MUDAM LUXEMBOURG
Musée d'Art Moderne Grand Duc Jean
MUDAM COLLECTION
Der Dynamik des Gebäudes entsprechend, setzt die Mudam Sammlung anstatt auf Permanenz eher auf Resonanz. Deshalb enthüllt sie sich dem Rhythmus der Ausstellungen und derer Themen folgend. Die Sammlung öffnet sich an den Arbeiten jüngerer Künstler und unterstreicht die Mannigfaltigkeit des zeitgenössischen Schaffens. Um sie bei der Anschaffung neuer Ausstellungsstücke zu beraten und so die Qualität der Sammlung und ihrer Stichhaltigkeit im Verhältnis zur internationalen Kunstszene zu gewährleisten, hat die Direktorin Marie-Claude Beaud dem Verwaltungsrat vorgeschlagen, eine Expertenkommission ins Leben zu rufen, die sich momentan aus Carmen Giménez (Kuratorin für Kunst des 20. Jahrhunderts im Solomon R. Guggenheim Museum, New York), Alfred Pacquement (Direktor des Musée national d’art moderne des Centre Georges Pompidou, Paris), Paul Reiles (Direktor a.D. des Musée national d’histoire et d’art, Luxemburg) und Dr. Stephan Schmidt-Wulffen (Rektor der Akademie der bildenden Künste in Wien) zusammensetzt.
AUSSTELLUNGEN
SKETCHES OF SPACE
Sa, 19.6.2010 - So, 19.9.2010
Künstler: Michael Beutler, Simone Decker, Ann Veronica Janssens, Zilvinas Kempinas, Peter Kogler, Vincent Lamouroux, Raffaella Spagna & Andrea Caretto
Kuratoren: Marie-Noëlle Farcy, Christophe Gallois, Enrico Lunghi, Clément Minighetti
Für die Ausstellung Sketches of Space lädt Mudam acht KünstlerInnen ein, das Museum mit speziell für diese Gelegenheit konzipierten Projekten zu bespielen. Ihre Installationen werden in den für Wechselausstellungen vorgesehenen Sälen zu sehen sein und werden, aufgrund ihrer Vielfalt, unterschiedliche Herangehensweisen an den Begriff des Raumes demonstrieren.
Direkte Eingriffe in die Architektur des Ieoh Ming Pei, Spielereien der Konstruktion und der Dekonstruktion, Verbindungen zwischen dem Gebäudeinneren und der Außenwelt, Räume virtueller Immersion, Herausforderungen an die Sehgewohnheiten der Besucher, Infragestellung des institutionellen Kontextes... In jedem dieser Projekte wird die Wahrnehmung des Museums auf ganz eigene Weise skizziert und neu umrissen.
Getreu ihrer üblichen Vorgehensweise, vom Kontext ihrer Intervention auszugehen, hat die Luxemburger Künstlerin Simone Decker für den Grand Hall eine großformatige Installation erdacht, mit der sie auf die vorangehende Ausstellung Schöne Neue Welt (aus Sicht der Mudam Sammlung antwortet. Über einen Turm, der hauptsächlich aus den Transportkisten der Werke der Mudam Sammlung besteht, können die Besucher in den gläsernen Turm des Grand Hall hinaufsteigen. Hier eröffnet sich ihnen eine ganz neue Perspektive auf das Gebäude und sein Äußeres, aber auch auf die Sammlung und die Institution des Museums im Allgemeinen.
Der deutsche Künstler Michael Beutler greift an zwei Orten ins Museum ein. Für seine Installation Flip zerlegt er die Wände, die nach der Museumseröffnung für Wechselausstellungen in einer der Galerien eingebaut worden waren, um sie anschließend mithilfe von wandhohen, bogenförmigen Eisenstrukturen zu kippen. Die auf diesen Strukturen liegenden Wände werden den Raum horizontal teilen. An anderer Stelle modifiziert der Künstler als Kontrapunkt zu Flip den Zugang zu den Ausstellungssälen der Sammlung des Mudam, indem er mithilfe eines Klapptisches Wände errichtet, die vor Ort aus Gips und farbigem Papier hergestellt werden.
Die belgische Künstlerin Ann Veronica Janssens erkundet in zahlreichen Werken mithilfe „immaterieller” und flüchtiger Elemente wie Licht, Ton oder Nebel die Grenzen der Wahrnehmung von Zeit und Raum. „Was mich interessiert”, so die Künstlerin, „ist das flüchtige, jedoch nicht, weil ich es in seinem Entgleiten aufhalten wollte, sondern, im Gegenteil, um mit diesem ‚Ungreifbaren’ zu experimentieren.” Für die Ausstellung hat sie eine quer durch den Raum verlaufende große Leinwand konzipiert, auf der mittels Rückprojektion verschiedenfarbige Bündel schnell pulsierenden Lichts zu sehen sind, die in ihrer nahezu hypnotischen Wirkung Nachbildeffekte auf der Netzhaut der Betrachter auslösen können.
