São Paolo, Moskau, St. Petersburg, Kapstadt, Paris, Amsterdam oder Athen. Für sein bisheriges Werk wurde Nikitin 2017 mit dem J.M.R. Lenz-Dramatikpreis der Stadt Jena ausgezeichnet.

Regie: Boris Nikitin
Video: Georg Lendorff, Alexander Mrohs
Licht: Frank Laubenheimer
Dramaturgie: Sascha Kölzow

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Theater

Ich weiß nicht, was ein Ort ist, ich kenne nur seinen Preis (Manzini Studien)

von René Pollesch

Gastspiel Schauspielhaus Zürich

Am Anfang wird in René Polleschs neuem Stück gar nicht so sehr der Ort vermisst, eher scheint mit der Zeit etwas nicht zu stimmen. "Warum sind wir bereits am Ende des Stückes? Ich bin doch gerade erst aufgetreten." Es scheint sich dabei, wird später gesagt, sogar um DAS Phänomen unserer Zeit zu handeln. "Wisst ihr, ich bin ganz schön fertig. Eine Sechsstundenfassung von Shakespeares Sommernachtstraum, wer kam eigentlich auf die Idee!!" – "Wenn man es vom heutigen Standpunkt aus betrachtet, war es schon sehr merkwürdig. Eigentlich gab es keinen Grund für uns anzunehmen, dass wir bereits am Ende des Stückes waren, denn niemand von uns konnte sich daran erinnern, dass wir den grössten Teil davon schon gespielt hatten." – "Irgendetwas war passiert. Denn auch die Zuschauer gaben zunächst zu Protokoll, dass die Schauspieler aufgetreten waren und sofort das Ende gespielt hatten, und der Theaterabend nach etwa zehn Minuten vorbei war." War das Stück derartig kurzweilig gewesen? Zu unterhaltsam? "Allerdings konnten sich einige von ihnen eine Weile später doch an die fünf Stunden und 50 Minuten eines Sommernachtstraumes erinnern. Die Auskünfte gingen dabei sehr stark auseinander. Einige hatten eine Gruppe von Kindern durch die Wüste ziehen sehen und andere sprachen von einem Wald, in dem dann statt der Elfen et cetera. ein riesiger Affe aufgetreten war."

René Pollesch, geboren 1962 in Friedberg, ist Autor und Regisseur. Er studierte Angewandte Theaterwissenschaft in Gießen. Seit 1998 uraufgeführte Stücke in eigener Regie, u. a. am Staatstheater Stuttgart, Burgtheater Wien, Thalia Theater Hamburg, Münchner Kammerspiele, Schauspielhaus Hamburg, Schauspiel Frankfurt, Schauspielhaus Zürich, Deutschen Theater Berlin sowie in Warschau, Stockholm, Tokio, Sofia und São Paulo. Von 2001 bis 2007 war er Künstlerischer Leiter des Praters der Berliner Volksbühne. René Pollesch erhielt zahlreiche Preise und Einladungen zu Festivals weltweit. 2012 wurde er mit dem Else-Lasker-Schüler-Dramatikerpreis ausgezeichnet und in die Akademie der Künste aufgenommen. Seit 2018 inszeniert er regelmäßig am Deutschen Theater Berlin.

Regie: René Pollesch
Bühne: Barbara Steiner
Kostüme: Sabin Fleck
Licht: Markus Keusch
Dramaturgie: Karolin Trachte

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Theater

Mitwisser

von Enis Maci

Gastspiel Schauspielhaus Wien

Drei Verbrechen stehen im Zentrum von Enis Macis poetischer Kartografie einer verrohenden Welt. Dabei geht es der Autorin weniger um die Täter als um das zugrundeliegende Biosystem, den Humus der Gewalt: die Mitwisser.

