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Salzburger Festspiele

17. Juli bis 31. August 2021

168 Aufführungen in 46 Tagen an 17 Spielstätten
sowie 62 Vorstellungen im Jugendprogramm „jung & jede*r“ von 7 Produktionen an 30 Spielorten von Mai bis August 2021
und 5 Partizipative Projekte mit fast 1000 Kindern und Jugendlichen aus 54 Schulklassen, davon 42 außerhalb der Stadt Salzburg
sowie Veranstaltungen „Zum Fest“


In den Wochen, in denen wir das Programm der Salzburger Festspiele 2021 zur Veröffentlichung vorbereiteten, hatte die Pandemie die Welt mehr denn je im Griff. Mit umso größerer Dankbarkeit blicken wir deshalb auf den vergangenen Sommer zurück. Dass wir 100 Jahre nach der Gründung der Festspiele ein Zeichen für die Kraft der Kunst setzen und damit den Gründungsgedanken aufs Eindrücklichste wiederbeleben konnten, haben wir als unser größtes Geschenk zum Jubiläum empfunden.

Wer hätte sich noch vor wenigen Monaten vorstellen können, dass in Corona-Zeiten Aufführungen des Gründungsstücks der Salzburger Festspiele, des Jedermann, von Elektra, Così fan tutte oder Beethovens Neunter möglich sein würden? Dass eine Zusammenkunft von Menschen im Namen der Kunst wieder gelingen könnte? Wir haben von Salzburg aus ein starkes Signal in die Welt gesendet. Dass dieses Leuchtfeuer möglich war, verdanken wir unseren wunderbaren Künstlerinnen und Künstlern, allen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern und Ihnen, liebes Publikum. Danke für Ihre Begeisterungsfähigkeit, aber auch für die in Pandemiezeiten so wichtige Disziplin.

Ein solch starkes Signal wollen wir auch im kommenden Sommer senden. Wir werden wichtige Produktionen in Oper, Theater und Konzert, die wir 2020 nicht zur Aufführung bringen konnten, im kommenden Jahr zeigen und so das Jubiläum bis in den Herbst 2021 verlängern.

Mit unserer Ouverture spirituelle im Zeichen von „Pax — Friede“ knüpfen wir an die Gründungsidee der Festspiele als Friedensprojekt im Geist der Kunst an. Das zentrale Reflexionsfeld in Oper und Schauspiel bilden zwei vollkommen gegensätzliche Wahrnehmungsmöglichkeiten unserer Welt: der radikale Individualismus als Antithese zur humanistischen Idee einer solidarischen Gesellschaft, wie sie Luigi Nono in seinem Werk Intolleranza 1960 exemplarisch beschwört. Niemand konnte ahnen, welche Bedeutung dieser Konflikt gerade heute haben sollte und wie schmerzlich wir den Verlust des Miteinander empfinden würden.

„Der Kult, die Aufführung war immer schon etwas Gemeinschaft Stiftendes“, sagt die Kulturwissenschaftlerin Aleida Assmann. Die Salzburger Festspiele „stützen einen Kult für die Kunst, erneuern das europäische Kulturgedächtnis, schärfen die Reflexion über grundlegende Fragen menschlicher Existenz und stellen dabei das sinnlich-ästhetische Erleben in den Mittelpunkt.“

Zum Jubiläum haben wir gemeinsam mit unserem Aufsichtsrat, dem Kuratorium der Salzburger Festspiele, ein Memorandum verfasst. Auch diese Überlegungen wollen wir mit Ihnen teilen: Was macht Festspiele aus? Welchen Auftrag haben sie zu erfüllen? Was kann Kunst?

Lassen Sie uns gemeinsam hoffen, dass wir die kommenden Festspiele unbeschwert von den Schatten der Pandemie erleben und voller Zuversicht ins nächste Jahrhundert gehen können.

Herzlich,
Helga Rabl-Stadler, Markus Hinterhäuser, Lukas Crepaz
Direktorium der Salzburger Festspiele

Kontakt

Salzburger Festspiele
Herbert von Karajan Platz 11
A-5010 Salzburg

Telefon: +43 (0)662-8045-500
Fax: +43 (0)662-8045-555
E-Mail: info@salzburgfestival.at

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Oper

Don Giovanni

Wolfgang Amadeus Mozart

Premiere: 26. Juli 2021

Il dissoluto punito ossia Il Don Giovanni

Dramma giocoso in zwei Akten KV 527 (1787)
Libretto von Lorenzo Da Ponte
Neuinszenierung

