Im Kunsthaus Bregenz trifft hochkarätige Gegenwartskunst auf herausragende Architektur. Der preisgekrönte Bau von Peter Zumthor und das ambitionierte Programm machen das KUB zu einer der spannendsten Kunstadressen weltweit. Die laufend wechselnden Ausstellungen werden exklusiv für das Haus geschaffen. Ein abwechslungsreiches Begleitprogramm macht Kunst für jedes Alter zugänglich und bietet faszinierende Einblicke in die Welt der Kunst.
KUB Night: Jeden ersten Donnerstag im Monat ist der Eintritt von 17 bis 20 Uhr kostenfrei! Kinder und Jugendliche bis einschließlich 19 Jahre besuchen das Haus kostenfrei.
Cyprien Gaillard - When you expect flutes, it's whistles
KUB 2026.02
Cyprien Gaillard bewegt sich in seinen Arbeiten durch Städte und deren Randgebiete. Entropie ist sein Gestaltungsmittel: Erosion und Ablagerungen versteht er als Spuren – nicht einfach als Zeichen von Verlust und Verfall. Seine Werke lehnen Resilienz als Deutungsrahmen ab. Vielmehr zeigen sie das Leben an unwirtlichen Orten als etwas, das einfach fortbesteht – unkommentiert und wertungsfrei. Im Kunsthaus Bregenz montiert Gaillard hinter der Außenfassade eine Baurutsche, durch die bereits mehrfach die Reste von Abrissbauten abtransportiert wurden. Diese Schuttrutsche aus orangefarbenen Röhren, die an Ketten hängend ineinandergeschoben sind, steht für Entsorgung, Dekonstruktion, Zerstörung und einen nicht enden wollenden Umbau.
Im Erdgeschoss begrüßt uns mit Visitant, 2021–2026, eine gewaltige, aufblasbare Skulptur, eine Art flüchtiger Gast, ein Gespenst mit fahrigen Gesten ohne feste Gestalt. Solche Figuren kennt man von Festivals, Sportplätzen oder Autohäusern. Im Kunsthaus Bregenz tanzt sie zu einer vom Künstler programmierten Choreografie. Die Musik dazu kommt aus dem für die Berliner Underground-Musikszene prägenden KILLASAN Soundsystem, das ursprünglich in den 90er Jahren für einen Club in Osaka gebaut wurde. Gaillard löst das übergroße Wesen aus seinem gewohnten Zusammenhang und versetzt es in das Foyer des Kunsthaus Bregenz – einen Ort, der mit seiner asketischen Gestaltung für eine kontemplative Auseinandersetzung mit Kunst steht, die hier durch die Präsenz des Visitant gebrochen wird.
Die hohle Figur ist in Bewegung, bläht sich auf und fällt in sich zusammen, zu groß, um sich vollständig aufzurichten: ein bewegliches, fremdbestimmtes Gebilde, das nur aus Luft und einer Nylonhülle besteht. Mehrmals die Stunde setzt laute, durchdringende Musik ein und erzeugt für kurze Zeit Club-Atmosphäre. Der Visitant imponiert gleichermaßen durch seine Größe und seine überraschend sanften Bewegungen.
Ein durchgängiges Motiv der Ausstellung sind „Deterrents“ – Mittel zur Abschreckung. Tatsächlich ist der öffentliche Raum häufig durch gezielte Eingriffe gestaltet und kontrolliert. Bänke, Zäune, aber auch Licht, Geräusche oder Musik werden so eingesetzt, dass sie manche Menschen willkommen heißen und andere fernhalten. Besonders jene, die ohnehin von der Gesellschaft marginalisiert sind, werden dadurch noch weiter verdrängt. Die Macht wirkt dabei aus dem Verborgenen, ist vorbeugend und normativ. Gaillard interessiert sich für die Schnittstellen von Anziehung und Abwehr. So wird etwa klassische Musik an öffentlichen Orten nicht als kulturelle Aufwertung eingesetzt, sondern zur Abschreckung und als Methode, um zu markieren, wer hier erwünscht ist und wer nicht. Was im Konzertsaal als Hochkultur gefeiert wird, kommt hier, so Gaillard, als „sanfte Waffe“ zum Einsatz.
Im ersten Obergeschoss sind neue Arbeiten zu sehen, die Fotografie, Collage und Skulptur kombinieren. Sie bestehen aus Gruppierungen von jeweils neun Polaroids, die diamantförmig angeordnet auf einem Stück Karton aufliegen. An der Wand aufgehängt und durch Metalldraht in Spannung gehalten zwingt sie die Krümmung in eine halb aufrechte Position. Dieses visuelle Archiv, das Gaillard bis 2011 im inzwischen nicht mehr existierenden Polaroid-Spectra-Format aufgenommen hat, präsentiert eine kaleidoskopische Ansicht von bekannten und unbekannten Orten, erhaltenen Objekten und natürlichen Strukturen, die von menschlichem Eingriff geprägt sind. Polaroids lassen sich naturgemäß nicht verändern, was ihnen einen dokumentarischen Charakter verleiht. Sorgfältig ausgewählt und ohne Glas und Schutz präsentiert, zeigen diese Fotografien ihre Zerbrechlichkeit. Sie sind sowohl private Beobachtungen als auch gesellschaftliche Zeugnisse öffentlicher Einrichtung und kultureller Identität.
