WELTMUSEUM WIEN

Es geht um Menschen.

Wie so viele andere ethnographische Museen auf der Welt muss sich auch das Weltmuseum Wien mit seiner Vergangenheit auseinandersetzen, um seine Zukunft zu gestalten. Denn was man in unseren Sälen bestaunen kann, wurde im Laufe der letzten Jahrhunderte manchmal unter fragwürdigen Bedingungen zusammengetragen. Deshalb suchen wir den offenen Dialog, sind selbstkritisch und verstehen uns als Forum, in dem möglichst viele Stimmen Gehör finden sollen. Dabei immer im Fokus: unser Publikum.


Aktuelle Ausstellungen

Sharing Stories

Dinge sprechen

Das Weltmuseum Wien hat seit 2015 über zwei Jahre lang zehn temporäre Stationen bespielt und unterschiedliche Menschen dazu eingeladen, einen jeweils für sie bedeutenden Gegenstand zu bringen und dessen Geschichte zu erzählen.

Die Ausstellung zeigt die gesamte Sammlung von 150 Ding-Geschichten. 20 davon werden von Tal Adler porträtiert: Einerseits als Photoporträts an ihrem „üblichen Aufenthaltsort“ (zu Hause auf der Ablage, in einer Schachtel unter dem Bett, in der Tasche, der Hand oder auf dem eigenen Kopf), andererseits in Form von Videointerviews mit ihren BesitzerInnen und mit anderen Leuten, die über die Gegenstände aus ihrer eigenen Perspektive sprechen.

Ausgehend von einem für das Projekt eigens entwickelten offenen Interviewformat entstanden 150 persönliche, reichhaltige und spannende Geschichten. Von einfachen Alltagsdingen, wie einem Schlüssel oder einer Halskette, bis zu besonderen oder seltenen Objekten, wie der Schachtel eines verlorenen Films oder einer handgemachten Maske. Die BesitzerInnen der Dinge teilten Geschichten von Liebe und Freundschaft, Verlust und Sehnsucht, Zugehörigkeit und Fremdheit, von Glaube, Leidenschaft, Reisen und Abenteuer, Migration, Assimilation, Terror und Hoffnung.

Während der gesamten Projektdauer wurden Photos der Gegenstände und die Zusammenfassung ihrer Geschichten regelmäßig auf die Homepage des Weltmuseums Wien hochgeladen, um ein für alle zugängliches Archiv aufzubauen. Nun, da das Archiv eröffnet ist, sind alle InteressentInnen erneut eingeladen, sich die Gegenstände anzusehen, die Geschichten zu lesen und die eigene Sichtweise auf die Objekte einzubringen.

Rajkamal Kahlon

Staying with Trouble

In der Ausstellung „Staying with Trouble“ präsentiert die Künstlerin Rajkamal Kahlon eine Werkreihe, die inspiriert von einer zweimonatigen Residency im Weltmuseum Wien entstand. Während ihres Aufenthalts durchforstete sie historisches Material in der Photosammlung des Museums.

Rajkamal Kahlon setzt sich im Besonderen mit ethnographischen Portraitphotographien im späten 19. und frühen 20. Jahrhundert auseinander. Die Inszenierung dieser Abbildungen baute häufig auf Konstruktionen des „Wilden“ oder „Primitiven“ auf und bildete so den Grundstein für Darstellungscodes, die sich teils noch heute wiederfinden. Durch ihre visuelle Analyse erforscht die Künstlerin diese Kontinuitäten. In ihren Bildtransformationen fordert sie das Publikum auf, den eigenen Blick zu hinterfragen. Der Titel der Ausstellung verweist auf die Biologin und Wissenschaftsphilosophin Donna Haraway, deren Werk Kahlon in ihrem Arbeitsprozess beeinflusst hat.

In den Arbeiten der in Berlin lebenden, US-amerikanischen Künstlerin Rajkamal Kahlon wird der Betrachter Zeuge einer Autopsie, das visuelle Erbe von Herrschaftssystemen wird seziert. Sie übermalt und entwirft die Körper fotografierter Subjekte neu – so ermöglicht Kahlon eine Rehabilitierung von Körpern, Geschichten und Kulturen die einst ausgelöscht, entstellt oder geschmäht wurden.

Kahlon studierte am California College of Art (MFA in Malerei), absolvierte das Whitney Independent Study Program in New York sowie die Skowhegan School of Painting and Sculpture.

Rajkamal Kahlons Residency fand im Rahmen von SWICH – Sharing a World of Inclusion, Creativity and Heritage statt und wurde kofinanziert vom Programm Kreatives Europa der Europäischen Union. www.swich-project.eu

Pop-Up World

Erzählungen

Mit der Wiedereröffnung des Weltmuseums Wien ist ein innovatives Buch zum Museum erschienen. Die Ausstellung Pop-Up World: Erzählungen macht dieses Buch teilweise real begehbar. Jeweils mehrere Objekte sind zu abgeschlossenen Erzählungen arrangiert. Die Bandbreite der Themen erstreckt sich von traditioneller Ethnographie bis zu Kunstgeschichte, von historischen Erwerbsumständen der Objekte bis zu Glaubensinhalten verschiedener Weltreligionen, von Sammlerpersönlichkeiten bis zum Spannungsverhältnis zwischen „Eigenen“ und „Fremden“.

Für eine Ausstellung eher unüblich treten die KuratorInnen als ErzählerInnen durch Filmaufnahmen selbst auf. Sie berichten über ihre Lieblingsobjekte, zu denen sie in einer besonderen, oftmals ganz persönlich gefärbten Beziehung stehen.