27°20‘01.6“N 80°20’40.9“W. Port St. Lucie, Florida, USA.
Eine Stadt am Rande der Sümpfe, Platanen und Zypressen zwischen brutalistischen Hausformationen. Die Natur kämpft hier gegen die Zivilisation an. Die Sümpfe wollen die Kultur verschlucken. In dieser seltsam schwülen Atmosphäre wachsen junge Menschen auf, viele sind es nicht mehr. Die Stadt eignet sich eher für Rentner – jenseits von Golfplätzen, anonymen Apartmentblocks und Altenheimen gibt es wenig zu erleben. Da kommt es dem Freundeskreis aus der Highschool gerade recht, als der Teenager Tyler Hadley eine Einladung zu einer Party in seinem Elternhaus an seine WhatsApp-Gruppe schickt. Doch das Treffen der Jugendlichen gerät außer Kontrolle.

38°08‘40.0“N 31°13‘28.1“E Koruyaka, Türkei, Asien.
Am anderen Ende der Welt wird Nevin Yildirim Opfer eines brutalen Verbrechens. Ungeheuerlicherweise ist der Täter für sie kein Unbekannter. Sie will, dass er bestraft wird, auf die Justiz kann sie dabei allerdings nicht erst warten. Wie weit darf sie gehen? Wo verlaufen die Grenzen zwischen nachvollziehbarem Impuls und blindem Affekt? Kann Rache jemals legitim sein?

51°35‘07.4“N 6°45‘29.6“E. Dinslaken, Deutschland, Europa.
Die ehemaligen Industrielandschaften des Ruhrgebiets sind heute von Arbeitslosigkeit und Bevölkerungsschwund gekennzeichnet. Vielen Bewohnern bietet diese Gegend nur noch wenig Perspektive. Der samstägliche Gang ins Fußballstadion gehört zur kulturellen DNA. Im Lauf der Jahrzehnte haben sich in dieser von Migration geprägten Gegend zwischen stillgelegten Kohlezechen, Industriebrachen und Fußballstadien salafistische Parallelgesellschaften herausgebildet. Die Strukturschwäche der Region eignet sich als Nährboden für Ideologie und Fanatismus. Der junge Nils Donath, leidenschaftlicher Fußballfan mit Kontakten zur Hooliganszene, entschließt sich bald zum denkbar radikalsten Bruch mit der westlichen Kultur.

Wie eine Drohne observiert Enis Maci irritierende Topografien und beschreibt mit großer Poesie eine aus den Fugen geratene Welt. In ihrem lyrischen Epos stellt sie das Ungeheure, Monströse neben das Alltägliche, in dem sich aber bisweilen Abgründe aufzutun scheinen und verknüpft beides zu einem düsteren Panorama. Im Zentrum stehen drei reale Kriminalfälle. Mehr als auf die Täter richtet sie ihren Blick dabei aber auf die Szenerien, auf Ökosysteme, die solches Handeln zulassen. Mal schaut Maci in fast planetarischem Maßstab auf diese Gebiete, mal zoomt sie tief hinein in die Beziehungsgeflechte, die menschlichen Biotope, die den Nährboden aller Taten ihrer Bewohner bilden. Sie unterliegt dabei nie der Versuchung, reißerisch oder sensationsheischend auf die Figuren zu blicken. Stattdessen setzt sie ein alternatives Gericht ein, das die Taten jedoch nicht moralisch werten will, sondern ihre Voraussetzungen, ihre Umgebung befragt. Überall finden sich seltsam passive, resignierte Menschen, die mit irritierendem Verständnis in die Abgründe blicken, mit denen sie konfrontiert sind. Enis Maci entdeckt auf ihrer Landkarte der Mitwisserschaft Mechanismen, die bis in die Mitte unserer Gesellschaft wirksam sind.

Enis Maci, geboren 1993 in Gelsenkirchen, hat Literarisches Schreiben am Deutschen Literaturinstitut Leipzig und Kultursoziologie an der London School of Economics studiert. 2010 erhielt sie den Förderpreis des Literaturpreises Ruhr. Das Stück Lebendfallen entstand im Rahmen der Schreibwerkstatt Flucht, die mich bedingt am Maxim Gorki Theater Berlin. Ihr Stückentwurf Mitwisser wurde 2017 mit dem Hans-Gratzer-Stipendium ausgezeichnet und 2018 uraufgeführt. Im Oktober 2018 erschienen unter dem Titel Eiscafé Europa Essays von Enis Maci bei Suhrkamp. In der Spielzeit 18/19 ist Maci Hausautorin am Nationaltheater Mannheim. 2018 wurde am Schauspielhaus Wien Enis Macis jüngstes Stück Autos zur Uraufführung gebracht.