„Wer ich bin, wirst du nie erfahren.“

Sich Don Giovanni anzunähern bedeutet für Romeo Castellucci, sich der Mehrdeutigkeit und Komplexität sowie dem inneren Ungleichgewicht zu stellen, die Mozart dem Protagonisten seiner Oper verleiht. Vitalität und Zerstörung: In dieser essenziellen Ambivalenz sieht Castellucci eine Faszination der Figur. Deren ganz dem Augenblick verhaftete Lebenskraft verkörpert sich mit symbolischer Prägnanz in der wie besessen dahinjagenden „Champagner-Arie“ „Fin ch’han dal vino“. Sie bildet den frenetischen Auftakt zu einem Fest, das allen offenstehen wird und dessen eigentlichen Zweck Don Giovanni unverblümt ausspricht: Leporello, sein Diener und antithetisches Alter Ego, soll die Liste von Giovannis weiblichen Eroberungen danach um zehn Namen erweitern können. Seine dem Lustprinzip verschriebene Existenz, die weder Ruhe noch Reflexion kennt, drängt Don Giovanni zu pausenloser Verführung — ein verzweifelter Zwang, in dem sich jenseits des Genusses das Bewusstsein der eigenen Endlichkeit, des Todes widerspiegelt.
Mozarts Don Giovanni wurde von Kierkegaard als Geist des sinnlichen Begehrens beschrieben, die „Inkarnation des Fleisches“. Sein Leben verwirklicht sich in reiner Immanenz, jenseits von Gut und Böse. Das macht ihn in hohem Grad gefährlich. Denn für Don Giovanni gelten keine Regeln sozialen Zusammenlebens, er anerkennt kein Gesetz — sei es das Gesetz der Moral, des Rechts oder der Religion. Er begehrt auf gegen das Gesetz des Vaters. Obwohl er eine lodernde Energie darstellt, welche die Menschen um ihn herum magnetisiert und in Bewegung setzt, isoliert Don Giovanni sich selbst radikal von der Gesellschaft (nicht ohne seinen privilegierten Status auszunutzen). In alles, was von ihm erfasst wird, bringt er Verwirrung, Chaos und Zerstörung.
Der Tanz auf seinem Fest solle „ohne jede Ordnung“ sein, heißt es in der „Champagner-Arie“, und Mozart nimmt Don Giovanni beim Wort: Durch die Überlagerung verschiedener Tanzsätze kommt es im Finale des ersten Aktes für einen Moment sogar zum Zusammenbruch der musikalischen Struktur.
Der ursprüngliche Haupttitel der Oper nimmt in diesem Sinn tiefere Konnotationen an, denn das Wort „dissoluto“, das vordergründig einen ausschweifenden Menschen meint, lässt seine etymologische Herkunft aus „dissolvere“ — „(auf)lösen“ — durchscheinen: In der Tat existiert Don Giovanni gelöst von jeder Bindung an menschliche, geschweige denn höhere Ordnungen. Mehr noch, er ist jemand, der aktiv „auflöst“, der trennt und entzweit. Die Introduktion der Oper endet — nach Don Giovannis Versuch, im Dunkel der Nacht Donna Anna zu vergewaltigen — mit der Tötung von deren Vater, dem Komtur. Erstmals wendet sich nun die Gesellschaft mit dem Ruf nach Rache gegen den Schuldigen, den Donna Anna bald identifiziert hat. „Bestraft“ — „punito“ — wird er jedoch wie schon in Tirso de Molinas katholischem Lehrstück El burlador de Sevilla y convidado de piedra, das die Geburt der Don-Juan-Figur im frühen 17. Jahrhundert markiert, nicht durch menschliche, sondern durch eine übernatürliche Macht: den als Statue zurückgekehrten Komtur, den „steinernen Gast“. Den Einbruch der Transzendenz wird nur derjenige als unverhältnismäßig empfinden, der in Don Giovanni bloß den schurkischen Verführer sieht, auf den Lorenzo Da Pontes Libretto ihn tendenziell reduziert. Mozart aber öffnet Abgründe, Dimensionen des Tragischen und des Anarchischen — vom allerersten Moment an: Der Beginn der Ouvertüre nimmt die Musik des „steinernen Gastes“ vorweg, jenen Dialog zwischen dem Komtur und Don Giovanni, „durch welchen auch der Nüchternste bis an die Grenzen menschlichen Vorstellens, ja über sie hinausgerissen wird, wo wir das Übersinnliche schauen und hören“ (Eduard Mörike in Mozart auf der Reise nach Prag).
Romeo Castellucci wird seine Inszenierung in kontinuierlichem Austausch mit Teodor Currentzis entwickeln. Die Figuren rund um Don Giovanni gilt es in ihren scharf voneinander abgesetzten Charakteren und musikalischen Physiognomien sowie ihrem jeweiligen Verhältnis zum Protagonisten zu fassen, ohne dabei das komische Element dieses „dramma giocoso“ zu verleugnen. Den neutralen szenischen Raum wird Castellucci im Verlauf der Handlung mit präzisen Konnotationen aufladen, die er durch Tiefengrabungen in das Werk erschließt.
(Christian Arseni, Piersandra Di Matteo)

Teodor Currentzis, Musikalische Leitung
Romeo Castellucci, Regie, Bühne, Kostüme und Licht
Theresa Wilson, Zusammenarbeit Kostüm
Cindy Van Acker, Choreografie
Piersandra Di Matteo, Christian Arseni, Dramaturgie
Marco Giusti Mitarbeit, Licht

Davide Luciano, Don Giovanni
Mika Kares, Il Commendatore
Nadezhda Pavlova, Donna Anna
Michael Spyres, Don Ottavio
Federica Lombardi, Donna Elvira
Vito Priante, Leporello
David Steffens, Masetto
Anna Lucia, Richter Zerlina

musicAeterna Choir
Vitaly Polonsky, Choreinstudierung
musicAeterna Orchestra

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Bewertungen & Erfahrungsberichte Don Giovanni

Oper

Elektra

Richard Strauss (1864 - 1949)

Premiere: 27. Juli 2021

Tragödie in einem Aufzug op. 58 (1909)
Libretto von Hugo von Hofmannsthal nach seinem gleichnamigen Schauspiel
nach der Tragödie des Sophokles

„Ich war ein schwarzer Leichnam unter Lebenden, und diese Stunde bin ich das Feuer des Lebens, und meine Flamme verbrennt die Finsternis der Welt.“