Im zweiten Obergeschoss des KUB bezieht sich Cyprien Gaillard auf die bekannte deutsche Sage Der Rattenfänger von Hameln. Dort bestückt Gaillard Querflöten mit Geldscheinen im Wert von null Euro, die wie Zigarettenpapier oder Ziehröhrchen für den Konsum von Drogen zusammengerollt sind. Es handelt sich um echte, von der Europäischen Zentralbank ausgegebene Null-Euro-Banknoten, die jedoch keinen tatsächlichen Wert besitzen – darauf abgebildet sind unter anderem die Figur des Rattenfängers und die Stadt Hameln. So verbindet sich das Bild von Musik mit dem von Konsum und Verführung, Wert und Täuschung, Rausch und Verdrängung.
Eine weitere Arbeit in diesem Stockwerk führt diesen Gedanken fort: An den Wänden wölben sich gefächerte Skulpturen aus Edelstahl. Gaillard hat diese Objekte, angelehnt an italienische Beschattungsvorrichtungen für Bankomaten, zusammen mit einem Hersteller von Bankautomatenzubehör entwickelt. Am Boden liegen Farbpatronen und andere Bestandteile aus demolierten Geldautomaten, die nach dem Aufbrechen an den Produzenten zurückgeschickt wurden. Wird ein Automat gewaltsam geöffnet, färben sie die Scheine blau und machen sie unbrauchbar. Ähnlich wie die auseinandergenommenen Flöten auf Unterbrechungen der Luftzirkulation verweisen, können auch die gestohlenen markierten Geldscheine nicht mehr zirkulieren. Es geht um den Moment, in dem Wert in Wertlosigkeit umschlägt, und um die verborgene Gewalt, die dabei zutage tritt.
„Der öffentliche Raum ist kein Ort des Zusammenlebens mehr, sondern zunehmend eine Bühne der Ausgrenzung“
Cyprien Gaillard
Im dritten Obergeschoss ist DETERRENT, 2026, zu sehen, eine Neuproduktion, die Gaillard in Los Angeles sowie in verschiedenen Städten Nordeuropas gedreht hat. Der Film wurde vom Kunsthaus Bregenz gemeinsam mit der Mailänder Fondazione Prada produziert und ist in Bregenz zum ersten Mal zu sehen. Er beginnt vor einer Filiale der US-amerikanischen Ladenkette 7-Eleven, wo laut klassische Musik als Abschreckung gegen Unerwünschte gespielt wird, bevor er zu Szenen mit übermalten Graffiti, Drogenumschlagplätzen, Museumsvitrinen, der schneebedeckten Architektur Skandinaviens sowie dem wiederkehrenden Motiv von Verbotsschildern übergeht.
„Das Projekt richtet den Blick auf die Ränder des städtischen Gefüges, dort, wo Kontrolle am deutlichsten sichtbar wird. Entlang der betonierten Kanäle des Los-Angeles-Flusses dienen Wände als Grenzen zwischen bewohnbarem und unbewohnbarem Raum. Auf diesen Oberflächen bildet Graffiti – wiederholt überdeckt durch grobe Schichten von Farbe, die von den Kommunen aufgetragen wurde – eine unbeabsichtigte visuelle Sprache. Jeder Akt des Übermalens unterdrückt Ausdruck und erzeugt zugleich neue Formen. Auslöschung wird so zu einer Form der Produktion, bei der das Entfernen selbst als kollektives Fresko Spuren hinterlässt.”
Cyprien Gaillard (*1980, Paris) lebt in Paris und Berlin. Seine Ausstellungen waren in Institutionen weltweit zu sehen, darunter: Haus der Kunst, München, 2025–2026, OGR Torino, 2024–2025, Fondation Beyeler, Basel, 2024, Palais de Tokyo & Lafayette Anticipations, Paris, und LUMA Arles, beide 2022, 58. Biennale in Venedig, 2019, Julia Stoschek Collection, Düsseldorf, 2015, Sprüth Magers, Berlin, 2015, MoMA PS1, New York, 2013, Kunsthalle Basel, 2010, MMK Frankfurt, 2010, New Museum, New York, und Tate Modern, London, beide 2009. 2010 war Cyprien Gaillard Preisträger des Prix Marcel Duchamp, 2011 wurde er mit dem Preis der Nationalgalerie für junge Kunst, Berlin, ausgezeichnet.