Regie: Pedro Martins Beja
Bühne / Kostüme: Elisabeth Weiß
Musik: Markus Steinkellner
Dramaturgie: Tobias Schuster

Mit englischen Übertiteln

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Theater

atlas

von Thomas Köck

Gastspiel Schauspiel Leipzig

Ein Kind, das es gar nicht hätte geben dürfen, begibt sich im Heimatland seiner Eltern auf die Suche nach der Großmutter, die ihre Tochter schon lange tot glaubt. Und zwei junge Menschen auf der Suche nach einem besseren Leben geraten in den Strudel einer nationalen Historie, in dem sich ein Wir formiert, dem sie nicht angehören.

Thomas Köck nähert sich in diesem Auftragswerk für das Schauspiel Leipzig vietnamesischen Migrationsbiographien und einer vietnamesisch-deutschen Geschichte an, die unter historischen Ereignissen, Migrationsdebatten und kollektivem Vergessen verschüttet liegt. Köcks Figuren schaffen sich einen Resonanzraum und sprechen sich in die Geschichte hinein, in der sie nicht vorgesehen waren. Als fingiertes Dokumentationsdrama im hochliterarischen Duktus webt das Stück die biographischen Erzählungen aus Vietnam, aus West- und Ostdeutschland in ein flirrend überzeitliches Netz ein, das am Linearitätsgesetz zweifeln lässt und eine plötzliche Aktualität evoziert. Die Mutter als Waisenkind auf der Suche nach einem Platz in der Welt. Der Vater als Dolmetscher zwischen den Welten, bis die eine Welt plötzlich auseinanderfällt. Im Leipzig der Wendezeit lassen sie sich in den übrig gebliebenen Zwischenräumen nieder. Die ferne Großmutter, die auf der Flucht ihr Kind verliert und auf der Flüchtlingsinsel Pulau Bidong strandet, die sich für immer in sie einschreibt. Und die Tochter, die das verbindende Glied sein möchte und dann doch in ihrer eigenen, einsamen Zeit hängen bleibt. Diese Familie bildet eine Genealogie von Aus-der-Zeit-Gefallenen, jeder in seinem individuellen Unzeit-Limbus, aus dem heraus sie sich in Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft begegnen und aneinander vorbeigehen.

Thomas Köck, geboren 1986 in Steyr/Oberösterreich, sozialisiert durch Musik, studierte in Wien und Berlin Philosophie und Literaturwissenschaft sowie Szenisches Schreiben an der UdK Berlin. Mitarbeit am theatercombinat Wien. Mit Jenseits von Fukuyama gewann er den Osnabrücker Dramatikerpreis 2014, für Isabelle H. (Geopfert wird immer) 2015 den Else Lasker-Schüler-Stückepreis. Köck war 2015/16 Hausautor am Nationaltheater Mannheim. Mit Paradies fluten (Verirrte Sinfonie), dem ersten Teil seiner Klimatrilogie, war er eingeladen zum Heidelberger Stückemarkt und zu den Autorentheatertagen. 2016 erhielt er den Kleist-Förderpreis.

Regie: Philipp Preuss
Bühne / Kostüme: Ramallah Aubrecht
Licht: Carsten Rüger
Dramaturgie: Katja Herlemann