Dies erwidert Elektra auf die Nachricht, die ihr von ihrer Schwester Chrysothemis überbracht wird: Ihr lang erwarteter und unverhofft erschienener Bruder Orest wird bejubelt, weil er zunächst ihre Mutter Klytämnestra und danach deren Liebhaber Ägisth, den neuen Herrscher über die Stadt, ermordet hat. Bald darauf spricht Elektra ihre letzten Worte, bevor sie tot zusammenbricht: „Ich trage die Last des Glückes, und ich tanze vor euch her. Wer glücklich ist wie wir, dem ziemt nur eins: schweigen und tanzen.“ Der Tod ihres Vaters Agamemnon ist endlich gerächt, der Kreislauf der Gewalttaten schließt sich, und der Kreislauf des Lebens könnte endlich neu beginnen. Der einsame Wahn Elektras, der außer dem Schatten ihres Vaters nichts gelten ließ, war diesem ein lebendiges Grabmal geworden. Sie stirbt einige Minuten nach ihrer Mutter, die zwar ihre Feindin gewesen war, ohne die Elektras Leben aber keinen Sinn mehr hat: Die Welt von einst, ob nun geliebt oder verhasst, war Elektras einzige Daseinsberechtigung gewesen, und nun gibt es sie nicht mehr. Nur Orest und Chrysothemis versuchen, auf diesem Trümmerfeld dem Leben Raum zu geben. Mit der Opferung ihrer Schwester Iphigenie, die dem griechischen Heer etwa 20 Jahre zuvor die Einnahme Trojas ermöglichen sollte, war die Katastrophe losgetreten worden — den Mord an ihrem Kind hatte Klytämnestra Agamemnon nie verziehen. Diese Katastrophe scheint nun ihr Ende zu finden. Zumindest vorerst. Denn von nun an wird Orest mit der Erinnerung an den unsühnbaren Muttermord leben müssen. Hier, im Dunkel der Nacht Mykenes, stirbt Elektra in dem Augenblick, als ihr einziger, zwanghaft ersehnter Wunsch Wirklichkeit wird, in einem Zustand geistiger und körperlicher Erschöpfung — im wilden Tanz um das Beil, das einst ihren Vater getötet hatte.
Hugo von Hofmannsthals Schauspiel wurde 1903 in der Regie von Max Reinhardt in Berlin uraufgeführt. Es erschüttert durch seine Intensität und Brutalität, beeindruckt durch die in ihrem Reichtum und in ihrer Qualität einmalige Sprache. Kaum etwas erinnert hier noch an das Werk von Sophokles, auf dem es beruht. Der junge österreichische Autor hatte Nietzsches Geburt der Tragödie, die Studien über Hysterie von Josef Breuer und Sigmund Freud sowie Freuds Traumdeutung gelesen und war dadurch entscheidend geprägt worden. Das lichte Griechentum eines Winckelmann oder Goethe hatte mit der Jahrhundertwende der finsteren, brutalen, fast barbarischen Seite dieser Zivilisation Platz gemacht. Die Irrgänge der menschlichen Seele schienen nun dunkler. Die von der neu aufkommenden Psychoanalyse beleuchteten Krankheitsbilder beflügelten die Fantasie der Kunstschaffenden, deren Figuren komplexer wurden.
Es war die Interpretation Gertrud Eysoldts in der Titelrolle dieser Elektra, die Richard Strauss bereits im November 1903 dazu bewog, eine auf dem Schauspiel basierende einaktige Oper in Angriff zu nehmen. Strauss kürzte das Stück zum Teil, um das Libretto auf die Beziehungen zwischen den beiden Schwestern Elektra und Chrysothemis — die eine auf der Seite des Todes, die andere auf jener des Lebens —, zwischen Elektra und ihrer Mutter Klytämnestra sowie schließlich zwischen Elektra und ihrem Bruder Orest zu konzentrieren, dessen Erscheinen schier unglaublich für sie ist: weil ihr Leben dadurch endlich einen Sinn bekommt und die Rache, die sie sich immerzu ausgemalt hat, endlich vollzogen werden kann.
Nach dreijähriger Arbeit an der Komposition wurde Strauss’ Oper am 25. Januar 1909 in Dresden uraufgeführt. Es war ein gewaltiges Ereignis. Schon mit den ersten Akkorden setzt der Komponist sein Publikum unter Strom. Auf Elektras Klage, ihren ersten großen Monolog „Allein! Weh, ganz allein!“, folgt jenes Monument der modernen Musik, das einem schon beim ersten Hören unwiderruflich im Ohr bleibt: die Beschwörung Agamemnons, dieses verzweifelte Flehen, dass der Schatten ihres Vaters sich ihr zu der Stunde, in der dieser einst von Klytämnestra ermordet wurde, zeigen möge.
(Christian Longchamp · Übersetzung: Salka Klos)

Franz Welser-Möst, Musikalische Leitung
Krzysztof Warlikowski, Regie
Małgorzata Szczęśniak, Bühne und Kostüme
Felice Ross, Licht
Kamil Polak, Video
Claude Bardouil, Choreografie
Christian Longchamp, Dramaturgie

Tanja Ariane, Baumgartner Klytämnestra
Ausrine Stundyte, Elektra
Vida Miknevičiūtė, Chrysothemis
Asmik Grigorian, Chrysothemis (18./23./28. 8.)
Michael Laurenz, Ägisth
Christopher Maltman, Orest
Verity Wingate, Die Schleppträgerin
Matthäus Schmidlechner, Ein junger Diener
Jens Larsen, Ein alter Diener
Sinéad Campbell-Wallace, Die Aufseherin
Monika Bohinec, Erste Magd
Noa Beinart, Zweite Magd
Deniz Uzun, Dritte Magd
Regine Hangler, Vierte Magd
Natalia Tanasii, Fünfte Magd
und andere

Konzertvereinigung Wiener Staatsopernchor
Huw Rhys James, Choreinstudierung
Wiener Philharmoniker

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Oper

Il trionfo del Tempo e del Disinganno

Georg Friedrich Händel (1685 - 1759)

Premiere: 04. August 2021

Oratorium in zwei Teilen HWV 46a (1707)
Text von Kardinal Benedetto Pamphilj

„Die Zeit war für die Menschen nie angenehm.“ — „Mit schlauer Selbsttäuschung vergnügt man sich, wenn man nicht an sie denkt.“