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Ausstellung
Cyprien Gaillard - 7-Eleven Tracklist
KUB Billboards
Cyprien Gaillard präsentiert auf den KUB Billboards zum ersten Mal neue, großformatige Collagen. Gaillard sammelt Originalabzüge historischer Pressefotos aus dem Bestand aufgelöster Archive amerikanischer Zeitungen. Die Bilder zeigen Akte von Vandalismus und zivilem Ungehorsam, kriminelle Vorfälle, aber auch Naturkatastrophen. Eingelegt in leere LP-Schutzhüllen wird die Musik zum symbolischen Rahmen und das Loch in der Mitte des Papiers zum Fenster für die fotografierten Szenen. Cyprien Gaillard bezieht sich damit auf eines der wichtigsten Themen seiner KUB Ausstellung: „Deterrents“, Abschreckungsmaßnahmen im öffentlichen Raum, für die fallweise auch Musik eingesetzt wird.
Die Billboards an der Bregenzer Seestraße, der meistfrequentierten Straße der Stadt, sind fester Bestandteil des KUB Programms. Sie erweitern die jeweilge Ausstellung in den öffentlichen Raum.
Torkwase Dysons Werke sind zugleich monumental und zerbrechlich, modular und miteinander verbunden. Jedes Werk schafft einen eigenen Raum, in dem Materialien in die Umgebung hinauswachsen und Oberflächen von Zeit und Geschichte erzählen. Die Erfahrung bleibt dabei immer körperlich spürbar.
Torkwase Dyson bezeichnet sich selbst als Malerin, wobei ihr Werk weit über die klassische Malerei hinausgeht. In großformatigen Skulpturen, Zeichnungen, architektonischen Installationen und performativen Arbeiten untersucht sie die Verbindungen von Körper, Raum, Natur und Infrastruktur. Besonders interessiert sie, wie „Schwarze Körper“ Raum wahrnehmen, gestalten, durchqueren, indem sie die durch Kolonialismus und Ideologien geprägten Strukturen ablehnen. Grundlage von Dysons Arbeit ist ihr Konzept des „Black Compositional Thought“, das untersucht, wie Kohärenz Improvisation ermöglicht. „Black Compositional Thought“ beschreibt eine Praxis, die Welten von Schönheit und räumlicher Freiheit in allen Bereichen des Lebens ohne Garantie auf Beständigkeit gestaltet, ordnet und konstruiert.
Ein wichtiges Thema in Dysons Werk ist Wasser. Es ist physisches Element, Träger von Geschichte und Symbol für Bewegung, Widerstand und Veränderung. In ihrer 2023 bei Desert X in Palm Desert, Kalifornien, gezeigten Skulpturenserie Liquid A Place wird Wasser zum Speicher kollektiver Erinnerungen. Flüsse, Seen und Ozeane dienen als Archive von Versklavung, Migration, Bewegung, Verbindung und Heilung. Dyson fragt, wie Wasser nicht nur als physisches, sondern auch als politisches Mittel verstanden werden und wie Flüssiges helfen kann, neue Vorstellungen von Fürsorge, Verbindung und Beweglichkeit zu entwickeln.
Für das Kunsthaus Bregenz plant Dyson ein mehrteiliges Projekt. In den unteren Stockwerken entstehen ebenso großformatige wie leichte Skulpturen, gedacht als „multiskalares Gemälde“, in dem kleine Details und große Zusammenhänge zugleich sichtbar werden. In einem anderen Stockwerk verdichtet eine zwölfkanalige Klanginstallation Instrumentalaufnahmen und elektronische Klänge zu einer umfassenden räumlichen Collage.
Im obersten Stockwerk präsentiert Dyson immersive Malereien, inspiriert vom Plantagenozän — ein Begriff für die globalen Veränderungen durch große ausbeuterische Agrarbetriebe wie Plantagen. Die Arbeiten lenken den Blick auf historische und aktuelle Formen von Ausbeutung, Rassismus und Umweltzerstörung.
Dysons Werke sind zugleich monumental und zerbrechlich, modular und miteinander verbunden. Jedes Werk schafft einen eigenen Raum, in dem Materialien in die Umgebung hinauswachsen und Oberflächen von Zeit und Geschichte erzählen. Die Erfahrung bleibt dabei immer körperlich spürbar. Ihre Arbeit verzichtet auf feste Strukturen und lebt von Improvisation, Flüchtigkeit und Wandel. Besonders bedeutsam ist ihr die Intimität kollektiver Erfindung, in der Veränderung und Vergänglichkeit als Grundlage von Erfahrung spürbar werden.