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Theater

Café Populaire

von Nora Abdel-Maksoud

Gastspiel Theater Neumarkt Zürich

Oben und unten, links und rechts, gut und böse, Fleisch und Gemüse, das sind einfache Kategorien von früher, in unseren komplexen Zeiten mächtig durcheinander gewürfelt. Wenn es nach Svenja – der Hauptfigur in Café Populaire – ginge, wäre die Welt ganz einfach durch eine Prise Humor und diskursneutralen Sprachgebrauch zu retten. Wie so viele auf ewig zum Kapitalismus Verdammte dieser Erde versucht sie den Spagat zwischen ans System angepasster Leistungsbereitschaft und Reduktion des eigenen ökologischen Fussabdrucks auf ein Minimum. Doch vorerst lauschen ihren Witzen in ihren "humornistischen Tutorials" exakt 8 Follower. Sollte Svenja eine System-Verliererin sein? Doch dann lernt sie den "Don" in sich kennen – eine böse Abspaltung ihrer selbst, der ihren Gerechtigkeitssinn und die Abgründe mächtig zum Wüten bringt. Die Klassengesellschaft lebt!

Nora Abdel-Maksoud, vom Fachmagazin Theater heute als Nachwuchsregisseurin des Jahres 2017 und mit dem Kurt Hübner Preis ausgezeichnet, hat ein sensationell ehrliches Stück geschrieben und selbst inszeniert.

Die 1983 in München geborene Nora Abdel-Maksoud ist Schauspielerin, Dramatikerin und Regisseurin. Sie studierte Schauspiel an der Hochschule für Film und Fernsehen Konrad Wolf in Potsdam-Babelsberg. Seit 2009 arbeitet sie als freischaffende Schauspielerin und Regisseurin. Sie spielte u. a. am Hans Otto Theater Potsdam und in Kinofilmen, sowie am Maxim Gorki Theater und am Ballhaus Naunynstraße. 2012 zeigte sie am Ballhaus Naunynstraße ihre erste Regiearbeit Hunting von Trier, die in einer Hörspielfassung im Deutschlandradio Kultur gesendet wurde. Sie inszenierte auch am Maxim Gorki Theater, Neuen Theater Halle und am Münchner Volkstheater. Ihre Inszenierung Café Populaire wurde 2019 zum Schweizer Theatertreffen und zum Festival Radikal Jung eingeladen.

Regie: Nora Abdel-Maksoud
Bühne / Kostüme: Moïra Gilliéron
Musik: Enik
Dramaturgie: Inga Schonlau

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Theater

Die Revolution frisst ihre Kinder!

Ein Film- und Theaterprojekt von Jan-Christoph Gockel und Ensemble

Gastspiel Schauspielhaus Graz

"Setzt die Leute aus dem Theater auf die Gasse", heißt es in Georg Büchners Revolutions-Drama Dantons Tod. Das Schauspielhaus Graz folgte der Aufforderung: Vier Wochen lang bewegte sich das Produktionsteam mit dem Regisseur Jan-Christoph Gockel – darunter Ensemblemitglieder Julia Gräfner und Raphael Muff – in Burkina Faso auf den Spuren der dortigen Revolution von 2014. Auf dieser Reise wurde im Austausch mit den Burkinabè recherchiert, interviewt, musiziert, geprobt und viel erlebt. Aber vor allem wurde das meiste davon mit der Kamera festgehalten. Das Schauspielhaus Graz hat mit dem Regisseur Jan-Christoph Gockel und dem Kameramann Eike Zuleeg einen Film gedreht und nach der Reise ein Theaterstück auf die Bühne gebracht. Im Theaterstück verarbeiten die Schauspieler_innen ihre Erfahrungen spielerisch in Kombination mit filmischem Material, das das Publikum mit auf die Reise nach Westafrika nimmt.

Die Revolution frisst ihre Kinder! erzählt von einer Theatertruppe, die nach Burkina Faso reist und dabei in eine Revolution gerät. Die Regisseurin, gespielt von Julia Gräfner, verfällt in einen inszenatorischen Wahn: Endlich ist sie an der Wurzel ihrer Kunst, endlich mischt sich politische Wirklichkeit mit Fiktion. Während in ihrem Team – bestehend aus den zwei Puppenspielern Raphael Muff und Michael Pietsch und dem Musiker Komi Togbonou – die Angst vor der Unberechenbarkeit der Revolution, sowie der Regisseurin, steigt. Auch die Grazer Intendantin Evamaria Salcher sorgt sich über die ausbleibende Kommunikation, und der Schauspieler Florian Köhler probt zuhause sein Solo als Danton.