1707 lebte der 22-jährige Händel in Rom, wo mit Il trionfo del Tempo e del Disinganno sein erstes Oratorium entstand und aufgeführt wurde. Das zweiteilige Werk enthält Musik, die zum Schönsten und Ausdrucksvollsten in Händels Œuvre zählt, mit außerordentlich komplexen Passagen sowohl für die Orgel (an welcher der Komponist bei der Uraufführung selbst saß) als auch für die Violine (deren Soli eigens für den virtuosen Arcangelo Corelli, den Leiter des Orchesters, geschrieben wurden). Das Oratorium begleitete Händel weiterhin als eine Art Schlüsselwerk, aus dem er mehrmals Material für andere Kompositionen entlehnte und das er sogar zwei kompletten Neubearbeitungen unterzog: 1737 unter dem Titel Il trionfo del Tempo e della Verità und 1757 als The Triumph of Time and Truth. So umspannt das Werk, das nicht zuletzt eine Meditation über die Zeit darstellt, 50 von Händels 74 Lebensjahren.
Das Libretto von Kardinal Benedetto Pamphilj ist eine allegorische „Psychomachie“, ein dialektisches Streitgespräch über Schönheit, Wahrheit, moralischen Rat, seelische Bildung und den letztendlichen Triumph der Zeit. Das Oratorium entstand während einer Zeit, als sich der Vatikan weltlichen Bühnenwerken entschieden entgegenstellte; mit seiner Abfolge von Da-capo-Arien, Duetten und Quartetten enthält es aber dramatische Elemente, die es der Oper durchaus annähern. Die Schönheit (Bellezza), angetan von ihrem Abbild im Spiegel des Vergnügens (Piacere), gelobt dem Vergnügen ewige Treue, doch die Zeit (Tempo) und die Erkenntnis (Disinganno) versuchen, sie von ihrem Schwur abzubringen und erinnern sie daran, dass die Schönheit wie eine Blume ist, die nur einen Tag blüht und danach stirbt. Die Schönheit beginnt, die Lehren der beiden zu beherzigen, und sagt sich schließlich vom Namen und Gedächtnis des Vergnügens los: Im Streben nach der Wahrheit befreit sie sich von der oberflächlichen Eitelkeit eines dem Vergnügen verschriebenen Lebens und ist bereit für ein künftiges Dasein in asketischer Kontemplation.
Il trionfo del Tempo e del Disinganno lässt sich auch als eine Interpretation des mittelalterlichen Jedermann-Stoffes betrachten, der dem Salzburger Publikum dank Hugo von Hofmannsthal so wohlvertraut ist. Diesmal haben wir es allerdings mit einer jungen Jedefrau zu tun — in der heutigen Zeit nur allzu passend —, die als Protagonistin in diesem frühen musikalischen Bildungsroman auftritt. Der oftmals bewusst rätselhafte Text, den Kardinal Pamphilj für das (nicht für eine szenische Umsetzung gedachte) Werk ersann, bietet einen tiefen Einblick in die menschliche Psyche. Im thematischen Zentrum steht die Notwendigkeit, unter der Oberfläche der äußeren Erscheinungen zu schürfen, die Wahrheit über sich selbst zu entdecken und zu akzeptieren sowie zu versuchen, eine ausgeglichene Selbstwahrnehmung zu erreichen — sofern man denn ein reifes und lohnendes Leben führen will.
Für uns im 21. Jahrhundert sind die spezifischen theologischen Dimensionen des Werks weniger interessant als das stets brennende Thema, das sich im Titel ankündigt. Unsere Produktion wird beleuchten, was es — in einer konsumgesteuerten, jugendund schönheitsbesessenen Welt, die uns unablässig ermuntert, unseren Drang zu Eitelkeit, Egoismus und Vergnügen auszuleben — bedeutet, die Zeit zu suchen, um sich der Erkenntnis zu öffnen, die den Weg zu Erfüllung und Wahrheit weisen kann. Die Reise der Bellezza von narzisstischer Selbstgefälligkeit zu selbstlosem Verstehen bedeutet eine Achterbahnfahrt durch ihre Gefühle, darunter Zorn, Zurückweisung, Verwirrung, Unverständnis, Selbstzweifel und Selbstverletzung: eine überaus modern anmutende Charakteranalyse, die beinahe den Schriften eines anderen berühmten Österreichers — Sigmund Freud — entstammen könnte. Gerade die Verbindung von kühler moralischer Belehrung mit einer fesselnden psychologischen Entwicklung macht Il trionfo del Tempo e del Disinganno zu einem von Händels eindrucksvollsten Werken und zu einer spannenden Herausforderung für eine Inszenierung.
(Robert Carsen, Übersetzung: Christian Arseni)

Gianluca Capuano, Musikalische Leitung
Robert Carsen, Regie
Gideon Davey, Bühne und Kostüme
Robert Carsen, Peter van Praet, Licht
rocafilm, Video
Rebecca Howell, Choreografie
Ian Burton, Dramaturgie

Mélissa Petit, Bellezza
Cecilia Bartoli, Piacere
Lawrence Zazzo, Disinganno
Charles Workman, Tempo

Les Musiciens du Prince-Monaco

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Oper

Così fan tutte

ossia LA SCUOLA DEGLI AMANTI

Premiere: 06. August 2021

Dramma giocoso in zwei Akten KV 588 (1790)
Libretto von Lorenzo Da Ponte
Fassung für die Salzburger Festspiele 2020 von Joana Mallwitz und Christof Loy

„Glücklich der Mensch, der jede Sache von der guten Seite sieht … inmitten der Stürme des Lebens findet er heitere Ruhe.“

„Geduld und Gemütsruhe tragen mehr dazu bei, unsere Verstimmungen und Krankheiten zu heilen, als die ganze Kunst der Medizin.“ Diesen Satz schrieb Mozart am 30. März 1787 seinem Freimaurer-Bruder Johann Georg Kronauer ins Stammbuch — und zwar auf Englisch: „Patience and tranquillity of Mind contribute more to cure our Distempers as the whole art of Medecine.” Der Spruch lässt sich im Wortlaut zurückverfolgen bis zu einer 1728 erschienenen englischen Ausgabe der Instruction sur l’Histoire de France et Romain, eines in ganz Europa äußerst populären Buches, das mit einer „Sammlung hervorragender Maximen und anregender Reflexionen für die Lebensführung sowie die Selbst- und Welterkenntnis“ schloss. Das Werk kursierte in vielen verschiedenen Ausgaben und Übersetzungen, und einige der enthaltenen Sprüche fanden sogar Eingang in Lehrbücher der englischen Sprache. In einem von diesen dürfte Mozart, der Anfang 1787 eine London-Reise plante und sein Englisch verbessern wollte, auf die zitierte Maxime gestoßen sein. Warum er sie — offenbar aus dem Gedächtnis, wie die sprachlichen Fehler bezeugen — auch auf Englisch in Kronauers Stammbuch eintrug, ist unklar. Auf den ersten Blick könnte einem der Satz als Plattitüde erscheinen, wie ein Äquivalent aus dem 18. Jahrhundert für „Don’t worry, be happy“.
Desgleichen ließe sich die Handlung von Così fan tutte leicht als Ansammlung von Plattitüden lesen: als lächerlicher und auch sadistischer Test auf Grundlage simpler Klischees über weibliche (Un-) Treue und männlichen Stolz. Doch das hieße, dem Stück und vor allem der Musik, die Mozart dafür schuf, Unrecht zu tun. Ein unbedeutenderer Komponist hätte sich damit begnügt, die Musik vordergründig und effektgesteuert zu halten. Zwar greift auch Mozart auf Konventionen zurück, doch nur, um mit ihnen zu spielen und zu überraschen: Unter der scheinbaren Oberflächlichkeit ist immer ein authentischer Seelenzustand spürbar.
Von einem Augenblick auf den anderen erfahren die Schicksale der vier jungen Protagonisten eine völlige Wendung — nicht wegen des albernen, von Don Alfonso angeregten Experiments an sich, sondern wegen der Emotionen und Erkenntnisse, die es auslöst. Arien wie Ferrandos „Un’aura amorosa“ und Fiordiligis „Per pietà, ben mio, perdona“ lassen Possenhaftes weit hinter sich und eröffnen Einblicke in tiefste Schichten menschlichen Fühlens. Die Erfahrungen, die die Hauptfiguren im Verlauf der Handlung machen, stürzen alle — die Frauen ebenso wie die Männer — in existenzielle Verwirrung. In dem recht kurz gehaltenen Schluss sehen sich die „originalen“ Paare wieder in die Augen: Interessanterweise begegnen sie einander nicht mit Härte und Gehässigkeit, sondern beschließen, sich zu versöhnen und den Weg weiter gemeinsam zu gehen.
In den drei Jahren, die zwischen dem Stammbucheintrag für Kronauer und der Premiere von Così fan tutte 1790 liegen, hatte Mozart zwei seiner Kinder sowie seinen Vater verloren und wurde von finanziellen und gesundheitlichen Problemen geplagt. Und doch scheint er seinen Glauben an jene Maxime bewahrt zu haben. Während die Figuren die Schlussworte der Oper anstimmen — „Glücklich der Mensch, der jede Sache von der guten Seite sieht […] inmitten der Stürme des Lebens findet er heitere Ruhe“ —, beschwören sie einander und zugleich das Publikum, sich von der Vernunft leiten zu lassen und sich selbst und den geliebten Partner als den Menschen zu akzeptieren, der man ist. Es ist aufschlussreich, dass Mozart immer noch so aufrichtige, tief empfundene Musik schreiben konnte — ohne jeglichen Anflug von Zynismus.
Wie Christof Loy es formuliert hat: Così fan tutte lädt uns ein, die Kompliziertheit des Lebens anzunehmen und der Zukunft erhobenen Hauptes entgegenzublicken. In seiner Inszenierung der leicht gekürzten Version, die er mit Joana Mallwitz 2020 für Salzburg erarbeitet hat, liegt der Fokus ganz auf den Figuren und der subtilen Choreografie von deren seelischen Zuständen — in einem Raum, der die Feinmechanik zwischen den Charakteren wie ein Vergrößerungsglas freilegt. So führt die Regie die Protagonisten zusammen mit dem Publikum hin zur Erfahrung jener „heiteren Ruhe“, die unser aller „Krankheiten und Verstimmungen“ vielleicht tatsächlich zu kurieren vermag.
(Niels Nuijten)