Der litauische Künstler Zilvinas Kempinas arbeitet seit einigen Jahren mit Magnetbändern für Videoaufnahmen, um daraus Installationen zu entwickeln, die in einer Fortführung der Methoden der kinetischen Kunst und der Op-Art der 1960er Jahre mit unserer Raumwahrnehmung spielen. White Noise besteht aus einer Vielzahl von Magnetbändern, die so im Raum angeordnet sind, dass sie einen Bildschirm bilden, der, von hinten angestrahlt und von Luftströmen bewegt, vibriert und einen Effekt hervorruft, der an das „weiße Rauschen” erinnert, das man von schlecht eingestellten Fernsehbildschirmen kennt. Mit seiner Installation Ballroom bietet er dem Besucher die Gelegenheit, eine Umgebung aus blauem und rotem Licht und zahlreichen, durch Ventilatoren in Bewegung versetzten Magnetbändern und Spiegelflächen zu erleben, das die für die Raumwahrnehmung üblichen Bezugspunkte durcheinander wirbelt.
In seinen Videoinstallationen überlagert der österreichische Künstler Peter Kogler Ausstellungsräume durch virtuelle Räume, in denen es von seinen immer wiederkehrenden Motiven der Ameisen, der Ratten und abstrakter Motive wimmelt, die Wände, Böden und Decken besiedeln. Seine Installation für Sketches of Space besteht aus einer 360-Grad-Projektion, die sich über alle Wände des Raumes erstreckt und den Besucher zum Eintauchen in eine virtuelle Umgebung einlädt. Das Grundmotiv besteht hier aus einem abstrakten Raster, einer Netzstruktur sich ständig bewegender Linien, in der schließlich auch organische Formen auftauchen und wieder verschwinden. Im Verlauf dieser Verwandlungen scheint sich der Raum nach und nach aufzulösen.
Die Installation des französischen Künstlers Vincent Lamouroux beruht auf einer Reihe fiktiver architektonischer Strukturen, die von Edgar Allan Poe in den 1840er Jahren in den drei Abhandlungen Das Gut zu Arnheim, Landors Landhaus und Die Philosophie der Einrichtung beschrieben wurden und die Charles Baudelaire, sein erster französischer Übersetzer, in einer Sammlung mit dem vielsagenden Titel Habitations imaginaires (Imaginäre Wohnungen) zusammentragen wollte. Die von Vincent Lamouroux auf der Grundlage dieser Beschreibungen geschaffenen Elemente stehen im Dialog zum besonders klaren Stil der Architektur I. M. Peis.
Die italienischen Künstler Raffaella Spagna et Andrea Caretto arbeiten seit 2002 an einer gemeinsamen künstlerischen Methode zur Erkundung der Beziehungen, die den Menschen mit seiner natürlichen Umgebung verbinden. Bei ihren häufig langfristig angelegten Projekten präsentieren sie in Installationen ihre neusten Recherchen und Experimente rund um Themen wie die Umwandlung von Materie, den Begriff des Ökosystems, den Prozess der Morphogenese, die Zähmung der Naturgewalten und die Beziehung zwischen dem Natürlichen, Wilden und dem Kultivierten. Für Sketches of Space haben Raffaella Spagna und Andrea Caretto eine Installation nach dem Prinzip eines Netzwerks aus „kleinen Inseln” konzipiert, bei der ihr Interesse vor allem den Formen gilt, die von bestimmten organischen, aber auch mineralischen Elementen der Natur auf autonome Weise hervorgerufen werden.
Y8 - PERFORMANCE PROJEKT MIT TEILNAHME DES PUBLIKUMS
Y8 untersucht die Möglichkeit, Philosophie und Praxis des Yoga im Kunstkontext zu lancieren und auf die architektonische und sozial kodierte Situation von Ausstellungsräumen zu übertragen. Jede Lektion besteht aus einem kurzen Vortrag und einer Abfolge von Atemübungen, Positionen und Entspannung.
Dauer:
Sa, 19.6.2010 - So, 19.9.2010
MUDAM COLLECTION
Mi, 26.5.2010 - So, 7.11.2010
Die erste Etage des Mudam gehört mit ihren mehr als 800 m² ganz der museumseigenen Sammlung, die dort in Themenausstellungen präsentiert wird. Noch bis November können die Besucher die Werke von 36 Künstlern kennenlernen, die unter zwei Themenstellungen gezeigt werden: zum einen „Von unserem Antlitz (und unserem Körper)”, zum anderen „Von unseren Kunstwelten”. Bei seinem Rundgang im Rest des Museums wird der Besucher noch weiteren Werken aus der Sammlung begegnen. Einige wurden eigens für das Museum realisiert, wie etwa die Kapelle von Wim Delvoye.
Museen alter und moderner Kunst sind voll von Darstellungen vom Menschen, die, wenn man sie sich im wirklichen Leben vorstellen würde, Schrecken hervorriefen. Was würden wir fühlen im Angesicht der Riesen der Sixtinischen Kapelle von Michelangelo, oder angesichts einer Person aus der kubistischen Malerei Picassos? Die Schönheit eines Werkes ist also nicht notwendigerweise an die Wirklichkeit gebunden – und die Mudam Sammlung versammelt viele menschliche Darstellungen mit dem Charme von Ungeheuern (Katharina Sieverding, Cindy Sherman).