Torkwase Dyson (*1973, Chicago) lebt und arbeitet in Beacon, New York. Ihre Werke waren im Rahmen der Whitney Biennale 2024, New York, der 12. Seoul Mediacity Biennale, der 35. Bienal de São Paulo, jeweils 2023, und bei der Sharjah Biennial 14, 2019, zu sehen. Einzelausstellungen hatte sie unter anderem im ‘T’ Space, Rhinebeck, New York, 2023, in der Pace Gallery, New York, 2022 und 2020, in der Hall Art Foundation, in Schloss Derneburg, Deutschland, 2021, im Serpentine Pavilion, Serpentine Galleries, London, 2021, und im New Orleans Museum of Art, Louisiana, 2020. Im Auftrag des Public Art Fund realisierte Dyson im Mai 2025 mit Akua ihre erste große Klanginstallation im Brooklyn Bridge Park in New York. Zudem entwickelte sie 2025 für das Costume Institute am Metropolitan Museum of Art, New York, das konzeptuelle Design für Superfine: Tailoring Black Style, 2025.
17.10.2026, 11 Uhr: Artist Talk mit Torkwase Dyson und Thomas D. Trummer
Eine einzigartige Gelegenheit, Torkwase Dyson im Gespräch mit KUB Direktor Thomas D. Trummer persönlich zu erleben und mehr über das umfangreiche künstlerische Werk und die Ausstellung im KUB zu erfahren.
Termine
Fr 16.10.2026, 19:00 | Ausstellungseröffnung
Sa 17.10.2026 - So 24.1.2027
Sa 17.10.2026, 11:00 | Künstlergespräch
Zur ORF Langen Nacht der Museen wird das KUB zur Tanzfläche für leise Sohlen. Neben stündlichen kostenfreien Kurzführungen (18–23 Uhr) und dem offenen KUB Atelier (18–21 Uhr) können Besucher*innen jeden Alters bei der Silent Disco das Tanzbein schwingen. Der Sound des Abends wird dabei ganz einfach per Knopfdruck selbst bestimmt.
Vorkenntnisse sind weniger notwendig als Neugierde und Mut. Wir laden alle Besucher*innen ein, sich auf das Neue, Fremde, Widersprüchliche einzulassen und Berührungsängste zu überwinden.
Die Kunstvermittlung am Kunsthaus Bregenz stellt das Fundament und den Raum für den Diskurs mit zeitgenössischer Kunst. Ein abwechslungsreiches Rahmenprogramm begleitet die Ausstellungen im Kunsthaus Bregenz. Welche das sind, erfährt man hier!
Öffentliche Führungen
Ein gemeinsamer einstündiger Rundgang mit Einblicke ins Ausstellungskonzept, die Künstler*innen und die ausgestellten Werke.
Jeden Donnerstag um 18 Uhr / Jeden Sonntag um 16 Uhr
Architekturführunge
Einmal pro Ausstellung steht das Gebäude und die Architektur Peter Zumthors im Fokus.
Happy Friday – Freier KUB Eintritt
jeden ersten Freitag im Monat | Führungen starten um 11 und 16 Uhr
Das Kunsthaus Bregenz ist für alle offen. Hier steht intuitives Entdecken und selbstbestimmten Experimentieren an erster Stelle. Mit Workshops, Führungen, zweisprachigen Formaten, und Atelierstunden ist das KUB kreativer Erlebnis- und Erfahrungsraum. Speziell zugeschnittene Formate finden mehrfach wöchentlich statt und machen Kunst für jedes Alter zugänglich. Bis inklusive 19 Jahre ist der Eintritt frei.
Afterwork im KUB? Besonders einfach geht das am ersten Donnerstag im Monat: Von 17 bis 20 Uhr ist der Eintritt kostenfrei. Happy KUB Night!
Wer mehr über die aktuelle Ausstellung erfahren will: Eine öffentliche Führung startet um 18 Uhr mit kompaktem Wissen und spannenden Hintergrundinformationen.
17 – 20 Uhr
Keine Anmeldung erforderlich
Beitrag für Führung (18 Uhr): € 7
Im Kunsthaus Bregenz trifft hochkarätige Gegenwartskunst auf herausragende Architektur. Der preisgekrönte Bau von Peter Zumthor und das ambitionierte Programm machen das KUB zu einer der spannendsten Kunstadressen weltweit. Die laufend wechselnden Ausstellungen werden exklusiv für das Haus geschaffen. Ein abwechslungsreiches Begleitprogramm macht Kunst für jedes Alter zugänglich und bietet faszinierende Einblicke in die Welt der Kunst.
KUB Night: Jeden ersten Donnerstag im Monat ist der Eintritt von 17 bis 20 Uhr kostenfrei! Kinder und Jugendliche bis einschließlich 19 Jahre besuchen das Haus kostenfrei.