Im Stil einer "Fake-Dokumentation" blickt das Stück hautnah hinter die Kulissen des Stadttheaterbetriebs, der ein ziemlich verrücktes Projekt stemmt. Man sieht die Theatertruppe, wie sie während der Reise auf reale und fiktive Personen trifft, wie sie immer tiefer in den Mythos rund um den (realen) charismatischen Unabhängigkeitskämpfer und 1987 ermordeten Präsidenten Thomas Sankara eintaucht, der dem zu französischen Kolonialzeiten Obervolta genannten Staat 1984 den Namen Burkina Faso gab, übersetzt "Land der aufrechten Menschen". Mutmaßlich war Sankaras Nachfolger Blaise Compaoré an dem Mord von Thomas Sankara beteiligt und regierte danach autokratisch 27 Jahre lang – bis 2014 eine Revolution ausbrach.

Ausgangspunkt für diese Stückentwicklung war die Inszenierung Der Auftrag: Dantons Tod von Jan-Christoph Gockel am Schauspielhaus Graz, die im Jahr 2017 mit dem Wiener Nestroypreis ausgezeichnet wurde. Den Hintergrund für die Weiterentwicklung dieser Theaterarbeit in Burkina Faso bildet ein reales Ereignis: Jan-Christoph Gockel hat 2014 den Volksaufstand selbst miterlebt, als er sein Stück Coltan-Fieber für das Festival Les Récréâtrales erarbeitete. Am Tag der geplanten Premiere wurde der damalige Präsident Blaise Compaoré gestürzt. Diese eindrücklichen Erfahrungen der Revolution, bei der sich Kunst und Politik kraftvoll vereinten, wurden in Die Revolution frisst ihre Kinder! verarbeitet.

Ende 2019 wird Die Revolution frisst ihre Kinder! als eigenständiger Spielfilm postproduziert.

Jan-Christoph Gockel, geboren 1982, schloss nach einem Studium der Theater-, Film- und Medienwissenschaft in Frankfurt am Main im Jahr 2009 sein Regiestudium an der Hochschule für Schauspielkunst "Ernst Busch" in Berlin ab. Seitdem ist er als freier Regisseur tätig. Ausgangspunkt für die Stückentwicklung Die Revolution frisst ihre Kinder! war zum einen seine Grazer Inszenierung Der Auftrag: Dantons Tod, die im Jahr 2017 mit dem Wiener Nestroypreis ausgezeichnet wurde, und zum anderen ein reales Ereignis: Jan-Christoph Gockel hat 2014 den Volksaufstand in Burkina Faso miterlebt, als er sein Stück Coltan­Fieber für das Festival Les Récréâtrales erarbeitete. Am Tag der geplanten Premiere wurde der damalige Präsident Blaise Compaoré gestürzt.

Regie: Jan-Christoph Gockel
Bühne / Kostüme: Julia Kurzweg
Puppenbau: Michael Pietsch
Video- und Bildgestaltung: Eike Zuleeg
Licht: Thomas Trummer
Dramaturgie: Jennifer Weiss

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Bewertungen & Erfahrungsberichte Die Revolution frisst ihre Kinder!

Theater

Das Haus auf Monkey Island

von Rebekka Kricheldorf

Gastspiel Oldenburgisches Staatstheater

Die Wissenschaftler_innen Ann, Hannes, Kristina und André haben einen neuen Job angenommen: Sie sollen eine aggressive Konsumenten-Verführungsstrategie für ein neues Produkt entwerfen, wofür das menschliche Belohnungszentrum manipuliert und tief verwurzelte Ängste und Sehnsüchte geschürt werden müssen. Um die allerbesten Arbeitsbedingungen zu haben, werden sie an einen luxuriösen Ort geflogen: Nach Monkey Island, wo nur ein einziges Haus steht. Während die vier hochbezahlten Wissenschaftler_innen ihre perfide Strategie entwerfen, kommen sie sich auch persönlich näher. Abends erzählen sie sich Geschichten aus ihrem Leben, die Art biografische Anekdoten, die man preisgeben kann, ohne vor den anderen schlecht dazustehen. Doch nach und nach entdecken sie im Haus immer mehr Seltsamkeiten: Warum liegen plötzlich Anns Lieblingschips im Küchenschrank? Warum gibt es in der Videothek ausschließlich Filme mit schönen, weizenblonden Protagonistinnen, Hannes’ bevorzugtem Frauentypus? Warum kommt ständig der Song im Radio, den André vor fünf Jahren immer mit seinen Kumpels gehört hat?