Aber selbst ohne Deformationen versetzen die Gesichter und Körper, die sich in der zeitgenössischen Kunst tummeln, uns in merkwürdige Welten und verwandeln wirklichkeitsgetreue Darstellungen in ungreifbare Ikonen: die Monumentalität und fotografische Präzision der Porträts von Franz Gertsch lassen das Gesicht des Mädchens ebenso abstrakt erscheinen wie eine antike Göttin; die intime Vertrautheit, mit der Nan Goldin Details aus dem Leben ihrer Freunde dokumentiert, verwandelt diese so unbedeutenden Augenblicke zu Archetypen des städtischen Lebens; die Intensität der Performances von Marina Abramović, in denen sie sich mit den vom künstlerischen Kanon verursachten Erwartungen auseinander setzt, verleiht ihr augenblicksweise die Aura einer Märtyrerin.
Sicher, auch Humor und (Selbst-)Ironie fehlen meist nicht und sind mitunter geradezu greifbar (Gilbert & George), manchmal beunruhigend (Alain Declercq) und manchmal versteckt in Filmzitaten zu finden (Edgar Honetschläger). Oder es geht einfach nur ums Beobachten und darum, von scheinbar selbstverständlichen Dingen zu berichten, die aber, wenn man es sich genauer überlegt, doch von enormer Komplexität sind: zum Beispiel so manche Kulturpraktiken des Westens (Thomas Struth) oder das unaufhaltsame Sichentfalten der Jugend (Katrin Freisager).
Und selbst wenn eine Inszenierung nur als Zeugnis verstanden werden soll - sie ist kunstvoll, sei dies durch die Gestaltung des äußeren Rahmens oder durch das Spiel der Schauspieler: das Gesicht wird dabei oft zum Spiegel tieferer Wahrheiten oder menschlicher Lügen.
Von unseren Kunstwelten
Die Welt, die uns umgibt, und die größtenteils das Resultat menschlicher Aktivitäten ist, ist die Umgebung, in der wir uns entwickeln. Sie ist es, die im Gegenzug unser Verhalten und unser Denken zu großen Teilen bestimmt. Wäre sie eine andere, wir würden anders handeln und anders denken, vielleicht wie die zweidimensionalen Wesen in Flatland, dem berühmten, 1884 erschienenen Buch von Edwin Abbott, in dem die Welt und ihre Götter einer auf Länge und Breite beschränkten Wahrnehmung entstammen.
Die Kunst gibt indes nicht nur vielfältige Kommentare zur Natur in unserer Umgebung ab, zur fabrizierten Wirklichkeit und unseren Fantasien hierzu. Sie reichert sie mit einer zusätzlichen Dimension an, sie gibt ihnen eine konkrete, greifbare und ästhetische Form. In der Kunst bildet sich die Künstlichkeit der Welt ab. Wenn Kimsooja Tücher, die in ihrer Heimat den Menschen oft lebenslange Begleiter sind und die für manche geradezu emblematisch für Immigration und Nomadentum stehen, aufspannt und sie endlos spiegelt, dann ermöglicht sie es dem Betrachter, in großer Unmittelbarkeit weit entfernte Wirklichkeiten zu erfahren und an ihnen teilzunehmen, und sei dies gegen seinen eigenen Willen - unschuldig sind nur die Unwissenden und die Einfachen im Geiste. Oder wenn Tina Gillen eine Reihe stilisierter Häuser malt, verweist sie nicht nur auf die mittlerweile weltweite Verbreitung standardisierter Wohnformen, sie macht diesen Begriff geradezu greifbar, unmittelbar erfahrbar, als wäre die Malerei ein besserer Beweis als eine Reportage.
Doch gibt es auch Darstellungen städtischer Dschungel und ihrer Mythen, wie bei Damien Deroubaix, es gibt die Präzision räumlicher Aufteilung in einem Postverteilungszentrum bei Andreas Gursky, es gibt die nächtlichen Träumereien auf einem Volksfest bei Bruno Baltzer oder die krude Gegenüberstellung von Lügen, die zur Verbreitung verbrecherischer Ideologien (Arbeit macht frei) und kindischer Zerstreuung (Walt Disney) dienten, wie bei Claude Lévêque.
Die Kunst kann mitunter Dinge verdeutlichen, die in einer Gesellschaft nicht mitgedacht werden.
Mudam Luxembourg
Musée d’Art Moderne Grand-Duc Jean
3, Park Dräi Eechelen
L-1499 Luxembourg
Telefon: +352 45 37 85-960
E-Mail:
info@mudam.lu
Öffnungszeiten
Mittwoch bis Freitag: 11 bis 20 Uhr
Samstag bis Montag: 11 bis 18 Uhr
Dienstag geschlossen
Eintrittspreise
5 EUR, ermäßigt: 3 EUR
Photos: © Pierre-Olivier Deschamps / Agence Vu, Musée d'Art Moderne Grand-Duc Jean, Architect: I.M. Pei