Joana Mallwitz, Musikalische Leitung
Christof Loy, Regie
Johannes Leiacker, Bühne
Barbara Drosihn, Kostüme
Olaf Winter, Licht
Niels Nuijten, Dramaturgie

Elsa Dreisig, Fiordiligi
Marianne Crebassa, Dorabella
Andrè Schuen, Guglielmo
Bogdan Volkov, Ferrando
Lea Desandre, Despina
Johannes Martin Kränzle, Don Alfonso

Konzertvereinigung Wiener Staatsopernchor
Huw Rhys James, Choreinstudierung
Wiener Philharmoniker

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Konzertante Aufführung

Neither

Still life - Zeit mit Feldman

Premiere: 13. August 2021

Oper in einem Akt für Sopran und Orchester (1977)
auf einen Text von Samuel Beckett
In Verbindung mit Morton Feldmans String Quartet and Orchestra (1973)

„Hin und her im Schatten
vom inneren zum äußeren Schatten“


B: Herr Feldman, ich mag keine Opern.
F: Das nehme ich Ihnen nicht übel.
B: Ich habe es nicht gern, wenn meine Worte vertont werden.
F: Ich bin ganz Ihrer Meinung. Auch ich gebrauche ganz selten Worte. Ich habe viele Stücke für die Stimme geschrieben, aber ohne Worte.
B: Und was wollen Sie jetzt?
F: Keine Ahnung.

Gespräch zwischen Samuel Beckett und Morton Feldman, 1976

Neither
to and fro in shadow from inner to outer shadow
from impenetrable self to impenetrable unself by way of neither
as between two lit refuges whose doors once neared gently close,
once away turned from gently part again
beckoned back and forth and turned away
heedless of the way, intent on the one gleam or the other
unheard footfalls only sound
till at last halt for good, absent for good from self and other
then no sound
then gently light unfading on that unheeded neither
unspeakable home
(Samuel Beckett)

Ilan Volkov, Musikalische Leitung
Sarah Aristidou, Sopran
Minguet Quartett
ORF Radio-Symphonieorchester Wien

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Oper

Intolleranza 1960

Luigi Nono (1924 - 1990)

Premiere: 15. August 2021

Azione scenica in zwei Teilen (1961)
nach einer Idee von Angelo Maria Ripellino

Libretto von Luigi Nono unter Verwendung von Texten von Henri Alleg, Bertolt Brecht, Paul Éluard, Julius Fučík, Wladimir Majakowski, Angelo Maria Ripellino und Jean-Paul Sartre
Neuinszenierung

„Ihr, die ihr auftauchen werdet aus der Flut / in der wir untergegangen sind / gedenkt / auch der finsteren Zeit / der ihr entronnen seid.“