Das Haus auf Monkey Island ist mit Unterstützung durch das Hanse-Wissenschaftskolleg (HWK) in Delmenhorst entstanden.

Rebekka Kricheldorf wurde 1974 in Freiburg im Breisgau geboren. Nach dem Studium der Romanistik an der Humboldt-Universität Berlin folgte das Studium Szenisches Schreiben an der Hochschule der Künste Berlin. 2004 war sie Hausautorin am Nationaltheater Mannheim. Von 2009 bis 2011 war sie Dramaturgin, Hausautorin und Mitglied der Künstlerischen Leitung am Theaterhaus Jena. Ihre Stücke, für die sie mehrfach ausgezeichnet worden ist, werden regelmäßig am Staatstheater Kassel, Stadttheater Bern, Schauspielhaus Hamburg und Theater Osnabrück uraufgeführt. Im Rahmen der Autorentheatertage waren 2010 Villa Dolorosa und 2013 Testosteron am Deutschen Theater Berlin zu sehen. Das Haus auf Monkey Island schrieb Rebekka Kricheldorf als "writer in residence" am Hanse-Wissenschaftskolleg in Delmenhorst.

Regie: Matthias Kaschig
Bühne / Kostüme: Thea Hoffmann-Axthelm
Video: Stefan Bischoff, Kevin Graber
Licht: Arne Waldl
Dramaturgie: Anna-Teresa Schmidt

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Bewertungen & Erfahrungsberichte Das Haus auf Monkey Island

Ereignisse / Festspiele Salzburger Festspiele Salzburg, Herbert von Karajan Platz 11
Ereignisse / Festspiele Wiener Festwochen Wien, Lehárgasse 11/1/6
Ereignisse / Festival Mülheimer Theatertage Mülheim an der Ruhr, Akazienallee 61
Ereignisse / Festival Lucerne Festival Luzern, Hirschmattstr. 13
Ereignisse / Festival Styriarte Graz Graz, Sackstraße 17
Ereignisse / Festspiele Händelfestspiele Halle Halle, Große Nikolaistraße 5
Ereignisse / Festival Young Euro Classic Berlin Berlin, Meierottostr. 6
Ereignisse / Festival Gstaad Menuhin Festival Gstaad, Postfach 65
Ereignisse / Festival Richard-Strauss-Festival Garmisch-Partenk., Schnitzschulstr. 19
Ereignisse / Messe Kunstmesse Art Bodensee Dornbirn, Messeplatz 1
Ereignisse / Festspiele Salzburger Pfingstfestspiele Salzburg, Herbert von Karajan Platz 11
Ereignisse / Festival Raritäten der Klaviermusik Husum, König-Friedrich V.-Allee
Ereignisse / Jazz Hildener Jazztage Duisburg, Altgassweg 45
Ereignisse / Festival Internationales Musikfest Kreuth
Ereignisse / Festspiele Brühler Schlosskonzerte Brühl, Bahnhofstraße 16
Ereignisse / Festspiele Domstufen-Festspiele Erfurt Erfurt,
Ereignisse / Festival intersonanzen Fest der Neuen Musik Potsdam, Charlottenstr. 31
Ereignisse / Festspiele Darmstädter Residenzfestspiele Darmstadt, Mauerstraße 17
Ereignisse / Festival Morgenland Festival Osnabrück Osnabrück, Lohstraße 45a
Ereignisse / Festival Bürgerbühnen Festival Dresden Dresden, Theaterstraße 2
Ereignisse / Festival Schumannfest Düsseldorf Düsseldorf, Ehrenhof 1

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