Sie alle vereint die Grundintention des Weltmuseums Wien: die von Objekten getragenen Erzählungen erfahrbar zu machen und der vielfältige Fragenkatalog, den ein einzelnes Objekt aufschlägt. Das Museum sieht sich nicht mehr als autoritative Institution, die gesamte Welt eines Objektes kann nicht enzyklopädisch nachgebildet werden. Viel eher kann unser Haus Einblicke ermöglichen: über die Vielfalt der Welt und in welcher Beziehung wir selbst dazu standen und stehen.

Lisl Ponger

The Master Narrative

Auf Einladung des Weltmuseums Wien zeigt das MuKul, das (fiktive) Museum für fremde und vertraute Kulturen, eine Ausstellung der Künstlerin Lisl Ponger. Sechs großformatige, inszenierte Fotografien in Leuchtkästen sowie eine einen Museumstag lang dauernde 2-Kanal-Installation mit dem Titel The Master Narrative und Don Durito laden die BesucherInnen auf Entdeckungsreisen ein.

In Tahiti werden sie Zeugen einer Konferenz. Auf einer Gartenparty in einer tropischen, in der Säulenhalle des Weltmuseums Wien gelegenen Landschaft, unterhalten sich Christoph Kolumbus und Margaret Mead bei einem Glas Wein, während Franz Boas Kunststücke vorführt. Die Künstlerin selbst trifft Vorbereitungen, um als teilnehmende Beobachterin ihrer Arbeit nachzugehen, während Indian(er) Jones den roten Vorhang lüftet, um sein Museum zu präsentieren. Wie die Frau in Sigmund Freuds Arbeitszimmer hat auch er seine gesammelten außereuropäischen Objekte benannt und kategorisiert. Die Liste, tätowiert auf dem Unterarm einer Frau, zeigt die Genealogie weißer Inbesitznahme ferner Länder und gibt einen Hinweis auf die Installation.

„Für die von oben setzt sich der Kalender aus der Vergangenheit zusammen. Damit es dabei bleibt, wird er von den Mächtigen mit Statuen, Feiertagen, Museen, Huldigungen und Paraden ausgefüllt. Das alles dient dem Zweck, sie dort zu halten, wo sie schon geschehen ist und nicht geschehen wird“, sagt Don Durito, ein gut gekleideter, Pfeife rauchender Käfer aus dem lakandonischen Urwald, der Marcos, den Subcomandante der Zapatistischen Befreiungsarmee, zu seinem Schildknappen erkoren hat.

Statuen, Museen, berühmte Menschen und wichtige Jubiläen finden sich auch auf Briefmarken und Ersttagsbriefen wieder, jenen kleinen Kuverts, mit denen die Post unterschiedlicher Nationen zu verschiedenen Zeiten der Vergangenheit gedenkt und diese für die Zukunft verewigt.

Dejan Kaludjerović

Conversations

Dejan Kaludjerović (geboren in Belgrad, ehem. Jugoslawien) kreiert Zeichnungen, Gemälde, Installationen und entwickelt forschungsbasierte Projekte. Seine Installation unter dem Titel „Conversations“ ist eines dieser Projekte, das eine Art Übersicht seiner jahrelangen Forschungs- und Produktionsarbeit darstellt. Zwischen 2013 und 2017 interviewte Kaludjerović Kinder im Alter von 6-10 Jahren mit einer Reihe von einfachen, aber provokativen Fragen.

Jedes Interview fand im Kontext der Residenzen, die der Künstler in Russland, Aserbaidschan, Israel, im Iran und seinen „Heimatländern“ Österreich und Serbien hatte, statt. Diese Interviews wurden aufgezeichnet. Die zusammengetragenen Aufnahmen wurden dann in den Ausstellungen im jeweiligen Kontext als Klanginstallationen präsentiert. Für die Ausstellung im Weltmuseum Wien wurden diese Interviews neu zusammengefügt und bearbeitet, woraus eine Gesamtanalyse entstanden ist. Jedes Spiel, das der Künstler für jeden originalen Kontext erstellt hat (Sandkasten, Murmeln, Würfel usw.) wurde für diese Ausstellung neu kreiert. Das Ergebnis mündet in die Form eines beunruhigenden Spielplatzes mit einer Art unsichtbaren Performance.

Innerhalb einer Welle oft naiver Antworten in diesen Aufnahmen sind gelegentlich auch kuriose Absurditäten, witzige Ausbrüche, fürchterliche Grübeleien und absolute Tiefen der interviewten Kinder herauszuhören. Die ganze Arbeit basiert auf einer ungewöhnlichen soziologischen Forschung, die ganz offensichtlich zu keinen direkten oder pragmatischen Ergebnissen führt.

Neben dem Ausstellungsraum mit der Installation ist auch eine Informationslounge zu finden, wo die aufgezeichneten Gespräche des Künstlers den Inhalt und den Anklang des Gesamtprojektes weiter ausführen.

Dejan Kaludjerović lebt und arbeitet in Wien.

Weltmuseum Wien

Neue Burg (Kunsthistorisches Museum Wien)
A 1010 Wien

Telefon: +43 1 534 30 – 5052
E-Mail: info@weltmuseumwien.at

Öffnungszeiten
Täglich außer Dienstag 10 - 18 Uhr

Einlass ist jeweils bis eine halbe Stunde vor Schließzeit!