Intolleranza 1960 ist eine Oper, die mehr Fragen aufwirft, als dass sie Antworten gibt. Kann man dieses Werk überhaupt eine Oper nennen? Oder hat sie uns etwas viel Wichtigeres zu sagen? Verändert sich ihre politische Aussage, wenn man sie heute aufführt, als Intolleranza 2021? Der italienische Komponist Luigi Nono strebte nach einer neuen Form des Musiktheaters, das mit der menschlichen Stimme, mit simultanen Abläufen und mit räumlichen Klangwirkungen experimentiert und diese auf einzigartige Weise zur Geltung bringt. Nono lehnte die tradierten Opernkonventionen ab und stand anfangs der Zweiten Wiener Schule um Arnold Schönberg, Alban Berg und Anton Webern nahe. Er erforschte neue Kompositionstechniken, verwendete in seinen Stücken elektronische Musik und Tonbandaufzeichnungen und nannte sie „Situationen“ oder „azione scenica“ (Bühnenhandlung). Dieser dramaturgische Ansatz machte Nono zu einem Erneuerer, wobei seine musikalische Weltsicht stark von seinen politischen Ansichten beeinflusst war. Als junger Partisanenkämpfer war er in den letzten Tagen der Mussolini-Diktatur in die italienische KP eingetreten, als die Mitgliedschaft in dieser Partei eine Straftat bedeutete. Nono ging es um die gesellschaftliche Relevanz seiner Musik, um „engagierte Musik“, die sich nicht nur in ästhetischen Formen erschöpft, sondern eine unmittelbare Wirkung auf ihre Zuhörer haben sollte. Er wollte alle sozialen Schichten ansprechen.
Intolleranza 1960 war Nonos erstes Musiktheaterwerk und entstand im Auftrag des 24. Internationalen Festivals für zeitgenössische Musik der Biennale von Venedig, in dessen Rahmen es vor 60 Jahren im Teatro La Fenice uraufgeführt wurde. Man würdigte es als einen wichtigen Beitrag der Nachkriegsavantgarde und ein Schlüsselwerk in Nonos erster Schaffensphase. Das Libretto nach einer Idee von Angelo Maria Ripellino verfasste Nono selbst. Er verarbeitete darin Essays und Gedichte von Julius Fučík, Henri Alleg, Jean-Paul Sartre, Paul Éluard, Wladimir Majakowski und Bertolt Brecht. Es handelt von einem namenlosen Auswanderer, der in seine Heimat zurückkehrt. Auf seiner Reise gerät er in eine Demonstration und wird — obwohl er unschuldig ist — festgenommen, gefoltert und in ein Konzentrationslager gebracht. Sein Heimweh schlägt um in Sehnsucht nach Freiheit. Es gelingt ihm die Flucht, doch das Schicksal trifft ihn in Form einer Flutwelle, die eine humanitäre Katastrophe auslöst.
Intolleranza 1960 musste diverse Widerstände überwinden, die sich schon vor der Premiere abzeichneten: Zum einen verlief die Zusammenarbeit von Nono und Ripellino nicht wie geplant, woraufhin Nono eine neue Textfassung erstellte, die der Vorsitzende der Biennale zu zensieren versuchte. Zum anderen sorgten bei der Premiere Neofaschisten für Störungen und überschütteten das Stück mit Häme. Die „azione scenica“ spiegelt Nonos Unzufriedenheit mit den herrschenden Machtverhältnissen wider; sie besteht aus allegorischen Episoden, in denen die Absurditäten des täglichen Lebens angeprangert werden. Das Werk ist ein leidenschaftlicher Protest gegen Rassismus, Intoleranz, Unterdrückung und die Verletzung der Menschenwürde, wobei die Umweltkatastrophe am Ende der Handlung das Werk mit heutigen Diskursen verknüpft. Nono schrieb: „Intolleranza 1960 ist das Erwachen des menschlichen Bewußtseins eines Mannes, der sich gegen den Zwang der Bedürfnisse erhebt und einen Sinn, eine ,menschliche‘ Grundlage des Lebens sucht. Nachdem er einige Erfahrungen der Intoleranz und der Angst durchlitten hat, ist er dabei, eine menschliche Beziehung zwischen sich und den anderen wiederzufinden […]. Es bleibt die Gewißheit, daß der ,Mensch jetzt dem Menschen ein Helfer ist‘.“
Nonos Werke waren in den letzten drei Jahrzehnten in Salzburg immer wieder in beispielhaften Produktionen zu erleben. Dirigent Ingo Metzmacher, ein profunder Kenner von Nonos Musik, betont, dass für ihn Nonos „Werk und sein Vermächtnis […] so etwas wie ein Leitstern“ seien. Jan Lauwers hat sich zuletzt intensiv mit der Bedeutung von politischer Kunst beschäftigt; seine Erkenntnisse werden auch in die Neuinszenierung einfließen: „Politische Kunst negiert die Ästhetik der Politik. Dabei ist Kunst immer politisch.“
(Elke Janssens, Übersetzung: Eva Reisinger)

Ingo Metzmacher, Musikalische Leitung
Jan Lauwers, Regie, Bühne, Choreografie und Video
Lot Lemm, Kostüme
Ken Hioco, Licht
Paul Jeukendrup, Sounddesign
Elke Janssens, Kasia Tórz, Dramaturgie

Sean Panikkar, Un emigrante
Sarah Maria Sun, La sua compagna
Anna Maria Chiuri, Una donna
Antonio Yang, Un algerino
Musa Ngqungwana, Un torturato
Sung-Im Her, Misha Downey, Victor Lauwers, Yonier Camilo Mejia (Needcompany), Schauspiel und Solotanz

Tänzer und Tänzerinnen von BODHI PROJECT
und SEAD — Salzburg Experimental Academy of Dance
Konzertvereinigung Wiener Staatsopernchor
Huw Rhys James, Choreinstudierung
Wiener Philharmoniker

Mit Unterstützung der Freunde der Salzburger Festspiele e.V. Bad Reichenhall

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Bewertungen & Erfahrungsberichte Intolleranza 1960

Oper

Tosca

Giacomo Puccini (1858 - 1924)

Premiere: 21. August 2021

Melodramma in drei Akten (1900)

Libretto von Luigi Illica und Giuseppe Giacosa
nach dem Drama La Tosca von Victorien Sardou

Puccinis Tosca ist ein in vielerlei Hinsicht herausragendes Werk, und die Präzision und Ökonomie, mit der der Komponist einen hochemotionalen Stoff in pure musikalische Spannung verwandelt, ist einzigartig. Die auf zwei Stunden Musik verdichtete fiktive Handlung spielt zu einem genau bestimmten historischen Zeitpunkt und an drei historischen Orten in Rom, die man heute noch besichtigen kann: in der Kirche Sant’Andrea della Valle, im Palazzo Farnese und im Castel Sant’Angelo. Mit Floria Tosca, Mario Cavaradossi und ihrem skrupellosen Gegenspieler Scarpia hat Puccini alle drei Hauptfiguren des Stückes zu ikonenhaften Charakteren der Interpretationskunst gemacht. Seit Generationen verbinden Opernliebhaber legendäre Auftritte ihrer Lieblingssänger mit den einprägsamen Melodien von „E lucevan le stelle“, „Vissi d’arte“ und den überwältigenden Klängen des „Va! Tosca!“ zum „Te Deum“-Finale des ersten Aktes.
Der Maler Cavaradossi, der mit den Republikanern sympathisiert und den geflohenen Revolutionär Angelotti versteckt, gerät in die Fänge des Polizeichefs Scarpia. Scarpia wiederum benützt diese Situation, um der berühmten Sängerin Floria Tosca, Cavaradossis Geliebter, ein brutales Geschäft anzubieten: Wenn Tosca sich seinen Wünschen hingibt, will er Cavaradossi das Leben schenken. Um ihren Geliebten zu retten, lässt Tosca sich scheinbar auf den Handel ein … Im politischen Spannungsfeld von Machtmissbrauch und Intrige entspinnt sich ein Drama von Liebe, Eifersucht, sadistischem Begehren und psychischer wie physischer Gewalt zwischen den Polen Kunst, Religion und Politik. Dabei ist es die Musik, „die diese schwarze Geschichte vorantreibt und ihr innerhalb weniger Takte immer wieder überraschende Wendungen gibt — wie ein genialer Soundtrack zu einem Film noir“, erläutert Regisseur Michael Sturminger. „Bei Tosca geht es um Menschen in Extremsituationen. Es gibt vielleicht keine zweite Oper, die so präzise und knallhart möglichst intensive menschliche Emotionen darstellt, die Protagonisten einem andauernden Wechselbad der Gefühle aussetzt und damit eine singuläre musikalische Sogwirkung erzielt. Die Beziehungsgeschichte ist im Kern mit der Machtgeschichte und mit dem Thema ‚Künstler gegen repressiven Staat‘ verwoben, das Politische fungiert als Hebel für die emotionalen Zustände, und all das ist eingebettet in ein böses politisch-religiöses Machtspiel, das die Menschen brutal und zynisch den Interessen der Herrschenden opfert.“
Bei aller theatralischer Wirkung verliert Puccini seine aufklärerische Botschaft nie aus den Augen: Folter, Mord, Unterdrückung sind die unvermeidbaren Folgen unkontrollierter Macht und Willkür, seien sie politischer oder religiöser Art. Kein schockierendes Detail erspart der Komponist seinem Publikum. Nur zwei Jahre nach dem Mailänder Massaker, bei dem ein königlicher General 82 seiner gegen die Erhöhung der Brotpreise demonstrierenden Landsleute erschießen ließ, wussten Puccinis Uraufführungsbesucher, auf welcher Seite des politischen Spektrums sie sich die Figur des Scarpia vorstellen sollten und wie nahe das Unrecht war.
Anhand der Figuren und ihrer Konflikte lassen sich allgemeingültige Prinzipien menschlichen Verhaltens ablesen. „Wir haben es bei Tosca mit Protagonisten zu tun, die in historischen Räumen agieren und unter der Last der Geschichte leben, heute genauso wie zur Entstehungszeit der Oper. Die archaische Wucht des Stücks wird — indem wir es in unsere Gegenwart holen — nicht durch eine moderne Alltäglichkeit aufgehoben, sondern mit zeitgenössischen Menschen in einem neuen Licht gesehen, das auf ein bekanntes, klassisches Meisterwerk geworfen wird.“
(Michael Sturminger, Jürgen Kesting)

Marco Armiliato, Musikalische Leitung
Michael Sturminger, Regie
Renate Martin, Andreas Donhauser, Bühne und Kostüme
Urs Schönebaum, Licht

Anna Netrebko, Floria Tosca
Yusif Eyvazov, Mario Cavaradossi
Ludovic Tézier, Il Barone Scarpia
Michael Mofidian, Cesare Angelotti
Matteo Peirone, Sagrestano
Mikeldi Atxalandabaso, Spoletta
Rupert Grössinger, Sciarrone
Alexander Köpeczi, Un carceriere

Salzburger Festspiele und Theater Kinderchor
Wolfgang Götz, Choreinstudierung
Konzertvereinigung Wiener Staatsopernchor
Ernst Raffelsberger, Choreinstudierung
Wiener Philharmoniker

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Bewertungen & Erfahrungsberichte Tosca

Konzertante Aufführung

La Damnation de Faust

Hector Berlioz (1803 - 1869)

Légende dramatique in vier Teilen (1846)

Libretto vom Komponisten und Almire Gandonnière
nach Johann Wolfgang von Goethes Faust in der französischen Übersetzung von Gérard de Nerval

„O Erde, nur für mich
bringst du keine Blumen hervor!“


„Das wunderbare Buch faszinierte mich von Anfang an; ich legte es nicht mehr beiseite“: Die erste Begegnung mit Goethes Faust I animierte den 25-jährigen Hector Berlioz sogleich, acht der im Schauspiel enthaltenen Lieder und Balladen zu vertonen.
Seine Begeisterung hielt an, und eineinhalb Jahrzehnte später fanden die jugendlichen Huit Scènes de Faust — teilweise stark überarbeitet — Eingang in La Damnation de Faust (1846), eines von Berlioz’ großartigsten und schillerndsten Werken. Faust erscheint darin nicht als Goethes rastloser Erkenntnissucher, sondern als romantisch-melancholische, von Einsamkeit und „ennui“ ergriffene Figur, in deren Leiden und Sehnsüchten Berlioz sich wiederzuerkennen vermochte. Die „légende dramatique“ beschreibt Fausts Weg vom Gefühl der Entfremdung und Frustration, von seinem Scheitern am Wissen, an gesellschaftlicher Teilnahme, an Gott, der Natur und der Liebe bis zu seinem Ende in der Hölle — ein Weg gelenkt von Méphistophélès, der Faust wie aus den Tiefen seines eigenen Unbewussten entgegentritt.
Berlioz bezeichnete La Damnation de Faust zunächst als „opéra de concert“, als „Konzertoper“, und hatte nie eine szenische Umsetzung im Sinn. Das Werk, eine lose Folge einzelner Tableaux, ist vielmehr für eine imaginäre Bühne konzipiert: als Drama, das durch die Musik in der Fantasie des Zuhörers entsteht. Gerade in jenen Szenen, die schwer auf der Bühne realisierbar wären — Fausts Höllenritt und Marguerites himmlische Apotheose, aber auch die Tänze der Geister oder die Naturbilder —, erweist sich die Kraft von Berlioz’ musikalischer Suggestion. Eine ebenso wesentliche Rolle wie Melodie, Harmonie und Rhythmus spielt in der Charakterisierung die Instrumentalfarbe — nicht überraschend in einer Partitur, deren Komponist gerade seinen überaus einflussreichen Grand Traité d’instrumentation et d’orchestration modernes veröffentlicht hatte.

Alain Altinoglu, Musikalische Leitung

Elīna Garanča, Marguerite
Charles Castronovo, Faust
Ildar Abdrazakov, Méphistophélès
Peter Kellner, Brander

Konzertvereinigung Wiener Staatsopernchor
Ernst Raffelsberger, Choreinstudierung
Salzburger Festspiele und Theater Kinderchor
Wolfgang Götz, Choreinstudierung
Wiener Philharmoniker

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Bewertungen & Erfahrungsberichte La Damnation de Faust

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Salzburger Festspiele

17. Juli bis 31. August 2021

168 Aufführungen in 46 Tagen an 17 Spielstätten
sowie 62 Vorstellungen im Jugendprogramm „jung & jede*r“ von 7 Produktionen an 30 Spielorten von Mai bis August 2021
und 5 Partizipative Projekte mit fast 1000 Kindern und Jugendlichen aus 54 Schulklassen, davon 42 außerhalb der Stadt Salzburg
sowie Veranstaltungen „Zum Fest“


In den Wochen, in denen wir das Programm der Salzburger Festspiele 2021 zur Veröffentlichung vorbereiteten, hatte die Pandemie die Welt mehr denn je im Griff. Mit umso größerer Dankbarkeit blicken wir deshalb auf den vergangenen Sommer zurück. Dass wir 100 Jahre nach der Gründung der Festspiele ein Zeichen für die Kraft der Kunst setzen und damit den Gründungsgedanken aufs Eindrücklichste wiederbeleben konnten, haben wir als unser größtes Geschenk zum Jubiläum empfunden.

Wer hätte sich noch vor wenigen Monaten vorstellen können, dass in Corona-Zeiten Aufführungen des Gründungsstücks der Salzburger Festspiele, des Jedermann, von Elektra, Così fan tutte oder Beethovens Neunter möglich sein würden? Dass eine Zusammenkunft von Menschen im Namen der Kunst wieder gelingen könnte? Wir haben von Salzburg aus ein starkes Signal in die Welt gesendet. Dass dieses Leuchtfeuer möglich war, verdanken wir unseren wunderbaren Künstlerinnen und Künstlern, allen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern und Ihnen, liebes Publikum. Danke für Ihre Begeisterungsfähigkeit, aber auch für die in Pandemiezeiten so wichtige Disziplin.

Ein solch starkes Signal wollen wir auch im kommenden Sommer senden. Wir werden wichtige Produktionen in Oper, Theater und Konzert, die wir 2020 nicht zur Aufführung bringen konnten, im kommenden Jahr zeigen und so das Jubiläum bis in den Herbst 2021 verlängern.

Mit unserer Ouverture spirituelle im Zeichen von „Pax — Friede“ knüpfen wir an die Gründungsidee der Festspiele als Friedensprojekt im Geist der Kunst an. Das zentrale Reflexionsfeld in Oper und Schauspiel bilden zwei vollkommen gegensätzliche Wahrnehmungsmöglichkeiten unserer Welt: der radikale Individualismus als Antithese zur humanistischen Idee einer solidarischen Gesellschaft, wie sie Luigi Nono in seinem Werk Intolleranza 1960 exemplarisch beschwört. Niemand konnte ahnen, welche Bedeutung dieser Konflikt gerade heute haben sollte und wie schmerzlich wir den Verlust des Miteinander empfinden würden.

„Der Kult, die Aufführung war immer schon etwas Gemeinschaft Stiftendes“, sagt die Kulturwissenschaftlerin Aleida Assmann. Die Salzburger Festspiele „stützen einen Kult für die Kunst, erneuern das europäische Kulturgedächtnis, schärfen die Reflexion über grundlegende Fragen menschlicher Existenz und stellen dabei das sinnlich-ästhetische Erleben in den Mittelpunkt.“

Zum Jubiläum haben wir gemeinsam mit unserem Aufsichtsrat, dem Kuratorium der Salzburger Festspiele, ein Memorandum verfasst. Auch diese Überlegungen wollen wir mit Ihnen teilen: Was macht Festspiele aus? Welchen Auftrag haben sie zu erfüllen? Was kann Kunst?

Lassen Sie uns gemeinsam hoffen, dass wir die kommenden Festspiele unbeschwert von den Schatten der Pandemie erleben und voller Zuversicht ins nächste Jahrhundert gehen können.

Herzlich,
Helga Rabl-Stadler, Markus Hinterhäuser, Lukas Crepaz
Direktorium der Salzburger Festspiele

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Bewertungen & Erfahrungsberichte Salzburger Festspiele

Ereignisse / Festival ImpulsTanz Wien 15.7. bis 15.8.2021
Ereignisse / Festival Lucerne Festival Luzern, Hirschmattstr. 13
Ereignisse / Festival Tonlagen Dresden 11.4. bis 2.5.2021
Ereignisse / Festival Festival Herbstgold Eisenstadt 15. bis 26.9.2021
Ereignisse / Festspiele Salzburger Pfingstfestspiele 21. bis 24.5.2021
Ereignisse / Festspiele Domstufen-Festspiele Erfurt Erfurt, Domplatz
Ereignisse / Messe Art Cologne 17. bis 21.11.2021
Familie / Theater Rathener Sommertheater 22.5. bis 29.8.2021
Literatur / Kulturveranstaltung Literaturhaus Salzburg Salzburg, Strubergasse 23
Literatur / Museum Robert Walser-Zentrum Bern Bern, Marktgasse 45
Aufführungen / Theater Theater Münster Münster, Neubrückenstraße 63
Konzerte / Konzert Glocke Bremen Bremen, Domsheide 6-8
Aufführungen / Aufführung HELLERAU - Europäisches Zentrum der Künste Dresden, Karl-Liebknecht-Str. 56
Ausstellungen / Ausstellung OK im OÖ Kulturquartier LINZ Linz, OK-Platz 1
Ausstellungen / Messe Discovery Art Fair Virtual Köln, Gladbacher Wall 5
Regio.Web / Webshop BioShop Verl Webshop
Regio.Web / Regionalprodukte BAVAREGOLA Bayerische und südtiroler Spezialitäten
Regio.Web / Regionalprodukte Lindt
Schweizer Schokolade
Kilchberg, Seestrasse 204
Regio.Web / Lebkuchen Nürnberger Lebkuchen Nürnberg, Zollhausstraße 30
Regio.Web / Süßwaren Niederegger
Lübecker Marzipan
Lübeck, Zeißstraße 1- 7
Regio.Web / Regionalprodukte Original Salzburger Mozartkugeln Salzburg, Brodgasse 13

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